Istanbul (Teil II) – Bayram-Fest, eine Nacht im Gezi-Park und ein Rauswurf

Mann auf den Straßen Istanbuls

Mann auf den Straßen Istanbuls

Bayram ist das muslimische Opfer-Fest. Es gilt als höchster Feiertag im Islam. Die Muslime feiern es in Gedenken an Ibrahim, unter den Christen als Abraham bekannt, der gemäß Überlieferung bereit war, seinen Sohn Ismael (christl. Isaak) zu opfern. Ehe dies geschah aber, wurde ihm von Gott Einhalt geboten. Daraufhin opferte Ibrahim zu Ehren seines Gottes einen Widder.

Noch heute schlachten die Muslime an diesem Tag Schafe und Rinder. Das Fleisch verteilen sie dann an Freunde, Verwandte und Bedürftige.

(Ich bitte zu entschuldigen, dass ich keinerlei Fotos von diesem Fest oder den darauffolgenden Ereignissen gemacht habe. Ersteres hätte ich pietätlos gefunden, zweiteres hat sich nicht ergeben.)

Bayram

Am 4. Oktober – es war der Tag nach dem Geburtstag meiner Mutter und ich hatte beschlossen, ihn im Kreise von A.s Familie zu verbringen – fuhr ich mit A. und seiner Verwandtschaft ein Stück aus Istanbul raus. Auf dem Land gedachte die Familie einem solchen Opferritual beizuwohnen. Ich zweifelte nicht daran, ob ich dieses Ritual sehen wollte. Allerdings war ich mir nicht sicher, wie ich es aufnehmen würde.

Die Fahrweise von A.s Onkel stellte A.s bei Weitem in Schatten. In halsbrecherischem Tempo heizten wir durch die Stadt. Belustigt fragte A. mich, ob ich Angst hätte, als er meinen verkniffenen Gesichtsausdruck bemerkte. Ich solle mir keine Sorgen machen, meinte er dann.

Ein grauer Himmel stand über unseren Köpfen, als wir schließlich aus dem Wagen stiegen. Auf einem abschüssigen Hof war ein Zelt aufgebaut, indem allerlei Rinderhälften von Haken hingen. Nichts, was ich nicht schon gesehen hätte, zumindest im Fernsehen. Davor befanden sich verschiedene Ställe mit zahlreichen Rindern und Schafen.

Wir näherten uns dem Zelt. Ringsumher standen Männer und intonierten lauthals einen Gebetsgesang. Schnell, meinte A. zu mir. Ich folgte ihm. Als ich in das Zelt blickte, musste ich mich zusammenreißen. Tief atmen! Trotzdem wurde mir flau.

Auf dem Boden lag ein Ochse auf dem Rücken. Sein rechtes Bein war an der Decke festgebunden, sodass er sich nicht bewegen konnte. Der Rest seines Körpers ruhte auf einer Kuh, deren Kehle weit offen stand. Ihre Augen hatten stierten blicklos ins Nichts. Der Bauch des Ochsen hob und senkte sich im Rhythmus seines Atems. Die Männer sangen noch immer. Ein Mann mit blutiger Schürze kniete neben dem Tier. Er drückte seinen Kopf nach hinten, sodass die Kehle frei lag. In der Hand hielt er ein langes Messer. Der Mann streichelte dem Rind die Kehle. Auf und ab. Auf und ab.

Dann endete der Gesang.

Mit einem Mal ging alles sehr schnell. Der Schlachter setzte das Messer an und schnitt dem Tier die Kehle auf. Blut brach in einem Schwall hervor. Rohes Fleisch klaffte hervor – ein unverständlicher Kontrast zu dem lebenden Tier. Sturzbäche von Blut ergossen sich auf den Asphalt und rannen den Hof hinab.

Ein letztes Beben lief durch den Körper. Dann war der Ochse tot. Kein Atem mehr. Aus einem lebenden Wesen war ein totes Stück Fleisch geworden.

Ich kämpfte. Musste mir die Übelkeit verbeißen. A. fragte, ob ich eine rauchen wollte. Ich bejahte und begleitete ihn. Wir stellten uns einige Meter abseits, sodass sein Vater uns nicht sehen konnte. Laut türkischer Tradition dürfen Söhne nicht vor ihren Vätern rauchen. Obwohl ich mich selbst nicht sehen konnte, konnte ich mir gut vorstellen, dass mir in diesem Augenblick jegliche Gesichtsfarbe fehlte.

Im Westen kommt Fleisch aus dem Supermarkt. Oder vom Metzger. Das ist ein Laden. Genau wie der Bäcker. Weiter nichts. Oder man bestellt es im Restaurant, wo es in einer feinen Sauce auf dem Teller angerichtet und serviert wird.

Genau das war der Grund, weshalb ich nicht nein sagen konnte und wollte, als ich gefragt wurde, ob ich dieses Ritual sehen wollte. Ich wusste, dass wir uns belügen. Wir alle wissen es. Fleisch kommt nicht aus dem Supermarkt. Es materialisiert sich nicht aus dem Nichts in Hackfleischform unter einer Plastikfolie oder als Salami in einem Ring. Nur ist es in unserer Kultur so einfach, das zu ignorieren.

Als wir zurückkamen, sah ich einen Widder, der in einen eisernen Käfig gezerrt wurde. Nachdem die Tür hinter ihm zugestoßen wurde, begann er jämmerlich zu schreien. Er versuchte, seinen Kopf durch die Gitterstäbe zu schieben, scheiterte aber an den eigenen gewundenen Hörnern. Immer und immer wieder rannte er gegen die eisernen Stangen an.

Er hat verstanden, sagte A. zu mir.

Panisch suchte der Widder panisch nach einem Ausweg aus seinem Gefängnis. Als er realisierte, dass es kein Durchkommen gab, versuchte er, sich über die Gitterstäbe zu hieven. Der Käfig war oben offen, aber zu hoch, als dass er hätte hinausgelangen können. Es gelang ihm, die Vorderhufe auf das Gitter zu legen. Dann aber fiel er hintüber und krachte mit dem Rücken auf den Boden. Das musste schmerzhaft sein. Nichtsdestotrotz probierte es erneut. Ein ums andere Mal.

Todesangst. Vermutlich würde jedes Lebenwesen alles versuchen, um dem herannahenden Tod zu entrinnen.

Ich stand daneben und schaute das Tier an.

Die sanften Augen. Das weiche Fell auf seiner Schnauze. Ich hatte Mitleid. Ertappte mich sogar dabei, wie ich nach einem Ausweg suchte. Hätte ich den Widder kaufen können? Und dann? Aber ich wusste, dass das nicht möglich war. Ich konnte mich nicht gegen ein religiöses Fest stellen, egal wie gern ich das getan hätte.

Später sah ich den Widder sterben. Er wehrte sich mit allem, was ihm zu Gebote stand. Seine Hufe schleiften über den Asphalt des Hofes. Aber welche Chance hatte er schon gegen die kräftigen Hände eines Heranwachsenden, die ihn bei den Hörner packten. Gegen die geschliffene Klinge eines Schlachtermessers?

Als die Schneide seinen Hals öffnete, hielt ich mich unwillkürlich an A. fest. Das Blut schoss heraus. Die Beine des Widders traten um sich. Dann war es vorbei. Ich hatte genug gesehen. Als A. mich fragte, ob ich gehen wolle, sagte ich ja.

Danach fuhren wir mit A.s Onkel zu Burger King. Ich aß einen Whopper. Unfassbar. Aber ich war noch nicht so weit, Konsequenzen zu ziehen. Das sollte ein paar Tage dauern.

Istanbul, untouristische Ecke

Istanbul, untouristische Ecke

Istanbul - traditionell und hochmodern

Istanbul – traditionell und hochmodern

Entscheidungen

Erst als ich in Tbilisi ankam und das erste Mal nach den chaotischen Tagen in Istanbul zur Ruhe kam, merkte ich, dass mich diese Bilder verfolgten. Ich lag auf der Matratze im Schlafsaal des Why-not-Hostel und versuchte einzuschlafen. Aber ich konnte diese Szenen nicht abschütteln. Der Bauch des Ochsen, der sich hilflos hob und senkte.. Der geöffnete Hals aus dem das Blut hervorbrach. Der klägliche und vergebliche Überlebenskampf des Widders. Die Männer, die dem Ochsen die Haut abzogen, während sein blutiger Schwanz noch am Körper hing und schlaff auf dem Bogen lag.

Mittlerweile war auch Julie da, die Freundin aus Nürnberg, mit der ich nun einen Monat reise. Sie ist Vegetarierin, sodass wir an ihrem ersten Tag  in Georgien vegetarisch aßen. Als ich am folgenden Morgen am Frühstückstisch des Hostels saß, konnte ich die Wurst nicht riechen. Ich musste sie von mir wegstellen. Auf dem Bayram-Fest hatte A. mehrmals zu mir gemeint, es stinke. In diesem Augenblick hatte ich nur gedachte, es riecht nach Fleisch. Doch als ich die Wurst auf dem Tisch roch, roch sie nicht mehr nach Fleisch für mich. Sie roch nach Tod. Nach Mord.

Seither esse ich kein Fleisch mehr. Es gibt viele gute Gründe, vegetarisch zu leben: von den unwürdigen Bedingungen in der Massentierhaltung über die negative Energiebilanz durch den Verbrauch von Unmengen von Futterpflanzen bis zu ethisch-moralischen Überlegungen. In meinem persönlichen Falle hieß es, das mitanzusehen, was ich theoretisch lange gewusst hatte.

Um Fleisch auf dem Teller zu bekommen, muss ein Tier sterben. Jemand muss es töten.

Dabei zuzuschauen, konnte ich nicht ertragen. Es hat mich regelrecht traumatisiert. Wenn ich in den folgenden Tagen versuchte einzuschlafen, kehrten meine Gedanken immer wieder zum Bayram-Fest zurück. Ich fühlte mich, als wäre ich von einem Eisberg gerammt worden. Daraus musste ich die Konsequenzen ziehen. Aber die Erinnerung ist trügerisch. Ich hoffe, ich werde mir diese Bilder immer ins Gedächtnis zurückrufen können, sollte ich in diesem Entschluss wanken.

Trotz allem erscheint mir das Bayram-Fest ehrlich. Am Tag des Opferfestes blicken die Muslime dem Tod dieser Tiere ins Auge. Wenn sie dennoch entscheiden, weiterhin Fleisch zu essen, kann ich das respektieren. Nur könnte ich es nicht.

 Nachtleben

Am Abend des Bayram trafen A. und ich uns mit I., einer Freundin aus seinem Studiengang. Nach den vorhergangenen Tagen hatte ich Lust, unbeschwert durch die Kneipen Istanbuls zu ziehen, zu trinken und zu feiern. Wir trafen uns am Taksim-Platz und zogen von dort aus los. Obschon I. meinte, es müsse an Bayram liegen, dass die Stadt an diesem Abend nicht sehr voll sei, hatte ich das Gefühl, dass die Gassen aus allen Nähten platzten. Die Menschen tranken maßlos, obwohl Alkohol in Istanbul teurer ist als in Deutschland – und das bei einem wesentlich niedrigeren Durchschnittseinkommen.

Istanbul - traditionell und hochmodern

Istanbul – traditionell und hochmodern

Istanbul - traditionell und hochmodern

Istanbul – traditionell und hochmodern

Als der Abend voranschritt, meinte ich, ich würde gerne in eine Gay-Bar gehen. Schließlich fanden wir eine, doch es stellte sich heraus, dass I. nicht mit hineinkommen dürfte. Nur für Männer. Dass A. alleine keine Lust hätte mitzukommen, war mir ohnehin klar. Zudem hasse ich dieses Ausschlussprinzip. Also sagte ich, wir sollten woanders hingehen. Die beiden aber bestanden darauf, dass ich hineinginge. Wir würden uns einfach später wieder treffen.

Der Laden war brechend voll. Ich bestellte mir einen Gin Tonic, der beinahe zehn Euro kostete, dafür allerdings zu 80 Prozent aus Gin bestand. Der starke Drink tat seine Wirkung. Nach kurzer Zeit fand ich Gefallen daran, durch den Club zu stromern und zu tanzen. Um halb vier, als ich mich wieder mit den beiden traf, war ich bester Stimmung und hatte keinerlei Lust, nach Hause zu gehen. Die beiden wollten zu I. nach Hause fahren. Kein Problem, meinten sie, ich solle mir einfach später ein Taxi nehmen und nachkommen. I. schrieb mir ihre Adresse auf und ich willigte ein.

Als der Club schloss und ich noch eine Weile auf der Straße herumgetingelt war, ging ich zum Taksim und nahm mir ein Taxi. Ein Typ sprach mich auf Englisch an. Ich verhandelte über den Preis und wir vereinbarten 50 Lira. Dann setzte er mich ins Taxi eines Kollegen. Der fuhr los. Natürlich sprach er kein Englisch.

Odysee durchs nächtliche Istanbul

Leider erwies sich I.s Kein Problem als Irrglaube, wie sich so vieles in Istanbul als falsch herausstellte, was in anderen Städten selbstverständlich war. Ich hatte keine Ahnung, wo ich hinmusste – schließlich war ich nie zuvor dort gewesen – der Taxifahrer aber dummerweise auch nicht. Wir fuhren nach Levent. Mir war schnell klar, dass I.s Haus nicht in diesem Viertel sein konnte, da es sich im europäischen Teil der Stadt befand, ich aber in den anatolischen musste. Allerdings konnte ich diesen simplen Fakt nicht kommunizieren. Der Fahrer fragte diverse Leute nach dem Weg, nur konnte ihm niemand helfen.

Adress-problem, meinte er. Wir fuhren weiter und weiter. Es war unterdessen halb sieben Uhr morgens und die Dämmerung war hereingebrochen. Mehrmals musste ich mit dem englischsprachigen Kollegen am Taxistand telefonieren. Dieser fand irgendwann heraus, wo sich die Adresse befand. Das koste, sagte er mir am Telefon, 120 Lira (über 40 Euro). Nicht umsonst jedoch hatte ich vorher einen Preis ausgehandelt. Ich war nicht bereit, beinahe das Dreifache zu bezahlen, zumal ich meine türkischen Freunde zuvor gefragt hatte, was die Fahrt maximal kosten dürfe. 50 Lira war die Antwort gewesen.

Der Fahrer wurde wütend und bedeutete mir mitten in der Pampa, ich solle aussteigen. Da ich ebenso verärgert war, tat ich das. Schließlich rief er mir nach und winkte mich zurück. Wortlos und umgeben von einer Aura kaum verhohlener Wut fuhr er mich zurück zum Taksim-Platz.

Eine Stunde nachdem unsere Odysee durch das nächtliche Istanbul begonnen hatte, gelangten wir am Ausgangspunkt wieder an. Ich stieg aus. Der Kollege, mit dem ich telefoniert hatte, stürzte auf mich zu: You have to pay 50 Lira!

Ich schüttelte den Kopf. Ich war am selben Ort wie zuvor und hatte eine unerbetene Stadtrundfahrt hinter mir. Keineswegs war ich gewillt, für diese Zeitverschwendung irgendetwas zu bezahlen.

But who pays for fuel? fragte der Mann ärgerlich. Er trat einen Schritt näher an mich heran. Ich machte ihm klar, dass mir das egal sei, ich es jedenfalls nicht sein werde.

You have to pay. I’ll call the police! schrie er mich an.

Langsam wurde auch ich sauer.

Go ahead! Call the police then! entgegnete ich. We’ll see what they say.

I’ll call the police, sagte er erneut, ein wenig hilflos diesmal. Aber ich fühlte mich im Recht, sodass ich keinerlei Angst vor dieser Drohung hatte und nur abermals meine, das könne er gern tun.

Schließlich packte er mich am Kragen und stieß mich unsanft von sich.

Eine Nacht im Gezi-Park

Letztlich stand ich morgens um sieben völlig übermüdet auf dem Taksim-Platz. Ich hatte keine Chance zu A. zu gelangen. Zwar hatte ich die Adresse von A.s Eltern in der Tasche und wusste unterdessen auch, wie ich dorthin gelangen konnte, aber ich wollte nicht früh um halb acht dort auftauchen und die Familie aus dem Bett klingeln.

So schlenderte ich hinüber zum Gezi-Park. Dort trieben sich noch einige Nachtschwärmer herum. Ich schnorrte mir eine Zigarette, da meine ausgegangen waren. Dann setzte ich mich auf eine Bank unter einem Baum. Mir fielen schon die Augen zu. Kurzerhand packte ich die Tasche unter meinen Kopf und streckte mich aus. Binnen Minuten war ich eingeschlafen.

Zwei Stunden später erwachte ich wieder. Ich fühlte mich noch immer wie ausgespuckter Kaugummi, aber etwas besser als zuvor. Inzwischen war es neun Uhr morgens. Gestern war die Familie um diese Zeit schon beim Frühstück gesessen, überlegte ich mir und entschied, mich auf den Nachhauseweg zu machen.

Ich wusste zwar, mit welchem Bus ich zu fahren hatte, allerdings stellte es sich als schwieriger heraus als erwartet herauszufinden, wo der Bus abfuhr. Als es mir schließlich gelang, stieg ich in den Bus, der mich zu einem Bett bringen sollte. Verzweifelt versuchte ich, meine Augen offen zu halten, während ringsumher die letzten Nachteulen schnarchten.

Als ich bei A.s Haus ankam, erfüllte mich ein Gefühl unendlicher Erleichterung. Ich hatte das erste Mal in meinem Leben in einem Park geschlafen, aber nun hatte ich es geschafft. Ich klingelte. Zweimal. Dreimal. Dann wurde die Tür geöffnet.

Ich fuhr mit dem Aufzug nach oben und A.s Mutter stand in der Tür. Sie sah verschlafen aus. Offenbar hatte ich sie doch geweckt. Verdammt. Sie fragte nach A. und ich bedeutete ihr mit den Fingern, dass er gegangen sei. Dann machte ich die internationale Geste für Schlaf und deutete auf A.s Zimmer.

Galata-Turm in Istanbul

Galata-Turm in Istanbul

Happy End? – Weit gefehlt…

Hundemüde legte ich mich ins Bett und schloss die Augen. Es war kurz vor zehn Uhr morgens. Endlich angekommen.

Ich war gerade eingeschlafen, als es an die Zimmertür klopfte und A.s siebenjährige Schwester in der Tür stand. Sie reckte mir ein Handy entgegen. Ich nahm es. A. war dran. Ich dachte, er wolle wissen, wo ich abgeblieben sei, doch weit gefehlt.

Meine Gehirnzellen arbeiteten noch nicht wieder richtig, insofern brauchte ich einen Moment, um zu realisieren, was er zu mir sagte. Um genau zu sein sogar zwei, weil ich es so unglaublich fand, dass die Verarbeitung im Gehirn länger dauerte.

Du musst jetzt gehen, Elyseo.

Wie?

Ich hatte gerade einen riesigen Streit mit meiner Mutter. Türkische Tradition. Das geht so nicht. Du hast einen Fehler gemacht. Du hättest zu uns kommen sollen. Ich habe alles versucht. Aber du kannst nicht bleiben.

Was?! Du meinst jetzt? Ich habe gerade 20 Minuten geschlafen und du sagst mir, ich muss jetzt gehen?

Ja. Genau. Du solltest dir ein Hostel suchen.

Mir fehlten die Worte. Du schmeißt mich jetzt raus? Ich kann nicht mal ein paar Stunden schlafen? Und was ist mit meiner nassen Wäsche?

Es tut mir leid. Nimm alles mit.

Alles? Auch die nasse Wäsche? Du meinst, meinen ganzen Rucksack?

Alles.

Langsam drangen seine Worte zu mir durch. Ich konnte es nicht fassen.

Ich schreib dir eine SMS mit der Adresse eines Hostels.

Ich habe nicht mal ein Telefon! Aber ich wusste bereits, dass nichts, was ich in diesem Augenblick sagte, noch eine Rolle spielen würde.

Ich schreibe meiner Mutter.

Und so geschah es. A.s Mutter, die Frau, die mich am Vorabend noch gefragt habe, was mir von ihrer Familie im Gedächtnis bleiben würde und was ich über sie dächte, lächelte mir ins Gesicht, während sie mir die Tür wies. Es war mir unbegreiflich. Ich wusste nicht einmal, was ich falsch gemacht hatte – weiß es bis heute nicht. Gegen welche Art Tradition hatte ich verstoßen?

Ich musste mich ausgesprochen beherrschen, einen letzten Rest äußeren Scheins zu wahren. Durch meinen Kopf jagte einzig das Wort Heuchler!. Doch ich machte gute Miene zum bösen Spiel, verließ das Haus und stand morgens um halb elf vollbepackt mit meinem Rucksack auf der Straße.

Gegen zwölf hatte ich endlich das Hostel gefunden. In Istanbul gibt dir leider jeder Antwort, auch wenn er keine Ahnung hat, wo der Ort ist, den du suchst. Das ist bisweilen anstrengend, vor allem mit zwanzig Kilo Gepäck auf dem Rücken. Bergauf, bergab, weil die Menschen nicht zugeben können, dass sie keine Ahnung haben und offenbar nicht verstehen, dass sie dir keinen Gefallen tun, wenn sie dich in die falsche Richtung schicken.

Den Rest des Tages fühlte ich mich hundsmiserabel. Verletzt. Schuldig. Missverstanden. A. meldete sich bis zum nächsten Abend, dem Abend meiner Abreise, nicht mehr bei mir. Das allerdings war mir recht. Ich hätte ihm nicht in die Augen sehen können. Ich traf ihn nicht noch einmal, bevor ich die Stadt verließ.

Abendlicht an der Blauen Moschee

Abendlicht an der Blauen Moschee

Mein letzter Abend in Istanbul wurde wider Erwarten doch noch schön. Das lag wohl an einer netten Begegnung mit drei Jungs aus Bristol, denen ich erzählen konnte, was mir widerfahren war. Das erleichterte mich. Auch verlebte ich eine weitere beinahe schlaflose Nacht. Diesmal allerdings, weil ich es so wählte.

Alles in allem aber war ich heilfroh, als ich nach anderthalbstündiger Fahrt mit Straßen- und U-Bahn am Montagabend den Atatürk-Flughafen erreichte. Ich verließ Istanbul, um ins beschauliche Tbilisi zurückzukehren, dorthin, wo wenigstens die Taxifahrer ihre Stadt kannten, und wo ich nach langer Zeit endlich wieder zum Vegetarier werden sollte.

2 Gedanken.

  1. hmm, die erfahrung hab ich auch gemacht: in istanbul muss man den taxifahrern sagen, wo’s lang geht (d.h. eine detaillierte wegbeschreibung geben) und darf nicht erwarten, dass sie sich in der stadt auskennen. verrückt.
    das mit dem rauswurf ist heftig; verstehst du mittlerweile, gegen welche tradition genau du verstoßen hast?
    jedenfalls war’s spannend zu lesen, und dass du jetzt kein fleisch mehr isst, verstehe ich natürlich nur zu gut.
    liebe grüße!

    • Wusste ich, dass Du das verstehen würdest, Judith! Ich empfand des georgische Essen übrigens als besser, nachdem ich zum Vegetarismus übergewechselt war! Und gegen welche Tradition ich verstoßen habe, werde ich wohl nie erfahren. Womöglich lag es mehr am Sohnemann als an mir. Wer weiß. Letztlich spielt es unterdes ohnehin keine Rolle mehr – und was bleibt ist eine erzählenswerte Geschichte…

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