Iris Murdoch – Der Schwarze Prinz. Ein Nachklang

Iris Murdochs Roman Der Schwarze Prinz, so viel sei vorweggestellt, ist keine einfache Lektüre –und das in gleich mehrerlei Hinsicht: einerseits ist der Roman eine, manchmal überdetaillierte, Studie über das Thema Liebe, Verliebtheit, ja, Obsession, andererseits ist die eigentliche Erzählung in einen Rahmen gebettet, der den Leser am Ende vor die schwierige Aufgabe stellt, die Geschehnisse, die sich in der Haupthandlung zutragen, selbst zu bewerten.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht Bradley Pearsons, eines erfolglosen Schriftstellers, der sich das Schreiben von Romanen versagt, da er die Aufgabe der Kunst im Erreichen von Perfektion ausmacht. Insofern verbringt er sein Leben damit, auf den Punkt zu warten, an dem er mit seiner Kunst die reine Wahrheit abzubilden in der Lage sein wird. Pearsons literarischer Ziehsohn, Arnold Baffin, wählt derweil eine vollkommen andere Herangehensweise, die ihm ungleich größeren Erfolg beschert – er veröffentlicht einen Roman nach dem anderen. Mit diesen Romanen erringt er die Liebe des Publikums, zieht sich zugleich aber eine Mischung aus Neid und Verachtung seitens seines Entdeckers Pearson zu.

Bradley Pearsons autobiographisch erzählte Geschichte nimmt ihren Anfang denn auch im Hause der Familie Baffin. Arnold ruft ihn an und bittet ihn vorbeizukommen, ein Wunsch den Pearson ihm gerne erfüllt. Die beiden Männer verbindet eine innige Freundschaft, die jedoch eher eine Art Hassliebe darstellt. Im Hause der Baffins findet Pearson einen verzweifelten Arnold vor, der fürchtet, seine Frau mit einem Schürhaken getötet zu haben. Pearson stößt allerdings nur auf eine tief verstörte und unglückliche Ehefrau, die ihm schwört, ihrem Mann niemals zu verzeihen, dass er ihr Leben zerstört und dem seinen untergeordnet habe.

Die Verbindung zwischen Pearson und dem Ehepaar Baffin stellt eine der Grundkonstellationen in diesem Werk dar. Hinzu gesellt sich allerdings Julian Baffin, die zwanzigjährige Tochter Arnolds und Rachels. Julian hegt den Wunsch, Schriftstellerin zu werden, doch genau wie Pearson zeigt sie sich wenig angetan vom Werk ihres Vaters. Dementsprechend ist es nicht weiter verwunderlich, dass sie sich an Bradley wendet, den ihr seit frühesten Kindheitstagen vertrauten Freund der Familie, und ihn um Unterstützung bittet. Zunächst widerwillig lässt sich Bradley, der während der kompletten ersten Hälfte des Romans eigentlich den Gedanken verfolgt, London zu verlassen und sich in ein Schreiberdomizil auf dem Lande zurückzuziehen, auf Julians Bitte ein. Dann aber geschieht etwas Unerwartetes, das nicht nur das Leben Bradleys, sondern auch das der Familie Baffin für immer aus dem Gleichgewicht bringen soll.

Iris Murdochs Roman ist ein Buch, das dem Leser des frühen 21. Jahrhunderts Einiges abverlangt. Kaum sind wir es heutzutage noch gewohnt, so tief über ein Thema zu meditieren, wie Pearson das in seiner autobiographischen Lebensbeichte tut. Daher ist das Buch bisweilen zäh zu lesen, entspricht nicht dem gängigen Prinzip schneller und sprunghafter Unterhaltung. Nichtsdestotrotz versteht Iris Murdoch es meisterlich, das Innenleben ihrer Hauptfigur abzubilden, die, mag sie von Zeit zu Zeit auch einer anderen Epoche entsprungen und ein wenig exaltiert scheinen, jedem, der schon einmal den Zustand heftiger Verliebtheit erlebt hat, nichtsdestoweniger reichlich Wiedererkennungspotential bietet.

Die Geschichte kulminiert am Ende in einem dramatischen, unerwarteten Höhepunkt, der den Leser rat- und fassungslos zurücklässt.

Mit einem kleinen Trick gelingt es Iris Murdoch, diesen Effekt auf die Spitze zu treiben. Pearsons autobiographischem Bericht schickt sie vier Nachreden, eine Art Kommentare zu eben jener Lebensbeichte, hinterher, in denen vier der Hauptfiguren des Romans die Glaubwürdigkeit und den Realitätsgehalt von Pearsons Konfessionen bewerten, mit einem derart widersprüchlichen Ergebnis, dass der Leser in tiefem Zweifel zurückbleibt.

Die Stärke von Murdochs Der Schwarze Prinz liegt mit Sicherheit in der vielschichtigen Gebrochenheit ihrer Figuren. Niemand ist dem Leser gänzlich sympathisch, selbst Pearson, der doch als Ich-Erzähler, so könnte man meinen, das leichteste Spiel damit hätte, sich als liebenswerte Person darzustellen, widert einen von Zeit zu Zeit regelrecht an.

Die Geschichte bewegt sich in einer breiten Palette von Grautönen – Schwarz-Weiß-Malerei ist Murdoch fremd. Hier ist niemand eindeutig gut oder eindeutig schlecht. Jeder lügt, betrügt, denkt an den eigenen Vorteil. Dies macht die Erzählung zu einer zutiefst menschlichen und das Buch letztlich zu einem anstrengenden, aber doch lesenswerten Werk.

Elyseo da Silva, 26. November 2012

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