Indien – letzte Tage: Vashisht, Chandigarh, Delhi

Als ich mit meinem circa 30 Kilo schweren Rucksack am oberen Ende der Treppen ankomme, keuche ich und verfluche mein Dasein als Raucher. (Das Bild des Rauchers würde auf einem indischen Fernsehsender unweigerlich mit dem Schriftzug Smoking kills versehen – in diesem Moment verfluche ich auch das.)
Es ist mitten in der Nacht. Schweiß rinnt mir den Rücken hinab. Mein Atem schwebt in Schwaden in der Nachtluft.
Der Rezeptionist des Hotels zeigt mir und meinen drei Begleitern (zwei Amerikanern und einem Engländer indischen Ursprungs) einige Zimmer. Balkon, Fernseher, nächtliche Bergsilhouetten – aber ausgesprochen teuer. Viel Wahl allerdings haben wir nicht. Es ist halb fünf Uhr nachts. Keiner von uns verspürt große Lust, die Treppen wieder hinabzusteigen. Das Dorf liegt im Dunkeln und die Menschen zu nachtschlafender Zeit zu wecken macht keinen Spaß.
Dann aber verplappert sich der Rezeptionist.
Moment, denke ich mir und hake nach.
So there are cheaper rooms?
Er wiegt widerwillig den Kopf.
And they are free?
Abermaliges Kopfwiegen.
Meine Begleiter und ich sehen einander an. Wir grinsen. Dann bestehen wir darauf, dass wir die Zimmer sehen dürfen. Fünf Minuten später fallen wir alle in unseren eigenen Betten in einen tiefen Schlummer und zahlen nicht die Hälfte des anfänglich genannten Preises. Wider Erwarten ist die Nacht unserer Ankunft noch dazu kostenlos.

Wolkenverhangenes Vashisht

Wolkenverhangenes Vashisht

Blick auf die andere Seite des Tals, Vashisht

Blick auf die andere Seite des Tals, Vashisht

Die Saison in Vashisht hat noch nicht recht begonnen. Während ich mir nach dem Aufwachen die schneebedeckten Berge ringsumher ansehe und mich in meine Wollsocken zwänge, verstehe ich auch, weshalb. Ich hülle mich in einen der zahllosen Schals, die ich in Dharamshala erstanden habe und frage mich, wie es in diesem Land auf einmal so kalt sein kann. Himalaya. Zitternd denke ich an Varanasi und die 40 Grad, die es mir dort beinahe unmöglich machten, mich zu bewegen. Land der Kontraste.

Als ich nach einem morgendlichen Cappuccino mit Aussicht auf die wolkenverhangenen Schneegipfel ins Dorf hinabsteige, findet dort gerade der letzte Tag eines Dorffestes statt. Auf dem Hauptplatz vor dem Tempel spielen die Frauen lustige Spiele. Und nur die Frauen sind es, die spielen, während die Männer am Rande stehen und zusehen.

Männer beim Dorffest

Männer beim Dorffest

Alle Generationen sind vertreten

Alle Generationen sind vertreten

Das ganze Dorf ist auf den Beinen. Die Männer feuern die Frauen lauthals an. Mit verbundenen Augen und einem langen Holzstock stolpert eine nach der anderen über den Platz, um ein Tongefäß auf der anderen Seite zu zerschlagen. Der Weg, den sie blind zurückzulegen hat ist um die 30 Meter lang und das Ganze ist schwerer, als es im ersten Augenblick wirkt. Später gibt es Tauziehen. Eine Kapelle spielt in der Mitte des Platzes auf.  Die Frauen balgen sich in einer Reise nach Jerusalem um zu wenige Stühle, später tanzen und singen die Dörfler gemeinsam auf dem Platz.

Indische Variante von Topfschlagen

Indische Variante von Topfschlagen

Frauen beim Tauziehen

Frauen beim Tauziehen

Und am Abend: Tanz

Und am Abend: Tanz

Kapelle beim Dorffest in Vashisht

Kapelle beim Dorffest in Vashisht

Ich stehe da und lache mich kaputt.
Am Nachmittag lasse ich meine Sachen im Hotel, schnappe mir ein Handtuch und mache mich auf den Weg zu den Hot Springs. Ein leichter Schwefelgeruch schwappt mir entgegen, als ich meine Schuhe außerhalb des umgitterten Beckens abstelle.
Ich betrete den Bereich der heißen Quelle. Ein paar Männer sind bereits im Becken, als ich meine Klamotten am Rand ablege. Unter einem überhängenden Felsen sitzt ein runzliger Baba mit grauem Bart, raucht eine Bidi und grinst mich an.
Als ich meinen rechten Fuß in das dampfende Wasser strecke, durchzuckt mich ein Schlag. Es ist kochend heiß!
Niemals, denke ich, werde ich es schaffen da hineinzusteigen.
Ich ziehe den Fuß zurück.
Einer der Inder im Becken grinst mich an.
Hot?
Ich nicke. Das fucking verbeiße ich mir.
Erneut tauche ich meinen Fuß ins Wasser. Draußen hat es vielleicht fünf Grad.
Wenn die das schaffen, schaffe ich das auch, sage ich mir und widerstehe dem Impuls schreiend davon zu rennen.
Fünf Stufen führen in das Becken hinab. Im Wasser treiben tausende kleine, weiße Fetzen, von denen ich mir einrede, dass es unmöglich Hautstücke sein können.
Jede Stufe kostet mich Minuten. Zentimeter für Zentimeter verbrüht meine Haut. Ich komme mir vor wie ein qualvoll gemarterter Hummer.
Schließlich aber schaffe ich es.

Hot Spring am einzig sonnigen Tag

Hot Spring am einzig sonnigen Tag

Wenn man erst einmal drinnen ist, ist es wundervoll. Allerdings nie besonders lange. Alle paar Minuten muss ich raus, um sicher zu sein, dass es mir nicht die Haut vom Leib zieht. Als ich am Beckenrand stehe, strahle ich wie ein radioaktiver Scampi. Damit wäre auch die Frage geklärt, warum es Hot Springs heißt. Und nicht Warm Springs. Oder Much Nice Warm Springs, was vermutlich die indische Variante dazu wäre.
Dennoch liebe ich die Hot Springs. Während meiner vier Tage in Vashisht liegt die Dusche in meinem Hotelzimmer brach. Am zweiten Tag greife ich zu einem der Seifenstücke, die am Beckenrand liegen geblieben sind und wasche mich, wie es die Inder tun, am Hot Spring.
Die Tage in Vashisht sind trotz allem bestimmt von Kälte. Die Sonne scheint zum ersten Mal am Tag meiner Abreise.
Den Abend zuvor verbringe ich ab sieben Uhr in meinem Hotelzimmer. Nie zuvor habe ich mir einen Zimmerservice kommen lassen. Er bringt mir neben Abendessen einen heißen Ingwer-Zitronentee, den ich mit einer Portion Old-Monk-Rum vermische. Dann mummle ich mich unter die Bettdecke und höre stundenlang mein Murakami-Hörbuch. Zum Lesen ist es zu kalt. Ich habe Angst, dass meine Hände abfrieren, wenn ich sie unter der Bettdecke hervorziehe.

Panaroma-selfie

Panaroma-selfie

Himalaya

Himalaya

Auch Margarete, Vikas, Sonu und Jon, den Südkoreaner, treffe ich in Vashisht wieder. Allerdings bin ich unterdessen entspannter, weil ich beschlossen habe, mein eigenes Ding zu machen. Unterdessen sind wir nur noch Reisende, die sich hin und wieder begegnen. Wir wohnen noch nicht einmal im gleichen Hotel.
Am Abend fahren wir dennoch gemeinsam nach Old Manali. Dazu müssen wir eine Riksha finden, die uns zu fünft mitnimmt, was sich trotz der beiden Inder als nicht ganz einfaches Unterfangen erweist. Ein Österreicher, den ich im Hot Spring kennen gelernt hatte, hat mir eine Bar namens Yak and Yeti empfohlen, da dies der einzige beheizte Ort in Manali sei. Es gebe ein Kaminfeuer. Beim Gedanken daran leuchten meine Augen wie die eines Kindes vor der Bescherung. Auch könne ich in einem Liquor Store in der Nähe Wein kaufen und ihn dort trinken.
Wein?
Diese Kombination klingt nach einer irdischen Version des Himmelreichs.
Als wir nach Manali fahren regnet es in Strömen. Jon läuft vor mir und ich frage mich, weshalb er seine Beine in einen Schal gehüllt hat, der ihn dazu zwingt, sich mit tippelnden Lady-steps fortzubewegen. Er habe seine Klamotten zum Waschen gebracht, erklären mir die anderen.
Ich sehe offenbar irritiert aus, denn sie ergänzen: alle Klamotten.
Jon sieht an seinen umhüllten Beinen hinab.
Shawl very expeeeense! erklärt er stirnrunzelnd (eine seiner Lieblingsformulierungen – das Wort expensive taucht in seinem Wortschatz nicht auf). Fragend blicke ich ihn an.
2200 Rupees!
Beinahe 30 Euro für einen indischen Schal? Mir verschlägt es die Sprache, allem voran, weil Jon beim Essen nichts anfasst, was 10 Rupees zu teuer ist.
Das einzige Stück Beinbekleidung, das seinem spontanen Waschbedürfnis nicht zum Opfer gefallen ist, ist eine durchnässte Badeshort, die er in Händen hält und an allen passenden und unpassenden Orten zum Trocknen aufhängt. Zugegebenermaßen fühlt sich die Riksha gleich intimer an – mit Jons Short als Sichtschutz zwischen uns und dem Fahrer.
Als wir letztlich beim Yak and Yeti ankommen, stellen wir zweierlei fest. Zum einen: es gibt einen kuschlig-warmen Innenraum mit Ofen. Er ist allerdings bis zum letzten Platz besetzt. Zum anderen: es gibt wohl einen Liquor Store, doch keineswegs neben der Kneipe, sondern am Fuße des Berges. Wir stapfen also durch den Regen zurück.
Wein.
Wein in Indien ist nie eine gute Idee. Das hätte ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich bereits gelernt haben sollen. Wieder aber lasse ich mich von der Idee blenden. Vermutlich bin ich letztlich ein Anhänger Platons.
Ich stehe vor dem Regal und frage nach den Preisen. Sie sind absurd. Ein australischer Shiraz kostet sage und schreiben 1700 Rupees, was ca. 22 Euro entspricht – oder sechs Übernachtungen. Dazu kann ich mich nicht durchringen. Also kaufe ich die billigste Flasche. Einen Rotwein namens Senorita. Er kostet 650 Rupees, noch immer ein kleines Vermögen.
Als wir dick in Schals gemummelt auf der Terrasse der Bar sitzen, möchte ich mich, als ich die Flasche öffne, am liebsten übergeben. Ein ekelerregender Geruch steigt mir in die Nase.
Was ist das denn?
Ich schenke einen Schluck in ein Glas. Die Farbe erweist sich als betörendes kackbraun.
Ich ringe meinen Brechreiz nieder und probiere. Was ich in Händen halte ist das schlechteste Glas Sherry meines Lebens. Abermals nippe ich und entscheide, dass das Gesöff untrinkbar ist und ich die Kohle ebenso gut hätte verbrennen können. Das macht mir schlechte Laune. Ringsumher betrinken sich die anderen mit Bier. Grrrrr! Auch mein verzweifelter Versuch, jeglichen Geschmack mit Coca Cola abzutöten misslingt. Ich gebe also auf.
Das Lustigste an diesem Abend ist, dass wir auf dem Heimweg eine ganze Weile durch die Kälte schlurfen müssen, um eine Riksha zu finden. Das wäre an sich natürlich nicht lustig. Aber Jons Lady-steps sind einfach köstlich. Von hinten sieht er aus wie eine Geisha, die in großer Hast einen Berg hinabtippelt. Zu seinem very-expeeeense-Schal-Rock trägt er Flip-Flops. Es hat vielleicht zwei Grad.

Mein Abschied von Margarete, Vikas und Sonu verläuft, sagen wir mal, überraschend. Als ich Jon Sonntag Mittag (zwei Tage nach unserer Nacht in Old Manali) in Sandy‘s Dhaba treffe, einem gemütlichen kleinen Restaurant in Vashisht, erzählt er mir, dass sie morgens um halb acht abgefahren seien. Tags zuvor hatte ich Vicky und Sonu im Hot Spring getroffen, woraufhin wir uns für eine Stunde später bei Sandy verabredet hatten. Dort saß ich eine ganze Weile alleine und wartete. Vergebens. Den Abend verbrachte ich dann, wie bereits erwähnt, mit heißer Ingwer-Zitrone und Rum in meinem Hotelzimmer.
Nicht, dass dieser wortlose und unangekündigte Abgang nicht dem Bild entsprochen hätte, das ich bereits zuvor gewonnen hatte. Er bestätigte vielmehr mein Gefühl. Schmerzlich war er trotzdem.

Frau trägt Chapattis für eine Hochzeit

Frau trägt Chapatis für eine Hochzeit

Hochzeitsvorbereitungen: Frauen bereiten Chapatti zu

Hochzeitsvorbereitungen: Frauen bereiten Chapati zu

Hochzeitsessen auf den Dächern von Vashisht

Hochzeitsessen auf den Dächern von Vashisht

Vashsisht: Tempel

Vashisht: Tempel

Über Nacht fahre ich dann mit Jon im Bus nach Chandigarh. Meine letzte Nachtbusfahrt – darüber bin ich keineswegs böse. Als wir ankommen, ist es fünf Uhr morgens. Eigentlich habe ich vor, eine Nacht zu bleiben, doch schnell stellen wir fest, dass in Chandigarh alles, und allem voran die Übernachtungen, very expeeense sind. Also beschließen wir noch am Abend mit einem General Ticket, der billigsten Reiseklasse, nach Delhi zu fahren. Für die fünfstündige Fahrt zahlen wir etwa einen Euro. Dafür gibt es keine festen Sitzplätze, sondern jeder muss sehen, wo er bleibt.
Nach Chandigarh zog es mich hauptsächlich wegen des Rock Garden.

Chandigarh, Rock Garden

Chandigarh, Rock Garden

Chandigarh, Rock Garden

Chandigarh, Rock Garden

Dieser wurde – über viele Jahre heimlich, später öffentlich gefördert – von einem Straßeninspektor namens Nek Chand erbaut. Tausende von Skulpturen zieren die 16 Hektar des Parks. Dazwischen finden sich künstlich angelegte Wasserfälle und labyrinthische Wege. Das Spannende an diesem Wunderwerk allerdings ist, dass alle Skulpturen, Mosaike und anderen dekorativen Elemente des Parks allein aus Abfällen gefertigt sind: alte Steckdosen, zerbrochene Teller, Flaschen, Waschbecken und dergleichen mehr.

Recycling im Rock Garden

Recycling im Rock Garden

Chandigarh: Rock Garden

Chandigarh: Rock Garden

Chandigarh: Rock Garden

Chandigarh: Rock Garden

Vor dem Eingang erlebe ich noch einmal Indien pur. Ich lasse gefühlte 45 Fotos von mir schießen, auf denen unterschiedliche Jungs ihren Arm um mich legen, bevor ich leicht entnervt entgegne:
No more pictures. I am here to visit Rock Garden, not for foto-shooting.
Enttäuschte Gesichter allenthalben.
Bisweilen kann man Lady Di zu ihrem Tod nur beglückwünschen.

Chandigarh: Rock Garden

Chandigarh: Rock Garden

Chandigarh: Rock Garden

Chandigarh: Rock Garden

Jon im Rock Garden

Jon im Rock Garden

Nach zwei Stunden verlassen Jon und ich den Rock Garden wieder. Er beschließt zum Bahnhof zurückzukehren, weil er sich um seine Weiterfahrt nach Varanasi bzw. Kalkutta kümmern muss, von wo aus wenige Tage später sein Heimflug geht. Ich nutze die verbleibenden fünf Stunden lieber, um ein wenig durch die Stadt zu streifen.
Chandigarh ist vollkommen anders als die indischen Städte, die ich bislang erlebt habe. Es ist sauber. Es ist in regelmäßige, quadratisch-praktisch-gute Blöcke aufgeteilt. Entworfen wurde die Stadt von Le Corbusier – und den Bauhaus-Hintergrund merkt man ihr auch an. Ich habe eher das Gefühl durch eine amerikanische Vorstadt zu schlendern als durch die Hauptstadt Punjabs. Überall stehen Villen. Der Park, durch den ich Richtung Sektor 18 laufe, ist menschenleer. Ich fühle mich deplaziert und esse aus Protest bei Kentucky Fried Chicken.

Indisches Mädchen

Indisches Mädchen

Als ich nachmittags um drei schließlich am Bahnhof ankomme, erfahre ich, dass unser Zug nach Delhi bereits am Gleis steht. Abfahrt in anderthalb Stunden.
Scheiße, denke ich mir – so war das nicht geplant.
Dürfte schwierig sein, jetzt noch einen Platz zu finden.
Ich finde Jon im Warteraum des Bahnhofs. Wir hasten zum Zug. Meine Vorahnung bestätigt sich. Alle Plätze sind bereits voll. Das ist der Nachteil des General Tickets. Unverdrossen klettern wir auf die Gepäckablage. Sind ja nur sechseinhalb Stunden bis Delhi…
Nur sechseinhalb Stunden? Ein typisches Beispiel dafür, wie sich die Wahrnehmung in Indien verschiebt.
Obwohl mir alles weh tut, ich mit meinem 30 Kilo Rucksack und zwei weiteren Menschen auf einer Gepäckablage sitze und stoisch jedes Ansinnen, noch weitere Mitsitzer dazwischen-, darüber oder darunterzuquetschen, abwehre, hat diese letzte Fahrt ihren Reiz. In unserem Abteil – in Deutschland fänden auf demselben Raum sechs Menschen Platz – sitzen – ich zähle nach – 20 Personen. Plus Gepäck.
Im Abteil nebenan, das nur durch ein Gitter von meiner Gepäckablage getrennt ist, sieht es ähnlich aus. Mit den Jungs dort habe ich auf der Fahrt jede Menge Spaß. Sie sehen aus, als gingen sie noch zur Schule – der eine aber ist bereits verheiratet und Familienvater. Die meisten sind wohl um die 15 – das ist genau die Altersklasse, mit der ich in Indien über all die Wochen am besten zurecht gekommen bin. In diesem Alter sind die Jungs offen und neugierig. Meist haben sie keine Hintergedanken, wenn sie mit dir sprechen. Sie eröffnen dir also nicht nach fünf Minuten, dass du – Come to my shop, Sir! Just see. You decide, Sir. I don’t force you buy! – doch bitte etwas kaufen sollst.
Wir sitzen also auf unseren jeweiligen Gepäckablagen, teilen Lebensmittel durch das Gitter miteinander und trinken bisweilen Chai, der von den zahllosen Chai-Wallahs in den Zügen verkauft wird. Jon starrt ab und an verwundert auf die drei Wasserflaschen, die ich neben mir gebunkert habe. Ich denke an die zwei Fahrten, auf denen mir 16 Stunden lang kein Wasser verkauft wurde, und ignoriere seine Blicke. Wer in einen Schal gehüllt durch Vashisht tippelt, sollte sich Kommentare ohnehin verkneifen!
Die Stimmung im Zug erreicht ihren Höhepunkt, als ich mir eine Bidi (eine Art indische Zigarette) anstecke. Es ist das erste Mal, dass ich im Abteil rauche – aber ich fürchte, wenn ich zur Toilette gehe oder an der offenen Tür rauchen will, verliere ich meinen hart erkämpften Sitzplatz. Die Jungs im Nachbarabteil können gar nicht aufhören, mich zu feiern, während ich hinter vorgehaltener Hand genüsslich an meinem Glimmstängel ziehe. Dabei mache ich es ihnen eigentlich nur nach. Hätten sie nicht bereits zuvor im Abteil geraucht, ich hätte mich vermutlich nicht getraut.
Dort im Zug ist geschieht es zum einzigen Mal, dass ich mich der Frage nach meiner Religion stelle. Der Junge, der mich gegenüber sitzt, sieht mir mit solch aufrichtigem Interesse in die Augen, dass ich ihn nicht mit der geheuchelten I’m Christian-Antwort abspeise.
I don’t have a religion. – No, I do not believe in a god.
Ich sehe in seinen Augen, dass er das nicht begreifen kann. Auch ist mir klar, dass es mir nicht möglich sein wird, ihm diese Tatsache so zu erklären, dass er sie verstehen könnte.
Aber ich bemühe mich um Ehrlichkeit und sage:
If one day you go to Europe, you might understand. Things are very different there.
Er strahlt mich noch immer an und nickt.
Very different, wiederhole ich.
Wieder einmal merke ich, wie empathisch die Inder sind. Ich denke, er hat wahrgenommen, dass ich mich nicht gedrückt, sondern versucht habe, ihm die beste mir mögliche Antwort zu geben.

India

India

Völlig erschöpft kommen Jon und ich abends um halb zehn schließlich in Old Delhi an. Einen einigermaßen vernünftigen Riksha-Preis auszuhandeln, erweist sich als größere Herausforderung. Schließlich finden wir einen Riksha-Wallah, der uns für 100 Rupees nach Neu Delhi fährt. Diese Riksha-Fahrt ist die Verrückteste meiner Reise. Ich fürchte um mein Leben, als wir auf unserer Fahrrad-Riksha den Bahnhofsbereich verlassen und uns entgegen einer Einbahnstraße dem indischen Verkehr entgegenwerfen. Unsere Rucksäcke hängen hinten in beide Richtungen aus dem Gefährt und meine Fingerknöchel werden bei dem Versuch, sie festzuhalten, weiß.
Der Riksha-Wallah ist vollkommen durchgedreht. Der Schweiß tropft ihm vom Gesicht und immer wieder wendet er sich zu uns um, um uns Geschichten zu erzählen, an denen weder Jon noch ich großes Interesse haben. Um uns her tobt unterdes das Chaos der indischen Hauptstadt. Schau auf die Straße!! – möchte ich ihn anschreien, verkneife es mir aber. Es ist einer der wenigen Momente, in denen ich wünschte, es gäbe eine Alternative zum Beten. Wir fahren am Rotlichtviertel vorbei. Unser Fahrer preist uns die Qualität indischer Huren mit solcher Begeisterung an, dass ich irgendwann entnervt Khatam! sage, was so viel heißt wie finished. Ich bin des Hurenthemas wahrlich leid.
Danach stimmt er eine Litanei über die Schwere des Lebens an – und wie sehr wir ihm helfen könnten, wenn wir ihn nur besser bezahlen würden. Dieses Klagelied setzt er fort, bis Jon und ich völlig entnervt absteigen und ihm einen anderen als den ausgehandelten Preis verweigern.
Wir sind schon zu lange im Land, um uns noch auf diese Weise abziehen zu lassen. Dennoch empfinden wir diese Fahrt beide als anstrengend und die leidige Suche nach einem günstigen Hotelzimmer in der Schwüle dieser Megalopolis macht es nicht besser.
Was es jedoch besser macht, ist die Aussicht auf einen Drink.
Delhi ist eine Großstadt, d.h. es gibt Bars und sogar so etwas wie Nachtleben. In eine solche Bar verziehen wir uns denn auch, nachdem wir endlich ein Zimmer gefunden haben, das unseren preislichen Vorstellungen entspricht. Nach nur einem Drink sind wir beide allerdings so müde, dass wir im Sitzen einschlafen könnten.
Mit unserem Zimmer haben wir insofern Glück, dass es in einer Gasse nahe der Main Bazar Road liegt, in der es auch tagsüber ein wenig kühl bleibt. Auch die Nächte sind also erträglich.
Delhi ist ein Moloch. Im Vergleich zu Mumbai ist mir die Stadt nicht sonderlich sympathisch.
Meine letzten Tage verbringe ich mit dem Auswählen von Souvenirs und einem Rest an Sightseeing. Zum einen fahren Jon und ich zum Lotus-Temple der Bahai, einer Religionsgemeinschaft (http://de.wikipedia.org/wiki/Bahai), die ihren Ursprung im Iran hat. Auf dem Weg dorthin benutzen wir die Metro.

Lotus-Tempel der Bahai in Delhi

Lotus-Tempel der Bahai in Delhi

Lotus-Tempel der Bahai in Delhi

Lotus-Tempel der Bahai in Delhi

Die Metro in Delhi ist erst Anfang des Jahrtausends eröffnet worden und dementsprechend modern: Die Türen schließen, jeder einzelne Fahrgast (!) durchläuft auf dem Weg zum Bahnsteig eine Sicherheitskontrolle, die der an internationalen Flughafen ähnelt, und nach jeder Lautsprecheransage werden verschiedene Verbote verkündet. Das geht mir binnen Minuten tierisch auf die Nerven.

Der Lotustempel liegt ein wenig abseits des Zentrums in einem weitläufigen Garten. Auf dem Weg nach drinnen heißt es, wie meistens, Schuhe ausziehen, was sowohl Jon als auch mich zu unwillkürlichen Lady-Steps veranlasst. Es hat 40 Grad in der Stadt und der Steinboden glüht. Die Inder betrachten uns, als wären wir eben aus einem Raumschiff gestiegen. Ich frage mich, was mit ihrem sensorischen Empfinden nicht stimmt.
Im Innern des Bahai-Tempels, in den Kleingruppen nur nacheinander eingelassen werden, herrschen Schlichtheit und Stille.
Nach einem letzten gemeinsamen Mittagessen an einem Straßenstand verabschieden Jon und ich uns voneinander. Ich fahre weiter nach Qutb Minar, was Jon aber als too expeeeense empfindet, da die Besichtigung dieser archäologischen Stätte 250 Rupees, also drei Euro, kostet. Das ist nicht wesentlich teurer als ein Bier, doch seine Prioritäten sind mir seit Längerem klar. Er kehrt also ins Guesthouse zurück, um sich am frühen Abend auf den Weg nach Varanasi zu machen.

Auf dem Areal von Qutb Minar, seit 1993 Weltkulturerbe, befinden sich neben dem namensgebenden Gebetsturm die Überreste der ersten Moschee Delhis, der angrenzenden Koranschule und diverser Grabmäler, die im 12. Jahrhundert nach der muslimischen Eroberung der Stadt erbaut wurden. Vom Qutb Minar selbst einmal abgesehen sind die Bauwerke heute Ruinen.

Qutb Minar

Qutb Minar

Qutb Minar

Qutb Minar

Qutb Minar

Qutb Minar

Qutb Minar

Qutb Minar

Auch bei meinem letzten Sightseeing-Versuch musste ich wieder feststellen, dass mir durch tote Gebäude geschleuste Touristenströme nicht liegen. Die Ruinen und Qutb Minar, alles aus rotem Sandstein erbaut, sind schön anzusehen – und bleiben für mich eben doch vor allem eins: tot.

Qutb Minar

Qutb Minar

Elyseo, unbeeindruckt von Delhis Moskitos

Elyseo, unbeeindruckt von Delhis Moskitos

Im Schatten eines alten Baumes

Im Schatten eines alten Baumes

Ich verlasse Delhi Donnerstag Nacht und gönne mir zweierlei – erstens ein Hotelzimmer, in dem ich nicht mehr übernachten werde, damit ich nicht zwölf Stunden verschwitzt in der Stadt herumhängen muss, zweitens ein Taxi zum Flughafen, anstatt die Express-Metro zu benutzen.
Diese letzte Taxifahrt hält ein Abschiedsgeschenk für mich bereit.
Wir fahren auf der erstaunlich schlaglocharmen Autobahn in Richtung Indira-Gandhi-Airport, als mein Taxifahrer plötzlich langsamer wird und hinter einem Autogespann mit eingeschalteter Warnblinkanlage zum Stehen kommt. Wir stehen. Weder steigt mein Fahrer aus, noch findet irgendeine Art mir ersichtlicher Kommunikation statt. Geschweige denn gäbe es eine Erklärung für mich.
Das Zweiergespann vor uns beginnt, sich im Schneckentempo vorwärts zu bewegen. Mein Fahrer schleicht im Schneckentempo hinterher.
Wohlweislich habe ich für die Fahrt zum Flughafen genügend Zeit einkalkuliert, sodass ich entspannt bleibe. Diese eigenwillige Prozession zieht sich über circa zwei Kilometer. Wir überqueren eine große Kreuzung, dann bleiben wir stehen. Noch immer ist kein erklärendes Wort seitens meines Taxifahrers gefallen.
Vor uns steigt ein breitschultriger Mann aus dem Wagen. Auf der anderen Seite ein Inder, der aufgeregt gestikuliert und mit einem Mal einen überdimensionierten Koffer vor sich herschleppt. Ich sehe meinen Fahrer fragend an. Er wiegt lächelnd den Kopf.
Motor problem? frage ich.
Abermaliges Kopfwiegen, während der Koffer den Weg auf unser Dach und der Fahrgast den Weg auf unsere Rückbank finden.
Der Mann ist Pole und sein Flug geht in weniger als einer Stunde. Auf meine Frage, was passiert sei, entgegnet er, der Sprit sei ausgegangen.
Ich schüttle den Kopf und muss mir ein Lachen verbeißen. Lebhaft kann ich mir die Szene vorstellen.
Airport?
No problem, Sir. 400 Rupees only.
An ausreichend Benzin hatte der Fahrer des anderen Taxis vermutlich keinen Gedanken verschwendet…

Auch sie fehlen mir: die Tiere allenthalben

Auch sie fehlen mir: die Tiere allenthalben

Mit meinem Flug geht alles glatt.

Seit zweieinhalb Wochen bin ich nun bereits zurück in Deutschland und es fällt mir schwer, diesen letzten Reisebericht zu beenden, weil er auch meine Reise noch einmal auf andere Art beenden wird.
Während meines kompletten Aufenthalts in Indien habe ich die Frage, ob es mir gefalle, nie beantworten können. Zu viele Eindrücke hielt dieses Land bereit. Zu viele, als dass ich in der Lage gewesen wäre, mir eine Meinung zu bilden.
Eine Woche nach meiner Heimkehr ertappe ich mich zum ersten Mal dabei, dass ich auf die Frage, wie meine Reise gewesen sei, mit großartig antwortete. Als ich kurz innehalte, um darüber nachzudenken, wird mir klar, dass diese Antwort ehrlich ist.
Keine Reise zuvor allerdings hat mich nach meiner Rückkehr derartig in den Zustand eines negativen Kulturschocks gestürzt. Viele Menschen hatten mich vor meiner Reise darauf vorbereitet, dass Indien für mich ein Kulturschock sein werde. Von der Rückkehr hatte niemand gesprochen.
Und doch bin ich nun seit zweieinhalb Wochen wieder in Deutschland und habe noch immer das Gefühl, für diese deutsche Gesellschaft untauglich zu sein.
Mir fehlen die Offenheit, das Chaos, ja selbst die Fragen One picture, Sir? One picture? oder das gebellte Country name?. Mir fehlt das Kopfwiegen mit dem gleichzeitigen Strahlen in den Augen und mir fehlt es, auf der Straße von anderen Menschen wahrgenommen zu werden. Nicht, weil ich ein Tourist bin, sondern weil ich ein Mensch bin. Denn das respektieren sie in Indien alle, obschon in diesem Land weit über eine Milliarde Menschen zusammenleben. Das weckt die Frage, weshalb wir uns mit einer solch demonstrativen großstädtischen Ignoranz umgeben. Sobald wir anderen Menschen begegnen, die wir nicht kennen, scheint uns kein anderer Weg gangbar, als sie auszublenden. Weshalb eigentlich?
Am meisten aber fehlt mir das indische Lächeln.
Das Lächeln eines ganzen Subkontinents.
Das Lächeln auf den Gesichtern. Mal aufrichtig, mal vor dem Hintergrund irgendwelcher Interessen.
Das Lächeln in den Augen der Menschen.
Es fehlt mir, dieses Lächeln.
Es fehlt mir.

4 Gedanken.

  1. Wie schade, dass das Dein letzter Bericht war! Man hatte immer ein bißchen das Gefühl dabei zu sein, und Deine Bilder haben ein Übriges getan. DANKE, dass Du uns an dieser tollen Reise hast teilnehmen lassen!

    • Auch meinerseits hier ein DANKE an alle Leser und Kommentatoren. Letztere habe ich zugegebenermaßen nicht unbedingt ermutigt, mehr zu kommentieren, da ich auf der kompletten Reise keinerlei Antworten auf Kommentare verfasst habe. Sorry dafür – aber wisst, dass ich mich über jeden einzelnen davon gefreut und sie alle aufmerksam gelesen habe!

  2. Wirklich tolle Reiseberichte, die ich richtig „verschlungen“ habe. Es war sehr interessant Deine Erlebnisse in und Eindrücke von Indien „mitzuerleben“

  3. Hey du,
    ich schenk dir jetzt erstmal ein breites Lächeln und schick dir eine Umärmelung!
    Mir ist klar, dass das wahnsinnig ernüchternd sein muss, wieder hier in Deutschland angekommen zu sein. Aber denk dran, auch hier gibt es Menschen, die dich anlächeln, Menschen, die normal-verrückt durch’s Leben schreiten, etc. Vielleicht gibt es viel weniger davon und man muss sie suchen, aber sie sind da. Und vielleicht sind die dann auch ganz „ehrlich“ so, wie sie sind…
    Hab Dank für Deine tollen Reiseberichte, die tollen Fotos und überhaupt, dass Du diese Zeit mit uns geteilt hast! Wenn Du irgendwann mal wieder in der Gegend hier bist, sag mal Bescheid, würde Dich zu gerne mal wieder treffen!
    Liebe Grüße!

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