Ich bin dann mal weg

Nach einer Weile hier endlich mal wieder ein Lebenszeichen von mir.

Zunächst vielen Dank für Eure rege Beteiligung an meiner Titelumfrage für den Roman. Natürlich will ich Euch meine Entscheidung nicht länger vorenthalten – dazu sei allerdings gesagt, dass sich Entscheidungen bezüglich des Romans hin und wieder zu ändern pflegen, diese deshalb also nicht endgültig sein muss.
Mein momentaner Titelfavorit ist „Auf dem Lachsweg“, eventuell mit dem Untertitel „Eine Kaleidoskopie des Unzulänglichen“.
Ich will Euch kurz erklären, weshalb. Der klare Titelfavorit der allermeisten Beteiligten war „Erinnerungen an die Zukunft“, allerdings wurde mir relativ am Ende von zwei Menschen mitgeteilt, dass es diesen Titel bereits gibt – gut, denn dass er eine solch einhellige Zustimmung erfahren hat, machte ihn mir sowieso verdächtig. Offenbar zu glatt.
Meine Wahl fiel denn letztlich auch nicht auf den „Lachsweg“, weil dies der Titel mit den meisten Stimmen gewesen wäre, sondern vielmehr, weil dies der Titel war, der mit Abstand am meisten polarisierte – die Leute hassten oder liebten ihn, reagierten aber auf jeden Fall emotional und das ist es, was ein guter Titel leisten muss, damit ein Buch im fraglichen Moment zur Hand genommen wird. Hinzu kommt, dass der „Lachsweg“ auch als Bild sehr gut zur Geschichte passt, da es in dem Roman beinahe durch die Bank um Personen geht, die aufbegehren, aus den gewohnten Bahnen aus welchen Gründen auch immer ausbrechen und gegen den Strom schwimmen, koste es, was es wolle – wie die Lachse eben.

So viel also dazu.
Wer glaubt, hier in Spanien sei inzwischen der Frühling ausgebrochen, den muss ich leider eines Besseren belehren – nein, hier ist es noch immer kalt und grau – wie hat Irene gestern so schön ihren Mitbewohner Sergi zitiert, der leidend auf der Couch lag und stöhnte: ich halte diese Kälte einfach nicht mehr aus. Nun, für deutsche Verhältnisse mag es hier derzeit nicht kalt sein, allerdings ist es meistens auch nicht warm und gerade geht mal wieder eine Woche zu Ende, bei der ich den Eindruck hatte, die angeblich unsichtbare Vulkanasche habe sich wie ein Film über den südländischen Himmel gebreitet.

Der Grund aber, weshalb ich Euch heute schreibe ist ein anderer – nein, ich will mich nicht in gutbürgerlicher Manier übers Wetter beklagen, sondern, wie Ihr Euch vielleicht schon wegen des Betreffs gedacht habt, noch einen kurzen Gruß zusenden, bevor ich mich auf den Camino de Santiago, den Jakobsweg, mache.
Ich erinnre mich noch gut, als ich vor zehn Jahren in Santiago de Compostela ankam, die Kathedrale von der untergehenden Sonne angestrahlt, in mir ein Gefühl unglaublicher Leere, Gelassenheit und Erschöpfung – damals habe ich mir geschworen, dass ich auf den Camino zurückkehren würde, wenn er mich denn wieder riefe – und nun ist es soweit. Das erste Mal seit so vielen Jahren verspüre ich den Ruf des Pilgers, einen Ruf, der seit Monaten in meiner Seele glimmt, in den vergangenen Wochen aber von Tag zu Tag stärker zu werden schien. Und so nehme ich also wieder meinen Pilgerstab zur Hand, setze den Rucksack auf und folge den gelben Pfeilen, die ganz Spanien als Wegweiser in Richtung Santiago de Compostela durchziehen.
Einen Pilgerführer habe ich bereits – auch wenn Carmen ihn mir vor meiner Abreise aus ganz anderem Grund schenkte (Danke an dieser Stelle nochmal!) und insofern steht meiner Reise zu mir selbst und in die Tiefe des Pilgerherzens nichts mehr im Wege!
Bevor ich mich allerdings von Roncesvalles oder Saint Jean Pie de Port auf den Weg mache, fahren Manu und ich noch für ein paar Tage nach Asturias, um genau zu sein nach Gijón, um unseren Freund Christian im grünen Spanien zu besuchen. Ich bin schon neugierig auf diesen Teil des Landes, da ich die Nordküste und die angrenzenden Gebirge noch so gut wie gar nicht kenne.

So, ich halte diese Mail heute kürzer als üblich, wollte Euch nur noch einmal wissen lassen, dass ich auch hier in der Ferne an Euch denke und mich über ein paar wohlgesonnene Gedanken Eurerseits auf meiner Reise sehr freuen würde – denn auf diesem Weg braucht man jegliche Energie, die man irgendwoher bekommen kann – physische wie psychische, um den Ansprüchen der achthundert Kilometer Fußmarsch gewachsen zu sein (Carmen, ich kann mir vorstellen, wie Dir beim Gedanken an Deine eigene Reise vor ziemlich genau einem Jahr gerade das Herz aufgeht!! – selbst mir geht’s dieser Tage immer wieder so, wenn ich an meinen so lange zurückliegenden Pilgerweg denke!)

Fühlt Euch herzlichst umarmt!
Ultreja!

Elyseo

Cambrils, 18.04.2010

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