Hubert Wolf – Die Nonnen von Sant’Ambrogio. Ein Nachklang

Das Konklave hat eben einen neuen Papst gewählt, einen Jesuiten, der sich selbst den Namen Franziskus gibt – welch bessere Koinzidenz hätte es zur Veröffentlichung des Buchs Die Nonnen von Sant’Ambrogio des Kirchenhistorikers Hubert Wolf geben können?

Just um einen totgeschwiegenen Skandal unter Jesuiten und einem Franziskanerinnen-Orden geht es in Wolfs Werk.

 

Obschon Wolf ein Sachbuch verfasst hat, ist ihm literarische Begabung nicht abzusprechen. Die Nonnen von Sant’Ambrogio liest sich bisweilen wie ein Krimi, nicht zuletzt, weil der Autor eine Grundregel literarischen Schreibens befolgt: er baut einen Spannungsbogen auf, der eines jeden Kriminalautors würdig wäre. Das ganze Ausmaß des von der römischen Inquisition untersuchten Eklats im Franziskanerinnen-Kloster enthüllt Wolf peu a peu, sodass der Leser sich ab und an erstaunt fragt, was denn noch alles kommen möge.

Auf diese Weise wird das Sachbuch zu einem vergnüglichen Leseerlebnis, nicht zuletzt weil der Leser ein ums andere Mal die Stirn in Falten legt und sich über die Umstände, die zum Inquisitionsprozess geführt hatten, schlechterdings zu wundern vermag.

 

Worin aber bestand jener Skandal, den zu verbergen die katholischen Kirchenoberen bis zur Öffnung des Archivs der Kongregation für die Glaubenslehre unter Johannes Paul II. für geboten hielten?

Allein die Aufzählung liest sich, als stamme sie aus dem Reich der Fiktion.

Die Vergehen reichen von angemaßter Heiligkeit, Verehrung verurteilter Ketzer, Bruch des Beichtgeheimnisses, hetero- respektive homosexuellem Zölibatsbruch und sexuellem Missbrauch, fingierten Himmelsbriefen der Heiligen Jungfrau Maria bis hin zu versuchtem und letztlich auch gelungenem Mord.

Einige der genannten Vergehen mögen dem Leser zu Beginn des 21. Jahrhunderts grotesk anmuten, zumindest so er sich nicht selbst im kaum verändert reaktionären Umfeld der katholischen Kirche bewegt.

Nichtsdestoweniger ist das katholische Denken bis heute in zweierlei Hinsicht für die Entwicklung unserer Kultur von prägender Bedeutung: zum einen unterfüttern die christlichen Moralvorstellungen noch immer unseren gesellschaftlichen Diskurs (man bedenke die Argumentation christlicher Volksparteien bezüglich der Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften), zum anderen diente jener reaktionär-katholische Geist stets auch progressiven Richtungen dazu, ihr Denken weiterzuentwickeln, sei es auch nur in Abgrenzung zu jenen Thesen. Die Bedeutsamkeit des Abgrenzungspunkts schmälert dies indes nicht, bestimmt der gemeinsame Fokus doch schlussendlich die Thematik.

 

In Die Nonnen von Sant’Ambrogio rekonstruiert Hubert Wolf jedenfalls akribisch die Vorkommnisse im Franziskanerinnen-Konvent Sant’Ambrogio inmitten der Heiligen Stadt Rom, allen voran die Begebenheiten im Umfeld des Aufenthalts der Hohenzollern-Prinzessin Katharina, die „Rette, rette mich“ im Juli 1859 ihren Cousin anfleht, sie aus dem Kloster zu befreien.

 

Allein die Fachkenntnis des Autors macht das Buch lesenswert. Sie verhilft dem Leser mitunter zu neuen Sichtweisen – beispielsweise bezüglich der verschiedenen Arten der Inquisition, die mir persönlich bis dato unbekannt waren, oder deren hierarchischen Aufbaus – bisweilen bestätigt sie auch nur bereits vorhandene Vermutungen, über das Ausmaß des innerkirchlichen Ränkespiels zum Beispiel.

Als in der Tat schockierend empfand ich denn auch den ungebremsten Aufstieg der Hauptverantwortlichen im Skandal von Sant’Ambrogio innerhalb der kirchlichen Hierarchie. Genannt sei hier die Karriere des neuscholastischen Theologen Kleutgen, dem bei der 1870 erfolgten Formulierung des päpstlichen Unfehlbarkeitsdogmas eine entscheidende Rolle zuteilwerden sollte. Vor dem Hintergrund seines Handelns in der Sant’Ambrogio-Affäre kann dies kaum anders denn als Gipfel der Heuchelei betrachtet werden.

 

Unscharf, und dies ist in der Tat ein Schwachpunkt des Buches, bleibt Wolf lediglich in der Schilderung der inquisitorischen Verhörmethoden.

Das Kapitel Inquisition ist mit einer Vielzahl von Bildern und Assoziationen belegt. Schreibt der Autor dann, dass ein Geständnis nach gestrenger Ermahnung durch die Inquisitoren erfolgte, kommen dem Leser unwillkürlich Bilder einer hochnotpeinlichen Befragung in den Sinn, was die Glaubwürdigkeit eines solchen Geständnisses auf Ärgste in Zweifel zieht. Zwar hält Wolf fest, die Methoden der römischen Inquisition des 19. Jahrhunderts seien nicht die der spanischen, wie diese Methoden jedoch aussahen, lässt er offen. Hier wünschte ich mir eine ausführlichere Beschreibung.

 

Gerade in der Rückschau erscheinen dem Leser von heute viele der geschilderten Aspekte damaligen Lebens beinahe irrsinnig.

Dass gebildete Menschen ohne Weiteres an Briefe, die sich direkt aus dem Himmel manifestiert hätten, diamantbesetzte Christusringe als Geschenke einer mit Jesus vollzogenen himmlischen Hochzeit oder dergleichen glauben, will einem heutzutage fürwahr nicht in den Kopf.

Durch das Beleuchten jenes Zeitgeistes aber vermag der Leser Gewinn aus der Lektüre zu ziehen.

War es nicht der Beginn eben jener Entwicklungen, die bis in unsere hochtechnologisierte und arbeitsideologisch durchstrukturierte Gegenwart führen sollten, der den Impuls für jene jenseits- und mystizismusgewandten Denkart gab?

Dieserart Reaktion, so mag manchem Leser auffallen, findet sich praktisch unverändert im 21. Jahrhundert wieder – sei es in religiösem Fundamentalismus jedweder Prägung oder in der Flucht in eine sogenannte Esoterik. Sie mag als Symbol der Überforderung des Einzelnen durch stetig ansteigende gesellschaftliche Erwartungen gesehen werden und somit als Anknüpfungspunkt für das Verständnis jener Epoche dienen, die Wolf in seinem Werk eindrücklich schildert.

 

Elyseo da Silva

Köln, 22. März 2013

 

 

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