Holi in Bundi

Umarmungen mit Wildfremden, pinke Kühe, Dunkelschlümpfe auf Motorrädern, alte Männer, die mit leuchtendbunten Gesichtern auf der Straße tanzen, Kinder, die alles, was sich bewegt mit farbiger Brühe bespritzen: Willkommen zum Holi, dem traditionellen indischen Frühlingsfest.

Holi - Menschen im Farbenrausch

Holi – Menschen im Farbenrausch

Das Holifest begann am Sonntag.

Stundenlang bemalten die Menschen in Bundi in den Nachmittagsstunden die Straßen mit Bildern, schmückten den Boden mit Blüten, bereiteten Bhanglassi zu, ein althergebrachtes Getränk mit Hanf.

Let’s go, let’s go!, bettelte Aman am Abend. You and I, we go. I show you Holi-pictures.

Mera chota bhai - Aman

Mera chota bhai – Aman

Wie immer war er ganz scharf darauf, allein mit mir irgendwohin zu gehen. Als ich schließlich nickte, nahm er mich bei der Hand und wir gingen los.

Ich dachte, es ginge einmal die Straße hinunter zu dem großen Straßenbild und einmal wieder hinauf zu dem Blütenbild am anderen Ende, doch weit gefehlt.

Holi-Bild auf den Straßen Bundis

Holi-Bild auf den Straßen Bundis

Holi-Blüten-Bild auf den Straßen Bundis

Holi-Blüten-Bild auf den Straßen Bundis

Here, we go here, zog er mich weiter hinter sich her.

Jeder Häuserblock hatte ein eigenes Holibild. In der Mitte waren Zweige aufgeschlichtet, die später verbrannt werden sollten, zur Erinnerung an die Vernichtung der Dämonin Holika.

Holi-Bild auf den Straßen Bundis

Holi-Bild auf den Straßen Bundis

Mann entzündet ein Holi-Feuer

Mann entzündet ein Holi-Feuer

Die Geschichte erzählt, ein indischer Prinz habe sich geweigert, seinen Vater als Gott zu verehren. Weiterhin habe er beharrlich Vishnu angebetet. Daraufhin sann der König auf Rache. Er gedachte, den Prinzen den Feuertod sterben zu lassen. Holika, die Schwester des Königs, war nämlich den Flammen gegenüber unempfindlich, sodass sie, mitsamt dem Prinzen, ins Feuer springen sollte. Die perfide Intrige aber ging nicht auf: Holika verbrannte wider Erwarten und der Prinz entkam der Feuersbrunst unversehrt.

Soweit die Legende.

Aman war sichtlich stolz, Seit an Seit und Hand in Hand mit dem Gora durch sein Viertel zu schlendern.

Ein ums andere Mal stoppten wir, wünschten Happy holi! und wurden in die Häuser von Amans Freunden eingeladen. Aman liebte es, mit meiner Kamera zu fotografieren und so wurden Mütter, Großmütter, Tanten und Neffen abgelichtet.

Die Menschen sind unglaublich gastfreundlich hier. Alle luden uns in ihre Häuser ein, boten mir Bhanglassi (den ich stets dankend ablehnte) oder eine Kleinigkeit zu essen an und freuten sich über den Besuch – egal, ob der Herr des Hauses gerade zum Fernsehen im Bett liegt oder das Zimmer der Schwester einem Schlachtfeld gleicht.

Die ganze Stadt war auf den Beinen. Lief irgendwo Musik, wurde ich stets bestürmt zu tanzen. Ich kam dem Wunsch brav nach und erntete lautes Gejohle. Schon zog mich Aman weiter. Schließlich landeten wir bei ihm zu Hause, wo mir seine und Vikas‘ Familie vorgestellt wurde.

Im Hofe des Hauses steht ein kleiner Altar und Aman zog seine Schuhe aus, kniete nieder und legte die Stirn auf den Boden, um zu seinem Gott zu beten. Als ich mich ebenfalls vor seinem Gott verneigen wollte und meine Schuhe auszog, meinte er in bestimmten Tonfall:

Wash your hands, you touched your shoes.

Ach ja, ich erinnerte mich, Schuhe galten hier als unrein. Ich tat also, wie mir geheißen, ehe ich seinem Glauben meinen Respekt erwies.

Den Rest des Abends verbrachte ich auf der Dachterrasse des Energy Café.

Elyseo und Sameer

Elyseo und Sameer

Unsere Gemeinschaft wurde in der vergangenen Woche von Tag zu Tag größer. Neben Vikas, Sonu, Aman, Pappu und seiner Frau Munni sind da unterdessen noch Margarete, eine Australierin, die ich Queen Margarete nenne, Mirja, eine Nürnbergerin, die in Bamberg Indologie studiert und gerade auf Sprachreise in Delhi ist und Sameer, ein Freund von Vikas und Sonu. Sporadisch gesellen sich Traveller aus aller Herren Länder zu unserer Gruppe: Max, Lucy, Flo und andere.

In den letzten Tagen hat sich etwas verändert.

Wir wachsen zusammen. Ich spüre die zunehmende Herzlichkeit. Wir Jungs reden uns unterdessen mit Mera bhai an, mein Bruder. Ich habe in Bundi vier neue Brüder gewonnen. Es gibt eine Stimmung von uneingeschränktem Wohlwollen einander gegenüber. Das fühlt sich wunderschön an. Wie froh war ich, dass ich das Holi-Fest in Bundi im Kreise meiner neuen Freunde verbringen durfte.

Bis spätnachts saßen wir beisammen, lachten und tanzten. Ich legte zum ersten Mal meine Musik auf. Zudem hatte ich mir eine Flasche Gin gekauft und bei der fünften Anlaufstelle auch Tonic Water gefunden, sodass ich mir eine kühle Erfrischung zu Gemüte führen konnte.

We meet at 7.30  tomorrow morning!

Skeptisch sah ich Sonu an. You’re sure?

Yes, 7.30! strahlte er.

Ich zweifelte.

Holi starts in the morning! versicherte mir Vikas.

If I get up at seven and none of you guys is gonna be around, I’ll get really angry, entgegnete ich.

No problem! grinste Vikas.

Eine kurze Lektion darin, wie man zwei Deutsche (mich und Mirja) dazu bringt, um sieben Uhr dreißig auf der Matte zu stehen, während man selbst sich gemütlich noch einmal im Bett umdreht.

Allerdings ist Schlaf nach sieben Uhr in Bundi ohnehin etwas, was ich mir nur mit Mühe abringen kann. Deutsche Ohrstöpsel unterliegen im Kampf mit dem indischen Subkontinent: Musik aus dem Tempel und dem Café gegenüber in voller Lautstärke, hupende Rikshas, jaulende Motoren, bellende Hunde.

Also stand ich um sechs Uhr auf und wanderte durch die verlassenen, aber lauten Straßen. An einem kleinen Stand trank ich einen Chai.

Elyseos einzige Freunde um 7.30 Uhr am Holi-Morgen

Elyseos einzige Freunde um 7.30 Uhr am Holi-Morgen

Natürlich war um halb acht niemand im Energy Café. Mirja tauchte wenig nach mir auf. Wir grinsten uns an. Die Deutschen, war ja klar. Irgendwann gingen wir dennoch runter auf die Straße, frühstückten zwei Samosas, als Margarete auftauchte. Nach und nach, im Laufe der folgenden Stunden, erschienen sie dann alle – als letzter Sonu, der sich noch um elf Uhr den Schlaf aus den Augen wischte.

Auf den Straßen ging es wild zu. Wo wir gingen und standen wurden wir mit Wasser bombardiert, meist mit intensiven, nicht abwaschbaren Farben vermischt. Die Menschen kamen aufeinander zu und wünschten sich Happy Holi, wobei sie sich mit sanften Gesten leuchtendbunte Farbe auf die Wangen strichen. Viele umarmten mich, ich umarmte zurück.

Mirja, Aman, Rohin

Mirja, Aman, Rohin und Bavesh

Holi-Mittag

Holi-Mittag

Vikas

Vikas

Queen Margarete

Queen Margarete

Mirja

Mirja

Die Stimmung war großartig.

Wir tanzten mit indischen Männern auf der Straße. Sie wollten uns gar nicht mehr gehen lassen. Nach einer Weile gingen wir dennoch zurück aufs Dach und beobachteten das Treiben von oben. Die Musik lief in voller Lautstärke und alle tanzten.

Danach zurück auf die Straßen.

Mittlerweile waren alle Gesichter kunterbunt. Wer das Pech gehabt hatte, mit den miesen Farben in Berührung gekommen zu sein, war bis in die siebte Hautschicht oder tiefer verfärbt. Dunkelgrüne, dunkelblaue, pinke Gesichter, aus denen allein weiße Augäpfel strahlten.

Holi

Holi

Holi in Bundi

Holi in Bundi

Lucy, Sonu, Max (v.l.)

Lucy, Sonu und Max 

Dunkelschlümpfe auf Motorrad

Dunkelschlümpfe auf Motorrad

Nach einigen Stunden in der brütenden Hitze waren wir alle fix und fertig.

Zurück auf der Dachterrasse des Energy Café begann für mich der schönste Teil des Tages, vielleicht der schönste Teil meiner bisherigen Reise.

So viele Menschen, die sich offenbar nichts Schöneres vorstellen könnten, als einander nah zu sein.

Munni und Pappu

Munni und Pappu, Herrscher über das Energy-Café

Aman auf Sameer, Bavesh auf Alex

Aman auf Sameer, Bavesh und Gungun auf Alex

 

Alex und Bavesh

Alex und Bavesh

Trotz der relativ großen Fläche schoben wir alle Matratzen zusammen, und kauerten in einem großen Pulk neben-, auf-, über- und untereinander, ringsum die Tische und die Stühle, die ebenfalls voll besetzt waren. Überall zwischendrin sprangen oder lagen die Kinder herum. Sobald wir versehentlich den Kreis der Holi-Familie verließen, verspürten wir sofort das Bedürfnis zurückzurutschen, wiederaufgenommen zu werden in diese verschworene Gemeinschaft der Liebenden, dieser Liebenden aus dem simplen Grund heraus, dass es nichts Schöneres gibt, als einander ohne irgendwelche Vorbehalte oder Absichten ein solch sanftes Gefühl zu schenken, uns mit Mera Bhai anzureden und zu berühren, immerzu zu berühren, wie es in diesem Land alle ständig tun.

Holi-Crew (Sameer, Jon, Elyseo, Gungun)

Holi-Crew (Sameer, Jon, Elyseo, Gungun)

Holi-Crew (Sonu, Sameer, Jon, Elyseo, Max)

Holi-Crew (Sonu, Sameer, Jon, Elyseo, Max)

Die Atmosphäre war dicht vor Zuneigung. Wir alle konnten fühlen, dass wir an etwas ganz Besonderem teilhatten, dass es in diesem Moment einfach keinen besseren Ort auf diesem Planeten gab, an dem wir hätten sein können.

Holi-Skeptikerin

Holi-Skeptikerin

Am Nachmittag löste sich die Gruppe langsam voneinander.

Nach und nach zog sich jeder in sein jeweiliges Quartier zurück – bei mir hieß das, die Treppen ein Stockwerk hinab.

Dort dann der zum Scheitern verurteilte Versuch, die Holi-Farbe mit der Kaltwasser-Eimer-Variante einer Dusche von meiner Haut zu schrubben.

Das meiste gelang zwar wider Erwarten, doch ein wenig Blau verblieb in meinem Gesicht, Pink ziert noch immer meinen rechten Oberarm und auch habe ich das Gefühl, dass ich jedes Mal, wenn ich seither aus dem Bad komme, irgendwie mehr Farbe an mir trage als zuvor, ohne dass ich bislang wirklich hätte herausfinden können, woher sie stammt.

Den Abend verbrachten wir in ruhiger Besinnlichkeit. In kleiner Gruppe saßen wir beisammen, allesamt trunken von der Schönheit des Tages, allesamt gleichsam verbunden in der Unfähigkeit, das Erlebte in Worte zu kleiden.

Meine Tage in Bundi neigen sich unweigerlich ihrem Ende entgegen. Donnerstag werde ich nach dann zehn Tagen wohl in Richtung Orchha weiterfahren. Somit verlasse ich Rajasthan und wechsle hinüber nach Uttar Pradesh, ehe es hinauf in den Norden geht.

Das Schöne ist, dass mich Queen Margaret begleiten wird, ich also zum ersten Mal auf dieser Reise eine Reisepartnerin haben werde. Darauf freue ich mich.

Nach zweieinhalb Wochen habe ich endlich das Gefühl, wirklich in Indien angekommen zu sein. Voller Spannung harre ich der Dinge, die da noch kommen mögen.

4 Gedanken.

  1. Nachdem mir jan gestern deine seite hier gezeigt hat, habe ich alles von deiner indienreise sofort verschlungen. Wenn man so liest fühlt man sich als würde man dabei sein. Ich hoffe du erlebst noch viele schöne dinge und lernst noch mehr interessante menschen kennen!
    Liebe grüße
    Steffi

  2. wow you look happy!
    ich möcht immer gar nicht, dass deine berichte enden..berührt mich und lässt meine augen feucht werden , auch weil ich weiss, wie es sich anfühlt in diesem land zu sein, wie es riecht und schmeckt und wie schwer es ist diese farben wegzuwaschen weiss ich auch 😉
    ich freue mich für dich lieber freund!
    trink eine limca für mich oder ein mazza
    namaskar
    julie

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