Herbstgedanken

Ist schon wieder eine Weile her, dass ich von mir habe hören lassen – doch meine Lust hält sich immer wieder in Grenzen, da die Reaktionen auf meine Mails sehr spärlich gesät sind.

Seit gut zwei Wochen schreit mein Posteingang stets: NEEEEEEEEEEE, da sind keine Freunde, die dir schreiben – und das ist erst recht frustrierend, da Manu täglich neue Mails bekommt und Briefe und Anrufe etc.

Also, wenn Du diese Mail gerade liest und mir noch nicht geschrieben hast oder schon lange nicht geschrieben hast: überwinde den inneren Schweinehund und Flossen an die Tasten.

Warum glaubst Du denn, dass Du in diesem Verteiler bist?

Richtig! Ich habe Lust, Kontakt zu Dir zu halten!

Kontakt allerdings bedeutet für mich SICH AUSTAUSCHEN, solange also nur ich Dir schreibe, kann man das nicht Kontakt nennen, eher monologische Ergüsse.

So, Schluss mit dem Lamento, auch wenn es mich nervt, gerade das Gefühl zu haben, hier etwas allein zu sein. (Die Family möge sich hiervon mal ausgenommen fühlen!)

Ich monologisiere trotzdem auf die althergebrachte Weise und lasse Dich an meinem Leben hier teilhaben.

Dieses Leben ist gerade recht angenehm, aber zum Teil auch sehr anstrengend.

Ich bin gerade dabei, den ersten Teil meines Romans zu beenden (den ersten Teil innerhalb eines großen Ganzen) und das bedeutet viele Stunden des Überarbeitens und die Erstellung der letzten Kapitel (17 werden es im ersten Teil sein, gerade fehlt mir nur noch eins, wobei ich dazu noch ein paar Infos benötige, auf die ich derzeit noch warte).

Das Schreiben ist gerade sehr interessant. Vor allem hat es sich um eine immense Dimension erweitert, nämlich die Recherche. Die Geschichte wird mich im zweiten Teil an Schauplätze führen, die ich zwar kenne, zu deren geschichtlichen Hintergründen ich mir momentan allerdings jede Menge Wissen anlese.

Das ist spannend – es geht um den Bürgerkrieg, der in Guatemala über 30 Jahre gewütet hat und den hier in Deutschland kaum jemand zur Kenntnis nahm – zumindest kann ich mich als Kind der 80er sehr wohl daran erinnern, dass der Name Managua (die Hauptstadt Nicaraguas) beinahe täglich in den deutschen Medien auftauchte und ausführlichst über die Revolution der Sandinisten beziehungsweise die von Reagen befeuerte Konterrevolution berichtet wurde, wohingegen die Massaker an der indigenen Bevölkerung Guatemalas kaum je Erwähnung fanden.

Wie das oft so ist, wenn man beginnt sich mit einem Thema zu beschäftigen: es entsteht eine Art Sog, der dich immer weiter hineinzieht, du möchtest immer mehr erfahren und binnen Kürze wird ein Thema, von dem du zu Beginn keinen Schimmer hast, zu einer greifbaren Angelegenheit. Wie von selbst tauchen Bücher auf, die ich gerne lesen würde – und meine Nachforschungen haben mich gestern sogar soweit geführt, mit der katholischen Erzdiözese in Guatemala Kontakt aufzunehmen, da mir ein Teil des sogenannten REMHI-Berichts fehlt, der unter dem Titel „Guatemala – Nunca más“ (Nie wieder) die unvorstellbaren Gräuel dieses Vernichtungsfeldzuges gegen die Maya-Bevölkerung aufzuarbeiten bemüht ist.

Immer wieder stoße ich auf überraschende Erkenntnisse. Dazu gehört die Rolle der USA und der mulitnationalen Konzerne wie die United Fruit Company mit Sicherheit nicht – wohl hingegen die Rolle der katholischen Kirche in diesem Zusammenhang. Ich stelle fest dass ich in diesem Falle meinen gepflegten Katholiken-Hass ein wenig differenzieren muss, ja, dass sich viele katholische Missionare und Priester sogar der Guerilla anschlossen und den Militärregierung unter Gefahr fürs eigene Leben die Stirn boten. Die Welt ist eben nicht schwarz und weiß und die Kirche in Guatemala stand den Ideen der Befreiungstheologie sehr nahe, auch wenn es natürlich ebenso ein paar reaktionäre Vertreter des Vatikans gab.

Immerhin ging das Ganze so weit, dass der Bischof, der die Untersuchungen des oben genannten REMHI-Berichts leitete, zwei Tage nachdem er den Bericht der Kommission an die Öffentlichkeit gebracht hatte, in seiner Garage erschlagen wurde.

Du siehst, es gibt viele Zusammenhänge, über die wir in Europa, oder zumindest in Deutschland, nicht die geringste Ahnung haben, wenn wir uns nicht explizit mit diesem Thema beschäftigen.

Viel Arbeit also, die mir zunächst bedrohlich erschien, immer mehr jedoch den Charakter einer Herausforderung angenommen hat, der ich mich zu stellen gerne bereit bin.

Ansonsten schätze ich im Moment das spanische Klima sehr. Es ist Ende Oktober und noch immer hat es tagsüber bis zu 25 Grad, die Sonne scheint und Manu und ich springen sogar noch ins eisige Meer.

Letzte Woche hatten wir allerdings auch stürmische Tage. Das war super.

Ich verbrachte Stunden damit, von unserem Balkon aus den Wellen zuzusehen. Von einem Tag auf den anderen war das gemächliche Mittelmeer nicht wiederzuerkennen, glich eher einer aufgebrachten Nordsee oder dem Atlantik, wobei es dennoch nicht kalt war.

Wir hatten zu dieser Zeit gerade Besuch. Jürgen und Silvia waren mit dem Wohnmobil nach Spanien unterwegs und hatten Manus Fahrrad im Gepäck – und Samba, einen Hund von der Größe eines Kälbchens, jung, verspielt und immer um den Zusammenhalt der Herde besorgt.

Die Beiden nächtigten zwei Tage in unserem Gästezimmer und erlebten hier gerade den stürmischsten Tag mit – aber es war ein echter Spaß bei dem Wind spazieren zu gehen.

Ohnehin finde ich es immer anregend, komplette Tage mit Menschen zu verbringen, mehr noch, wenn ich sie, wie im Falle von Jürgen und Silvia, kaum kenne. Das führt zu einem intensiven Austausch und zu einer Art von Kennenlernen, die bei flüchtigen Begegnungen nicht so leicht zu erreichen ist. Naja, die Beiden sind nach Andalusien weitergefahren – dort haben sie vermutlich noch mal ein paar Grad mehr und vielleicht springt auch Samba dann mal ins Meer – hier war ihm das suspekt: Zunge rein und dann SALZ, igitt. Und noch diese Wellen – nein, kein Spaß für Hunde, die sonst nur Seewasser kennen.

Manu fühlt sich hier auch wohler, seit er seine kreativen Blockaden durchbrochen hat. Er hat ein paar echt tolle Bilder auf Leinwand gemalt – und auch ich habe mich daran gewagt, mit Acrylfarben zu malen – ein Wunsch, den ich schon seit Jahren hegte, mich jedoch nie umzusetzen getraut habe. Was für seltsame Glaubenssätze man manchmal mit sich herumträgt. Dabei wusste ich, dass Malen mir Spaß macht – aber ich dachte mir zugleich: ich kann das nicht. Und siehe da, so schlecht war es gar nicht, als ich erst mal loslegte.

Das Schöne bei Malen ist nämlich, dass ich nicht diesen Anspruch habe, es besonders gut machen zu müssen (wie ich ihn beim Schreiben mit mir herumtrage) – ich kann es einfach tun. Das ist gut, denn deshalb ist es sehr entspannend und ich kann mich stundenlang in einer Welt aus Farben und Gedanken-Kreiseln verlieren.

Auch eine hübsche Foto-Collage habe ich erstellt und weitere werden folgen.

Kreativer Herbst, sozusagen.

Heute ist jedoch mal Entspannung angesagt – erstaunlich, da arbeite ich nicht und muss mir trotzdem einen Extra-Tag dafür einräumen, mal nichts zu tun, da ich ansonsten permanent meine Grenzen überschreite und abends völlig erschlagen ins Bett falle: ich meistens so um zehn, Manu so um halb drei… Allerdings stehe ich morgens auch mit der Sonne auf, während er bis mittags schläft.

So, das soll von mir erst mal genügen. Ich sende Euch ein paar Fotos mit – ach, der Meerblick ist großteils von unserem Balkon aus zu bewundern. Wollte es nur erwähnt haben:-)

Un abrazo,

Elyseo

Ach, und wer jetzt immer noch liest: nicht vergessen: RAN AN DIE TASTEN! So stressig kann auch der schwarzgelbe Herbst nicht sein, dass sich nicht ein paar Minuten Zeit für Freunde einräumen ließe!

Cambrils, 27.10.2009

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