Gyöngyösis Liste

„Du wirst doch nicht in letzter Sekunde kneifen wollen?“
Etel schüttelt den Kopf. „Natürlich nicht“, knurrt sie. „Gib schon her!“
Ich atme auf und gebe ihr die Kneifzange. Sicherlich könnte ich es selbst machen, aber Etel ist erfahrener in solchen Dingen. Außerdem ist sie, wie ich neidlos anerkennen muss, die pragmatischere von uns beiden. Vielleicht hat das damit zu tun, dass sie acht Minuten älter ist als ich, was sie mir nur allzu gern unter die Nase reibt. Auf jeden Fall steht fest, dass sie, betrachtet man die Verteilung der Talente, der Mann von uns beiden sein sollte. Dafür hasse ich sie ab und an. Anderntags ruhe ich mich eher auf dieser Tatsache aus. Heute zum Beispiel. Wenn sie meint, die toughe Lesbe geben zu müssen, bitte.
Mühelos durchschneidet meine Schwester den Maschendrahtzaun, der das Messegelände umgibt. Mit gönnerischer Geste öffnet sie mir einen Durchschlupf im Drahtgeflecht. Hastig zwänge ich mich hindurch. Etel folgt mir und drückt den Zaun wieder zusammen, sodass die Öffnung hoffentlich unentdeckt bleibt.
Jetzt heißt es nur, keinem Wachmann in die Arme zu laufen.
Im Grunde genommen ist unsere Unternehmung eine Tollheit. Dennoch sind wir in all den Wochen der Planung zu dem Schluss gekommen, dass wir es zumindest versuchen müssen. Entweder gehen wir in die Geschichtsbücher ein oder wir verschwinden in der Versenkung.
Gewissermaßen trägt man als Mensch ja eine Verantwortung, ob einem dies Recht ist oder nicht. Bei Etel habe ich das Gefühl, dass es ihr durchaus Recht ist. Seit unserer frühesten Kindheit trägt sie diese Flausen in ihrem Kopf spazieren. Was mich selbst angeht, bin ich mir da keineswegs so sicher. Aber ich bin eben der kleine Bruder, nichts weiter. Geschichte war nie mein Lieblingsfach. Auch können mir Bücher im Allgemeinen gestohlen bleiben.
„Komm endlich!“
Etels kühler Tonfall bringt mich in die Wirklichkeit zurück. Ich straffe mich und schüttele den Kopf.
Folgsam trotte ich hinter meiner Schwester her.
Eines muss man ihr lassen: Schwarz steht ihr ausgezeichnet. Selbst in diesem Verbrecher-outfit strahlt sie Sex aus. Geschmeidig wie eine Raubkatze stiehlt sie sich über den tau-feuchten Rasen hin zur Halle, die den Buchstaben H trägt.
Zwar lässt der Bewegungsmelder die Scheinwerfer anspringen, die die Fläche vor der Halle beleuchten, doch haben wir in der Beobachtungsphase festgestellt, dass dies nicht weiter ungewöhnlich ist. Auch Katzen und Eichhörnchen lösen ihn aus.
Was allerdings ungewöhnlich ist, ist der uniformierte Typ, der gerade von Halle G in unsere Richtung schlendert.
An seiner Hüfte baumelt ein Schlagstock. Der Nachtwächter sieht aus, als verbrächte er seine Freizeit damit, Fitnessstudios zu demolieren. Selbst mir als Mann ist auf einen Schlag klar, dass das maliziöse Lächeln auf seinen Lippen wohl nicht dazu angetan ist, Frauenherzen höher schlagen zu lassen. Meine Schwester ist diesbezüglich ohnehin immun.
Offenbar hat Killerbratze uns noch nicht gesehen. Das hoffe ich jedenfalls, als meine Schwester mich hinter eine Espe zieht. Sollte er uns nämlich erspäht haben und dies ist seine Reaktion– Darüber mag ich gar nicht nachdenken. Ich weiß ja selbst, dass wir nicht sonderlich beeindruckend aussehen, aber–
Schluss.
Etel hat ihren Arm vor meinen Brustkorb gelegt und drückt mich gegen den Stamm der Espe. Ein leichter Wind lässt das Laub über uns Erzittern. Die Welt ist so durchschaubar.
Killerbratze läuft zielstrebig auf die Halle H zu. Wir drücken uns um den Baumstamm herum, um ihm nicht ins Blickfeld zu geraten. Seine Oberarme machen mich nervös. Ich spüre, wie meine Nase zu kribbeln beginnt. Das passiert mir immer, wenn ich nervös werde. Selten aber habe ich es derart bedauert wie in diesem Augenblick.
Meine Schwester, die dieses Leiden nicht mit mir teilt, um meines aber wohl weiß, bedenkt mich durch die Augenschlitze ihrer Strumpfmaske mit ihrem Stahlblick. Das macht es nun wirklich nicht besser. Zwanghaft versuche ich, das aufsteigende Kribbeln zu unterdrücken. Es gelingt mir jedoch nicht.
Das Schlimme ist, dass die Sache bei mir eine Ganz-oder-Gar-Nicht-Angelegenheit ist. Mein Niesen vermag die Nachbarschaft in ihren Fernsehsesseln anzulüpfen, kleine Kinder weinend nach den Rockzipfeln ihrer Mütter greifen und Katzen aus hochgelegenen Fenstern springen zu lassen – soweit diese geöffnet sind, ansonsten ist auch der Klang gegen Scheiben prallender Katzenleiber mir keineswegs fremd.
Ich niese.
Aus der Espe flieht eine Käuzchen-Familie in heller Panik, nicht ohne dass ein Familienmitglied sich noch schnell über dem Kopf meiner Schwester entleert hätte. Etel wirft mir einen vernichtenden Blick zu. Schlimmer aber ist, dass Killerbratze seine Gleichmut verloren zu haben scheint.
Überflüssigerweise leuchtet er mit seiner Stabtaschenlampe in unsere Richtung, obwohl die Scheinwerfer den Rasen in gleißendes Licht tauchen. Das gibt einen gewissen Aufschluss über seine Intelligenz.
Etel hat sich in Kämpferpose begeben. Ihr Körper wirkt angespannt. Die Jahre des Kampfsports machen sie mutig. Ich hingegen blicke mich nach einem Fluchtweg um. Selbst wenn meine Schwester mit Killerbratze fertig werden sollte, wäre das das Ende unserer Mission. Davon mal abgesehen, dass dies keineswegs sicher ist, halte ich das ganze Szenario keinesfalls für den Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
Mein Blick fällt auf eine rot gestreifte Katze, die sich unter einem Gebüsch ganz in unserer Nähe herumdrückt. Ihr Schwanz zuckt nervös. Vermutlich kämpft sie immer noch mit den Nachwehen meines Niesens.
Killerbratze schreitet zielsicher über den Rasen. Gesehen haben kann er uns bislang nicht. Die Espe verbirgt uns. In Gedanken messe ich die Strecke zu dem Gebüsch. Ich bedeute Etel, nichts Unüberlegtes zu tun. Wie ein Schatten gleite ich davon. Glücklicherweise verdeckt der Stamm der Espe meine Bewegung, sodass Killerbratze mich nicht sehen kann.
Die Katze buckelt. Sie wirft mir dabei einen Blick zu, der dem von Killerbratze in nichts nachsteht, nur bin ich in diesem Falle größer. Dumm von ihr, dass sie sich nicht direkt auf und davon gemacht hat. Mit einem Sprung nach vorn ergreife ich sie. Sie faucht, das kann mir allerdings nur Recht sein. Ich packe sie und schleudere sie in hohem Bogen auf die Rasenfläche. Ihr Flug verläuft sanft, der Schreck allerdings hat den gewünschten Effekt: das Rotfellchen schreit entsetzt auf. Als sie auf dem Boden aufkommt, tut sie einen weiten Satz und miaut erbost.
Meine Schwester wirft mir einen bedeutungsschwangeren Blick zu.
Jetzt kommt es auf Killerbratze an.
Ich schleiche zum Espenstamm zurück und kann eben noch erkennen, wie der Nachtwächter den Kopf schüttelt und kehrt macht. Noch mal gut gegangen. Erleichtert stoße ich die Luft aus.
Wir warten einige Minuten, bis sich unser Pulsschlag beruhigt hat.
Als sich erneut Stille über die Nacht gesenkt hat, huschen wir über den Rasen hinüber zum Hintereingang der Halle H.
Das Brecheisen leistet in diesem Moment wertvolle Dienste. Während Etel der Stahltür zu Leibe rückt, sehe ich mich nach Killerbrätzchen um. Ich mag es, Dingen, die mir Angst machen, verniedlichende Namen zu geben. Das hat schon als Kind funktioniert – ich denke nur an Amalinchen, die haarige Kellerspinne, die wochenlang in unserem Kinderzimmer hauste.
Die Stahltür springt mit unangebrachtem Getöse auf. Ganz Ungarn scheint in diesem Moment stillzustehen. Schon spüre ich, wie ein neuerliches Kribbeln in meiner Nase aufsteigt. Ich kneife meine Nasenflügel mit den Fingern zusammen und weiche Etels Blick aus, um die Lage zu entspannen.
Als ich drinnen bin, zieht meine Schwester die Tür hinter uns zu. Vor uns liegt ein langer Gang. Nur einige mattgrün beleuchtete Ausgänge erhellen ihn notdürftig. Die Schummeratmosphäre saugt an meiner Energie. Meine Güte, was tun wir hier eigentlich? Wir sind doch nichts weiter als zwei ganz normale – nun gut.
Ein kühler Luftzug weht uns entgegen.
„Hast Du eine Ahnung, wo wir jetzt hin sollen?“
Etel schüttelt unwirsch den Kopf. „Hör auf, mir auf den Sack zu gehen, Milán!“
Ich verkneife mir den Kommentar, dass dies nur schwer möglich sei.
„Ich hab‘ noch nicht mal eine Idee, warum sie ihn ausgerechnet hier aufbewahren! Total unsinnig eigentlich!“
„Wahrscheinlich wissen sie, dass wir nicht die einzigen sind, die ihn vernichten wollen. Außerdem, geliebtes Schwesterchen, ist Absurdität doch der Normalzustand, seit die Jobbik an der Macht ist, meinst du nicht?“
Sie seufzt. In diesem Augenblick bemerkte ich wieder einmal, dass unter der harten Schale meiner Zwillingsschwester jener weiche Kern verborgen ist, der mich zu ihrem treuen Gefolgsmann macht. Sie ist nicht nur hier, weil sie eine Lesbe ist, die fürchtet, dass die ganze Geschichte weitere Kreise zieht, obschon dies natürlich eine Rolle spielt. Wer will es ihr verdenken. Schützen wir nicht stets, was uns lieb und teuer ist?
Ich denke daran zurück, wie alles begonnen hat.
Es dürfte im Jahre 2012 gewesen sein. Niemand nahm es ernst. Wie naiv wir alle gewesen waren! Ich erinnere mich an die gelöste Stimmung auf der Demonstration vor dem Parlament, als Gyöngyösi zum ersten Mal die Einführung der Liste gefordert hatte, auf denen alle Juden verzeichnet waren. Wir fühlten uns, als stünden wir zusammen, als wären wir ein Volk, mit dem dergleichen nicht möglich wäre. Die Jobbik, das waren andere, nicht wir.
Beim Gedanken daran sammelt sich galliger Speichel in meiner Mundhöhle.
Ja, wie unglaublich naiv wir gewesen waren.
Aber wer rechnete damals damit, dass das, was bereits jahrelang als die größte Krise seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 bezeichnet wurde, für Europa erst der Auftakt sein sollte. Dass es uns im Jahre 2012 im Vergleich zu allem, was folgen sollte, blendend ging. Niemand vermochte sich vorzustellen, was ein Zusammenbruch wirklich bedeuten würde. Das Aufbäumen stürzender Eliten. Straßenschlachten. Hunger. Gyöngyösi und die Seinen als Retter in der Not. Wiedererwachende Großmannsucht. Die Revision jenes ominösen Vertrages von Trianon, an dessen Entstehung kein Lebender mehr beteiligt gewesen war. Die Stunde der Ewiggestrigen.
Wir hatten ja keine Ahnung.
Würde uns dies fortan als Vorwand dienen müssen?
„Milán, hör endlich auf zu träumen.“ Der Ellbogen in meinen Rippen bringt mich unversehens in die zugige Wirklichkeit der Halle H zurück. Ich rümpfe die Nase, lasse mich jedoch vorantreiben. Etel hat Recht, dummer Moment für wehmütige Gedanken.
Wir eilen den beidseitig von Stahltüren gesäumten Gang entlang. Mich überrascht der muffige Geruch. Wenn wir auf dem rechten Weg sind, kann nicht allzu viel Zeit vergangen sein, seit jemand hier gewesen ist. Seltsam. Unwillkürlich kratze ich die juckende Kopfhaut unter meiner Strumpfmaske.
„Wenn die Infos von Zsuzsanna richtig sind, müssen wir in den ersten Stock!“ wispert Etel.
„Die Putzfrau?“
„Wer denn sonst? Hast du noch andere Informanten hier eingeschleust?“ Ihr Lachen hallt höhnisch den Gang hinab. Sorgenvoll lege ich einen Finger auf meinen unter schwarzer Wolle verborgenen Mund.
„Hier ist niemand!“
„Bist du dir da so sicher?“
Irgendwo im Gebäude knarzt es. Ich sehe, wie der Stahl aus den Augen meiner Schwester tropft.
„Weiter“, flüstere ich. „Lass uns die Treppe finden! Laut Grundriss müssen wir den zweiten Gang links nehmen.“
Ein weiterer Laut lässt mich in meiner Bewegung innehalten.
Schritte?
Ist Killerbratze doch auf uns aufmerksam geworden? Oder wird gar die Halle selbst bewacht?
Fragend sehe ich zu Etel. Meine Schwester hat ihre Ruhe wieder gefunden. Sie deutet auf einen Gang, der einige Meter entfernt liegt. So geräuschlos wie möglich hasten wir darauf zu. Eben noch rechtzeitig, wie sich alsbald herausstellt. Kaum sind wir abgebogen, luge ich ums Eck und erspähe einen Uniformierten, der schweren Schrittes den Korridor herabkommt. Es handelt sich nicht um unseren Freund Killerbratze.
Wortlos dränge ich Etel den Flur hinab. Wir haben eine Chance, wenn der Wachmann die aufgebrochene Tür nicht bemerkt. Der Linoleumboden wirft den Klang unserer Schritte missgünstig in den Raum. Kein Wunder. Meine Beine fühlen sich bei jedem Schritt schwerer an.
Weiter.
Hilft alles nichts.
Möge es die Weltgeschichte uns eines Tages danken!
Der Korridor führt uns in die Eingeweide der Halle hinab. Da keiner mit unserem Besuch gerechnet hat, ist es nahezu dunkel. Auch wird der muffige Geruch hier stärker.
„Wer ist da?“
Die Stimme dröhnt drohend den Gang hinab. Mir stockt der Atem.
„Stehenbleiben!“
Aus der Ferne gleitet ein Lichtkegel den Korridor hinunter.
„Scheiße!“ zischt Etel. „Wenn der uns erwischt, sind wir geliefert.“
Selbiges wäre mir auch ohne den hilfreichen Kommentar meiner Schwester klar gewesen. Panisch rüttle ich am Griff der erstbesten Stahltür.
Verschlossen.
Ich stürze zur nächsten.
Bislang hat uns der Lichtkegel nicht erhascht. Wir ignorieren die Aufforderung des Uniformierten.
Verschlossen.
Weiter. Nichts dringt mehr zu mir durch. Nur Türen und Klinken. Ich rüttle. Verschlossen. Rüttle. Verschlossen. Rüttle. Verschlossen. Rüttle.
Die Tür gibt nach.
Behende ziehe ich meine Zwillingshälfte hinter mir her und drücke die schwere Tür hinter mir zu. Ein dichtes Gewebe widerwärtiger Gerüche hängt in der Luft. Um uns völlige Finsternis.
„Wer ist da?“
Ich unterdrücke einen Aufschrei.
Etel scheint ebenfalls zur Salzsäule erstarrt zu sein. Die Stille wird noch gespenstischer.
„Ist da jemand?“ Die Stimme klingt furchtsam.
Ich wage nicht zu atmen. Meine Gedanken rasen. Draußen wartet Killerbratzes Kollege. Sollten wir überhaupt hinaus kommen.
„Hallo? Wer ist denn da? Ich kann Sie hören! So sprechen Sie doch mit mir!“
Etel räuspert sich. „Sie haben richtig gehört.“
„Wer sind Sie?“ Die Stimme senkt sich zu einem Flüstern ab. „Sie gehören nicht zu denen, oder?“
Ich schüttle den Kopf. Erst dann bemerke ich, dass der Fremde mich ebenso wenig sehen kann, wie ich ihn.
„Nein. Das tun wir nicht“, entgegne ich, ohne genau zu wissen, wer die sind. „Was machen Sie hier? Wer sind Sie?“
Die Stimme lacht düster auf.
„Schwer, das nicht zu vergessen – an einem Ort wie diesem. Aber noch habe ich meine Sinne beisammen, will mir scheinen. Mein Name ist Joёl.“
„Was machen Sie hier, Joёl?“
„Ich warte auf den Tod.“
Die Resignation in Joёls Stimme treibt mir eine Gänsehaut über den Leib. Mein Schweiß durchtränktes Unterhemd klebt wie ein feuchter Lappen auf meinem Rücken. Ich fühle, wie Etel meine Hand ergreift. Sie drückt zu.
„Wer hat Sie hierher gebracht?“ fragt Etel.
„Wer sind Sie überhaupt?“ kommt die Gegenfrage.
„Ich heiße Milán“, stammle ich, „und das, das hier ist meine Schwester Etel. Zwillingsschwester, um genau zu sein.“
„Und was wollen Sie hier?“ Als keiner von uns etwas sagt, fügt er hinzu: „Sie hätten nicht kommen sollen. Das ist ein verwünschter Ort. Von hier aus gibt es kein Zurück.“
Ich schlucke. Der schwere Dunst umhüllt mich wie eine modrige Wolldecke.
„Das ist doch Unsinn. Es gibt immer ein Zurück.“ Etels Eisenstimme bringt die Hoffnungslosigkeit im Raum zum Glimmen.
Ich warte auf eine Reaktion des Fremden.
Joёl aber schweigt.
Sein Schweigen beängstigt mich mehr, als tausend Worte es vermocht hätten.
„Warum sitzen Sie hier, wenn die Tür nicht abgesperrt ist?“
„War sie nicht?“
„Nein.“
„Es spielt keine Rolle. Hier gibt es kein Entkommen.“
Diesmal ist es an mir zu schweigen. Selbst Etel hält ihre große Klappe.
„Weswegen sind Sie also hier?“
„Wir werden die Liste finden. Wir haben erfahren, dass sie hier aufbewahrt wird.“ Die Stimme meiner Schwester klingt rostig.
„Die Liste?“
„Naja, den Zentralrechner, auf dem sie abgelegt ist.“
„Glauben Sie ernsthaft, dass das irgendetwas ändern wird?“
„Ja.“ Das klingt weniger überzeugt, als mir lieb ist. „Wir müssen es zumindest versuchen!“ schiebe ich hinterher.
Wieder krächzt Joёl auf.
„Hoffnung ist ein Vorrecht der Jugend.“
Was ist nur mit diesem Mann geschehen? Wie lange ist er schon hier? Ich fürchte, er hat in der Finsternis den Verstand verloren.
Meine Augen wollen sich einfach nicht an die Dunkelheit gewöhnen. Nichts als schwarze Suppe ringsumher.
Von draußen dringt ein Geräusch zu uns herein.
„Scheiße“ wispert Etel.
„Kann man sich hier irgendwo verstecken?“ frage ich.
Joёl brummt etwas Unverständliches. Das Geräusch kommt näher.
„Sie müssen uns helfen“ flehe ich ins schwarze Nichts.
Ein Schlüssel wird ins Schloss gesteckt. Ein Bolzen schnappt zurück.
Ich springe einen Schritt nach hinten und pralle mit dem Rücken gegen etwas, das sich wie ein Eisenregal anfühlt.
Die Tür geht auf. Das Licht der Taschenlampe blendet mich. Ich vermag nichts als eine breitschultrige Silhouette auszumachen.
Ich weiche weiter zurück. Die Silhouette kommt näher. Mein Herz rast. Ich packe das Regal und drücke mit aller Kraft zu. Nichts geschieht.
„Ja wen haben wir denn da?“ Ölig wabert die Stimme durch den Raum.
Ich drücke weiter.
Das Regal wankt. Noch einmal stoße ich heftig dagegen.
Es kippt nach vorne. Die Silhouette ächzt und geht zu Boden.
„Schnell, nichts wie raus hier!“
Davon braucht meine Schwester mich nicht lange zu überzeugen.
„Joёl, kommen Sie mit!“
Der Lichtkegel der Taschenlampe, die ebenfalls zu Boden gegangen ist, lässt mich die Figur eines abgemagerten Mannes erahnen. Sein Zögern ist schier mit Händen zu greifen.
„Joёl!“ sagt Etel mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldet. Das scheint auch der Angesprochene zu bemerken. Tastend setzt er sich in Bewegung.
Ich ergreife seine Hand. Widerstrebend lässt sich Joёl durch die geöffnete Tür ziehen. Draußen atme ich tief durch. Was nun? Mein Blick fällt auf den Schlüsselbund, der im Schloss stecken geblieben ist. Ich ziehe die Tür zu und sperre ab. Daraufhin stecke ich die Schlüssel ein. Wer wusste schon, ob sie uns nicht noch nützlich sein könnten.
„Wir müssen diese Treppe finden“, flüstert Etel.
„Das ist doch alles sinnlos“, stöhnt Joёl. Im Zwielicht des Korridors erkenne ich seine ausgemergelten Wangen. Ein graudurchwirkter, verfilzter Bart steht ihm im Gesicht. Unmög-lich zu sagen, wie alt er ist.
„Jetzt reißen Sie sich gefälligst zusammen!“ zischt meine Schwester und ergreift die Hand des Mannes. „Wir werden Sie hier nicht zurücklassen.“ Verborgen unter all der Härte höre ich das Pochen ihres guten Herzens.
Die kleine Etel kommt mir in den Sinn. Ein blonder Lockenschopf, der sich beherzt zwischen mich und den Gürtel meines Vaters stellte. Unrecht hat sie seit jeher verabscheut.
Ich muss uns hier wieder rausbringen. Meine Schwester ist zu Großem bestimmt, da bin ich mir sicher. Dies ist erst der Anfang. Wir dürfen einfach nicht Scheitern!
Wir laufen den Gang zurück, über den wir zuvor geflüchtet sind. Erst jetzt bemerke ich Joёls Hinken. Bei jedem Schritt verzieht er das Gesicht. Wir kommen nur langsam voran.
Am Ende des Korridors biegen wir nach rechts ab. Keiner von uns spricht ein Wort. Allein das Keuchen unseres Atems hallt von den Wänden wider. Es scheinen keine weiteren Wachmänner hier postiert zu sein.
Mir fällt auf, dass unser Begleiter zurückzufallen droht. Schweiß glänzt auf seiner Stirn. Es gelingt ihm kaum noch, ein Stöhnen zu unterdrücken.
„Kommen Sie her, ich helfe Ihnen!“
Gehorsam wie ein kleines Kind legt der Mann mir den Arm um die Schulter und stützt sich auf mich. Der Ausdruck in seinen Augen zeigt mir, dass es lange her ist, dass zuletzt jemand etwas für ihn getan hat. Ein Glücksgefühl durchströmt mich.
Was wir hier tun, ist richtig! Wir schaffen es!
Endlich stoßen wir auf die Treppe. In einer Ecke der Halle windet sie sich in den ersten Stock hinauf. Wer baut eine Wendeltreppe in ein derart nüchternes Gebäude? Aber wir sind keine Architekturkritiker.
Ein handfester Nachteil besteht jedoch darin, dass wir keine Möglichkeit haben, von unten zu sehen, was uns oben erwartet. Oder wer.
Etel gebietet uns, stehen zu bleiben. Ich gehorche und spüre wie sich Joёl ein Seufzer entringt. Meine Schwester gleitet geräuschlos die Stufen hinauf. Im Nu hat die Finsternis sie verschluckt. Joёl lehnt sich schweigend an mich. Ein vergorener Geruch steigt mir in die Nase.
Wir warten.
Die Sekunden dehnen sich zu einer Ewigkeit. Eine tödliche Stille hängt in der Luft.
Ich blicke auf meine Armbanduhr.
Ein Zittern erfasst Joёls Leib und überträgt sich auf mich. Mühsam schiebe ich den Kraußbärtigen einige Meter voran. Es gelingt mir, ihn auf die unterste Stufe zu setzen. Erschöpft sinkt er an der Wand nieder. Erneut sehe ich auf die Uhr. Es ist nichts zu hören. Was tut sie nur?
Ein kühler Luftzug lässt mich frösteln. Oder ist es eine Vorahnung?
Meine Nackenmuskeln schmerzen. Ich strecke mich. Verlagere mein Gewicht von einem Bein auf das andere.
Es tut einen Schlag.
Was war das?
In Joёls Augen blitzt Panik auf.
„Was–?“
Ich atme tief durch und zucke mit den Achseln.
Ruhe bewahren.
Ich lege einen Finger vor den Mund und bedeute Joёl, sich nicht vom Fleck zu rühren. Ein Eisblock hat sich an die Stelle meiner Eingeweide gedrängt. Nichtsdestoweniger steige ich die Wendeltreppe hinauf, bemüht jegliches Geräusch zu vermeiden.
Joёl bleibt zurück.

Als ich mich umwende, sehe ich ein jämmerlich zusammengekauertes Häufchen Mensch am Fuße der Treppe.

Die Treppe ist länger als erwartet. Oben angekommen muss ich feststellen, dass die Beleuchtung hier noch schummriger ist als im unteren Stockwerk. Ich kneife die Augen zusammen, um mir einen Überblick zu verschaffen.
Vor mir liegt eine weitläufige Halle, in deren Mitte Stuhlreihen aufgestellt sind. Dahinter erkenne ich die Umrisse einer Bühne. Von meiner Schwester ist nichts zu sehen.
Wo ist sie nur?
Auch sonst regt sich nichts.
Am liebsten würde ich umdrehen und davonlaufen.
Langsam taste ich mich voran, folge der Wand zu meiner Linken.
Wohin ist Etel verschwunden?
Ich höre ein Rumpeln. Augenblicklich erstarre ich. Das Geräusch scheint von der gegenüberliegenden Seite des Saals zu kommen. Erneut kneife ich meine Augen zusammen, um das neblige Halbdunkel zu durchbohren. Nach einigen Momenten mache ich die Konturen einer Tür aus. Sie ist geschlossen, aber dahinter glimmt ein schwacher Lichtschein.
Ist meine Schwester dort?
Vorsichtig erfühle ich den Sitz meines Stemmeisens. Das massive Metall in meiner behandschuhten Hand zu spüren, verleiht mir ein Gefühl von Wagemut.
Ich stehle mich durch die Stuhlreihen in Richtung Tür.
Ringsumher noch immer keine Regung.
Als ich mein Ohr an die Tür presse, höre ich dahinter ein gedämpftes Stöhnen. Es klingt weiblich.
Meine Schwester?
Kurz gleiten meine Gedanken zu Joёl. Ich muss ihn hier rausschaffen. Ihm beweisen, dass seine Hoffnungslosigkeit unbegründet ist. Dass es immer Hoffnung gibt, man sich nur erlauben muss, sie zu sehen. Zunächst aber muss ich Etel helfen. Dass sie bis jetzt nicht zurück ist, verheißt nichts Gutes. Und dann noch der Rechner.
Außer dem leisen Ächzen, das ich meiner Schwester zuzuschreiben geneigt bin, ist nichts zu hören.
Behutsam drücke ich die Klinke herunter. Die Tür gibt nach.
Durch einen Spalt erkenne ich einen in Neonlicht getauchten Raum.
Mir gefriert das Blut in den Adern.
Auf dem Boden liegt meine Schwester. Ihre Hände sind hinter dem Rücken gefesselt. Jemand hat ihr die Strumpfmaske vom Gesicht gezogen. Strähnig fällt ihr das Haar ins Gesicht. Aus einer Platzwunde über dem rechten Auge rinnt Blut.
Vor ihr steht eine massive Gestalt in Uniform. Der Wachmann hat mir den Rücken zugewandt. Dennoch ahne ich, dass es sich um Killerbratze handelt. Die Verniedlichung bleibt mir im Halse stecken. Er hat mich offensichtlich nicht bemerkt.
Etels Blick trifft den meinen.
Ich drücke die Tür ein wenig weiter auf.
„Gibt es noch andere?“ höre ich Killerbratzes blecherne Stimme.
Meine Schwester schüttelt den Kopf.
„Spar dir deine Lügen, du Schlampe!“ herrscht der Wachmann sie an. Mit dem Stiefel tritt er Etel in den Unterleib. Sie krümmt sich zusammen.
Erst in diesem Augenblick verstehe ich ihren Blick. Im Hintergrund bemerke ich das grüne Blinken eines überdimensionierten Rechners.
Mit festem Griff umklammere ich das Eisen in meiner Rechten.
Etel scheint zu ahnen, was ich vorhabe.
Ihr Blick ist eindeutig.
Aber ich kann doch nicht–?
Meine Eingeweide ballen sich zu einem blutigen Klumpen zusammen.
Sie ist meine Schwester!
Hilfesuchend wandert mein Blick zum ihren zurück.
Die Botschaft ist klar.
Ich beiße mir auf die Wangen. Rost rinnt meine Kehle hinab.
Was auch geschieht, Milán, – vergiss nicht: Das Ziel ist das Ziel.
Ich atme tief durch. Messe in Gedanken die Entfernung zum Zentralrechner.
Vier Meter. Maximal fünf.
Dumpf das Geräusch, das ein weiterer Stiefeltritt in den Magen meiner Schwester verursacht.
„Die Wahrheit! Ich sag‘ es nicht noch einmal!“
Mir ist übel.
Wo ist das Herz dieses Rechners?
Wieder suche ich Etels Blick. Meine Knie schlottern.
Ich denke an Joёl.
Was soll nur aus ihm werden?
In diesem Moment wird mir klar, dass wohl keiner von uns schadlos aus dieser Sache herauskommen wird.
Ich sehe Joёl, wie er sich in sein offenes Gefängnis zurückschleppt.
Scheiß Weltgeschichte!
Ich schiebe die Tür auf. Killerbratze bemerkt mich nicht.
Mit einem Satz springe ich voran. Mit meinem ganzen Gewicht pralle ich gegen den Wachmann.
Brätzchen taumelt, stolpert über den hingekrümmten Leib meiner Schwester. Er stößt einen Fluch aus.
Ich setze nach vorne und stürme auf den Rechner zu.
Atme den Geruch von Moder ein.
Das Stemmeisen geht auf den Computer nieder.
Kein Effekt. Alles blinkt.
Wie wahnsinnig schlage ich auf das metallene Gehäuse ein.
Blinken.
Hinter mir höre ich Killerbratze.
Jetzt oder nie.
Ich hole zum finalen Schlag aus.
Das Eisen saust nieder.
Funken regnen herab.
War es das?
Das Blinken erlischt nicht.
Verzweiflung erfasst mich.
Ich habe es nicht geschafft.
Noch einmal hole ich aus –

Da werde ich von einem schwarzen Loch aufgesaugt.
Das grüne Blinken aber begleitet mich.

 

Elyseo da Silva

Köln, 08. Januar 2013

 

Foto: habeebee. Herzlichen Dank!  430866070_bf100798c8_o - Kopie
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