Graukalte Tage voller Wärme (Camino de Santiago III)

Spanien erlebte in diesen Tagen also, wie die aufgeregten Medien berichteten, den kältesten Mai seit hundert Jahren – und wir mittendrin. Mein Versuch, dem Husten, den ich seit San Bol mit mir herumtrug, mit homöopathischen Behandlungsmetho­den beizukommen, zeitigte in jener ersten Nacht in Carrión de los Condes keinerlei Erfolg, sodass ich erneut eine mehr oder minder schlaflose Nacht im Massenschlaf­saal verlebte.

Der nebelgraue Himmel verhieß am folgenden Morgen Nieselregen und es war vorhersehbar, dass erneut ein mürrischer Wind über die Meseta striche. Einzig die Aussicht an jenem Morgen die 18 Kilometer bis Calzadilla de las Cuezas, diese lange Durststrecke ohne ein einziges Dorf am Wegesrand, nicht allein, sondern zusammen mit Beatriz zurücklegen durfte, stimmte mich fröhlich.

Als ich am verabredeten Treffpunkt, einem kleinen Café in Carrión, ankam, begegnete mir zunächst Edeltraud – eine der beiden Schnappes, wie ich sie, frei nach Hape Kerkeling, getauft hatte. Das wäre mir herzlich gleichgültig gewesen, wäre Edeltraud wie üblich im Doppelpack mit ihrer Weggefährtin aufgetaucht. An jenem Morgen aber betrat sie die Bar allein und ihre Miene wirkte fahl. Insofern erkundigte ich mich, ein wenig scheinheilig, nach dem Verbleib ihrer Wegbegleiterin Ingeborg.

Hierzu eine kleine Vorgeschichte. Zum ersten Mal war ich Ingeborg und Edeltraud (Schnappe und Schnappe) bereits am dritten oder vierten Tag meiner Wanderung begegnet. Die beiden waren, wie sich aus ihren Namen unschwer schließen lässt, zwei ältere deutsche Frauen – deutsch allerdings eher im klassischen Sinne, wie ich an einem Beispiel verdeutlichen will: als die Schnappes und ich kurz nach unserer ersten flüchtig verschwitzten Unterhaltung an einem jener extrem heißen Anfangs­tage in einer kleinen Bar wieder aufeinander trafen, berichtete mir Edeltraud begeistert davon, wie sauber es in der letzten Herberge gewesen sei. Für das Thema Hygiene in exotischen Ländern war ich wohl nicht der rechte Ansprechpartner und zeigte mich etwas verschlossen, weshalb sie auf die Idee kam, mich, um das Gespräch zu beleben, darum zu bitten, in der Herberge im nächsten Ort doch nach Möglichkeit für sie und Ingeborg einen Platz zu reservieren. Ich wehrte mich gegen ihr Ansinnen, schließlich wusste ich so gut wie alle anderen Pilger, dass Reservierun­gen in den Herbergen weder üblich noch erwünscht waren. Als Edeltraud dann allerdings Ingeborg fragte, ob sie denn noch vier Kilometer weiter wandern wolle, belferte diese in ihrem charmanten preußischen Generalstonfall Kommt überhaupt nicht in Frage, sodass sich das Thema ohnehin erledigt.

Edeltraud, so viel sei ihr zugestanden, mochte zwar ihre Macken und verqueren Ansichten haben, war jedoch die umgänglichere der beiden. Sie war Anfang sechzig, trug kurze graue Haare, eine Brille und hatte ein spitzmäusisches Gesicht.

Ingeborg hingegen war siebenundsechzig und nannte das diplomatische Feingefühl eines KZ-Aufsehers ihr Eigen. Ihre herrisch rauchige Stimme bügelte jeden Einwand im näheren oder weiteren Umfeld nieder. Was ihr vorlautes Organ nicht vermochte, schaffte ihr furchteinflößendes Auftreten. Sie glich einer aggressiven Bullterrierdame mit weinrot toupiertem Haupthaar. Vermutlich kam es Ingeborg nur deshalb nicht in den Sinn, irgendjemandes Grenzen zu respektieren, weil sie in ihrem freudlosen Leben noch nie darüber nachgedacht hatte, dass andere Menschen überhaupt Grenzen hatten. Selbst gestandene Männer von vierzig oder fünfzig Jahren waren konsequenterweise nicht vor herablassenden Zurechtweisungen ihrerseits sicher. Eine Begegnung mit Bullterrierdame Ingeborg ließ so manch einen zurück wie einen geföhnten Rettich.

Wie ihr euch vorstellen könnt, waren die Schnappes nicht meine Gesellschaft erster Wahl – dennoch übte ich mich stets in Höflichkeit. Gelegentlich konnte ich es mir jedoch nicht verkneifen, besonders blöde Sprüche der beiden subtil-ironisch zu kommentieren. Schließlich, dachte ich, sei so ein Pilgerweg auch dazu da, uns selbst in anderen gespiegelt zu sehen und von anderen gespiegelt zu werden – diese Aufgabe übernahm ich im Umgang mit Schnappe und Schnappe hin und wieder freudig. Hier trat ein weiterer Unterschied zwischen den beiden zu Tage: während Edeltraud sich Kritik durchaus zu Herzen nahm – was mich im Verlaufe unserer Pilgerbekanntschaft immer wieder verblüffte: mehrmals hatte sie Tage später Sprüche zitierte, die ich ihr gegenüber angebracht hatte, um sie zum Nachdenken an­zuregen – nahm Bullterrier Ingeborg noch nicht einmal wahr, dass überhaupt jemand die Dreistigkeit besessen hatte, sie zu kritisieren. Womöglich war das der Grund, weswegen mich beide so nett fanden. Für mich bedeutete das allerdings zugleich, dass ich für die nötige Distanz zu sorgen hatte, wollte ich mich nicht vereinnahmen lassen. Die verhängnisvolle Last der perfekten Schwiegersöhne.

Das letzte Mal, dass ich die Schnappes zusammen gesehen hatte, war einige Tage zuvor in der Herberge in Atapuerca gewesen. Wie immer war ich froh gewesen, ihnen zu begegnen, konnte ich doch über die beiden stets herzlich lachen – spätestens wenn ich beim Wandern am nächsten Tag über ihre bekloppten Sprüche nachdachte. In Atapuerca aber machte ich mir beinahe Sorgen um die zwei, denn, wie ich es Verena, der Ärztin, gegenüber formulierte: Zwischen den Schnappes brannte die Luft.

Nun stieß ich also an jenem Morgen im Café in Carrión de los Condes auf Edeltraud – und zwar allein. Natürlich konnte ich meine Neugier nicht bezwingen, musste Edeltraud aber beinahe dazu überreden, sich zu mir zu setzen – einerseits brannte ihr die Geschichte zwar ganz offensichtlich auf den Lippen, andererseits aber saß ich allein an einem Tisch und schrieb in mein Pilgertagebuch. Die Lektion, die Spitzmaus Edeltraud sich auf ihrer Wanderung mit Bullterrier Ingeborg offenbar am stärksten zu Herzen genommen hatte, war, anderen Menschen gegenüber respektvollen Abstand zu wahren.

Was genau der Grund dafür war, dass Schnappes sich getrennt hatten, weiß ich heute gar nicht mehr zu sagen – jedoch spie mir Edeltraud in ihrer Erzählung mehrmals diese Person entgegen. Ingeborg hatte ihr wohl einige Dinge zur Last gelegt, die weit unter die Gürtellinie gingen. Mich überraschte zu erfahren, dass die beiden nicht durch das Band einer lebenslangen Freundschaft vereint waren, Sandkastenfreun­dinnen, die sich gemeinsam auf diese Wallfahrt begeben hatten, sondern vielmehr eher oberflächliche Bekannte waren, wenngleich seit Jahren.

Edeltraud konnte ich nur dazu beglückwünschen, sich von der Killerschnappe getrennt zu haben. So mochte sich der Camino für sie letzten Endes doch noch in eine spirituelle Erfahrung verwandeln, nicht nur in einen Schaulauf deutscher Spießbürgerlichkeit. Das allerdings wird auf Ewig ein Geheimnis des Camino de Santiago bleiben, denn dieses Gespräch morgens im Café war das letzte, das ich mit Edeltraud führte – danach sah ich sie nicht wieder.

Als Bea mit einer halben Stunde Verspätung auftauchte, war Schnappe Edeltraud bereits aufgebrochen und auch wir machten uns nach Kaffee und einem typischen spanischen Frühstück auf den Weg. Unsere gemeinsame Wanderung knüpfte da an, wo wir sie Tage zuvor unterbrochen hatten. Wir unterhielten uns während der kom­pletten Strecke und erzählten uns Geschichten aus unser beider Leben. Trotz beißen­den Windes und wachsender Wanderunlust gelangten wir so irgendwann nach Calzadilla de las Cuezas, wo wir in einer Bar einkehrten und ich erst mal einen Tinto de Verano bestellte – das tat ich tagsüber eher selten, aber die Etappe, die uns noch sechs Kilometer weiter bis nach Ledigos führen sollte, hatte mich geschlaucht, nicht zuletzt wegen meines Hustens, der einfach nicht besser werden wollte.

Frisch gestärkt wanderten wir auf einer Alternativroute weiter (diese Routen sind zumeist landschaftlich schöner als der Hauptweg, allerdings oftmals etwas länger, was dazu führte, dass Beatriz und ich auf beinahe jeder Alternativroute, die wir wählten, allein unterwegs waren – symptomatisch für das Pilgern heute: quadra­tisch, praktisch, gut). Zum ersten Mal seit Ewigkeiten, so schien es uns, gab die Sonne ein kurzes Gastspiel und es wurde etwas wärmer, sodass wir die Gelegenheit beim Schopfe packten und unsere müden Glieder unter der Krone einer mächtigen Eiche ausstreckten. Ich war so müde, dass ich fast einnickte, aber das geschah im Schatten dieses uralten Baumes leicht, denn dort herrschte eine ganz besondere Art von Frieden und Stille.

Als wir in Ledigos ankamen, wusch ich voller Vorfreude auf ein Dasein als wohl­riechender Pilger meine Wäsche, sollte es aber wenig später bereuen. Kaum hatte ich die nassen Kleidungsstücke zum Trocknen aufgehängt, zog ein Gewitter herauf, die Sonne wich tiefschwarzen Regenwolken und die Wäsche wurde ins kühle Innere der Herberge verfrachtet. Wir schliefen im Dachgeschoss einer alten Scheune, vermutlich im ehemaligen Taubenschlag, der bei den knapp über Null Grad draußen nur unwe­sentlich wärmer war. Das bedeutete für die folgenden Tage muffigfeuchte Klamotten in meinem Rucksack – ein wahres Pilgerhighlight.

Während mein Energie-Level in diesen Tagen aufgrund meiner Erkältung ziemlich im Keller war und ich, sobald ich eine Herberge erreicht hatte, stets als erstes schla­fen wollte, fühlte Beatriz sich topfit. So kaufte sie an jenem Tag in Ledigos, während ich meine Siesta hielt, bereits für unser Abendessen ein: arrocito, wie sie es in ihrem unverwechselbaren kanarischen Akzent nannte – ein Reischen (mit Zwiebeln, Knoblauch, Thunfisch, Artischocken und Tomaten). Draußen gingen noch immer Wolkenbrüche hernieder, wir aber machten es uns mit Essen und Rotwein in der winzigen Küche gemütlich und luden noch Serge und Sanaz zum Abendessen ein.

Serge war ein liebenswerter Franzose Anfang sechzig, den ich bereits relativ zu Beginn meiner Reise kennen gelernt hatte und dem ich bis Santiago immer wieder begegnen sollte. Er stammte aus der Bretagne und hatte den Camino vor drei Jahren dort begonnen. Im ersten Jahr war er bis Saint Jean Pied de Port in den französischen Pyrenäen gekommen, hatte den Weg dort im vergangenen Jahr wieder aufgenom­men, in Pamplona allerdings einen Herzinfarkt erlitten, weshalb er, nach einem Aufenthalt in einer spanischen Klinik, zurück nach Hause musste, um sich dort zu erholen. In diesem Jahr ließ Serge es gemütlicher angehen, lief niemals mehr als zwanzig Kilometer am Tag und passte somit gut zu Beatriz und mir, die wir den Camino ja ebenso wenig als Wettlauf betrachteten.

Sanaz war eine Deutsch-Iranerin aus Düsseldorf, die ich einige Tage zuvor angespro­chen hatte, weil sie mich an eine kurdische Freundin erinnerte und ich wissen wollte, ob sie ebenfalls Kurdin sei. Das war sie zwar nicht, dennoch waren wir uns auf Anhieb sympathisch, was, wie wir später herausfanden, nicht zuletzt daran gelegen haben mochte, dass wir beide ähnliche Erfahrungen in deutschen Psychiatrien ge­macht hatten.

Zu viert verlebten wir einen lustigen Abend und erzählten uns allerhand amüsante Geschichten, bevor wir leicht angetrunken die knarzenden Treppen zu unserem Taubenschlag hinauf wankten, um uns der verordneten Nachtruhe hinzugeben.

Die nächsten beiden Tagesetappen fielen mit nur siebzehn beziehungsweise elf Kilo­metern ungewöhnlich kurz aus, was daran lag, dass ich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht mehr konnte. Dennoch wollte ich keinen Ruhetag einlegen, sonst hätte ich die ganze Gruppe an Menschen verloren, die ich mittlerweile so lieb gewonnen hatte. Beatriz entschied sich dafür, mich zu begleiten. Das war mein Glück, denn sie vermochte mich durch ihre liebevolle Art stets etwas aufzumuntern. Ursprünglich hatten wir nicht vorgehabt, an jenem Tag bereits in Sahagún abzusteigen, als ich aber spürte, dass ich nicht mehr weiter konnte, suchten wir die Herberge der Benedikti­nerinnen auf – der einzige Ort im Dorf, der speziell zu sein versprach. Dort empfing uns Alicia, eine Hospitalera um die sechzig, die mit Eulenblick durch ihre übergroßen Brillengläser spähte und während unseres kompletten Aufenthalts wirkte, als sei sie auf Speed. So verpeilt sie auch sein mochte, war sie doch eine Seele von einem Menschen. Schon der Empfang mit heißem Tee, als wir völlig durchge­froren im Refugio ankamen, nahm uns für sie ein. Nach einer Weile – ich hatte meinen Mittagsschlaf bereits hinter mir – erfuhren wir Alicias Geschichte. Sie war nämlich keineswegs als Hospitalera nach Sahagún gekommen, sondern als Pilgerin. Nur hatte Alicia, als sie in der kleinen Stadt ankam, derart geschundene Füße, dass die Nonnen ihr anboten, einige Tage zu bleiben. Im Gegenzug bot Alicia an, die Pilger zu betreuen. Sie mochte schusselig sein, diese Aufgabe jedoch tat ihr gut – denn eine Aufgabe war es, was sie an diesem Punkt ihres Lebens zu brauchen schien: wenige Monate zuvor war ihr Mann gestorben. Wer weiß, ob sie nicht heute noch allen ankommenden Pilgern zugleich Fußbäder, Tee, Kekse oder dergleichen anbietet und dann die Hälfte wieder vergisst, bis sie zufällig das nächste Mal an einem ihrer Schäfchen vorbeiwuselt.

Den Abend verbrachten Beatriz und ich erneut mit Serge und Sanaz. Zu unserem Glück war Serge in der anderen Herberge im Ort abgestiegen. Diese hatte nämlich, im Gegensatz zu unserem eigenen Refugio, eine Küche und so lud Serge uns zum Abendessen zu sich ein. Natürlich zog sich unser Zusammensein nicht besonders lange hin, da Alicia uns bereits vor unserem Aufbruch angekündigt hatte, wer nicht vor zehn zurück sei, müsse draußen schlafen.

Am nächsten Morgen erwartete uns eine böse Überraschung. Zwar wurden wir mit Musik geweckt (das war der angenehme Teil), doch noch bevor ich in meinem Stockbett richtig die Augen aufgeschlagen hatte, hörte ich einige Pilger im Gang schon das Wort nieve murmeln – Schnee. Ich kroch aus meinem Schlafsack, um mich selbst davon zu überzeugen, ob wahr war, was da gemunkelt wurde, blickte aus dem Fenster in den klösterlichen Kreuzgang und Tatsache: draußen lag mehrere Zenti­meter hoch Neuschnee. Wir schrieben den zwölften Mai.

Zum Glück lag unser Tagesziel, Bercianos del Real Camino, nur wenige Kilometer entfernt – und wir fanden uns bereits bevor die Albergue öffnete in dem abgeschie­denen Dörfchen inmitten der Meseta ein. Da wir gehört hatten, dass es sich wieder um eine Herberge im Geiste von Grañón handeln sollte, war es nicht schwer gewesen, all unsere Freunde davon zu überzeugen, es an diesem Tage lockerer ange­hen zu lassen.

In Bercianos traf ich nach zweieinhalb Wochen (eine schier unermessliche Ewigkeit im Pilgerleben) zum ersten Mal wieder auf Jan – allerdings ohne Ljuba, die beiden wanderten seit Tagen getrennt und es schien gar nicht so leicht, sich mit dem eigen­sinnigen Ljuba an einem vereinbarten Ort zu treffen. Hatte er nämlich Lust, weiter zu laufen als ausgemacht, tat er es einfach – Verabredung hin oder her. Ich freute mich, Jan zu sehen, wenngleich ich neugieriger darauf war, Ljuba wieder zu treffen, denn mit ihm hatte ich mich besser verstanden und zudem wollte ich sehen, ob seine kühle Hamburger Pseudo-Ghettokind-Haltung sich im Verlaufe des Camino verändert hatte und er inzwischen womöglich imstande war, dem Jakobsweg Erfahrungen abzugewinnen, die er zu Beginn vermisst hatte. Jan wieder zu begegnen, weckte allerdings die Hoffnung in mir, auch Ljuba bald wiederzusehen. Nachdem wir uns für Camino-Verhältnisse gänzlich aus den Augen verloren hatten, hatte ich daran unterdes ernsthaft gezweifelt.

Nach gemeinsamem Kochen und Abendessen gab es in Bercianos in der hauseigenen Kapelle eine kleine Andacht, zu der sogar der junge Dorfpfarrer vorbeikam. Wir Pilger saßen alle in einem großen Kreis und es wurde ein Windlicht von Hand zu Hand weitergereicht. Wer die Kerze in der Hand hielt, durfte mit der Gruppe das teilen, was ihn bewegte, was er für sich als Erkenntnis von diesem Weg mitnehmen würde, weswegen er auf dem Camino sei oder dergleichen Gedanken mehr.

Da zunächst Beatriz, dann Zita, eine Ungarin, die wir am Abend kennen gelernt hatten, und dann ich sprachen, wurde diese Runde zu einem sehr offenen und persönlichen Austausch. Wir hatten den Anfang gemacht, aus der Tiefe unserer Herzen erzählt, unsere Gefühle geteilt und so taten es die anderen es uns nach.

Bereits am Abend zuvor, in der Benediktiner-Herberge in Sahagún, war mir eine Spanierin aufgefallen – ich könnte noch nicht einmal sagen, in welchem Sinne, zunächst wirkte sie auf mich schlicht eigenartig. Sie mochte Ende vierzig sein und ich verstand nicht, ihre Ausstrahlung für mich einzuordnen. Auf mich wirkte sie ziemlich zerstreut und verschlossen. Als Beatriz etwas verspätet zum Abendessen mit Serge erschienen war, hatte sie eine Andeutung darüber gemacht, dass Milagros, so hieß die Frau, eine ziemlich harte Geschichte mit sich herumtrage, wollte mir aber nichts weiter darüber erzählen, da sie der Ansicht war, wenn die Spanierin diese Geschichte mit jemandem teilen wollte, müsse sie das selbst entscheiden.

Als Milagros nun in diesem Kreis davon sprach, weshalb sie auf dem Camino war, fiel es den meisten Pilgern schwer, die Tränen zurückzuhalten. Milagros erzählte, dass tags zuvor der erste Jahrestag des Todes ihrer Tochter gewesen sei. Als sie sich in der Herberge in Sahagún mit Beatriz unterhalten und Bea sie dann umarmt habe, war ihr diese Umarmung in diesem Augenblick so erschienen, als umarme ihre Tochter sie durch Bea hindurch und wolle sie wissen lassen, dass es ihr gut gehe. Dies alles erzählte sie mit mühsam, mit brechender Stimme und unter Tränen. Von diesem Augenblick an räumte ich Milagros einen besonderen Platz in meinem Herzen ein und wann immer ich ihr begegnete, bekam sie eine Extraportion Liebe und ein Lächeln ab, die ich speziell für sie reservierte.

Noch heute freue ich mich, wenn ich daran denke, dass Milagros, am Tag, als ich sie zum letzten Mal sah, ein glückliches, aufrichtiges Lachen im Gesicht hatte, mich unter ihrem Sonnenhut hervor anblinzelte und mir sagte, dass es ihr besser gehe. Es war heiß an jenem Tag und ich wanderte weiter mit einem guten Gefühl im Bauch weiter – dieses Gefühl bewahre ich bis heute, wenn ich an die Spanierin denke. Für sie, da bin ich mir sicher, war es die richtige Entscheidung, auf den Camino de Santiago zu gehen und ich bin dankbar, dass ich Milagros großen Schritt, sich gegenüber einer solch großen Gruppe von fremden Menschen zu öffnen, miterleben durfte.

Tags darauf entschloss ich mich, mal wieder eine Etappe alleine zu laufen, die letzte Wanderung durch die Meseta. Da ich bislang nur in Begleitung durch diese kärgliche Landschaft gewandert war, wollte ich zumindest auf den letzten Kilometern die Stille und Einsamkeit kosten, die die kastilische Hochebene auszeichneten. Schon als ich morgens aufbrach – es schien tatsächlich für eine halbe Stunde die Sonne – wuss­te ich, dass ich an diesem Tag Ljuba wieder treffen würde, ja, ich wusste sogar wo, nämlich in der ersten Bar nach einem dreizehn Kilometer langen Wegstück ohne die Möglichkeit zu rasten. Genau so kam es auch. Doch obwohl ich mir bereits zuvor so sicher gewesen war, überraschte es mich dann doch, ihn zu sehen. Er befand sich in Gesellschaft von Marco, einem neunzehnjährigen Musiker aus der Fränkischen Schweiz, den sein spärlicher Bartwuchs noch jünger erscheinen ließ.

Vermutlich weil ich seit Wochen darüber nachgedacht hatte, ob ich Ljuba, meinen Wegbegleiter der ersten Tage, noch einmal treffen würde, war diese Begegnung eine Enttäuschung für mich. Ich empfand Ljuba als kühl und Marco als uninteressant und kurz nachdem wir gemeinsam aufgebrochen waren, beschloss ich, alleine weiterzu­laufen – zu dritt zu laufen empfinde ich ohnehin als ausgesprochen schwierig.

Mit Beatriz, Serge und Sanaz war ich in Mansilla de las Mulas verabredet. Wir hatten vereinbart, dass wir am Abend gemeinsam kochen wollten – also lud ich Marco und Ljuba dazu ein, zu uns zu stoßen, die beiden lehnten aber mit einem halbseidenen Argument ab: sie wollten lieber noch fünf Kilometer weiter wandern, weil sie am nächsten Morgen mit dem Taxi nach León fahren und dort früh ankommen wollten. Taxi fahren? Schon das ging mir gegen den Strich – hallo? War das eine Pilgerreise oder eine Vergnügungsfahrt? Noch weniger nachvollziehbar war es für mich aller­dings, weswegen sie, wenn sie ohnehin gegen den Pilgerehrenkodex verstoßen wollten, nicht fünf Kilometer weiter mit dem Taxi fuhren und mit uns gemeinsam zu Abend aßen – vor allem da ich ihnen erzählt hatte, dass auch Jan käme, mit dem sie eigentlich schon Tage zuvor verabredet gewesen waren. Aber Reisende soll man bekanntlich nicht aufhalten, also ließ ich die beiden ziehen.

Ohnehin kam an diesem Tag alles anders als geplant. Von meinen Freunden tauchte außer Serge und Jan niemand auf (leider habe ich Sanaz auch später nicht wieder getroffen). Als es Nachmittag wurde, beschloss ich, eben ohne die anderen ein gemeinsames Essen im Refugio zu organisieren. Dazu trommelte ich eine Gruppe von zwölf Pilgern aus aller Herren Länder zusammen, für die ich einen riesigen Pott Spaghetti Bolognese zubereitete. Dazu gab es Salat und jede Menge Wein. Natürlich lud ich Milagros zum Essen ein, aber auch John, einen 67-jährigen Engländer, der mir bereits seit Belorado, also noch vor Burgos, immer wieder begegnet war, Tomas, einen jungen Franzosen, der auf der Gitarre in der Albergue immer wieder die zwei gleichen Lieder spielte, Abraham, einen Spanier aus Cádiz, Björn, einen Enddreißiger aus Hamburg, Juan, einen Katalanen, der sein ganzes Leben in Deutschland verbracht hatte und noch ein paar andere.

Es machte mir einen Heidenspaß für die ganze Truppe zu kochen, auch wenn es sich als Kampf erwies, einen Platz am Herd zu ergattern – ein Kampf, den ich zunächst gegen eine Gruppe von sechs Koreanern verlor und dessen Regeln ich erst zu begreifen begann, als sich auch die nächste Truppe eben vorgedrängelt hatte. Letzten Endes aber setzte ich mich durch – und da es in dieser Herberge keine festgelegte Schlafenszeit gab, wurde es tatsächlich einmal spät. Es dürfte sogar nach elf gewesen sein.

Party Pilgrim

Am folgenden Tag brach ich nach einer reichlich kurzen Nacht und mit einigem Restalkohol im Blut gemeinsam mit Björn nach León, der letzten größeren Stadt vor Santiago de Compostela, auf. Als wir mittags dort ankamen, wusste ich nicht recht, ob ich dort bleiben oder lieber zum nächsten Ort weiterwandern sollte. Einerseits hielt sich meine Lust auf Stadt auf dem Camino allgemein in Grenzen, andererseits wusste ich, dass mich bis Santiago nur noch Dörfer erwarteten. Letztlich entschied ich mich dafür, zunächst mit Björn eine Kleinigkeit zu essen – und zwar eine Tapa Morcilla, die gutspanische Blutwurst, und es mir währenddessen zu überlegen. Selten war ich so unentschlossen wie an jenem Tag, meine Entschlussunfreudigkeit ging sogar soweit, dass ich letzten Endes eine Münze warf. Die Münze entschied, dass ich bleiben sollte, also blieb ich und stieg in der riesigen Klosterherberge im Stadtzent­rum ab. Nach klösterlicher Manier wurde mir ein Bett in einem reinen Männerschlaf­saal zugeteilt. In dem Saal fanden vielleicht achtzig Mann Platz und zwar in Stockbetten, die stets zu Vierergruppen zusammengeschoben waren. Der Gipfel von mangelnder Privatsphäre, denn du lagst somit mit jemanden in einer Art Doppelbett zusammen, den du noch nicht einmal kanntest. Ich bin in dieser Hinsicht bestimmt nicht überempfindlich, aber das überschritt auch meine Toleranzgrenzen.

Gesundheitlich fühlte ich mich in León endlich wieder fitter und so zog ich nachmittags umher und schaute mir die Stadt an – bis ich irgendwann auf Jan stieß, der allerdings in der zweiten Albergue etwas außerhalb der Altstadt abgestiegen war. Gut für ihn, denn die Herberge lag zwar ein Stück entfernt, dafür gab es keine Sperrzeit, wohingegen die Klosterherberge bereits um halb zehn (!) ihre Pforten schloss. Ideale Voraussetzungen, um das Nachtleben Leóns zu erkunden.

Direkt vor der Kloster-Albergue lag ein weitläufiger Platz, der von der Abendsonne beschienen wurde, und so nutzten Jan und ich die Gunst der Stunde, bestellten uns in einer kleinen Bar eine Flasche Wein und ließen uns die Sonne ins Gesicht scheinen. Ringsumher saßen Pilger, die es uns gleich taten – wir alle konnten unser Glück nach der wochenlangen Kälte kaum fassen: stahlblauer Himmel und ein Abend, der sich nach Frühling anfühlte. Kein Wunder dass es nicht bei unserer ersten Flasche Wein blieb! Bis zum Ablauf meiner Gnadenfrist um halb zehn hatten Jan und ich drei Flaschen geleert.

Betrunken wie ich war, torkelte ich mit all den anderen Pilgern zu einer kleinen Abendandacht in der Klosterkapelle, die mir allerdings zugegebenermaßen nur schwummrig im Gedächtnis geblieben ist. Danach legte ich mich ins Bett des Herrenschlafsaals und die schrecklichste Nacht meines Camino nahm ihren Lauf.

Habe ich eigentlich schon erzählt, dass der gemeine Spanier ein ausgesprochen furchtsames, ja geradezu scheues Wesen ist? Natürlich kann ich diese Behauptung nicht auf das gesamte Leben der Spanier ausdehnen – so ist es mit Sicherheit kein Problem, auf der Flucht vor frei gelassenen Stieren durch die Straßen Pamplonas zu hetzen – fest steht dies aber im Bezug auf Luft. Dies hatte ich bereits in der ersten Woche herausgefunden, damals, als es auf dem Camino zuletzt heiß gewesen war und ich mich, in teutonischer Unbedarftheit, nach einem offenen Fenster im Zwan­zigpersonen-Schlafsaal gesehnt hatte. Jung und schamlos leichtgläubig, hatte ich hin und wieder gar den Versuch unternommen, ein solches Fenster zu öffnen – leider war meinen Wagnissen jedoch nie mehr als zweiminütiger Erfolg beschieden, dann hatte ein übereifriger Erkältungsverhüter das Fenster, vermutlich aus Angst davor, zu erfrieren oder von widerwärtigen Wirbelwinden westwärts gesogen zu werden, wieder geschlossen. Spätestens als mir das den dritten Abend in Folge passiert war, gab ich auf.

Vom Weine berauscht, schlief ich in jener Nacht in León zwar zügig ein, erwachte jedoch trotz Ohrenstöpseln vom gigantischen Schnarchkonzert in jenem halbdunklen Männerschlafsaal. Mein Güte. Mir war übel, mein Blutdruck war im Keller. Ich beschloss, zunächst einmal den Gang zur Toilette anzutreten. Wirklich elend wurde mir indes erst, als ich den Schlafsaal wieder betrat – denn erst da nahm ich wahr, dass es an die sechzig Grad hatte und roch wie im Raubtierhaus. Ich trat kurz vor die Tür und betrachtete verzweifelt den Sternenhimmel, beschloss dann aber, die verblei­benden Stunden nicht unter freiem Himmel auf einem Holzstuhl zu verbringen. Also, zurück in die suppigwarme Achselhölle.

Nach einer halben Stunde, die ich damit verbracht hatte, meinen Würgereiz zu unter­drücken, der dadurch verstärkt wurde, dass mein Blick nahezu schwarzmagisch von der halb entblößten Arschritze des neben mir transpirierenden schwabbeligen Altpilgers angezogen wurde, stand ich wieder auf, trank einen Schluck Schweden­kräuter, nahm eine Kreislauftablette und setzte mich doch auf jenen Holzstuhl unter freiem Himmel. Ich vermisste das Gefühl von Sauerstoff in meinen Lungen und musste den Ekel in mir niederringen. Nachdem ich mich eine Zeit lang bei Gott über den übelriechenden Pilgerlimbus beklagt und mich gebührend selbst bemitleidet hatte, wagte ich einen neuerlichen Schlafversuch, der mehr oder minder erfolgreich war. Zumindest war die Nacht irgendwann vorbei. Nie wieder Männerschlafsaal, so schwor ich mir.

Direkt nach dem Aufstehen musste ich trotz dieser beschissenen Nacht erst mal herzlich lachen. Das lag daran, dass mein Blick auf Dennis’ Gesicht fiel. Dennis war ein beinahe zwei Meter großer, spindeldürrer Fürther (!), der im Stockbett über mir geschlafen hatte. Seine Miene brachte ohne ein einziges Wort all das zum Ausdruck, was mir in dieser Nacht durch den Kopf gegangen war. Selten in meinem Leben hatte ich erlebt, dass jemandes Gesichtsausdruck miese Laune so prägnant auf einen Punkt brachte. Das fand ich derart sympathisch, das wir an jenem Morgen gemein­sam loszogen.

Nachdem wir durch ein kilometerlanges Industriegebiet León verlassen hatten, was dank der ausgesprochen geistreichen Unterhaltung, die mir mit Dennis zu führen vergönnt war, recht schnell ging, legten wir eine Frühstückspause ein, bei der uns ein Spanier am liebsten das letzte Hemd vom Leib gezogen hätte, so unverschämte Prei­se verlangte er. Ich bestellte ein Schokocroissant und biss mir einen halben Schneide­zahn aus – eine alte Kriegsverletzung, die ich mir mit zehn Jahren beim Fangen spielen in der Schule zugezogen hatte. Nichts gänzlich Neues also, aber nervig war es dennoch. Ich entschied mich allerdings dafür, meine neu gewonnene Zahnlücke als Lektion gegen übertriebene Eitelkeit zu verstehen. Was blieb mir auch anderes übrig, als es positiv zu betrachten? Schließlich hatte ich die letzte größere Stadt vor Santiago eben hinter mir gelassen und zurückzugehen kam überhaupt nicht in Frage.

Als wir León schließlich hinter uns gelassen und ich akzeptiert hatte, dass ich jetzt mit einem halben Schneidzahn weitermarschieren musste, konnte ich die verbleiben­de Etappe nach Villar de Mazarife genießen. Es handelte sich nämlich tatsächlich um die schönste Wegstrecke seit Langem. Vor uns lagen die schneebedeckten Montes de León, deren Gipfel sich vor dem dunkelblauen, wolkenlosen Himmel abzeichneten. Der Camino führte uns über weitläufige, von blühenden Frühlingswiesen überwu­cherte Hügel und in der Luft lag der würzige Geruch von Wiesenkräutern.

Hinzu kam eines der intellektuell anregenderen Gespräche, die ich auf dem Jakobs­weg führte – Dennis wusste allerlei über Politik und Geschichte zu erzählen, vor allem über Gebiete wie Tempelritter, britische Monarchenfehden der frühen Neuzeit, Klüngeleien und Intrigen des Borgia-Clans und dergleichen mehr, sodass die Zeit wie im Fluge verging.

Die Geschichte, weshalb er sich auf dem Camino befand, hatte ich bereits am Tag zuvor mitbekommen. Da hatte er sich mir nämlich ungefähr mit den Worten Du hast bestimmt schon von mir gehört, ich bin der verrückte Pilger, über den der ganze Camino spricht vorgestellt. Auf meine Reaktion – ahnungsloses Achselzucken – hin, hatte er mir von der Camino-Gerüchteküche berichtet – die allerdings kannte ich selbst bereits ganz gut, war mir doch immer wieder zugetragen worden, dass für Bea und mich bereits fleißig die Hochzeitsglocken geläutet wurden. Schließlich galten wir als Traumpaar des Caminos. Dennis jedenfalls hatte seine Geschichte einem Hospitalero erzählt und seither pfiffen sie die Vögel von den Dächern: er hatte sich auf den Weg gemacht, weil er seine Freundin nach seiner Rückkehr mit einem Heiratsantrag über­raschen wollte, zuvor allerdings, hatte er sich überlegt, wollte er erst mal heraus­finden, ob er einer solchen Herausforderung wie der Ehe überhaupt gewachsen sei. Seine Antwort lautete, wenn ich 800 Kilometer zu Fuß durch Spanien laufen kann, dann kann ich auch die Verantwortung für eine Familie übernehmen.

In Villar de Mazarife trennten sich Dennis’ und meine Wege, weil wir uns für unterschiedliche Herbergen entschieden hatten. Ich stieg in der Albergue de Jesús ab, eine gute Entscheidung, denn die Herberge wurde von netten Hospitaleros geführt, verfügte über einen großen Garten und eine hauseigene Bar – letzteres sollte sich an diesem Sonntag noch als bedeutsam erweisen.

In der Herberge begegnete ich als erstes Ljuba und Marco, die hier einen Ruhetag einlegten, da Marco tags zuvor von einer Darmgrippe gebeutelt worden war. Er war noch immer etwas blass um die Nase und ernährte sich von Brotkrumen. Ljuba und ich hingegen beschlossen zu kochen und ich lud noch Felipe dazu ein, einen Brasilianer, den ich für mich nur den Stylo-Pilgrim nannte – war er doch mit Ray-Ban-Sonnenbrille und Calvin-Klein-Unterhosen auf dem Camino unterwegs und trat so­mit aus dem joggingbeanzugten Durchschnittspilger-Einerlei hervor.

Es war zwar Sonntag, doch der Herbergsvater versicherte uns, dass wir im Dorf den­noch Lebensmittel einkaufen könnten, wenn wir nur neben dem kleinen Laden an die Türe der Señora klopften – sie wäre stets gern bereit, den Pilgern auch am Sonn­tag etwas zu verkaufen. Das freute uns natürlich. Wir machten uns auf den Weg, um vor Ort festzustellen, dass uns leider niemand aufmachte. Die Erklärung folgte später – von mehreren aufgeregten Dorfbewohnern erfuhren wir, dass die Señora an eben diesem Sonntag auf der Kommunion ihrer Nichte eingeladen sei und deswegen bedauerlicherweise nichts verkaufen konnte.

Also hieß es improvisieren: ich kochte aus allem, was frühere Pilger in der Küche zurückgelassen hatten und aus den spärlichen Vorräten, die Ljuba, Felipe und ich noch in unseren Rucksäcken fanden, einen Linseneintopf, der sich sehen lassen konnte. Felipe war es, der zum Mittagessen die erste Flasche Rotwein auf den Tisch stellte (ich bin noch heute der felsenfesten Überzeugung, dass der günstige Preis pro Flasche in der herbergseigenen Bar uns zum Verhängnis wurde). Mein schwacher Versuch mich nach all dem Wein des Vorabends gegen ein neuerliches Besäufnis zu wehren, scheiterte kläglich und bereits als Felipe die zweite Flasche kaufte, war ich erneut in weinseliger Stimmung.

Welch spaßiger Sonntag! Im Laufe dieses sonnigen Frühlingsnachmittags vernichte­ten wir im Garten der Albergue de Jesús acht (!) Flaschen Wein, wobei Ljuba, Felipe und ich zugegebenermaßen die Protagonisten dieses Pilgergelages waren. Wie nicht anders zu erwarten, entwickelte sich rasch eine gelöste Stimmung und so sprach ich mit Ljuba auch darüber, dass ich ihn als recht kühl empfunden hatte, als wir uns wieder getroffen hatten und dass ich mich für ihn gefreut hätte, hätte er es geschafft, sich für die spirituelle Seite des Caminos zu öffnen. Ich berichtete ihm von meinen eigenen Erfahrungen auf dem Weg und erhielt gänzlich unerwartet Rückendeckung von Felipe, der seine Erlebnisse zu dieser Unterhaltung beisteuerte – Geschichten, die mich wahrlich überraschten und die ich dem Stylo-Pilgrim gar nicht zugetraut hätte. Denn auch er befand sich auf einer spirituellen Suche und hatte auf dem Camino ausgesprochen interessante Erfahrungen gemacht.

Don’t judge a book by its cover.

Im Laufe des Nachmittags gesellten sich immer mehr Menschen zu uns – unter anderem Serge, Zita und Milagros – nur Beatriz fehlte. Wie immer, wenn ich jeman­dem auf dem Camino aus den Augen verlor, hatte ich keine Ahnung, wo sie sich befand – nur einige Kilometer entfernt oder mehrere Tagesetappen, vor mir oder hinter mir, ging es ihr gut oder schlecht, würde ich sie wiedersehen oder nicht – alles Fragen, auf die ich keine Antwort wusste.

Unsre Pilgerparty zog sich bis kurz vor Mitternacht, dann legte ich mich ins Bett und schlief den Schlaf der Gerechten, der mir nach der Alptraumnacht im Männerschlaf­saal wahrlich vergönnt war. Ich hatte das Glück, dass ich mir mit Felipe ein Zimmer teilen durfte, das hieß Schnarcherchöre blieben mir in dieser Nacht erspart. Am kommenden Morgen schliefen wir aus und standen erst um kurz vor acht auf – weder Stylo-Pilgrim Felipe noch ich hatten es besonders eilig, mit all dem Restalkohol im Blut aus den Federn zu kommen.

Felipe, der Sohn reicher brasilianischer Eltern, studierte seit mehreren Jahren in Wiesbaden und sprach ausgezeichnet deutsch. Monatelang hatte er sich auf den Camino de Santiago vorbereitet, mehrmals wöchentlich im Fitnessstudio trainiert und dennoch war seine Lektion auf diesem Weg augenscheinlich, dass es keine Möglichkeit gab, den Pilgerweg zu erzwingen. Väterlicherseits hatte Felipe nämlich Knieprobleme geerbt und schon die Strecke von Burgos nach León hatte er gezwungenermaßen mit dem Bus zurücklegen müssen – nun hatte er den Kampf ab León noch einmal aufnehmen wollen, jedoch bereits nach der ersten Tagesetappe erkennen müssen, dass er nicht zu Fuß nach Santiago gelangen würde. Seine Knie schmerzten fürchterlich und er kam nur ausgesprochen langsam voran.

An jenem Morgen entschloss ich mich dazu, Felipe einige Stunden zu begleiten, da ich noch immer den Wunsch in mir trug, mich dem Tempo langsamerer Pilger anzupassen, um mich auf diese Weise auf ganz spezielle Weise auf meine Mitmenschen einzulassen. So pilgerten der Brasilianer und ich in gemütlichem Tempo die Landstraße von Villar de Mazarife nach Villavente entlang, bis uns nach einiger Zeit Ljuba und Marco einholten, die offenbar noch später als wir aufgebrochen waren. Marco war noch immer etwas blass um die Nase, fühlte sich aber fit genug, den Camino wieder aufzunehmen. Ich denke, dass ihm gerade die Herzlichkeit und Fürsorge der Herbergseltern in Villar de Mazarife sehr gut getan und dabei geholfen hatte, seine Darmgrippe zu überwinden. Denn bei welcher Krankheit wünschte man sich ähnlich verzweifelt einen Rückzugsort wie in diesem Fall? Die beiden Hospitaleros aber hatten sich rührend um ihn gekümmert, ihn mit Tee versorgt und ihn direkt neben einer Toilette in einem Einzelzimmer einquartiert, sodass er sich einigermaßen sicher fühlen und erholen konnte.

Während unseres Gesprächs fragte ich Felipe, ob die verschiedenen Tätowierungen auf seinem Oberkörper eine Bedeutung hätten. Ich freute mich zu hören, dass die Antwort auf diese Frage Ja war. Seine Tätowierungen hatten sogar alle Bedeutungen, erklärte er mir. Die beiden Bänder, die seinen Oberarm zierten, sollten das mathema­tische Istgleich-Zeichen (=) darstellen. Damit wollte Felipe sich daran erinnern, dass alles, was er im Leben tat, Konsequenzen haben würde und er sich vor seinen Handlungen also dieser Konsequenten bewusst werden sollte. Auf seiner Brust trug er ein Kreuz, nicht aufgrund einer besonderen christlichen Religiosität, sondern vielmehr als Sinnbild dafür, dass ohne Schmerzen kein Preis zu erringen sei. Ich musste spontan an einen Spruch denken, der mir in diesen Tagen immer wieder durch den Kopf ging: Per aspera ad astra. Nur wer Schwierigkeiten in Kauf nahm, würde eines Tages zu den Sternen gelangen – ein Bild, das sich perfekt auf den Camino anwenden ließ und dieser Camino war für mich bereits seit meiner ersten Pilgerreise zehn Jahre zuvor nichts weiter als ein Abbild des Lebens im Kleinen gewesen. Per aspera ad astra.

Blieb noch eine letzte Tätowierung – ein Tribal auf Felipes Oberarm, das sich über sein rechtes Schulterblatt zog. Das hatte er sich tätowieren lassen, als er volljährig wurde. Auch dieser Gedanken gefiel mir gut, hatte ich mir doch erst kurz zuvor Gedanken darum gemacht, dass eine Initiation ins Erwachsenenleben in unserer Gesellschaft gänzlich fehlte – also eine Initiation in dem Sinne, dass der junge Erwachsene sich selbst in einer schwierigen Situation bewähren muss, wie es bei zahlreichen Naturvölkern üblich ist, die ihre Nachkommenschaft auf Gedeih und Verderb in die Wildnis schicken, wo sie ihre Überlebensfähigkeit beweisen muss, bevor sie in den Stammeskreis aufgenommen wird. In unserer westlichen Zivilisa­tion besteht dieses Aufnahme-Ritual darin, dem Sprössling je nach finanziellen Möglichkeiten entweder Führerschein oder erstes Auto zu sponsern. Bedarf es weiterer Ausführungen?

Nach einer gemeinsamen Kaffeepause in einer kleinen Bar in Villavente setzte ich meinen Weg mit Marco fort und stellte zum zweiten Mal binnen Kurzem fest, dass ich mich nicht zu sehr auf den äußeren Schein verlassen sollte – zwar war mir Marco nicht unsympathisch gewesen, ich musste allerdings innerhalb kürzester Zeit einräu­men, dass ich ihn aufgrund seines extrem jugendlichen Aussehens weit unterschätzt hatte. Wir vertrieben uns die nächsten Wegesstunden mit einem Gespräch, das mich überraschte und amüsierte – Marco erwies sich als ausgesprochen hinterfragter und klarsichtiger Gesprächspartner – und stiegen am Nachmittag gemeinsam in der Albergue eines kleinen Dorfes namens Santibáñez de Valdeiglesias ab (selbst für mich, der ich des Spanischen mächtig bin, ein Zungenbrecher, den ich mir bis heute nicht merken kann), wohingegen Ljuba endlich die Ankündigung wahrmachte, die er mir gegenüber bereits ganz am Anfang des Camino ausgesprochen hatte: er wanderte allein weiter, um einige Tage die Erfahrung des Einzelreisenden zu machen. Marco, mit dem er seit Wochen unterwegs war, war wohl nicht weniger überrascht als ich.

Sorgen

Nach unserem Aufbruch am nächsten Morgen wanderten Marco und ich gemeinsam in Richtung Astorga. Astorga ist ein kleines Städtchen in Castilla y León, dessen Hauptattraktion ein von Antoni Gaudí erbauter Bischofspalast ist. Das Wetter war unterdessen beinahe schon wieder zu heiß, aber nach all der Kälte wagte sich kein Pilger so recht zu beklagen. Mir jedenfalls war es lieber zu schwitzen als zu frieren. Der morgendlichen Laune waren die schöne, hügelige Landschaft und der Sonnen­schein auf jeden Fall zuträglich. Das Highlight an diesem Vormittag aber war Davids Frühstücksstand. David, ein junger Katalane, der aussah wie ein moderner Hippie-Jesus, lebte in einer halb verfallenen Scheune am Wegesrand. Vor der Scheune hatte er einen Stand aufgebaut, an dem er die vorbeiwandernden Pilger mit Frühstück auf Spendenbasis versorgte. Welch ein Frühstück aber: Bio-Säfte, Bio-Kaffee mit ver­schiedenen Milchsorten aller Art (von normaler Kuhmilch über Reis-, Soja-, Hafer- bis hin zu Mandel­milch), Bio-Gebäck, jede Menge frisches Obst und Tee. Für ernährungsbewusste Mitteleuropäer (Marco war sogar Vegetarier) ein Traum im diesbezüglich völlig ignoranten Spanien. Hinzu kam Davids warmherzige Ausstrah­lung, die den schlichten Ort in eine kleine Oase der Ruhe verwandelte. Auf meine Frage, wie lange er vorhabe, diesen Stand zu betreiben, meinte er, für den Rest seines Lebens. Er fühle sich berufen, den Menschen zu dienen. Respekt: Leben in einer halbverfallenen Scheune, mutterseelenallein, nur um den Pilgern auf dem Camino einen Rastplatz zu bieten – gewiss nicht jedermanns Sache.

Frisch gestärkt zogen Marco und ich dann weiter nach Astorga. Die Sonne brannte mittlerweile erbarmungslos und der Schweiß rann uns den Rücken hinab – allerdings hatte ich Astorga als beschauliches kleines Städtchen in Erinnerung, in dem wir gewiss einen hübschen Ort für eine Rast fänden. Gemeinhin mochte Astorga als beschaulich gelten, nicht jedoch dienstags, denn dienstags, so erklärte mir ein verhutzelter alter Mann auf Nachfrage, war Markttag. Das bedeutete, die Stadt war brechend voll und uns blieb nichts anderes als uns vollbepackt mit Rucksäcken auf dem Rücken und Pilgerstab in der Hand durch die verstopften Gassen von Astorgas Altstadt zu schieben. Wir beschlossen, unsere Rast zu verschieben und außerhalb der Stadt eine Pause einzulegen. Unser Ziel an diesem Tag war El Ganso, ein verschlafenes Dörfchen dreizehn Kilometer hinter Astorga, dessen Herberge im Pilgerführer vielversprechend beschrieben war.

Nachdem wir in Astorga Lebensmittel eingekauft hatten, die wir nun zusätzlich zu unserem normalen Gepäck auf dem Buckel trugen – vor und in El Ganso gab es nämlich laut Pilgerführer keinen Laden mehr und wir hatten vor, abends zu kochen – verließen wir Astorga in der größten Mittagshitze. Das entsprach wieder eher der Pilgererfahrung, die ich im Jahr 2000 gemacht hatte: nutze jeden Brunnen am Weges­rand, um deinen Kopf darunter zu halten!

Völlig erschöpft kamen wir am späten Nachmittag in El Ganso an. Der Herbergs­vater der sympathischen Herberge, ein 19-jähriger Pilgerfreak namens Aron (O-Ton Pilgerführer), erwies sich zumindest als eines: als Freak mit Geschäftssinn. Als wir ankamen, stierte ein nach Marihuana stinkender Aron uns aus glasigen Augen an, schrieb uns in sein Buch ein, kassierte uns ab (Zwangsfrühstück am nächsten Morgen im Preis inklusive – wogegen nichts einzuwenden gewesen wäre, hätte Aron tatsäch­lich mehr als Butter und Toast im Haus gehabt – einzukaufen aber hatte er offenbar in seinem Tran vergessen. Immerhin, die leeren und ausgespülten Marmeladengläser erinnerten daran, dass es zu besseren Zeiten wohl einmal Marmelade gegeben hatte. Falls die Gläser nicht aus dekorativen Gründen neben dem Spülbecken platziert worden waren, um die potentielle Anwesenheit von Marmelade vorzutäuschen.) und ward fortan bis zu unserer Abreise nicht wieder gesehen. Wahrlich sympathisch. Vielleicht hätte Aron besser einen Headshop betrieben.

Nach unserer anstrengenden Tagesetappe von beinahe dreißig Kilometern war ich ziemlich platt und suchte eine der örtlichen Bars auf, um einen Tinto de Verano zu trinken – allein, denn außer Marco kannte ich in der ach so sympathischen Herberge leider niemanden und Marco hatte keine Lust gehabt.

Auf dem Rückweg zum Refugio klingelte mein Telefon. Meine Mutter rief an, um mir schlechte Neuigkeiten zu überbringen: der Knoten in ihrer Brust, der zwei Wochen zuvor entfernt worden war, war nicht, wie sie mir erzählt hatte, harmlos gewesen, sondern bösartig. Das bedeutete also Krebs. Chemotherapie und Bestrah­lung.

Ich saß auf einem staubigen Platz am Ende der Welt und war schockiert. Die Sonne trocknete die Tränen auf meinen Wangen. Nach Ende des Telefonats lief ich leicht verstört zurück zu der ach so sympathischen Herberge und suchte nach Marco. Wie sehr hätte ich mir in diesem Augenblick gewünscht, dass Beatriz da gewesen wäre. War sie aber nicht und ich hatte auch keine Ahnung, wo sie war und ob ich sie auf diesem Camino überhaupt wiedersehen würde. Also bat ich Marco, mit mir in die Bar zu kommen, wo ich noch einen weiteren Tinto de Verano trank und eine Zigarette herbeisehnte. An diesem Tag, das ist mir klar, hatte ich als frische gebacke­ner Nichtraucher einfach nur Glück: niemand, aber wahrlich niemand in meinem Umfeld rauchte, also konnte ich auch niemanden um eine Kippe anschnorren. Sonst hätte ich es getan.

Marco leistete mir Gesellschaft, sodass ich zumindest einen Gesprächspartner hatte, mit dem ich mich austauschen konnte. Interessanterweise erzählte er mir, dass seine Oma erst vor drei Monaten an Krebs gestorben sei, nachdem sie jahrelang gegen verschiedene wiederkehrende Tumore gekämpft hatte. Ich überlegte mir bei diesem Gespräch kurz, ob ich seine Geschichte in dieser Situation taktlos finden sollte, befand Marcos unverblümte Ehrlichkeit letztlich aber als liebenswert. Sinnentleertes Geschwafel hätte mir ohnehin nicht weitergeholfen und so hatte ich zumindest das Gefühl, dass er seine eigenen Erfahrungen mit dem Thema Krebs mit mir teilte. Am Ende unserer Unterhaltung erschien es uns beiden so, als hätten wir dieses Gespräch ebenso sehr seinet- wie meinetwegen geführt, denn er hatte sich zuvor mit dem Tod seiner Oma, wie er zugab, kaum auseinandergesetzt und war dankbar dafür, dass unser Beisammensein an diesem Abend ihm dazu Anlass bot. Noch dazu, wo uns am kommenden Tag ein wichtiger Punkt auf dem Camino de Santiago erwartete: das Cruz de Ferro – das Eisenkreuz, an dem die Pilger einen Stein aus der Heimat ablegten, um all die Sorgen, die sie auf dem Weg mit sich herumgetragen hatten, hinter sich zu lassen.

 

Caimada, Caimadita

 

Caimada, Caimadita

You that are so beautiful
We walked away from our old selves
as we walked mile after mile
uphill, downhill, and done with friends
in sunshine and snow,
the rain and cold,
seeking meaning and sense of our lives
Burn away fear,
Burn away sadness, selfishness, distrust,
and let us here
be filled with joy, generosity and confidence.
Let us learn and live through pain and loss
Let the flame warm us with love
and hope in the light of peace
Caimada, Caimadita
Bring to all of us our dreams and hopes.

 

(Unser Anrufung beim Caimada-Ritual am letzten Abend in Santiago de Compostela)

Die Pilgerfamilie

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