Gebratene Möwen und Katoptrophilie

Nach längerer Zeit habe ich mich doch entschlossen, mal wieder eine Rundmail zu verfassen und mich nicht länger von meiner eher bedrückten Stimmung davon abhalten zu lassen. Denn welcher Art wäre der Austausch – oder vielmehr die oftmals etwas einseitige Darstellung meiner Befindlichkeiten, wenn ich hier in guter alter Demokratenmanier die unliebsamen Ereignisse einfach zensieren würde, indem ich sie totschweige?

Nein, das will ich nicht tun und sitze dementsprechend heute vor meinem Netbook (mein liebster Spielgefährte neuerdings) und erzähle einfach ein wenig vom Winter in der Fremde, vom Leben in der Geisterstadt Cambrils, von der Einsamkeit und Isolation, vom drohenden Verlust der Eigenwahrnehmung durch die fehlende Selbstbespiegelung im Umgang mit Freunden.
Immer wieder habe ich den Eindruck, dass viele „Daheimgebliebenen“ ein bisschen in der Gedankenwelt von Manus Papa verhaftet sind und glauben, am Mittelmeer flögen einem die gebratenen Tauben einfach so in den Mund. Alle diejenigen, die dergleichen glauben und mich hierfür beneiden, kann ich getrost desillusionieren, denn es gibt hier zwar Tauben – mehr allerdings Möwen – doch weder die einen noch die anderen fliegen in gerösteten Zustand durch die Luft und drängen sich zum Verzehr auf.
Das Leben hier ist vielmehr hart. Seit ungefähr sechs Wochen ist es mal mehr mal weniger kalt hier – natürlich kein Vergleich zum schneeüberkrusteten Deutschland – und zu frieren gehört zum täglichen Dasein wie Weißbrot, da es in unserer Wohnung eigentlich nie richtig warm wird (akuter Heizungsmangel) – geschweige denn in unserem Schlafzimmer, das wir getrost als zweiten Kühlschrank verwenden könnten, wäre nicht bereits unser erster so groß, dass dafür keinerlei Notwendigkeit besteht.
Ja, Ihr habt Recht, ich habe es mir selbst ausgesucht, ich arbeite hier nicht im klassisch kapitalistischen Sonne from nine to five, sondern kann mich ganz der Arbeit an meinem Roman widmen, genau wie ich es wollte und glaubt mir, auch noch immer will. Eins aber wird mir immer klarer: das Schreiben ist ein einsames Geschäft. Es kostet mich Unmengen an Kraft, mich selbst zu motivieren und immer weiter zu machen, auch ohne dass ich irgendwelche Reaktionen oder Feedbacks bekomme (in dieser Absolutheit stimmt das nicht – ein paar wenige habe ich bekommen, ich will nicht ungerecht sein) – allein durch meinen eigenen Glauben daran, dass es gut ist, was ich tue und richtig, ja gewissermaßen gewollt, gegen alle äußeren Widerstände sozusagen mein Auftrag auf diesem Planeten. Theatralisch? Mag sein. Pathetisch? Auch das.
Ja, das Meer ist schön. Wirklich. Ohne Zweifel. Es vermag mir bloß nicht all die Gespräche mit geliebten Menschen zu ersetzen, die mir hier bisweilen so abgehen –gelegentlich dient es jedoch als Balsam für die wunde Seele. Diese Gespräche, soviel wird mir immer bewusster, tragen einen erheblichen Teil dazu bei, mich als Person selbst überhaupt wahrnehmen zu können, mich zu spiegeln, zu be-greifen und meinen eigenen Standort neu zu verorten. Das fehlt mir – immer wieder drängt sich mir das Bild vom luftleeren Raum auf, ungewollte Schwerelosigkeit.
Dann genügen kleine Dinge wie eine Absage bezüglich der Veröffentlichung meiner Kurzgeschichte „Fernfühlapparat“, um mich aus dem ohnehin labilen Gleichgewicht zu reißen, mir die Kraft und Motivation zum Weitermachen zu rauben.
Wofür? Eine Frage, die sich mir immer wieder aufdrängt – und deren Beantwortung mir hoffentlich in ein paar Jahren leichter fallen wird – dann, wenn ich rückblickend sehen kann, wohin all die losen, verschlungenen Pfade mich geführt haben werden, wo ich stehen werde.
Früher einmal, vor einigen Jahren, als ich es gewohnt war, mit derart depressiven Stimmungen umzugehen, glaubte ich, in guter alter Künstlermanier, ausschließlich in solchen Phasen arbeiten zu können – denn ist es nicht genau das, was einen Schreiberling befeuert, das Leid an der Welt, die Gefahr zu zerbrechen, das Aufbegehren gegen die Ausweglosigkeit, die Unerträglichkeit? Zudem dachte ich, wahres Schaffen sei ohnehin nur im Rausch möglich, öffne dieser doch die Kanäle der Kreativität.
Unterdessen sehe ich das glücklicherweise anders. Wenn ich arbeite, dann nüchtern – kein Wein, kein Absinth, kein Kiff, auch neige ich nicht dazu mit Messern an meinen Ohren herumzuspielen. Allerdings glaube ich mittlerweile auch, dass ich ausgeglichen sein sollte, um zu arbeiten und bedauerlicherweise habe ich in den vergangenen Wochen noch keinen Weg gefunden, die Traurigkeit und das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit zu kanalisieren, ja sie zu bündeln und in einem kreativen Strahl aufs sprichwörtliche Papier zu ergießen (das ja heutzutage eher eine Tastatur ist).
Es wäre toll, diesen Zugang als eine weitere Möglichkeit zurückzugewinnen – im Augenblick aber verbaut mir die schlechte Stimmung den Zugriff auf die Innenwelt meiner Figuren, es fällt mir schwer, mich einzufühlen, jenseits meiner eigenen Schwere zu tasten.
Wie Julie mir in einem Brief so schön geschrieben hat, ist es bisweilen gar nicht so einfach, dieses „Immer einmal öfter aufstehen als man fällt“. Aber letztlich wird es, wie immer, funktionieren und alle Emotion ist erneut nur Phase – in einigen Wochen, im Frühling, vermutlich bereits weit weg, ja, nicht mehr recht nachvollziehbar.
Insofern zeichne ich hier in dieser Mail also nur ein momentanes Stimmungsbild – für alle die, die es womöglich interessiert – die anderen haben wahrscheinlich ohnehin schon zuvor aufgehört zu lesen.

Es grüßt Euch,

Elyseo

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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