Garmeh – Die Einsamkeit der Wüste

Dast-e Kavir Wüste bei Garmeh

Dast-e Kavir Wüste bei Garmeh

Stille. Das ist das Besondere an der Wüste.

Ich saß auf einem Sandhügel. Ringsumher war es still.

In diesem Moment schien es mir, als hätte ich nie zuvor Stille erlebt.

Wahre Stille.

Garmeh ist eine Oase ungefähr 400 Kilometer von Esfahan entfernt, in der Nähe einer kleinen Stadt names Khoor. Als Alex, ein Medizinstudent, und ich im Dunkeln in Garmeh ankamen, hatten wir beiden den gleichen Gedanken, ohne dass einer von uns ihn ausgesprochen hätte: Das ist ja nur ein stinknormales Dorf.

Morgens dann wachte ich um halb sechs auf. In meinem kleinen Zimmer auf dem Dach des Lehmhauses war es empfindlich kalt und ich musste mich durch das ganze Haus hinunter zur Toilette begeben. Der erste Streifen des Morgenrots zierte den Horizont. Obwohl ich hundemüde war, konnte ich meinen ersten Sonnenaufgang inmitten der Wüste nicht verpassen. Es war bitterkalt auf dem Dach des Ateshooni-Gasthauses, also hüllte ich mich in alle Klamotten, die ich dabei habe.

Morgenrot in Garmeh

Morgenrot in Garmeh

Langsam, ganz langsam kroch der Tag heran. Mir wurde klar, dass Alex und ich falsch gelegen hatten: Keineswegs handelte es sich bei Garmeh um ein normales Dorf.

Sonnenaufgang in der Wüste

Sonnenaufgang in der Wüste

Eine nach dem anderen, so schien es, tauchten die Palmen aus dem Dunkeln auf. Tatsache – dieser Ort war eine Oase. Eine Oase, wie ich sie mir vorstellte – vielleicht ohne den zughörigen See in der Mitte, der mein Bild davon vervollständigt hätte.

Sonnenaufgang vom Dach des Ateshooni-Guesthouse

Sonnenaufgang vom Dach des Ateshooni-Guesthouse

Oase Garmeh im Licht der aufgehenden Sonne

Oase Garmeh im Licht der aufgehenden Sonne

Kleiner Tipp am Rande: Mach keine Selfies, wenn Du im wahrsten Wortessinne noch nicht geradeaus schauen kannst. Abgrunderfahrung!

Ich musste sie direkt löschen und habe beschlossen, mich nie mehr morgens um halb sechs irgendjemandem zu zeigen. Sei’s drum, dieser Vorsatz dürfte nicht schwer in die Tat umzusetzen sein, wenn ich mir mein Leben so ansehe…

Die Tage in Ashetooni waren Entspannung pur. Inmitten der Dast-e Kavir-Wüste gab es nichts zu tun, außer auf die nächsten Mahlzeiten zu warten, ein wenig umherzuspazieren und die Ruhe zu genießen. Das tat mir gut, war ich doch in den wenigen Tagen im Iran doch schon sehr viel rumgekommen.

Wüstenbewohner

Wüstenbewohner

Wüstenbewohnerin

Wüstenbewohnerin

Kleine Wüstenbewohnerin (Garmeh)

Kleine Wüstenbewohnerin (Garmeh)

Den ersten Abend verbrachte im Gespräch mit Ali, einem Iraner aus Shiraz, der eine Reisegruppe aus Norwegen begleitete. Zwischen Ali und mir bestand von Anfang an eine Verbindung. Er spricht ausgezeichnet Englisch und wir unterhielten uns über Stunden, wobei ich ihn darum bat, mir einige Ausdrücke auf Farsi beizubringen.

Nach einer Weile meinte er, ich könne ihn auf jeden Fall in Shiraz besuchen kommen und bei ihm wohnen, wenn er von seiner Tour zurück sei. Das fand ich natürlich großartig, wollte ich doch gern die Erfahrung machen, in einem iranischen Heim zu leben. Dann rief er einen Freund in Kerman an – Ehsan – und fragte den, ob er Lust habe, mich für ein paar Tage bei sich aufzunehmen. Ehsan sagte sofort zu. Ich war begeistert – vor allem, weil ich mich so gut mit Ali verstand, dass ich wusste, es wäre keinerlei Stress für mich sein, bei ihm oder seinen Freunden unterzuschlüpfen.

Bilderbuch Oase Garmeh

Bilderbuch Oase Garmeh

Ödland rings um die Oase Garmeh

Ödland rings um die Oase Garmeh

Dürre in der Dast-e Kavir

Dürre in der Dast-e Kavir

Am zweiten Abend stieß dann ein 20-köpfige Gruppe deutscher Frauen zu uns, die alle im Iran leben. Durch die Reiseleiterin dieser bisweilen interessanten, bisweilen anstrengenden Mischpoke erfuhr ich an meinem vorletzten Tag in Ashetooni ein wenig mehr darüber, was es bedeutet, in einer Oase ein Hostel aufzumachen, über das im Lonely Planet berichtet wird.

Eine Oase besteht aus einer eingeschweißten Gemeinschaft von Menschen, die auf engstem Raum zusammenlebt – und das, inmitten einer ausgesprochen unwirtlichen Umgebung. Die Wüste ist des Menschen Feind, da es dort kein Wasser gibt. In unserer hochtechnologisierten Umwelt wird uns kaum bewusst, welch Damoklesschwert über den Menschen schwebt, wenn sie Gefahr laufen, ohne Wasser dazustehen.

Garmeh

Garmeh

Wüsten-Selfie

Wüsten-Selfie

Kleine Gemeinschaften neigen dazu, sich gegen äußere Einflüsse zu sperren. Auch haben sie oftmals konservativen Charakter. Nicht anders verhält es sich mit der Dorfgemeinschaft in einer Oase. Alles Fremde ist den Menschen verdächtig. Sie fassen es als Bedrohung auf.

Das gilt natürlich nicht minder für einen Heuschreckenschwarm von Touristen, der mit einem Mal über Garmeh herfällt und mehr Wasser verbraucht als die restliche Dorfgemeinschaft zusammen. Die Begeisterung der Oasenbewohner darüber ist leicht vorstellbar.

Dast-e Kavir

Dast-e Kavir

Granatapfel - neben Datteln eine der wenigen Obstsorten in Garmeh

Granatapfel – neben Datteln eine der wenigen Obstsorten in Garmeh

In einer Oase gibt es in der Regel einen Mann, der für das Wasser verantwortlich ist. Diese Aufgabe wird von einer Generation an die nächste vererbt. Man mag sich nun denken, dass es sich hierbei um eine höchst ehrenvolle Angelegenheit handelt – das ist indes nur eine Seite der Medaille. Zugleich lastet ein immenser Druck auf der Person, die dieses Amt innehat. Ohne Trinkwasserversorgung gibt es in der Oase kein Überleben.

Oftmals führe die Verantwortung gar soweit, dass Söhne von Wasser-Verantwortlichen einer Oase sich das Leben nehmen, wenn ihr Vater stirbt. Ein Entkommen aus dieser Pflicht gibt es nicht. Sich abzusetzen, beispielsweise in die Hauptstadt Teheran, hat keinen Sinn, weil der Flüchtige doch aufgespürt und zurückgeholt würde.

Garmeh

Garmeh

Garmeh

Garmeh

Als nun das Ateshooni-Guesthouse mit einem Mal einen höheren Wasserverbrauch aufwies als das restliche Dorf, beschlossen die Männer der Oase einstimmig, die Verantwortung für das Wasser auf den Gastwirt Maziyar zu übertragen.

Maziyar, Ateshooni-Guesthouse

Maziyar, Ateshooni-Guesthouse

Auch ist eine Dorfgemeinschaft von knapp 200 Seelen überfordert von den Strömen von Touristen, die seit der Aufnahme des Guesthouses in den Lonely Planet in die Oase einfallen. Selbstverständlich kann man sich Schöneres vorstellen, als morgens die Haustür zu öffnen und als erstes in die weit geöffnete Linse einer Canon-Kamera zu blicken.

Was mich erschreckte, war, dass die Aufnahme in den Lonely Planet tatsächlich über finanzielle Zuwendung erfolgt. Vermutet hatte ich das längst, es nun aus fremden Mündern bestätigt zu hören, war dennoch etwas Anderes.

Auch der Titel des Reiseführers wirkt heutzutage angesichts seiner Popularität wie der blanke Hohn. Mit Sicherheit kann der Reisende sich darauf verlassen, dass die Orte, die im Lonely Planet positiv oder gar enthusiastisch besprochen werden, binnen Kurzem alles andere als einsam sind.

In Maziyars Fall verhält es sich nun nach dem Motto Die Geister, die ich rief.

Abendstimmung in Garmeh

Abendstimmung in Garmeh

Mondaufgang in Garmeh

Mondaufgang in Garmeh

Dennoch wünsche ich ihm Glück, hat Maziyar es doch bislang vermocht, einen heimelichen Ort zu schaffen, an dem ich mich ausgesprochen wohlfühlte. Abends setzt der Musiker Maziyar sich zu den Gästen und erfreut sie mit Trommel-, Didgeridoo- und Schellenklängen.

Auch werden in Ateshooni alle Mahlzeiten gemeinsam eingenommen, was schnell ein Gefühl von Gemeinschaft aufkommen lässt.

Reisende im Ateshooni-Guesthouse lauschen Maziyars Musik

Reisende im Ateshooni-Guesthouse lauschen Maziyars Musik

Tierische Mitbewohner in Ateshooni

Tierische Mitbewohner in Ateshooni

Internationales Vergnügen: Wasserschlacht iranischer Jugendlicher

Internationales Vergnügen: Wasserschlacht iranischer Jugendlicher

Das Haus selbst, aus dem ortsüblichen Gemisch aus Lehm und Stroh erbaut und innen mit Teppichen ausgelegt, vermittelte mir das Gefühl von Exotik und Abenteuer, zumal ich auf dem Dach das Glück hatte, eines der schönsten Zimmer dort zu bekommen.

Dachzimmer in Ashetooni

Dachzimmer in Ashetooni

Ehsan, ich und Caroline

Ehsan, ich und Caroline

Letztlich hinterlässt ein solcher Aufenthalt also einen zwiegespaltenen Eindruck. Eine tolle Zeit war es, gewiss – aber im Endeffekt bin auch ich einer der Touristen die das Gleichgewicht einer solchen Oase empfindlich stören. Das konnte ich nachdem, was ich dort erfuhr nicht mehr ausblenden.

Üblicher Aufruf zum Schluss:

Hilf mit, diese Iran-Reiseberichte zu verbreiten. Lasst uns ein neues Bild jenseits abgedroschener Phrasen schaffen!

Teile, wenn Du kannst!

Danke dafür! Elyseo

 

3 Gedanken.

  1. Bin total begeistert, die Wüste ist ganz mein Ding!!! Kann gar nicht aufhören zu lesen, du schilderst alles so lebendig und auch mit viel Humor. Warte schon sehnsüchtig auf deinen nächsten Bericht.

    Liebe Grüße und vielleicht bis bald?
    Tanja u. Natascha

    • Hallo Ihr Lieben, ein baldiges Wiedersehen würde mich sehr freuen! Ich hoffe, ich schaffe es an Weihnachten, Euch zu sehen, auch wenn ich nur ein paar Tage nach Weihnachten in Nürnberg sein werde. Aber ich habe gerade auf dieser Reise mehrmals an Euch gedacht – vielleicht lag es ja daran, dass ihr meine Berichte gelesen habt! Eine herzliche Umarmung aus Shiraz!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
Hello. Add your message here.