Fröhliche Rauhnächte

Hier von meiner Seite ein paar Sonnwendgrüße! Ich hoffe, Ihr habt die stressigen Adventswochen unbeschadet überstanden und geht noch nicht am nervlichen Krückstock – was ich übrigens verständlich fände.

Manu und ich lernen Spanien gerade mal auf die ganze andere Seite kennen – kalt, regnerisch, grau, selbst das Meer ist regelrecht außer sich über diese Ungebührlichkeit. Das bedeutet, es spuckt Steine und Sand auf unsere an sich so ordentliche Uferpromenade, bricht Stahlbegrenzungen und Steinplatten aus den Uferbefestigungen und sorgt dafür, dass es mit der spanischen Wirtschaft – allem voran mit den Baggerfahrern – wieder aufwärts geht. Erfreulich.

Weniger erfreulich sind die Temperaturen in unserer Wohnung – der Tiefstwert nachts, um den wir uns in den vergangenen Tagen immer wieder bewegen, sind 8 Grad – erfrischend. Ich komme mir vor wie einst in Marios Zimmer in der Wielandstraße, der sich beharrlich weigerte, das Fenster zu schließen, bloß weil Winter war. Naja, eins kann ich Euch versichern, ich wusste meinen Schlafsack noch nie so zu schätzen wie in den vergangenen Wochen und bei jedem Grad, das es nachts weniger hatte, habe ich neue nette Eigenheiten an ihm entdeckt – ich wusste gar nicht, was man an so einem Schlafsack alles zuziehen kann. Ist allerdings immer eine Gratwanderung (keine Gradwanderung, obwohl auch die Temperatur definitiv mit reinspielt) zwischen Wärme und Platzpanik. Um den Hals beispielsweise lege ich mir ungern Würgeriemen, weil ich sonst spätestens in der Einschlafphase hochschrecke und denke, ich sei gefangen. Und das in Spanien – wer hätte das geglaubt, wo es bis vor anderthalb Wochen hier immer mal wieder richtig warm war.

Also, neben Pizza, habe ich festgestellt, ist eine gute Zentralheizung eine weitere Sache, die ich an Deutschland vermisse.

Ansonsten hatten wir in den vergangenen Wochen zwei Mal Besuch – einmal von Christian, den ich im Mai auf der Attac-Aktionsakademie in Köln kennen gelernt habe und der unterdes in Gijón an der spanischen Nordküste studiert und einmal von meiner Schwester.

Dummerweise wurde ich während Christians Besuch krank, so dass er zwei von nur vier Tagen auf meine Gesellschaft mehr oder weniger verzichten musste.

Vermutlich die Schweinegrippe oder eine ähnliche Pandämie, ging schnell wieder vorbei und kostete mich anderthalb Tage urmännliche Todesangst – nicht weiter schlimm also.

Voller Freude habe ich übrigens zur Kenntnis genommen, dass die Pandämie für die kommende Dekade bereits im Anrollen ist – der erste Artikel über die ZIEGENGRIPPE wurde auf Zeit-Online schon veröffentlicht und die Holländer haben gut daran getan, mal schnell 300000 Ziegen zu keulen. Ich persönlich finde es nur gerecht, dass jedes domestizierte Tier hier im gleichen Sinne zu seinem Recht kommt – weshalb sollten die armen Ziegen da hintan stehen! Und ein bisschen Abwechslung braucht der zur Panik neigende Mensch wohl ebenso wie die Pharmaindustrie.

Also, liebe Ziegen – zieht euch warm an!

Und allen Meerschweinchen, Hamstern, Kanarienvögeln, Graupapageien, Hunden und Katzen im menschlichen Umfeld kann ich nur empfehlen, schleunigst das Weite zu suchen – wer weiß, was euch sonst noch blüht in der 10-er Jahren.

Von meiner gefühlt lebensbedrohlichen Erkrankung mal abgesehen, war Christians Besuch sehr schön, er ist ein unkomplizierter, angenehmer Gast und mir selbst tat es gut mich auch über Politisches mal wieder austauschen zu können, da Manu da ja nicht unbedingt der begeisterste Ansprechpartner ist.

Auch mit meiner Schwester verbrachten wir hier ein paar ruhige Tage mit sauren Gurken und Vitaminscheiß – so der unflätige Name, den sie meinem Ingwer-Zitronen-Honig-Heißgetränk verpasste. Naja, die sauren Gurken gehören hier sozusagen zu unserem Gästepflichtprogramm und werden immer wieder gern genommen – ach, für zukünftige Besucher, sollten wir es vergessen, dann besteht ruhig Eurerseits auf eine Kostprobe. Von uns aus jederzeit gern – und es ist nicht böse gemeint und soll Euch auch in Eurem Gaststatus nicht herabwürdigen, sollten wir es mal vergessen.

Neben der Besucherwelle, die gerade erst so richtig ins Rollen gekommen ist und deren Abreißen vor dem Ende der Welt im Jahre 2012 nicht zu befürchten steht, habe ich selbst die vergangenen Wochen mit einer gehörigen Portion Vergangenheitsbewältigung verbracht, was teilweise etwas substanzzehrend war. Keine Sorge, vom Fleisch gefallen bin ich bislang nicht und mein Körper fordert zur Zeit auch immer eine nächtliche Kältemahlzeit vor dem Zubettgehen, damit ich des Nachts nicht dahinscheide.

Mit meiner Arbeit komme ich recht gut voran – erst heute Morgen habe ich mir in meinen Morgenseiten darüber Gedanken gemacht, was sich im vergangenen Jahr für mich, insbesondere für mich als Schreiberling, alles verändert hat – und das ist wahrlich eine Menge. Dementsprechend will ich mich bemühen, all diese positiven Dinge, all den Wandel (yes, I can – apropos, Judith, was ist eigentlich mit unserem Angelaguidoyeswehaveto-Shirt?) und das Vorwärtskommen in den Vordergrund meines Bewusstseins zu rücken, um die teils doch recht schwierigen Tage hier in den rechten Rahmen zu setzen.

So, nachdem mir bisweilen der Vorwurf (subtil versteht sich) nahegebracht wurde, meine Rundmails hätten Romancharakter, will ich an dieser Stelle enden und Euch nur noch ein paar lesenswerte Bücher für die kommende Zeit empfehlen – schließlich habe ich hier ja Zeit, tatsächlich zu lesen und kann insofern eine kleine Vorauswahl für meine gestressten Mitmenschlein treffen. Was ihr schon kennt, ignoriert einfach.

Tipp 1 (das kennen viele schon, ich weiß): Matt Ruff, „Ich und die anderen“ – ein geniales Buch, lustig und anspruchsvoll in einem, mit einer phänomenalen Grundidee und irrsinniger Spannung! Multiplizität für Anfänger – solltest Du Dich während oder nach der Lektüre bisweilen fragen, wie viele Persönlichkeiten eigentlich in Deinem Kopf rumspuken – ich denke, das gehört dazu.

Tipp 2: Zadie Smith, „Von der Schönheit“ – hab’s auf Englisch gelesen, weswegen mir mancher Feinschliff entgangen ist, insgesamt aber ein sehr spaßiges Buch, pointierte Beobachtung der englischsprachigen Gesellschaft, verschiedener Kreise -von Akademikern über Gangsta wird hier alles beleuchtet – und einzelner Persönlichkeiten. Erfrischend.

Tipp 3: Philippe Grimbert, „Ein Geheimnis“ – eine autobiographische Lebensgeschichte über einen französischen Jungen der Nachkriegszeit. Anspruchsvoll, tragisch, schön erzählt und zutiefst berührend. Dabei unter zweihundert Seiten, also die ideale Lektüre für einen ruhigen Abend zu Hause, an dem die Glotze mal aus bleiben darf.

Tipp 4: Lionel Shriver, „Wir müssen über Kevin reden“ – hab ich im Sommer schon mal empfohlen, ist aber immer noch extrem lesenswert. Vor allem, da es um ein Thema geht, an das sich heranzuwagen allein für die Autorin mit Sicherheit eine echte Herausforderung war: ein Amoklauf. Die Geschichte ist aus der Sicht der Mutter des Amokläufers erzählt und in Form von Briefen an ihren Mann verfasst. Exzellent. Hochspannend und bis zuletzt steht man fassungslos vor diesem Werk – wer also keine Angst davor hat, sich mit ernsten Themen auseinanderzusetzen, dem sei dieser Roman ans Herz gelegt.

Tipp 5: Jonathan Franzen, „Die Korrekturen“ – mein persönlicher amerikanischer Lieblingsautor momentan, mit einer irrsinnig zielgenauen Beobachtungsgabe und einer gehörigen Portion Ironie zeichnet Franzen das Portrait einer amerikanischen Familie aus dem Middle-West. Für mich gehören Jonathan Franzens Bücher zu dem Lesenswertesten, was mir in den vergangenen Jahren begegnet ist.

So, alles andere überlasse ich Euch, wünsche Euch zunächst mal entspannende Rauhnächte – lasst Euch das Klimm und das Bimm und das Lustiglustigtralala nicht allzu sehr aufs Gemüt schlagen und haut schön auf die Trompete, um mit einem angemessenen Bummsfallera die neue Dekade zu begrüßen!

Euer Freund in der Ferne,

Elyseo

Cambrils, 22.12.2009

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