Fraglos

„Bist du bereit?“

Da stand sie nun also im Raum, die Frage, vor der ich mich intuitiv schon seit jeher gedrückt hatte. Wenn ich es recht bedenke, hätte ich es kommen sehen müssen, bereits an jenem ersten Tag, als ich Melody traf. Das Aufblitzen in ihren Augen, als sie aus dem Swimming Pool kletterte, das kesse Lächeln, das ihre Lippen umspielte, der schlecht verhohlene Spott, mit dem sie meine etwas außer Form geratene Er-scheinung musterte – all dies hätte mir eine Warnung sein sollen, damals, war es womöglich sogar gewesen, ich aber hatte mich, in all meiner Unbedarftheit, dafür entschieden, diese Warnung in den Wind zu schlagen.
Was kostet die Welt?
Dieses Gefühl endlich wieder durch meine Adern pulsen zu spüren, war einfach zu verlockend gewesen. Wie sehr hatte ich es in den Monaten zuvor vermisst! Denn, neben ihrer offenkundigen Geringschätzung, brandete mir unverkennbar eine anders geartete Empfindung entgegen. Jenes fremde Mädchen, beinahe ein Kind noch, hatte mich mit einem Blick bedacht, dessen ich mich noch würdig zu erweisen hatte. Hatte ich ein solches Geschenk überhaupt verdient?
Ihr werdet mich fragen, wie das geschehen konnte. Wie konnte ich, ein Mann, der mit beiden Beinen hätte im Leben stehen sollen, vor dem forschenden Blick einer Vierzehnjährigen dahinschmelzen als hätten die Jahre meiner Ehe mit Friederike, die Scheidung, der Streit ums Sorgerecht, ja, als hätte mein ganzes Leben nie existiert. Ich spürte, wie ich ganz klein wurde, damals – und dieses Gefühl, das war das Erstaunlichste daran, erschien mir als die langersehnte Befreiung. All jenes Ich-Sein, an dem ich stets aufs Neu gescheitert war, diese übergroßen Hemden aus dem väterlichen Kleiderschrank, die ich verzweifelt auszufüllen bemüht war – unter Melodys Blick schrumpfte ihre Bedeutsamkeit dahin, ganz als hätte sie mir nichts dir nichts den Stöpsel aus einem wassergefüllten Bassin gezogen, das sich nichts sehnlicher wünschte als Leere.
Ich weiß nicht, ob euch dieses Gefühl vertraut ist, doch bereits als Melody mich zum ersten Mal ansah, wusste ich, dass ich fortan stets danach trachten würde, ihre Auf-merksamkeit auf mich zu ziehen. Sie hatte eine Angel ausgeworfen – ich hatte den Köder willig geschluckt und schrie nach mehr.
Als ich sie fragte, ob ich sie auf einen Kaffee einladen dürfe, perlte mir ihr altkluges Lachen entgegen. „Aber ich trinke doch keinen Kaffee!“ Als hätte ich dies längst wissen müssen.
So sollte es bleiben. Melodys Art, die Welt zu betrachten, gründete darauf, dass die Dinge für sie selbstverständlich waren, dass es gänzlich offensichtlich war, dass etwas auf eine bestimmte Art funktionierte und nicht anders.
Wolltet ihr mich fragen, welchen Reiz es für mich barg, mich von einer Vierzehn-jährigen belehren zu lassen, ich vermöchte keine Antwort darauf zu geben. Doch vielleicht war es eben dies: ich sonnte mich in der Einfachheit ihrer Gewissheit.
Dabei war sie keineswegs dumm – nur felsenfest davon überzeugt, dass es nicht notwendig war, über verschiedene Alternativen nachzugrübeln, bevor sie eine Ent-scheidung traf, wo sie die Antwort doch längst kannte.
Ich weiß nicht genau, weshalb ich mir die Mühe mache, euch zu erklären, warum die Dinge sich entwickelten, wie sie sich entwickelten. Erwarte ich euer Verständnis? Die Billigung meines Verhaltens? Ich vermag es nicht zu sagen. Aller Voraussicht nach werdet ihr den Stab über mich brechen, noch ehe ein Hahn auch nur die Gelegenheit bekommt, dreimal zu krähen.
Melody ist fünf Jahre älter als meine Große. Ein Skandal. Ich weiß. Ich kann mir die Empörung in euren Gesichtern regelrecht vorstellen. Beinahe höre ich bereits das Raunen, das durch die Reihen geht. Und doch, wie hätte ich mich verhalten sollen?
Gewiss hatte ich es nicht geplant, mich in sie zu verlieben. Ein Mann in meiner Position! Was läge mir ferner! Und doch darf ich mich glücklich schätzen. Ihr mögt von meiner Entscheidung halten, was ihr wollt, doch meine Liebe zu Melody, diesem herzerfrischend unschuldigen Geschöpf, hat mich gelehrt, wieder zu leben. Wer war ich denn in all den Jahren zuvor? Im Nachhinein scheint es mir unbegreiflich, wie ich hatte vergessen können, was dieses simple Wort bedeutet: leben. Ich bin jetzt sieben¬unddreißig und wache morgens auf und lächle. Muss ich tatsächlich mehr erklären?
Oh mein Gott, ja, in all diesen Jahren habe ich zahllose Entscheidungen von vorgeb-licher Wichtigkeit getroffen, habe mit den einflussreichsten Männern unseres Landes verhandelt, habe Positionen vertreten und wieder verworfen. Ich war jemand.
Und?
Zugleich war ich niemand, hatte vergessen, worauf es ankam.
Glaubt nicht, ich hätte es mir leicht gemacht. Eine Vierzehnjährige! Aber wenn sie mich dann mit ihren erwartungsvollen Augen ansah und ich in ihrem Antlitz lesen konnte, dass es überhaupt keine Frage gab, dass es für sie gänzlich außer Frage stand, ob es richtig oder falsch war, was wir miteinander teilten, ich vielmehr auf diese Selbstverständlichkeit stieß, diese völlig zweifelsfreie Gewissheit, die keine Fragen mehr zuließ, dann musste ich mir eingestehen, dass ich von diesem Mädchen wohl noch einiges lernen konnte. Das zu akzeptieren, war kein leichter Weg. Womöglich war es die schwierigste Entscheidung, die mir je abverlangt wurde. Ganz ohne, dass es dabei um Summen in Millionenhöhe gegangen wäre.

„Bist du bereit?“ fragte sie mich noch einmal und endlich sah ich sie an. In ihren Augen stand all das zu lesen, was mir selbst zu glauben so schwer fiel.
„Ja“, antwortete ich und trat hinaus auf die Bühne.

Köln, 15. Oktober 2011

 

Foto: grasshopperkm. Herzlichen Dank!  7458065634_c3359bb70b_h
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