Fernfühlapparat

Halb acht Uhr morgens.

Ich wache auf, gehe ins Wohnzimmer und schalte den Fernfühler ein.

Eine Schauermeldung zittert über die Mattscheibe.

Robert Enke, deutscher Nationaltorhüter, ist tot.

Der Torhüter der deutschen National-Elf für die Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika hat sich am gestrigen Abend das Leben genommen. Er stürzte sich vor einen Regionalzug. Die beiden Lokführer konnten nur noch Enkes Leichnam bergen. Die trauernde Witwe berichtet in einem Interview von jahrelangen Depressionen –

Irgendetwas stimmt nicht. Mir ist seltsam kalt.

Ich kenne Robert Enke nicht. Besser muss ich wohl sagen kannte.

Das Schlimme aber ist, diese Meldung berührt mich nicht.

Ich fühle mich außen vor. Ein Ereignis, das das ganze Land erschüttert und ich sitze ungerührt auf meinem Sofa?

Funktioniert mein Fernfühlapparat etwa nicht richtig?

Aber der Empfang ist klar. Dennoch stehe ich auf und sehe mir den Fernfühlapparat an. Äußerlich scheint alles in Ordnung zu sein. Vorsichtshalber schlage ich trotzdem mit der flachen Hand gegen das Gehäuse.

Nichts geschieht. Ich fühle mich noch immer stumpf.

Vielleicht sollte ich die Entstörungsgesellschaft anrufen.

Unwillkürlich muss ich an gestern denken.

Die Schweinegrippe breitet sich aus. Es gibt nicht genug Impfstoff fürs Volk.

Auch da habe ich es bereits bemerkt. Der Empfang muss gestört sein. Die Gefühle kommen nicht bei mir an.

Hoffentlich ist es tatsächlich nur der Apparat!

Ich spüre vorsichtshalber in mich hinein.

Womöglich bin ich krank? Gefühlskrank?

Ich zappe durch die Kanäle.

Schweinegrippe, Enke, Schweinegrippe, Merkel, zu wenig Impfstoff, Enke, Schweinegrippe, Unterschätzte Volkskrankheit Depression (vermutlich ein Bericht über Enke), Schweinegrippe…

Mir wird schlecht. Panik steigt in mir auf.

Etwas stimmt nicht mit mir, ich kann nichts fühlen!

Augenblicklich greife ich zu meinem i-phone und rufe die Entstörungsgesellschaft an. Das muss ich jetzt klären. Vielleicht bin auch ich depressiv.

Aber nein, dann könnte ich ja fühlen – nur nicht das Richtige.

Doch was ist mit mir los? Weswegen lassen mich all diese Meldungen kalt?

Es muss schier am Fernfühlapparat liegen.

 

Eine Computerstimme begrüßt mich:

Öffentlich-rechtliche Fernfühlgesellschaft. Für Informationen zu unserem Programm drücken Sie bitte die eins. Für einen Neuanschluss an Digitales Fühlen, drücken Sie bitte die zwei. Für ein kostenloses zweiwöchiges Gefühlsabonnement drücken Sie bitte die drei. Für ein Gespräch mit einem unserer Service-Mitarbeiter drücken Sie bitte die vier.“

Genervt drücke ich die vier.

Ein Hoffnungsschimmer: Genervtheit ist eindeutig ein Gefühl!

„Schönen Guten Morgen. Mein Name ist Petra Miese, was kann ich für Sie tun?“

„Guten Morgen, Frau Miese. Hier spricht Herbrich. Ich glaube mein Fernfühler ist kaputt. Könnten Sie mir da jemanden vorbeischicken?“

„Was für ein Problem gibt es denn bei ihrem Apparat?“

„Ich kann nichts empfinden.“

„Oh, Sie Armer, das tut mir aber leid. Ich schicke Ihnen natürlich sofort einen Mitarbeiter der Entstörungsgesellschaft vorbei. Wenn Sie noch so liebenswürdig wären, mir Ihre Adresse zu geben, Herr Herbrich.“

Nachdem ich meine Adresse durchgegeben habe, kehre ich ins Wohnzimmer zurück und setze mich wieder vor den Fernfühler.

Alles in mir ist tot.

Weinende Fußballfans, brennende Kerzen, ein Meer aus Fanschals – in mir regt sich gar nichts.

Die Leere ist mir unerträglich.

Schrecklich, so ein Leben ohne Fernfühler!

Am besten koche ich mir erst mal einen Kaffee.

Als ich in die Küche gehe, beginnen sich die Gedanken in meinem Kopf zu drehen.

Mitleid.

Wie schwer ist das Leben ohne Mitleid!

Ein bitterer Geschmack kriecht in meine Mundhöhle.

Zugegebenermaßen fühlt sich dieses Mitleid meist noch erfrischender an, wenn ich es für einen Menschen empfinden darf, der mir nahe steht. Das Problem ist nur, meine Freunde leiden im Augenblick nicht. Die sind viel zu beschäftigt. Und auch der Familie geht es gut.

Für solche Fälle gibt es zum Glück den Fernfühler.

Und dann so was!

Das Gefühl von Isolation, das mich befallen hat, seit dieser verdammte Apparat kaputt ist, vergällt mir den Morgen.

Selbst der Kaffee, den ich mir gebrüht habe, um mich aufzumuntern, schmeckt schal.

Noch einmal setze ich mich ins Wohnzimmer.

Irgendeine Regung muss doch aus mir rauszuquetschen sein!

Wenigstens eine winzig Kleine.

Ein wehmütiger Schauer auf dem Rücken. Eine Träne, die ich mir verstohlen aus dem Augenwinkel wischen kann. Das ist doch wohl nicht zu viel verlangt!

Nichts.

Wieder greife ich zur Fernbedienung. Verzweiflung steigt in mir auf.

Kanal um Kanal lässt mich kalt.

Ich bin ein Klotz. Roh. Tumb. Gefühllos.

Klick. Ich schalte den Apparat ab.

Dann eben nicht!

Meine Gedanken verselbständigen sich. Ich will noch Halt rufen, da sind sie bereits fort, schleichen sich aus der Geborgenheit des Fernfühlens.

Wofür zahle ich eigentlich meine Beiträge?

Mitleid.

Dieses Wort wabert durch meinen Kopf, auch wenn es nichts anrührt.

Was ist es, was ich an diesem Gefühl so mag?

Nun, zu erst mal ist es einfach schön. Fühlt sich gut an.

Aber warum?

Ich kaue auf meinem Daumennagel herum. Die Nagelhaut ist schon ganz schrumpelig.

Ist ja eigentlich ganz klar, die Sache mit dem Mitleid.

Leid ist furchtbar. Also eigenes Leid, meine ich. Hautnah muss ich das wahrlich nicht haben. Ich kann mich erinnern, dass es Momente in meinem Leben gab, da hätte ich es beinahe nicht mehr ausgehalten.

Der Tod meiner Schwester. Zum Beispiel. Nichts, was ich noch einmal durchleben möchte.

Mitleid ist da angenehmer. Dasselbe Gefühl, aber nicht so schmerzhaft. Von einer erquicklichen Intensität. Mitleid macht mich lebendig, zugleich jedoch bleibt ein gesunder Abstand. Ich schätze es, wenn ich eine gute Nachrichtensendung fühle und mir die Tränen über die Wangen laufen.

Noch vergangene Woche, erinnere ich mich, habe ich vor dem Fernfühler geweint.

Um was ging es da noch mal?

 

Naja, ist ja auch egal. Angenehm auf jeden Fall.

Das Gefühl, das diese Tränen auslösen, erinnert mich an den kathartischen Effekt in der griechischen Tragödie. Die wiederum lässt mich an meine Schulzeit denken. Wenn ich den Apparat nach einem solchen Gefühlssturm abschalte, fühle ich mich gereinigt. Dieses Gefühl brauche ich nun mal. Ist wie eine innere Dusche. Seelenhygiene, sozusagen.

Letzte Woche hat er also noch funktioniert. Daran besteht kein Zweifel.

 

Mitleid.

Welch eigenartiges Gefühl. Wenn ich es so recht bedenke, weiß ich, was mir gerade fehlt, jetzt da der Fernfühler schweigt.

Mir ist, als wäre mir das Gefühl, ein Mensch zu sein, abhanden gekommen. Nein, ein Mensch bin ich ja noch immer – aber menschlich?

Immerhin ist es eine tolle Sache, mit anderen Menschen mitfühlen zu können!

Das beweist es doch. Das auch ich selbst ein Mensch bin. Wertvoll. Liebenswürdig.

Oder?

Wenn nur endlich der Mann von der Entstörungsgesellschaft käme!

Da zahle ich Monat für Monat horrende Beiträge – und wofür?

Einmal wenn ich wirklich jemanden brauche, lassen sie mich hängen. Die sollten doch wissen, wie das ist!

Probeweise schalte ich den Apparat wieder an.

Noch immer flimmern trauernde Fußballfans über die Mattscheibe.

Depression ist eine Krankheit, die auch in Deutschland viel zu oft tabuisiert wird. Der Druck unserer modernen Leistungsgesellschaft bringt depressive Menschen dazu, ihr Leiden für sich zu behalten – aus Angst vor beruflichen Konsequenzen. Zwar bestätigen Ärzte weltweit, dass Menschen, die unter Depressionen leiden, mit der richtigen Medikation wieder voll arbeitsfähig sein können, doch scheint dies bislang ins Weltbild der Chefs und Manager nicht vorgedrungen zu sein. Der tragische Fall des Robert Enke beweist wieder einmal, dass in dieser Hinsicht noch viel Aufklärungsarbeit vor uns

Ich schalte den Ton weg. Stumme Massen pilgern zu einem Gedenkgottesdienst.

Keine Resonanz in mir – nur Gleichgültigkeit.

Leere.

Es klingelt an der Tür.

Endlich!

„Herr Herbrich?“

Freundlich schüttele ich dem Mann von der Entstörungsgesellschaft die Hand.

„Der Apparat ist im Wohnzimmer. Kommen Sie nur gleich mit.“

Nach wenigen Minuten hat der Techniker seine Arbeit erledigt.

Probeweise schalte ich den Apparat an und setze mich auf mein Sofa.

Ein Foto von Robert Enke wird eingeblendet. Mittlerweile kenne ich sein Gesicht. Die Kamera schwenkt zu seiner weinenden Witwe. Sie erzählt vom Tod ihrer beider Tochter vor drei Jahren.

Mir zerreißt es das Herz. Ich lausche ihren Worten und Tränen rinnen über meine Wangen.

„Danke! Vielen Dank!“ wende ich mich an den Mann von der Entstörungs­gesellschaft und stecke ihm einen Schein zu.

Als er die Tür hinter sich zugezogen hat, eile ich ins Wohnzimmer und zappe durch die Kanäle:

Enkes Selbstmord – ich schluchze – Schweinegrippe – die Panik schlägt mir auf den Magen – zu wenig Impfstoff – meine Nackenhaare stellen sich auf – die Merkel – mit wird wohlig ums Herz –

Dann aber schalte ich wieder zurück aufs Erste und genieße die Reportage über den Tod eines Nationalhelden.

Cambrils, 11. November 2009

 

Foto: markunti. Herzlichen Dank!  Enke Trauer
http://www.flickr.com/photos/markunti/4105875948/lightbox/

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