Facetten Festival 2013 – Ein Nachklang.

Am 01. und 02. März 2013 fand in der Kölner Südstadt das zweite         Facetten-Festival statt. Im heimelig-familiären Ambiente der Lichtung gaben sich fünf Bands und ein Solo-Künstler ein Stelldichein. Sie entführten das Publikum in vielfältige, bisweilen nie gehörte Klangwelten.

Das von Johanna Stein organisierte Festival wurde seinem Namen in der Tat gerecht. Es nahm seine Zuschauer auf eine musikalische Reise mit:

Ausgangspunkt war am ersten Abend die Welt des Bass‘, weiter ging es mit holländischem Indie-Pop, nur um kurz darauf in die Gefilde des Jazz‘ aufzusteigen. Den zweiten Festivaltag leitet melancholisch-fröhlicher Pop ein, desweiteren war ein Ausflug in die Experimental-Musik geboten und schließlich entließ uns Zuschauer ein Gruß aus der Welt des Gypsy-Jazz‘.

Der hohe Wohlfühlfaktor beim Facetten-Festival war nicht zuletzt Organisatorin Johanna Steins Gastgeber-Qualitäten geschuldet. Mit ansteckend guter Laune geleitete die junge Cellistin das Publikum durch die beiden Abende und verstand sich darauf, allen Gästen ein Gefühl des Willkommenseins zu übermitteln. Zudem war mit indischen Snacks und hausgemachten Cookies jenseits des üblichen Getränkeangebots auch für das leibliche Wohl gesorgt.

 

Nun aber zum Wichtigsten im Rahmen eines Festivals – der Musik!

 

(Für den Fall, dass ihr euch selbst einen akustischen Eindruck verschaffen möchtet, habe ich die einzelnen Künstler am Ende dieses Nachklangs verlinkt.)

Ich möchte vorwegschicken, dass ich mich selbst als musikalischen Laien bezeichnen würde – insofern stelle ich wohl den Typus des zufälligen Festival-Besuchers dar. Aus dieser Perspektive will ich hier auch berichten.

 

1. Festivaltag: Freitag, 01. März 2013:

 

Mit seinem Programm Strictly Bass eröffnete Mischa Marcks den ersten Festival-Abend. Meine Erwartungen waren nicht eben überhöht, da ich normalerweise keine Instrumentalmusik höre. Insofern überraschte es mich umso mehr, wie Mischa mich mit einer bunten Mischung aus Eigenkompositionen und gecoverten Stücken (von den Beatles über Michael Jackson bis zu The Lion Sleeps Tonight war einiges geboten) in seinen Bann zu ziehen verstand. Ausschließlich mit Bass und Loop-Gerät ausgerüstet reichte Mischa Marcks Repertoire von träumerisch sphärischen Klängen über fröhliche Stücke bis hin zu psychedelisch anmutenden Liedern. Allen gemein war, dass sie mich hinfort trugen und mich in einen Zustand meditativer Nachdenklichkeit versetzten. Als Mischa Marcks geendet hatte, war ich entspannt und harrte der Dinge, die da noch kommen mochten.

Als nächstes traten dann, früher als geplant, die Headliner des ersten Abends auf, die holländische Band I am oak.

 

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Mit ihrem melancholischen Indie-Pop fiel es der Band schwer, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Das kam darin zum Ausdruck, dass die Gespräche der Zuschauer die Musiker anfangs übertönten. Auch mir fiel es schwer, mich auf die zweifelhafte Schuljungen-Schwermut der Band einzulassen. Sie schien mir aus dem Emo-Umfeld zu stammen, das ich als größtenteils sinnentleert empfinde.

Für das Festival erwies sich die Programm-Umstellung indes als vorteilhaft, denn somit lag mein persönlicher Höhepunkt des Facetten-Festivals am Ende des Freitag Abends. Es spielten Badz, ein Quartett aus Ben Tai Trawinski (Kontrabass), Johanna Stein (Cello), Florian Vogel und Frank Brempel (beide Geige).

Zum Auftakt trat die Sängerin Helen Kaiser mit Badz auf. Was I am oak nicht gelungen war, gelang Badz und Helen Kaiser augenblicklich: das Publikum war gefesselt und konnte Augen und Ohren nicht von der Bühne wenden. Helen Kaiser verkörperte eine Mischung aus Feenhaftigkeit und Sex-Appeal, die dem Zuschauer das Blut in den Adern stocken ließ. Beinahe wollte er aufschreien, als sie nach zwei Stücken die Bühne verließ: Nein, tu das nicht!

Dass Badz das Publikum nichtsdestotrotz auch ohne sie bei der Stange zu halten vermochten, spricht für das Niveau der Band. Hier handelt es sich augenscheinlich um Virtuosen, die den Zuschauer fest in der Hand haben, gar bei der Hand nehmen, wenn sie ihn auf eine Reise durch ihre Klangwelten führen:

es geht ins Jazzige, aber auch klassische Elemente und Anklänge an die Weltmusik schwingen mit. Das Potential eines jeden Instruments wird ausgeschöpft, da werden die Geige gezupft und beschabt, Cello und Kontraboss beklopft, ja es wird gar auf Spanisch gesungen und der Zuhörer käme gar nicht dazu gedanklich abzuschweifen. Die ganze Combo strahlt eine unglaubliche Leidenschaft aus, allen voran Johanna Stein, der die Spielfreude am strahlenden Lächeln abzulesen ist.

 

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Zum Ende dieses Abends holt Badz schließlich den persischen Perkussionisten Syavash Rastani auf die Bühne, der das Spiel mit ausgefallener Behandlung seiner Trommel um exotische Klänge erweitert und gemeinsam mit Badz beschließt.

 

2. Festivaltag: Samstag, 02. März 2013:

 

Den zweiten Abend eröffneten Tom und Jenny, ein Singer-Songwriter-Duo bestehend aus Jenny Thiele und Thomas Mühlhoff, die ihre neue CD Chamäleon vorstellten. Die beiden bekundeten offen „Wir lieben Pop“ und stellten somit an diesen beiden Tagen eine weitere Facette dar.

Die beiden Pole Melancholie und Fröhlichkeit setzen sie in ihren Stücken wechselweise um, mitunter fließen kapitalismuskritische Klänge ein, was der Geschmeidigkeit der Texte nicht zwingend zuträglich ist (Wörter wie Regeneration und Generation im Refrain erinnern mich an Madonnas Bourgeoisie im Refrain zu Music – das klingt für meine Ohren unnatürlich). Mir selbst gefielen die fröhlicheren Stücke besser, vor allem das Sommerlied oder die experimentelleren Lieder des ersten Albums Im Zoo (beispielsweise ein Song über die Katze Lucky). Jennys ausdrucksstarke Stimme vermag aber ebenso problemlos ins Schwere und Traurige hinüberzuwechseln.

Weiter ging es dann mit dem Florian Vogel Trio bestehend aus Florian Vogel (Geige), Steffen Hollenweger (Kontrabass) und Markus Zink (Schlagzeug). Was die drei darboten, war für mich der anspruchsvollste, am schwersten zu erschließende Teil dieser musikalischen Reise. Als, was experimentelle Musik angeht,  gänzlich unbeleckt, kostete es mich Mühe und guten Willen, mich auf das Trio einzulassen. Letzten Endes aber stellte ich fest: es lohnt sich. Von rhythmisch bis arhythmisch, von melodiös bis industriell, von langsam bis schnell nahm das Florian Vogel Trio den Zuhörer mit auf eine experimental-musikalische Achterbahnfahrt. Als ich mich erst einmal auf die Außergewöhnlichkeit der Musik eingelassen hatte, vermochte ich die Spannung zu entdecken, die sich in diesen mannigfaltigen Klangkarussell auftat. Das Publikum jedenfalls applaudierte am Ende der Darbietung euphorisch.

Das Festival beschlossen Dick Riot, eine Band, die dem Publikum nach den Experimental-Klängen des Frank Vogel Trios wieder festen Boden unter den Füßen lieferte. Martin Henger und Andreas Güth (beide Gitarre), Frank Brempel (Geige) und Christoph Bormann (Kontrabass) spielten beschwingten und eingängigen Gypsy-Jazz, verarbeiteten teils bekannte Melodien und bewegten sich auf einer Skala von sanft, unterschwellig melancholisch bis fröhlich. Ihr humorvoller Auftritt, ja, dass sie diesen Humor gar über ihre Musik zu transportieren verstanden, diente als würdiger Ausklang für das Festival.

Die Zuschauer dankten es ihnen und verließen das Facetten-Festival mit einem Gefühl der Bereicherung.

 

Eine derartige Vielzahl musikalischer Impressionen hatte ich lange nicht erlebt. Gewiss entspricht das Facetten-Festival, das Johanna Stein mit einigem Idealismus aufgezogen hat, nicht den gängigen Vorstellungen unserer Spaßgesellschaft, in der sich Wert größtenteils über schnelle Erschließ- und Verwertbarkeit definiert. Beides leistete das Festival mit Sicherheit nicht.

Es erforderte Muße, sich einzulassen. Zudem die Bereitschaft, Neues oder Ungewohntes zu entdecken.

Dies aber zeichnete das Festival letzten Endes aus.

Es bleibt Festival wie auch Organisatorin zu wünschen, dass nächstes Jahr noch mehr Menschen diese Gelegenheit wahrnehmen werden.

 

Hier, wie versprochen, die Links zu den Musikern. Hört rein und bildet euch eine eigene Meinung!

http://www.strictly-bass.com

 

http://www.snowstar.nl/artist/i-am-oak/

 

www.badzmusic.com

 

www.tomundjenny.de

 

http://www.facebook.com/pages/Florian-Vogel-Trio/473877075968264?fref=ts

 

http://www.facebook.com/dickriotjazz

 

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