Eva Illouz – Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Ein Nachklang

Eva Illouz, Foto mit freundlicher Genehmigung von צחי לרנר (Wikipedia)

Eva Illouz, Foto mit freundlicher Genehmigung von צחי לרנר (Wikipedia)

In früheren Zeiten wäre die Soziologin Eva Illouz sicherlich als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Ihre Fragestellungen treffen stets ins Schwarze und bringen so die herrschende Denke in Bedrängnis. Im Weltbild der Professorin der Hebräischen Universität Jerusalem scheinen Begriffe wie alternativlos oder unhinterfragbar nicht vorzukommen .

Zentrales Thema ihrer Arbeit sind die Auswirkungen des Kapitalismus auf das Leben des Privatmenschen. Allerdings beschränkt Eva Illouz sich hierbei keinesfalls auf das Augenfällige, sondern untersucht Zusammenhänge, die im ersten Augenblick überraschen mögen.

Ihre im Rahmen der Frankfurter Adorno-Vorlesungen (2004) gehaltenen Vorträge sind im Suhrkamp-Verlag unter dem Titel Gefühle in Zeiten des Kapitalismus erschienen.

Als wesentlich für die Entstehung des emotionalen Kapitalismus, wie sie das Phänomen nennt, als das sich unsere heutige Gesellschaftsform beschreiben ließe, sieht Eva Illouz Aufstieg und Ausbreitung der Psychoanalyse Freuds in den Vereinigten Staaten an.

Psychologisierung der westlichen Welt

Im ersten Teil des 169 Seiten starken Büchleins beschreibt sie nicht nur, wie es zum Erfolg der Freudschen Theorien und all der von ihr abgeleiteten psychologischen und psychotherapeutischen Konzepte kommt, sondern untersucht vielmehr auch den Effekt, den diese Psychologisierung der Gesellschaft auf den Einzelnen, auf die Familie, aber auch auf die Arbeitsbedingungen innerhalb der Unternehmen hat. Schon der Gedanke, dass die aus Freudianischen Ansätzen entstandene Psychologie (die Annahme einer Dreiteilung der Psyche; der Glauben an ein Unbewusstes, das unser Handeln bestimmt; die Rolle der Familie und der Sexualität) nichts weiter als eine Annahme und keinesfalls unumstößliche Wirklichkeit ist, dürfte manchen Laien irritieren. Dieses Gedankenmodell ist so tief in den Morast unhinterfragter gesellschaftlicher Glaubenssätze abgesunken, dass es gemeinhin nicht mehr reflektiert, sondern als naturgegeben hingenommen wird.

Eva Illouz untersucht in ihren Vorträgen die Ursachen für die erfolgreiche Ausbreitung der psychologischen Sprache, die über zahllose Ratgeber-Magazine und Lebenshilfe-Seminare im Laufe des 20. Jahrhunderts bis in die abgelegensten Winkel der westlichen Welt transportiert wurde. Auch forscht sie den Gründen für den Aufstieg eines neuen emotionalen Stils in den Unternehmen nach. Galt es bis ins frühe 20. Jahrhundert noch als selbstverständlich, dass Angestellte und Arbeiter in Abhängigkeitsverhältnissen zu spuren hatten, wenn der Vorgesetzte pfiff, veränderten sich Unternehmenskultur und die Vorstellung von fähigen Führungskräften dahingehend, dass nunmehr Kommunikationsfähigkeit und emotionale Kompetenz gefragt waren. Diese zeitigten nämlich, so der neue Ansatz, höhere Profite.

Auch im Privatleben jedoch, so die Soziologin, verursachten die neuen Glaubenssätze massive Veränderungen. Emotionen, bis dahin stur der weiblichen Sphäre zugeschrieben und somit als minderwertig betrachtet, gewannen zum einen eine neue Relevanz, wurden zum anderen aber auch verdinglicht, indem sie dem Zugang allgemeiner Beschreibbarkeit unterworfen wurden.

Beide Aspekte wirkten sich auf die herrschenden Geschlechterbilder aus: Der unternehmerische Aspekt mit seinem Fokus auf Kommunikation verursachte eine Feminisierung der, zumeist männlichen, Manager; der private verlangte von den Frauen im Gegenzug eine Rationalisierung ihrer Emotionen und somit eine Maskulinisierung.

Pathologisierung des menschlichen Lebens

Auch im zweiten Teil von Gefühle in Zeiten des Kapitalismus richtet Eva Illouz ihren Blick schonungslos dorthin, wo es weh tut. Nicht umsonst wohl wurde sie von der Zeitung Die Zeit 2009 zu einer der zwölf Intellektuellen erkoren, die das Denken der Zukunft verändern werden (Quelle: Wikipedia-Artikel über Eva Illouz).

In diesem Teil geht die Soziologin auf die Veränderung der Selbstwahrnehmung durch den allgegenwärtigen psychologischen Diskurs ein. Sie legt dar, wie die Geschichten, die Individuen sich über sich selbst erzählen, zu Geschichten des eigenen Leidens wurden – und zwar gänzlich unabhängig davon, wie erfolgreich diese Individuen im Leben sein mögen.

Das therapeutische Narrativ befindet sich (…) im Herzen dessen (…), was viele als Opferkult und Klagekultur bezeichnen schreibt Eva Illouz (zitiert nach: Eva Illouz, Gefühle in den Zeiten des Kapitalismus, S. 87, Frankfurt a. M., 2007) und zieht dazu eine Aussage des Kunstkritikers Robert Hughes heran, der feststellt, daß unsere Kultur zunehmend eine Kultur der „Beichte“ sei, in der „eine Demokratie des Leidens herrsche. Nicht jeder ist reich und berühmt, aber jeder hat gelitten“ (ebd.)Gefühle In Zeiten des Kapitalismus.

Diese Gedanken sind insofern beunruhigend, als dass sie andere Möglichkeiten implizieren, die im gängigen Selbstverständnis der Menschen als solche kaum noch wahrgenommen werden. Auch implizieren sie eine fortlaufende Pathologisierung menschlichen Verhaltens, wie es am Beispiel der zunehmenden sogenannten Zivilisationskrankheiten problemlos zu beobachten ist (man denke nur an ADHS oder Burn-Out).

Virtuelle Liebe vs. althergebrachter Romantik

Im dritten und letzten Teil des Buches – er trägt den Titel Romantische Netze – dehnt Eva Illouz ihre Beobachtung auf die Veränderung der Liebesbeziehung durch den Einfluss des Internets aus. In diesem Zusammenhang beleuchtet sie das Phänomen der Partner-Portale, die seit Jahren wie Pilze aus dem Boden schießen und sich ungebrochener Beliebtheit erfreuen – und das, obwohl die Menschen von den Erfahrungen zumeist enttäuscht sind. Diesen Schluss zieht die Soziologin aus der Befragung von Menschen, die in solchen Partnerbörsen aktiv sind oder waren.

Wie, fragt sie berechtigterweise, haben diese vorgeblich Risiko minimierenden Vermittlungsplattformen unser Verständnis von Liebe und Romantik verändert? Welchen Unterschied macht es, ob wir Menschen zunächst im realen oder im virtuellen Raum begegnen? Welchen Einfluss hat die Erstellung von psychologisch durchkalkulierten Persönlichkeitsprofilen auf die Selbstwahrnehmung des Menschen?

Auf all diese Fragen gibt Eva Illouz Antwort. Sie konstatiert ein Zu-Markte-Tragen der eigenen Haut und zugleich eine zunehmend weiterreichende Verflechtung des Privaten und des Öffentlichen.

Was Eva Illouz in ihrem Buch leistet, ist Folgendes: Mit chirurgischer Präzision untersucht sie Zusammenhänge, die dem Leser bisweilen ungeheuerlich erscheinen dürften. Diese präsentiert sie jedoch in höchster Stringenz. Mithin dürfte es schwerfallen, in die gewohnte Narrative des Leidens zurückzuverfallen, ohne sich zumindest ab und an zu fragen, ob dies die einzige Art und Weise sei, das eigene Leben zu betrachten.

Für ihren schonungslos ehrlichen und um Wahrheit bemühten Blick schulden wir Eva Illouz Dank und Anerkennung.

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2 Gedanken.

  1. Heyda Elyseo!
    Seit Jan mir Deine Seite gezeigt hat, kann ich nicht mehr aufhören zu stöbern und deine Texte in mich aufzusaugen! 🙂
    Was bin ich froh und vor allem erleichtert, dass es doch noch Menschen gibt, die nicht nach Arbeit, Reichtum und/oder Macht streben, sondern nach dem einzigen verdammten Leben, das wir haben!
    Danke, dass du bist wie du bist!
    Cräcker

    • Haha, Cräcker, wer immer sich dahinter verbirgt – danke für die Blumen! Ich freue mich natürlich über solch schöne Rückmeldung! Alles Liebe aus Köln!

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