Eriwan – Stadt der Längschläfer

„Und was machst Du hier?“ frage ich.

Mattia Miraglio, Weltenwanderer aus Italien

Mattia Miraglio, Weltenwanderer aus Italien

„Ich gehe einmal zu Fuß um die Welt“, antwortet der über und über tätowierte junge Italiener. Er sitzt auf einem Sessel und schaut sich eine Fernsehserie auf seinem Computer an.

Sein Name ist Mattia Miraglio. Er ist ein ganz normaler Typ, wie er selbst sagt.

Dennoch hat er unterdessen einen eigenen Facebook-Fanclub, führt in der Zeit, die ich gemeinsam mit ihm im Envoy-Hostel in Eriwan (Yerevan) verbringe, ein Interview mit dem größten italienischen Radio-Sender und zeigt mir den Fernsehbericht, der bei seinem Aufbruch im April im italienischen Fernsehen gesendet wurde. Fünf Jahre soll seine Reise dauern.

Mattia ist ein netter Kerl, der sich zu Anfang gar nicht vorstellen konnte, dass aus seinem Lebenstraum so eine große Sache werden sollte. Seit er 16 war (er ist jetzt 26), hat er alles Geld, das er verdiente, beiseite gelegt, um sich diesen Traum zu verwirklichen. Unterdessen hat er Menschen, die seine Reise sponsoren. Doch er sagt, er werde nichts davon benutzen, wenn es nicht wirklich nötig sein sollte, sondern das Geld für wohltätige Zwecke spenden. Diese Reise, meint er, sei letztlich nur für ihn. Wenn er den Menschen in Italien damit Hoffnung machen könne, freue ihn das. Aber letztlich gehe es um ihn.

Mattia beeindruckt mich. Er lebt seinen Traum. Er hat ein großes Herz. Als ich Pasta koche und ihn zum Essen einlade, ist er dankbar wie ein kleiner Junge.

Alte Männer in Yerevan: ins Schachspiel vertieft

Alte Männer in Yerevan: ins Schachspiel vertieft

Eriwan: Stadt der Straßencafés und Kneipen, aber auch der Parks.

Eriwan: Stadt der Straßencafés und Kneipen, aber auch der Parks.

Yerevan gefällt mir auf Anhieb. Ich komme nach einer Fahrt mit dem Nachtzug früh um sechs Uhr hier an. Die Stadt schläft noch. Die Sonne taucht alles in ein warmes Licht. Die dominierende Farbe ist ein rostiger Rotton. Niemand ist auf der Straße unterwegs. Überraschenderweise bleibt das so bis um elf. Armenien ist das Land der Langschläfer.

Zum Unabhängigkeitstag am 21.9. zeigt Armenien Flagge.

Zum Unabhängigkeitstag am 21.9. zeigt Armenien Flagge.

Einige Tage später bekomme ich in einem Guest House in Dilijan eine Szene mit, wo ein deutsches Paar darum bittet, um sieben Uhr frühstücken zu dürfen.

Seven o’clock? fragt die Gast-wirtin. Ihr treten sprichwörtlich die Augen aus den Höhlen.

Not eight? hakt sie fassungslos nach.

Erst, als die beiden fragen, ob sie nicht das Abendessen anstelle des Frühstücks verrechnen könnten und auf das Frühstück verzichten, lenkt sie ein. Das Geschäft geht letzten Endes doch vor.

Da ich erst um 14 Uhr im Envoy-Hostel einchecken kann, habe ich gut fünf Stunden Zeit, die Stadt zu erkunden. Zuvor darf ich dort allerdings frühstücken. Das stellt sich nach der langen Fahrt als Glück heraus. Alle Cafés in der Stadt sind noch geschlossen, selbst nachdem ich mein Frühstück im Hostel beendet habe.

Skulptur vor einem Haus im typisch rötlichen Farbton Yerevans

Skulptur vor einem Haus im typisch rötlichen Farbton Yerevans

Wie so oft bei Städten, weiß ich sofort, dass Yerevan ein Ort ist, an dem ich mich wohlfühlen werde. Das bleibt auch so, obwohl ich während meines kompletten fünftägigen Aufenthaltes krank bin. Mein Zimmergenosse in Ushguli hatte mich dummerweise mit einer hartnäckigen Erkältung und Husten angesteckt.

Überall in der Stadt gibt es Straßencafés, Bars und Clubs. Ich frage mich, wie sie alle in einer Stadt von gerade mal einer Million Einwohner überleben können. Aber natürlich ist unterdessen Mitte September und die Touristen-Saison ist dabei auszulaufen.

Oper in Yerevan

Oper in Yerevan

Am ersten Abend besuche ich die Oper. Sie ist neben dem Platz der Republik der zweite zentrale Punkt in Yerevan. Es findet eine Aufführung von Verdis La Traviata statt. Ein Platz im ersten Rang in der Oper in Yerevan kostet 6 Euro. Unglaub-lich. Dabei ist Armenien alles in allem teurer als Georgien. Es fällt mir deutlich schwerer, mein Tagesbudget von 25 Euro einzuhalten.

Ich weiß von vornherein, dass ich bei der Aufführung nichts verstehen werde. Auch das Programmheft gibt es ausschließlich auf Armenisch – 39 Buchstaben, von denen ich keinen einzigen lesen kann. Dennoch entschließe ich mich zu diesem Besuch – und er lohnt sich.

Natürlich kann ich die Handlung nicht detailliert nachvollziehen, andererseits bin ich deshalb auch aufnahmefähiger für die Musik. Die Sängerin, die die Rolle der Violetta spielt, singt großartig. Immer wieder versinke ich in der Musik und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Es ist ein Musikerlebnis der anderen Art. Mehr wie die Orgelkonzerte im Kölner Dom. Ohne den Anspruch, verstehen zu müssen. Somit haben die Gefühle, die Verdis Musik ausdrücken, die Chance bis zu mir durchzudringen.

Tags darauf gehe ich abends in eine Bar namens Calumet. Nach meiner Woche in den Bergen Swanetiens steht mir der Sinn nach Leben.

Nachtleben in Yerevan: Calumet-Bar

Nachtleben in Yerevan: Calumet-Bar

Ich entdecke die Kneipe zufällig, folge einfach Menschen hinab in einen Keller. Als ich mir einen Gin-Tonic bestellt habe, frage ich einige Leute an einem Stehtisch, ob einer der Hocker noch frei sei. Sofort bemerken sie, dass ich allein bin und verwickeln mich mich in ein Gespräch.

Später an diesem Abend lerne Armine und Nina kennen. Sie machen meinen Aufenthalt in Yerevan zum bisherigen Höhepunkt dieser Reise.

Armine stammt zwar aus Yerevan, lebt aber seit Jahren nicht in Armenien. Sie studierte zunächst in Paris und wohnt nun in Guadeloupe. Nina hat ebenfalls in Paris studiert. Derzeit arbeitet sie für ein Tourismus-Unternehmen in Yerevan.

Nina (links), Armine und meine Wenigkeit

Nina (links), Armine und meine Wenigkeit

Wir kennen uns keine Stunde, als Armine mich fragt, ob ich Lust darauf hätte, am nächsten Abend mit zu einem Konzert zu kommen, für das sie Freikarten habe. Natürlich habe ich Lust.

Also treffen wir uns Samstagabend mit einer weiteren Freundin von ihr: Lusine, die in Austin, Texas, lebt und mit ihren gerade mal 29 Jahren die größte Englisch-Schule Yerevans aufgebaut hat.

Das Konzert findet in einem neugebauten Radrenn-Stadion statt. Forsh ist eine Art armenischer Udo Jürgens. Vielleicht wäre das Konzert gut, wäre es nicht arschkalt und das Stadion der denkbar ungeeignetste Ort für ein Musikkonzert. Die Bühne steht auf dem Rasen oder vielmehr dem Schlammloch in der Mitte, das wohl hätte Rasen sein sollen. Die Zuschauer aber sitzen auf der Tribüne – und das unter charmefreier Neonbeleuchtung. Niemand ist dem Forsh näher als 50 Meter. Der verzweifelte Versuch der Bühnen-Beleuchter, Atmosphäre zu schaffen, versickert im Neonweiß der Flutlichtlampen.

Forsh-Konzert, Yerevan - Forsh beinahe unsichtbar auf der viel zu weit entfernten Bühne

Forsh-Konzert, Yerevan – Forsh, beinahe unsichtbar, auf der viel zu weit entfernten Bühne

Eine Leinwand für eine Übertragung existiert nicht. Ich kenne natürlich keinen einzigen der armenischen Schlager, zu denen das Publikum halbherzig mitschunkelt. Nach einer halben Stunde sind wir so durchgefroren und desillusioniert, dass wir lieber in eine Bar weiterziehen.

In dieser Nacht lernen wir zwei Reisende kennen – Kyle, einen Kanadier, und Jack aus Australien. Sie sollen uns in den kommenden Tagen begleiten. Wir tanzen bis in die frühen Morgenstunden. Die Herzlichkeit, die ich in Yerevan allenthalben erfahre, ist unvergleichlich.

Nina, Lusine und Armine – sie werden in wenigen Tagen zu Freunden. Ich habe das Gefühl, sie seit Jahren zu kennen. Wir sprechen über alles. Nina und Armine besuchen mich gar eine Woche später in Dilijan. Dort sitzen wir bei eisiger Kälte nachts auf dem Balkon und unterhalten uns bis mitten in die Nacht.

Auch das Team des Envoy-Hostel gibt mir das Gefühl, zu Hause zu sein. Ani, Grigor und Arpine tun alles, um uns Travellern das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Besseren Service als dort habe ich noch nicht erlebt.

v.l. Jack, Nina, Kyle, Elyseo, Armine

v.l. Jack, Nina, Kyle, Elyseo, Armine

Tags darauf, ziemlich überfeiert, erklimme ich die Kaskaden – eine Mischung aus Treppen und Skulpturenpark in Yerevan. Was von unten einfach aussieht, erweist sich in meinem Zustand als arge Plagerei. Dennoch ist es die Mühe wert. Auf jedem Treppenabsatz finden sich verschiedenartige Skulpturen aus der Sammlung Cafesjian. Vor jeder lohnt eine kurze Rast. Oben erwartet mich ein großartiger Ausblick über die Stadt. Der Ararat in der Ferne ist an jenem Tag leider von Dunst verhüllt.

Blick auf Eriwan, davor: Skulptur in den Kaskaden

Blick auf Eriwan, davor: Skulptur in den Kaskaden

Löwenskulptur aus Autoreifen, Kaskaden, Eriwan

Löwenskulptur aus Autoreifen, Kaskaden, Eriwan

Ein wenig Gruselgefühle: Skulptur in den Kaskaden, Eriwan

Weckt Gruselgefühle: Skulptur in den Kaskaden, Eriwan

Es ist der armenische Unabhängigkeitstag, der 21. September. Die Kinder laufen mit Luftballons und in Nationalfarben bemalten Gesichtern umher. Die Menschen sind in Feierstimmung. Abends gibt es Konzerte auf dem Platz der Republik, später ein Feuerwerk.

Unbeobachteter Schnappschuss eines Vorbeilaufenden.

Unbeobachteter Schnappschuss eines Vorbeilaufenden.

Spaziergang am Unabhängigkeitstag

Spaziergang am Unabhängigkeitstag

Am Montag, dem 22.9., verlasse ich Yerevan. Zwar tut es mir in der Seele leid, Armine, Nina, Lusine, Jack und Kyle zurückzulassen, aber ich kann es mir nicht leisten, mein Budget weiter durch allabendliche Gelage überzustrapazieren.

Eins aber weiß ich mit Gewissheit: Yerevan, ich komme wieder!!

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