Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias. Eine Bilanz – Teil 2 (19. August 2014)

Elyseo und Freundinnen in Alfontes, Oktober 2013

Elyseo und Freundinnen in Alfontes, Oktober 2013

Im ersten Teil dieser Bilanz habe ich erzählt, wie es dazu kam, dass ich das Er nüchtert-Projekt nach knapp neun Monaten abbrach.

Im zweiten Teil soll es nun darum gehen, wie ich diese Phase der Abstinenz in der Rückschau beurteile und ob ich glaube, dass sich mein Verhältnis zum Trinken durch die lange Alkohol-Pause verändert hat.

Wenn Du das Projekt nicht mitverfolgt hast, beginne am besten hier.

Elyseo da Silva im Interview mit sich selbst (Fortsetzung)

 

Elyseo, Du behauptest am Ende des ersten Interview-Abschnitts, Du hättest aufgrund der Entscheidung, wieder zu trinken, kein schlechtes Gewissen gehabt.

Sei mal ehrlich: allein, dass wir dieses Interview erst ein knappes Jahr später führen, spricht doch Bände! Welchen Grund hättest Du haben sollen, die Beendigung dieses Projekts so lange vor Dir her zu schieben, wenn nicht ein schlechtes Gewissen?

Da ist natürlich etwas Wahres dran. Allerdings ist es dennoch nur ein Teil der Wahrheit.

Dadurch, dass ich Er nüchtert zum öffentlichen Projekt gemacht habe, bin ich zusätzlich zu der Verpflichtung mir selbst gegenüber eine Verpflichtung gegenüber meinen Lesern eingegangen. Ich hatte tatsächlich kein schlechtes Gewissen mir selbst gegenüber – bei den Lesern sah das ein bisschen anders aus. Von Anfang an wusste ich, dass ich meine Entscheidung eines Tages würde erklären müssen. Zugleich war mir klar, dass das Ruhe und Zeit erfordern würde. Beides Dinge, die ich während der Überarbeitungsphase meines Romans nicht hatte. In Portugal wollte ich mich auf die Vollendung meines Manuskripts konzentrieren. Das war Aufgabe genug.

Wann bist Du zurück nach Deutschland gekommen?

Ich weiß.

Ja, ich war Ende Oktober letzten Jahres wieder zurück. Aber damals habe ich schon seit fünf Wochen wieder getrunken. Das Projekt war für mich gefühlt schon eine ganze Weile beendet. Meinen Roman komplett zu überarbeiten, hatte ich in Portugal nicht geschafft. Das bedeutete für die folgenden Monate, dass ich Tag für Tag morgens vor der Arbeit weiter an der Überarbeitung saß. Erst im Januar schaffte ich es, endlich das Buch abzuschließen. Direkt darauf folgte die Bewerbungsphase bei den Literatur-Agenturen.

Schon seit Monaten hatte ich nebenbei immer wieder an meinem Exposé gesessen – eine Aufgabe, die von mir verlangte, die verbliebenen 620 Seiten auf zwei bis drei runterzubrechen und gleichzeitig die komplette Handlung des Romans nachzuerzählen. Letztlich wurden es vier Seiten. Es wollte mir einfach nicht gelingen, diese komplexe Geschichte auf noch weniger zu kürzen, ohne sie vollkommen zu entstellen. Dennoch frage ich mich seit Monaten, ob all die Absagen, die bislang eingetrudelt sind, nicht damit zu tun haben mögen, dass ich mich nicht an die strikte Seitenvorgabe beim Exposé gehalten habe. Nachdem das Exposé fertiggestellt war, hieß es dann noch eine Leseprobe auszuwählen und Vita und Anschreiben zu verfassen. Alles Dinge, die zeitraubender sind, als es klingen mag.

Natürlich hätte ich den Abschluss von Er nüchtert nebenbei schreiben können. Aber vermutlich verstehst Du, wenn Du Dich hinein versetzt, warum ich es nicht getan habe. Mein wichtigstes Ziel war, endlich diesen Roman zu Ende zu bringen.

Rauchpause beim Roman-Schluss-Spurt, North Vancouver, Mai 2013

Rauchpause beim Roman-Schluss-Spurt, North Vancouver, Mai 2013

Schon als ich im März in Nürnberg mit meiner besten Freundin C. zusammensaß, erzählte ich ihr, dass ich endlich mit etwas Neuem beginnen wollte. Fünf Jahre lang hatte ich mich mit dem gleichen Projekt beschäftigt.

Hätte C. mich nicht für verrückt erklärt, so kurz vor Ende alles hinzuschmeißen, wäre das Buch wahrscheinlich nie fertig geworden. Ihr ist es zu verdanken, dass ich noch einmal alle Kraft zusammennahm. Ohne sie hätte ich es nie geschafft. Als ich sie vor meiner Reise nach Kanada besuchte, entwarfen wir gemeinsam das Konzept für das ausstehende Roman-Ende, verwoben alle offenen Fäden. Hätte sie mir nicht beigestanden, ich hätte die Erstfassung in den zwei Monaten auf Vancouver Island niemals abzuschließen vermocht.

Nun aber war ein halbes Jahr vergangen. Es war bereits November und ich arbeitete noch immer an meinem Roman. Ich wollte nur eins: fertig werden.

Klar hätte ich eine Bilanz zu Er nüchtert ziehen können.

Allerdings war das keine besonders verlockende Aufgabe. Ich war gescheitert. So mussten es ja alle sehen, die meine Ansage, ein ganzes Jahr nicht trinken zu wollen und alles, was sich daraus entwickelt hatte, verfolgt hatten.

Insofern habe ich mich davor gedrückt, diesen Abschluss zu machen, das gebe ich zu.

Wenn Du im Nachhinein auf die Zeit Deiner Nüchternheit zurückschaust, haben sich diese neun Monate für Dich gelohnt?

Diese Monate haben mich verändert. Als ich Anfang Januar von einen Tag auf den anderen mit dem Trinken aufhörte, machte mir das panische Angst.

Nüchtern? 24 Stunden, 7 Tage die Woche? Das erschien mir unvorstellbar. Ich war daran gewöhnt, mich zumindest jedes Wochenende zu betrinken – und das seit vielen Jahren. Wie sollte Nüchternheit funktionieren?

Schnell aber erkannte ich, dass sie machbar war. Sie erforderte Mut, das ja. Aber sie war machbar.

Eine der wichtigsten Lektionen aus dieser Zeit ist, dass es kein Gefühl gibt, das nicht zu ertragen wäre. Die Angst vor einem Gefühl ist immer schlimmer als das Gefühl selbst. 

Als ich trank, vermied ich es, mich negativen Gefühlen zu stellen. Dementsprechend türmten sie sich immer höher vor mir auf, erschienen immer bedrohlicher. Dazu kam es nicht mehr, als ich nüchtern war. Ich hatte Alternativen zu finden, um mich zu entspannen. Die beruhten oftmals darauf mich meinen Emotionen zu stellen.

Wenn Du die Nüchternheit als so positiv empfandest, weshalb hast Du wieder angefangen zu trinken?

Berechtigte Frage. Während der Er-nüchtert-Zeit hatte ich bisweilen darüber nachgedacht, es ganz zu lassen. Allerdings habe ich durch die Nüchternheit auch einen Teil meiner Geselligkeit eingebüßt. In Kneipen zu gehen, war mir eine Qual. Clubs waren okay, weil ich dort tanzen konnte. Aber Kneipen? Was wollte ich da, wenn alle tranken und ich war nüchtern?

Ich denke, ich bin mir der Wirkung des Alkohols heute bewusster, als ich es zu Beginn von Er nüchtert war. Alkohol ist ein Depressivum. Vor allem, wenn ich keinen rechten Umgang damit finde. Zugleich aber macht er mich leichter. In den Monaten meiner Nüchternheit war ich ein sehr viel ernsterer Mensch. Von Zeit zu Zeit habe ich das Gefühl, einen Ausgleich dazu zu brauchen.

Allerdings habe ich von Mitte Juni bis Mitte Juli dieses Jahres eine Alkoholpause eingelegt. Zuvor freute ich mich richtig darauf.

Die Nüchternheit hat ihren Schrecken eingebüßt. Ich habe sie zu schätzen gelernt. Während ich früher glaubte, mich betrinken zu müssen, wenn es mir schlecht ging, verhält es sich heute entgegengesetzt. Ich vermeide es zu trinken, wenn es mir nicht gut geht.

Hat sich Dein Trinkverhalten verändert, seit Du wieder trinkst?

Oh ja, sehr.

Inwiefern?

Zuerst trinke ich in den seltensten Fällen noch Schnaps oder Longdrinks. Das macht einen großen Unterschied. Schnaps hat immer dafür gesorgt, dass ich irgendwann im Laufe des Abends die Kontrolle verlor – und wenn nur insofern, dass ich nicht nach Hause gehen konnte/ wollte, bis ich rausgeschmissen wurde, weil die Kneipe oder der Club zumachten. Von den tränenreichen Totalausfällen einmal ganz abgesehen.

Allein der Verzicht auf Schnaps hat meinen Umgang mit dem Trinken wesentlich verändert. Ich hatte in den elf Monaten seit ich wieder trinke nur sehr wenige „Vollräusche“. Zwei – drei, womöglich.

Das ist im Vergleich zu früher eine deutliche Veränderung. Damals war das praktisch allwöchentlich der Fall.

Wie oft trinkst Du zurzeit?

Das variiert ein bisschen. Im Schnitt vielleicht einmal pro Woche. Manchmal auch zwei. Oder keins.

Weißwein in der Strandbar (Algarve)

Weißwein in der Strandbar (Algarve)

Was trinkst Du, wenn Du trinkst?

Im Normalfall halte ich mich an Weinschorle.

Hast Du noch immer Tage, an denen Du das Trinken als Belastung empfindest?

Immer dann, wenn ich das Gefühl habe, nicht aus der eigenen Lust, sondern aus einer gesellschaftlichen Verpflichtung heraus zu trinken. Beispielsweise, weil ein Freund zu Besuch kommt, mit dem zusammen ich schon immer getrunken habe.

Manchmal habe ich dann den Eindruck, solche festgefahrenen – und überflüssigen – Gewohnheiten zu durchbrechen, übersteige meine Kraft. Das ist natürlich nur ein Mythos in meinem Kopf, aber er funktioniert recht gut. Bevor ich also an dieser Gewohnheit etwas zu ändern versuche, ertappe ich mich, wie ich innerlich die Waffen strecke und halt trinke.

Und wenn ich eins mit Sicherheit nicht vermisst habe, sind es die Katertage. Darauf verzichten zu können, war das Beste an der Nüchternheit. Leider habe ich sehr schnell wieder akzeptiert, wie viel Zeit ich dadurch die Toilette runterspüle, dass ich am Abend zuvor zu viel getrunken habe.

Hat sich Deine Einstellung zum Alkohol allgemein gewandelt? 

Ich denke schon. Ich bin kritischer geworden. Aber auch unabhängiger.

Es fällt mir sehr viel leichter den Schritt zu gehen und nüchtern zu bleiben, wenn ich tatsächlich keine Lust habe zu trinken. Vor allem habe ich auch gelernt, wie sehr ich die Klarheit schätze, die die Nüchternheit mit sich bringt. Das war mir vor der Abstinenzphase nicht klar. Sie ist zu einer Art Anker für mich geworden, auf den ich mich gern zurückbesinne.

Insofern hat sich wohl vor allem eine Grundstruktur gewandelt: Probleme trage ich nüchtern mit mir aus. Den Fluchtmechanismus, zu dem Alkohol für mich geworden war, habe ich ausgehebelt.

Damit hat sich wohl auch meine gesamte Einstellung verändert. Ich denke, ich sehe Alkohol jetzt klarer als das, was er ist: Eine Droge, die ich von Zeit zu Zeit gern zum Zwecke der Entgrenzung nutze, der ich aber weiterhin mit Vorsicht gegenüber stehe. Vor allem bin ich sehr schnell genervt davon, sollte ich tatsächlich mal ein paar Tage hintereinander trinken.

Das halte ich für ein gute Entwicklung, denn das war vor Er nüchtert der Normalzustand.

Elyseo, vielen Dank für dieses Gespräch.

Du hast Fragen?

Poste sie einfach als Kommentar unter diesem Artikel.

 

Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank! 
http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/glas I

2 Gedanken.

    • Liebe Sudi,
      sehr gerne! Freue mich zu hören, dass Du mein Interview dafür benutzen magst. Lass mich gern wissen, was die Jugendlichen dazu denken – oder lass es sie selbst schreiben, wenn sie Lust haben! Sie können hier natürlich auch kommentieren!
      Alles Liebe,
      Elyseo

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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