Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias. Eine Bilanz – Teil 1 (17. August 2014)

Elyseos erster Gin Tonic nach Er nüchtert. 22.09.2013, Boliqueime, Portugal

Elyseos erster Gin Tonic nach dem Er nüchtert-Projekt. 22.09.2013, Boliqueime, Portugal

Anfang Januar 2013 hatte ich entschieden, ein Jahr lang auf Alkohol zu verzichten. Dafür gab es vielerlei Gründe. Vor allem hatte ich das Gefühl, mein Trinken nicht mehr unter Kontrolle zu haben.

In diesem Interview mit mir selbst möchte ich einen Rückblick wagen, das Projekt zu einem Abschluss bringen und all die Fragen beantworten, die bei meinen Lesern seither offen blieben.

Wenn Du das Projekt nicht mitverfolgt hast, beginne am besten hier.

Elyseo da Silva im Interview mit sich selbst

Elyseo, es ist sehr still geworden um Er nüchtert. Eine Zeit lang hast Du ein Riesenaufhebens um Deine Abstinenz gemacht und dann war von einem Tag auf den anderen nichts mehr von dem Projekt zu hören. Was ist passiert?

Ich muss dir Recht geben. Meinen letzten Artikel zu Er nüchtert habe ich zur sechsmonatigen Nüchternheit geschrieben, also Anfang Juli vergangenen Jahres. Danach kam nichts mehr.

Dafür gab es verschiedene Gründe. Zu allererst ist der Sommer für mich die Zeit, in der ich am meisten arbeite. In der Sprachschule herrscht im Juli und August Hochbetrieb. Woche für Woche fangen neue Schüler an, die teilweise nur für ein paar Wochen bleiben. Es herrscht das reine Chaos. Hinzu kommt, dass die Schule, an der ich arbeite, in diesen Monaten drei Kulturprogramme pro Woche für die Schüler anbietet, die ich allein organisiere. Das macht mir jede Menge Spaß – ich habe im Sommer immer eine besonders enge Bindung zu meinen Schülern – zugleich aber bedeutet es, dass ich zu kaum etwas anderem komme. Die wenige Zeit, die mir für mich bleibt, geht meist voll und ganz damit drauf, mich zu entspannen.

Aber Du hast nicht getrunken?

Nein, zu diesem Zeitpunkt nicht.

Soll heißen? 

Wie gesagt, es gab mehrere Gründe, warum ich das Projekt im Sande verlaufen ließ. Nach Ende unserer Sommerkurse ging ich Anfang September 2013 wieder für zwei Monate nach Portugal. Da wurde es, was Er nüchtert angeht, erst wirklich schwierig.

Den Sommer in Köln empfand ich nüchtern als sehr angenehm. Ich hatte mehr Energie als in den Jahren zuvor. Zwar konnte ich Alkohol nicht als Stressabbau-Mittel benutzen und musste somit immer den längeren Weg gehen, also mich mit meiner Anspannung auseinandersetzen, anstatt sie wegzutrinken, aber das tat gut. Die Folge waren zahlreiche nächtliche Spaziergänge, langes Herumsitzen und in die Luft schauen und dergleichen. Und natürlich ein extrem hoher Club-Mate-Konsum.

Was war in Portugal dann anders? Zu diesem Zeitpunkt hattest Du frei, oder? Warst Du nicht schon deshalb entspannter als in Köln?

Ich weiß, viele Menschen denken, dass ich Unmengen an Urlaub und Freizeit habe. Schließlich verbringe ich vier bis fünf Monate pro Jahr im Ausland. Dieses Bild entspricht allerdings nicht meiner Realität – von meiner diesjährigen Reise nach Indien einmal abgesehen. Dort hatte ich tatsächlich Urlaub. Normalerweise aber arbeite ich im Ausland als Schriftsteller.

Was heißt das konkret?

Naja, für Portugal letzten Herbst hieß es, Tag für Tag 10 bis 12 Stunden an meinem Schreibtisch zu verbringen.

In Kanada hatte ich in einem Parforceritt die letzten 160 Seiten des Mosaik der verlorenen Zeit geschrieben. Die Erstfassung des Romans stand also. Da ich wusste, dass es mir sehr schwer fällt, neben dem Unterrichten konzentriert an meinem Skript zu arbeiten, hatte ich mir vorgenommen, die ursprünglich 730 Seiten lange Version des Romans in den zwei Monaten in Portugal einer Komplett-Überarbeitung zu unterziehen. So landete ich schnell bei einem Tagespensum von 18 Seiten. Eine Aufgabe, die sich binnen einiger Wochen als Ding der Unmöglichkeit herausstellte. Von Urlaub konnte also nicht wirklich die Rede sein.

Von viel Arbeit hast Du aber auch schon im Sommer gesprochen. Wenn ich Dich richtig verstanden habe, hast Du also in Portugal wieder angefangen zu trinken?

Ja, allerdings nicht zu Beginn.

Als ich damals mit Er nüchtert begann, hatte ich geglaubt, dass Deutschland ein verdammt hartes Pflaster sei, um dem Alkohol abzuschwören. Dieses Bild hat sich im Laufe der acht nüchternen Monate hier verändert. Klar ist es in Deutschland gang und gäbe, bei jeder Gelegenheit Alkohol zu trinken, aber es wird auch respektiert, wenn Du nicht trinkst. Hinzu kommt, dass eine ganze Menge Alternativen angeboten werden. Wenn ich in einem Club war, war es durchaus akzeptabel für die Menschen um mich her, wenn ich Club Mate oder Fassbrause trank. Ich galt deshalb nicht als Loser. Ohnehin konnte niemand an der Flasche erkennen, ob ich nicht Wodka in meine Mate gemischt hatte.

Anders in Portugal. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber in Lisboa wurde ich regelrecht angepöbelt, wenn ich ein Wasser oder eine Cola light bestellte. Alternativen gab es ohnehin nicht. Das war schwierig. Ich suchte abends nach meinen Zehn-, Zwölf-Stunden-Tagen im Bairro Alto ein wenig Entspannung. Was ich statt dessen fand, war, dass die Leute mir vorwarfen, eine Spaßbremse zu sein. Ich erntete pures Unverständnis. Von allen Seiten.

Zudem schaffte ich es in meinen ersten beiden Wochen in Lisboa nicht ein Mal, tanzen zu gehen. Tanzen zu gehen, war mir auch in Deutschland bereits deutlich leichter gefallen, als mich nüchtern in Kneipen rumzudrücken. Die Clubs in Lisboa öffnen ihre Pforten jedoch nicht vor 2 Uhr nachts. Nüchtern hielt ich es bei meinem Arbeitspensum nicht aus, so lange wach zu bleiben.

Aber war es nicht genau diese Erfahrung, die Du im Rahmen Deines Projektes erwartet hattest? Warum sonst hättest Du ihm den Namen Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias geben sollen? Was Du gerade beschrieben hast, klingt so, als hättest Du Dich in dieser Situation tatsächlich zum ersten Mal wie ein Paria gefühlt. Das reichte bereits aus, um Deine Vorsätze über Bord zu werfen?

Ganz so einfach war es nicht. Ich blieb ja die ersten beiden Wochen in Lisboa nüchtern. Allerdings zog ich die Konsequenz, nicht mehr auszugehen. Das machte mein Leben nicht unbedingt einfacher.

Ich hatte das Gefühl, mir selbst die Möglichkeit der Entspannung zu verbauen. Abends rauchte mir der Kopf. Ich lief durch die Gassen der Stadt, vermied es, die wenigen Freunde zu treffen, die ich dort hatte, weil ich als Nicht-Trinker ja ohnehin der Party-Pooper war. Noch dazu zerfraß mich die Sehnsucht nach D., dem einzigen wirklichen Freund, den ich in der Stadt hatte und zu dem ich den Kontakt abgebrochen hatte. Wie ferngesteuert lief ich durch die Straßen, um ihm irgendwo zu begegnen – ohne zu wissen, was ich hätte tun wollen, wäre es denn geschehen. Alles in allem eine sehr unschöne Erfahrung.

Als ich nach zwei Wochen nach Boliqueime in die Algarve fuhr, um dort auf das Haus meiner Freundin N. aufzupassen, hoffte ich, dass dort alles besser würde. Wurde es aber nicht.

Warum nicht? Du warst auf dem Land, oder? Die Versuchungen der Hauptstadt lagen in weiter Ferne. Mitten in der Natur hättest Du doch zur Ruhe kommen können – so stelle ich mir das zumindest vor.

So ähnlich hatte ich mir das auch erhofft. Allerdings hatte ich zweierlei unterschätzt. Zum einen die Einsamkeit, die es mit sich brachte, allein in einem Haus inmitten von Nirgendwo zu leben. Ich hatte zwar zwei sehr gute Freundinnen in Boliqueime, aber beide sind starke Trinkerinnen. Die einzige Freizeitmöglichkeit in dem winzigen Dorf Alfontes, wo ich war, war der Besuch der örtlichen Bar.

Noch immer sah mein Arbeitsplan genauso straff aus wie zu Beginn – wenn nicht straffer. Tag für Tag versuchte ich meine Zielsetzung von 18 Seiten zu erreichen. Doch mein Ziel, die Überarbeitung in Portugal abzuschließen, rückte in immer größere Ferne. Ich scheiterte ein ums andere Mal an meinem Tageslimit. Und das, obschon ich mich von morgens bis abends an den Computer zwang. Was ich leistete, war enorm, doch in jenem Moment konnte ich das nicht sehen. Ich sah nur, dass ich ständig an meinen eigenen Vorgaben scheiterte. Das ich noch immer nicht in der Lage war, mein Projekt nach fünf Jahren endlich abzuschließen.

Wenn ich mich dann mit A.P. und M., meinen beiden Freundinnen traf, fühlte ich mich ausgeschlossen, da ich wie immer der einzige Nichttrinker war, während sie und ihre Freunde sich flaschenweise Wein, Bier oder Gin Tonic einpfiffen. Ich hatte das Gefühl, mich selbst zum Außenseiter zu machen. Und das in einem Land, das eben nicht meine Heimat ist, wo ich ohnehin eher dazu neigte, mich als Fremder verloren zu fühlen. Das war eine unschöne Erfahrung. Ich begann darüber nachzudenken, ob das, was ich tat, eigentlich richtig war. Ob ich Er nüchtert auf biegen und brechen bis zum Ende durchziehen wollte.

Das heißt, du folgtest keinem spontanen Impuls, als Du wieder zu trinken begannst?

Alfontes - ländliches Idyll. Hölle oder Paradies allerdings finden wir nur in uns selbst.

Alfontes – ländliches Idyll. Hölle oder Paradies allerdings finden wir nur in uns selbst.

Nicht im geringsten. Ich hatte mir zwei Wochen lang Tag für Tag darüber Gedanken gemacht.

Sollte ich standhaft bleiben? War eine einmal getroffene Entscheidung nicht unantastbar? Oder war ich nur unglaublich hart zu mir? Verweigerte mir die Möglichkeit, mich zu entspannen, obwohl ich das Gefühl hatte, das so dringend zu brauchen?

Letztlich überwog dieses Gefühl.

In meinem Leben hatte ich schon einige Dinge mit aller Gewalt gegen mich selbst durchgesetzt. Beispielsweise, als ich damals in Guatemala 40 Tage lang schwieg, obwohl alles in mir aufbegehrte und mir sagte, dass ich das nicht länger aushalten könnte. Der Camino de Santiago, den ich im Jahre 2000 zum ersten Mal gegangen war, hatte mir gezeigt, das Grenzen veränderbar sind. Sie liegen nicht dort, wo ich sie auszumachen glaube.

Allerdings, und das beeinflusste meine Entscheidung in Portugal, hatte die Unbeugsamkeit, die ich mir selbst gegenüber bewies, mich damals an den tiefsten Punkt meines bisherigen Lebens geführt.

Auch rieten mir Freunde seit Jahren, weniger hart zu mir selbst zu sein. Das konnte ich nachvollziehen. Schon der Umfang meines Arbeitspensums führte mir deutlich vor Augen, was sie meinten.

Die alles entscheidende Frage war in diesem Moment also: war es wichtiger, mein Projekt, das ich ja nicht zuletzt auf Elyseos Welt einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht hatte, bis zum bitteren Ende durchzuziehen oder sanft zu mir zu sein und auf eine Situation zu reagieren, in der ich das Gefühl hatte, mich über alle Maßen zu quälen? Durch die Entspannung, die der Alkohol mir erlauben würde, hoffte ich diese Situation erträglicher zu machen.

Das klingt alles sehr nach einer Ausrede. Hast Du Dir nicht in diesem Moment selbst Deine eigene Schwäche als Stärke verkaufen wollen? War es denn wirklich so, dass der Alkohol Dir diese Entspannung bieten konnte? Und hattest Du nicht selbst in all den Monaten zuvor dafür plädiert, auf das Trinken als Entspannungsmittel zu verzichten?

Glaub mir, das waren genau die Fragen, die auch mich in diesem Moment quälten. Bis heute kann ich darauf keine wirkliche Antwort geben.

Schließlich ist mir klar, dass mein Verstand immer versuchen wird, mich vor mir selbst zu rechtfertigen. Ich bin sehr gut darin, mir selbst und anderen Dinge zu verkaufen. Das ist eine Schwäche, deren ich mir bewusst bin.

War es nicht vielmehr die Sucht, die Dich dazu brachte, wieder zur Flasche zu greifen?

Das glaube ich tatsächlich nicht. Wenn ich eines im Rahmen von Er nüchtert sehr schnell für mich erkannt habe, dann, dass ich wohl nicht süchtig war. Ich hatte ein Alkoholproblem. Das ja. Aber die Leichtigkeit, mit der ich mich letztlich diesem Kreislauf entziehen konnte, spricht für mich bis heute dagegen, dass ich tatsächlich Alkoholiker bin/ war.

Wie war es dann, als Du zum ersten Mal wieder getrunken hast? Wie kam es dazu? Gab es einen letzten Auslöser?

An dem Tag, als ich wieder zu trinken begann, waren A.P. und M. zu Besuch. Wir mussten gemeinsam die Villa meiner Freundin N. auf Vordermann bringen (diejenige, auf deren Ferienanlage ich aufpasste), da am selben Abend ein neuer Feriengast dort einziehen sollte. Den ganzen Tag schrubbten und putzten wir also bei 35 Grad die Villa, wuschen die Wäsche, fegten den Hof etc.. Alles was eben dazu gehörte, um die Villa wieder schön zu machen, nachdem die letzten Gäste am selben Tag ausgezogen waren.

Als wir abends fertig waren, holte A.P. eine eisgekühlte Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank. Das war der Moment, wo ich mich fragte, ob ich es nicht vielleicht doch mit einer Sucht zu tun hatte. Ich trank nicht in diesem Augenblick. Aber ich hätte in den Tisch beißen können vor Verlangen. Tatsächlich musste ich ins Haus gehen, weil ich in diesem Augenblick nicht daneben sitzen konnte, während die beiden tranken.

Am Abend dann traf ich mich mit meinen beiden Freundinnen im örtlichen Restaurant. Wieder bestellten sie eine Flasche Weißwein. Ich eine Cola light. Als dann die Wein-Flasche kam, bat ich um ein Glas. Natürlich wurde meine Entscheidung begrüßt. Es gefällt Menschen nicht, wenn Du ihnen ihre eigenen Abhängigkeiten vor Augen führst, indem Du auf Dinge verzichtest, auf die sie nicht glauben verzichten zu können.

Wie fühlte es sich an, nach beinahe neun Monaten wieder zu trinken?

Ehrlich? – Großartig. Ein Glas Wein und die Anspannung, die sich seit Monaten in mir aufgebaut hatte, fiel einfach von mir ab.

Sichtlich entspannter. Elyseo auf dem zweiten Teil seiner Reise in Lisboa, Oktober 2013

Sichtlich entspannter: Elyseo auf dem zweiten Teil seiner Reise . In Lisboa, Oktober 2013

Hast Du es am nächsten Tag bereut? Hattest Du kein schlechtes Gewissen?

Offen gestanden, nein.

Hätte ich mich von einem Impuls überwältigen lassen, vermutlich ja. Aber so war es nicht. Ich hatte nicht vor, dahin zurückzukehren, wo ich im Januar aufgehört hatte. Aber ich hatte mich dafür entschieden, einmal in meinem Leben nicht eine Entscheidung gegen mich selbst durchzusetzen, koste es, was es wolle. Ich hatte mich auch dafür entschieden, die fünf Wochen, die mir noch in Portugal verblieben, zu genießen. In der Tat gelang mir das sehr viel besser, als ich meine Außenseiterposition aufgab.

Wie sich Elyseos Trinkverhalten seither verändert hat, ob er glaubt, dass das ganze Projekt einen Sinn hatte und wie er unterdessen zum Thema Nüchternheit steht, erfährst Du in Teil 2.

 

 

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Poste sie einfach als Kommentar unter diesem Artikel und ich beantworte sie in Teil 2.

glas I
 
Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank! 
http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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