Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (5.Januar 2013)

Freitag, 04. Januar 2013

 

Natürlich ist es noch keineswegs lange her, dass ich die Entscheidung getroffen habe, dem Alkohol abzuschwören und dennoch habe ich bereits die erste Feuertaufe bestanden – die erste von vielen, die mit Gewissheit noch kommen werden.

Alkohol ist für mich in den vergangen Jahren sehr oft die Möglichkeit gewesen, mit meinem Schmerz umzugehen.

Dies läuft auf unterschiedlichen Stufen ab.

Zunächst einmal dämpft der Rausch das Gefühl von Beklemmung und Einsamkeit in mir. Ich mag noch so traurig sein, im Zustand der Trunkenheit löst sich die Traurigkeit und verwandelt sich in ein Gefühl beschwingter Leichtigkeit. Plötzlich ist da wieder jenes Lachen, das vorher unmöglich schien, die Gegenwart fordert ihren Raum ein. Für einen Menschen, der so oft in der Vergangenheit versinkt, mit ihr ringt und um sie trauert, ist das ausgesprochen befreiend. Allerdings ist dies zumeist nur die erste Stufe. Die Grundregel „Alkohol will mehr Alkohol“ gilt stets.

Insofern trinke ich weiter und gerate in einen Zustand von Exaltiertheit – das Leben wird zu einer einzigen großen Party, wildfremde Menschen werden zu meinen Freunden, die Gespräche fließen ungehindert an jedweder Hemmschwelle vorüber, ich tanze, lache, verstehe es, andere Menschen zu animieren und ebenfalls dazu zu bringen, zu tanzen, zu lachen und zu trinken.

Oft folgt nach ein paar Stunden und einigen weiteren Gin Tonic Stufe drei.

In Stufe drei kippt meine Stimmung. Die Fröhlichkeit der vergangenen Stunden erweist sich als hohl und wird in einem schwarzen Loch aufgesogen. Was bleibt ist jene bleischwere Traurigkeit, die im Rausch ungleich unüberwindbarer erscheint, als im nüchternen Zustand, aus dessen Umklammerung ich entfliehen wollte. Das Leben wirkt sinnlos und unerträglich. Endlich bricht der Damm und die ungeweinten Tränen fließen. Womöglich ist das gut. Sicher bin ich jedoch keineswegs.

Das Erwachen am nächsten Morgen beschert mir ein Gefühl von Scham und Kontrollverlust. Beim Versuch, den Kopf in den Sand zu stecken, stelle ich fest, dass es besser ist, ihn gar nicht erst zu bewegen, weil er dröhnt und mir übel ist. Also komme ich nicht umhin, mich mit dem Verhalten des Vorabends auseinanderzusetzen und zu akzeptieren, dass ich es nicht ungeschehen machen kann. Zum Glück weiß ich, dass meine Mitmenschen es gewohnt sind, gemeinhin großzügig über alkoholisierte Zusam­menbrüche hinwegzusehen.

Meine eingangs erwähnte Feuertaufe war nun also der gestrige Abend, der letzte Abend, ehe D., meine engste Bezugsperson hier in Köln, das Land verließ, um zurück in seine Heimat zu gehen.

Gewisslich hätte ich die Achterbahnfahrt der Gefühle im Normalfall mit einer Flasche Wein auf eine Ebene zurückgezwungen. Gestern aber blieb mir dank meiner Entschei­dung nichts anderes, als mich zu stellen. Siehe da, es war nicht unmöglich. Schmerzlich und eine Situation, von der ich gewünscht hätte, sie bliebe mir erspart, aber zu überleben. Auch nüchtern.

Vermutlich habe ich im vergangenen Jahr bereits eine der Lektionen gelernt, die mich auf das Projekt Nüchternheit vorbereiten sollte:

 

Kein Gefühl ist so schlimm, wie die Angst vor dem Gefühl.

 

Schade nur, dass wir Menschen ein solch zerlöchertes Gedächtnis unser eigen nennen und uns bei jeder neuen Bedrohung der Weg des Entfliehens einfacher erscheint als diese simple Weisheit.

Samstag, 5. Januar 2013

Schön ist es durchaus, an einem Samstag Morgen unverkatert und klar aufzuwachen. Über­haupt an einem Samstag Morgen aufzuwachen.

Auch fiel es mir verhältnismäßig leicht, den gestrigen Abend zu Hause zu verbringen. Das lag nicht zuletzt daran, dass mir die zahllosen Exzesse in den zehn Tagen meines Heimatbesuchs in Nürnberg noch nachhingen.

Nichtsdestoweniger drängte sich mir eine erste Frage auf:

Was tue ich eigentlich an einem Wochenendabend, wenn ich nicht saufen gehe?

Die Antwortmöglichkeiten sind wenig beflügelnd, gibt es ihrer doch eigentlich nur zwei: nüchtern weggehen oder zu Hause bleiben.

Beide Optionen erscheinen mir im Augenblick wenig verlockend. Vielerorts kann ich mir schlichtweg nicht vorstellen, nüchtern Spaß zu haben, was durch die Tatsache, dass ich oftmals allein unterwegs bin, nicht eben wahrscheinlicher wird. Kann es mir gelingen, mich nüchtern ungehemmt in einer Kneipe oder einem Club zu bewegen, noch dazu allein? Das ist schon betrunken schwer genug und klappt keineswegs immer. Noch dazu in der arrogant-elitären Welt der Kölner Schwulen-Szene?

Andererseits ist die Frage, ob die Aussicht darauf, mich nüchtern von jeglichem sozialen Leben abzuschneiden, tatsächlich besser ist. Verbinde ich dann Nüchternheit nicht zwangsläufig mit Langeweile und steure zielsicher auf eine Rückkehr zu alten Gewohnheiten zu?

Fragen, auf die ich bislang keine Antwort zu geben vermag.

Ein gangbarer Weg wäre es vermutlich, mir klare Ziele zu stecken und zumindest einen Versuch zu wagen, nüchtern auszugehen. Je weniger ich erhoffe, desto geringer ohnehin die Chance, enttäuscht zu werden. Besser gehe ich wohl in Gesellschaft aus. Es soll ja Menschen geben, die einen nicht alle fünf Minuten nötigen, einen Schnaps zu trinken – auch keinen klitzekleinen, frei nach dem Motto, einer sei keiner. Ich selbst gehörte bislang nicht dazu. Wenn ich meine Lichter ausknipsen wollte, erwartete ich das stets auch von meinem Umfeld. Weshalb eigentlich?

Wichtig scheint mir, sollte ich nüchtern ausgehen, den Projektcharakter meiner Unternehmung im Hinterkopf zu behalten. Womöglich hilft es mir dabei, auch unangenehmen Begebenheiten etwas Positives abzugewinnen und sei es nur im Sinne menschlichen Forschergeistes.

Denn eins steht fest: neue Erfahrungen erwarten mich.

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!  glas I
http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/

3 Gedanken.

  1. Ich drücke Dir bei Deinem Vorhaben die Daumen ;-))
    Ich bin mir sicher, dass Du Dein Ziel erreichen wirst. Bei Deinen vielseitigen Interessen, die man ja gut in „Elyseos Welt“ nachvollziehen kann, ist es bestimmt möglich, seine Abende mit kulturellen oder kulinarischen Veranstaltungen zu füllen.
    Außerdem kann man es auch ab und zu zuhause gut aushalten mit Lesen oder Schreiben!?
    Ich bin jedenfalls gespannt!

  2. Den Projektcharakter (Experimentcharakter) im Hinterkopf zu behalten, ist ein wichtiger Punkt. Ausprobieren und gucken, was passiert. Wünsche dir alles Gute!

  3. Super, super, super! Viel Durchhaltevermögen und gute Erkenntnisse. Nüchtern sein ist gar nicht schlecht, die Welt und das Leben ist eh oftmals schräg genug;)

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