Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (31. Januar 2013)

Donnerstag, 31. Januar 2013

 

Das vierte nüchterne Wochenende liegt hinter mir und ich erlebe derzeit eine Art Synergie-Effekt mit mir selbst. Klingt eigentümlich, nicht wahr? Dennoch beschreibt es meinen Zustand ziemlich gut, denke ich.

Dadurch, dass sich – mit und ohne mein Zutun – verschiedene Faktoren in meinem Leben verändert haben, widerfährt mir gerade eine Bündelung positiver, sich wechselseitig begünstigender Energien.

Kein Alkohol, zwei Mal pro Woche schwimmen gehen und D. ist weg.

Der Verzicht auf das Trinken verschafft mir Unmengen an Zeit, das Schwimmen macht mich körperlich fitter und abends bisweilen zum Umfallen müde und D. – ja, mein geliebter D.. Er ist aus meinem Umfeld entschwunden, worüber ich traurig bin – ich vermisse ihn sehr –, aber zugleich nimmt mir sein Fortgang die permanente Anspannung der vergangenen anderthalb Jahre und damit, nicht zuletzt, einen der wesentlichen Gründe, weshalb ich so oft die Notwendigkeit verspürte, mein Bewusstsein auszuknocken.

Summa summarum führt dies dazu, dass ich plötzlich ungeahnte Energien und eine gesteigerte Produktivität in mir entdecke. Zudem bin ich meist gut gelaunt, komme morgens viel besser aus dem Bett und habe nicht beständig das Gefühl, am Rande meines Leistungspotentials zu agieren, selbst wenn ich dann, wie gestern Abend, um halb zehn fix und fertig ins Bett falle. Bisweilen scheint es mir, dass meine permanent gute Laune den Kollegen schon suspekt ist, wenn sie morgenmuffelig vor der Schule an ihren Zigaretten nuckeln. Nun, auch das wird kein Dauerzustand sein, insofern, liebe Kollegen, seid unbesorgt!

Am Wochenende war ich sogar feiern – ich benutze bewusst mal dieses Wort, obschon es für mich eigentlich in eklatantem Widerspruch dazu steht, dass ich nüchtern war.

Ist feiern nicht ausschließlich den Betrunkenen vorbehalten? So sah ich das bislang jedenfalls. Dass man auch ohne Alkohol Spaß haben kann, hielt ich stets für ein von Jesus-Freaks verbreitetes Gerücht.

Vergangenes Wochenende wurde ich sozusagen eines Besseren belehrt – oder belehrte mich selbst eines Besseren, je nachdem.

Samstag Abend war ich auf der Geburtstagsfeier meiner Mitbewohnerin eingeladen, die im Low Budget, einer Kaschemme auf der Aachener Straße, stattfand. Aus meiner Stammtisch-Erfahrung hatte ich ja bereits die Lektion gelernt, dass ich nicht mit denselben Erwartungen an einen nüchternen Abend herangehen sollte, wie an einen Abend im Vollrausch. Also stellte ich mich darauf ein, dass von nun an mich zu unterhalten das Gebot des Abends sei.

Glücklicherweise traf ich in besagter Klitsche auf C., den ich zuvor nur einmal gesehen hatte. Mehrmals an diesem Abend versetzte er mich in die kaum gekannte Lage, dass mir die Worte fehlten. Zu meiner eigenen Beruhigung sagte ich mir, dass meine Schlagfertigkeit wohl unter dem mangelnden Alkoholkonsum zu leiden schien. Sicher war ich mir diesbezüglich indes nicht. Der verzweifelte Kampf, den ich führte, um in unserem Wortgefecht nicht unterzugehen, ließ mir den Abend jedoch kurz werden. Zudem amüsierte ich mich – trotz Kiba und Club Mate. Auch kam ich erst um halb vier nach Hause, was für mein Party-Ich zwar früh, für mein Nichttrinker-Ich aber spät war.

Ohne gleich zur Jesus-Freak-Fraktion übertreten zu wollen, wage ich es also langsam in Betracht zu ziehen, dass man auch ohne Alkohol Spaß haben kann – solange das Umfeld passt. Aber ich werde das weiterhin beobachten! Keine voreiligen Schlüsse!

Sollte das in der Tat schon alles gewesen sein?

Braucht es nicht mehr, um mit dem Trinken aufzuhören, als sich ein paar positive Gedanken dazu zu machen?

Ich misstraue dem Frieden noch. Vermutlich unterschätze ich, auf einen längeren Zeitraum bezogen, noch immer die Tragweite meiner Entscheidung. Wie wird das an Karneval, auf meinem Monsterflug nach Kanada, in den Parks an lauen Sommerabenden?

Aber: Schritt für Schritt.

Dennoch stelle ich mir gelegentlich die Frage:

Warum hat Amy das nicht geschafft?

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!   glas I
http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/

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