Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (30. Mai 2013)

Donnerstag, 30. Mai 2013

 

Nachdem ich am Freitag meinen Roman vollendet und damit eine Phase wochenlanger geistiger Schwerstarbeit hinter mich gebracht hatte, habe ich in den vergangenen Tagen eine fünftägige Schreibpause eingelegt. Jetzt aber kribbelt es mir in den Fingern und ich will schreiben. Mein eigenes Schreiberdasein ist mir offenbar mehr in Fleisch und Blut übergegangen, als mir bewusst war.

Noch einmal sitze ich hier am Küchentisch meiner Freundin E. in North Vancouver. Mein letzter Tag in Kanada ist angebrochen und die positivste Formulierung, die ich dafür im Augenblick zu finden vermag, ist, dass ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge meiner Rückkehr nach Deutschland entgegensehe.

Es zieht mich hier nicht weg. Die vergangenen beiden Monate gehören mit Sicherheit zu den besten meines Lebens, so voller Erfahrungen, Intensität und Abenteuer wünschte ich mir mein ganzes Leben. Wer weiß, ob ich es dann noch zu schätzen wüsste.

Ich lasse Kanada also hinter mir. Gerade fühlt sich das wie ein erstmal an.

Als ich zuletzt auf Er nüchtert schrieb, bemerkte ich, dass es ein Problem sei, ohne Alkohol zu feiern. Dieses Thema beschäftigte mich noch eine Weile. Allerdings wurde mir ebenfalls klar, wie wichtig Freunde in diesem Zusammenhang sind. Ich erzählte meiner Freundin E. von der Problematik, als ich eine Woche hier in ihrem Hause verbrachte. Am nächsten Morgen kam sie zu mir und meinte, sie habe das ideale Geschenk für mich.

Das war es in der Tat: es handelte sich um eine dieser chinesischen Laternen, die ich anzünden und wie einen Heißluftballon davonfliegen lassen konnte.

So kannst Du alles gehen lassen, was Du mit der Arbeit an Deinem Roman verknüpft hast. Zugleich ist es ein wunderschönes Ritual, zuzusehen, wie die Laterne vom Wind davongetragen wird.

Mir war es unglaublich wichtig, diesen Abschluss meiner viereinhalbjährigen Arbeit in irgendeiner Form rituell zu begehen – und mich nicht dem Anlass entsprechend zu betrinken, kam mir nur gelegen. E.s Geschenk schien wie dafür gemacht.

Vorgestern ließen mein Freund J. und ich die Laterne am Strand von Victoria steigen. Sie flog weit hinaus über den Pazifik, in Richtung Port Angeles in Washington State, bis sie letztlich als winziger Punkt mit dem Horizont verschwamm. Da zogen sie also hin, viereinhalb Jahre Arbeit mit Höhen und Tiefen, Zuversicht und Verzweiflung, die mich nicht zuletzt meine Beziehung gekostet hatten.

Freitag, am Tag als ich den Roman beendete, fuhr ich nachmittags mit der Fähre nach Galiano Island, eine kleine Hippie-Insel, Teil der Southern Gulf Islands, um mich mit J. und einigen seiner Freunde zu treffen.

Für den Abend war eine Bob-Dylan-Birthday-Party angesetzt – im dortigen Gemeindezentrum wird dieser Anlass seit 18 Jahren mit einem Auftritt verschiedenster ortsansässiger Musiker begangen.

Die Veranstaltung pendelte zwischen grandios und grotesk – das alles aber im zeitlichen Rahmen einer Wagner-Oper. Bisweilen saß ich da und war beeindruckt vom innovativen Charakter der Musik, bisweilen hatte ich das Gefühl in einem durchschnittlich schlechten Rockkonzert zu sitzen.

Mir war zuvor nicht klar gewesen, wie erschöpft ich war. Als wir die Feier gegen halb zwölf verließen, fühlte ich, dass mein Körper kurz vor dem Zusammenbruch stand. Ich fühlte mich schwach und kränklich. Diese Reaktion war nicht eben überraschend, da sie oft mit dem Abschluss von großen Projekten einhergeht. Nichts ersehnte ich mehr als einen Platz zum Schlafen.

Letztlich fuhren wir, nachdem wir noch eine Weile im Elternhaus einer von J.s Freundinnen zugebracht hatten, zum Campingplatz zurück. Das Problem war einzig, dass J. es nicht für nötig befunden hatte, Isomatten oder dergleichen mitzubringen, weshalb es hieß, sich auf der hölzernen Plattform niederzulegen, auf der unser Zelt stand.

Seit Tagen war ich nicht ohne Schmerzmittel ausgekommen, da meine Schultern von all den Stunden vor dem Rechner hart wie Stein waren und sich auch durch lange Spaziergänge oder Bergwanderungen wie tags zuvor nicht mehr lockern ließen, allenfalls momentan etwas weniger schmerzten.

Zu allem Übel stand ein lüsterner Vollmond am Himmel.

So erschöpft ich auch sein mochte, Schlaf fand ich keinen.

Stundenlang suchte ich auf dem harten, kalten Holzboden eine einschlafträchtige Position, es wollte mir jedoch nicht gelingen, die ersehnte Ruhe zu erlangen. Schlaflos wälzte ich mich hin und her.

Nach einer Weile kam das Kopfkino hinzu.

Ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, alles wurde mir zu eng. Ich öffnete den Schlafsack. Ruhe brachte das keine, allerdings Kälte.

Ich war gefangen in einem Kampf zwischen Körper und Geist. Mein Körper, der mir versicherte, ich müsse sterben, mein Geist, der mir versicherte, es gebe keinerlei Grund zur Beunruhigung, ich müsse nur tief ein- und ausatmen, alles sei in Ordnung. Widersinnige Streiterei. So klar mir das sein mochte, beharrte mein Leib doch auf Gefahr.

Als ich nach vier Stunden endlich einschlief, hatte ich mir geschworen, mir das keine weitere Nacht anzutun. Ich war einfach zu alt für so einen Scheiß.

J. neben mir schnarchte in all der Zeit friedlich.

Am Morgen erwachte ich – wie nicht anders zu erwarten – mit Schulter- und brüllenden Kopfschmerzen.

Es fiel mir schwer, J. zu bitten, mich zur Fähre zu fahren. Zwar wusste ich, dass er kein Problem damit haben würde, aber zugleich tat es mir leid, dass ich so weicheiig unterwegs war. Er wünschte sich, dass ich ein schönes letztes Wochenende hier verbrachte, so viel war mir klar. Andererseits wusste ich, dass ich keine weitere Nacht so zubringen wollte. Ich war hundemüde und brauchte Schlaf. Erholung. Innerhalb von wenigen Tagen musste ich mich soweit regenerieren, dass ich zurück nach Köln fliegen und zwei Tage später unterrichten könnte.

Also sagte ich J., dass ich am Abend die Fähre zurück nach Vancouver Island nehmen wollte. Natürlich willigte er ein, mich zur Anlegestelle zu bringen.

Nachdem wir ein typisch kanadisches Frühstück vertilgt hatten – Eggs Benedict mit Bacon, Bratkartoffeln und der obligatorischen Sauce Hollandaise – besuchten wir einen winzigen Farmermarkt. Dort fragte mich J., ob ich nicht Lust habe, mich am Stand einer Masseurin massieren zu lassen.

Die erste Reaktion in meinem Kopf war Nein, schließlich sei das Geldverschwendung. Dann aber besann ich mich eines Besseren. Nach all den Wochen der Schinderei hatte ich mir das wahrlich verdient!

Es stellte sich heraus, dass die Frau sogar Deutsch sprach, weil sie zehn Jahre in Deutschland und der Schweiz gelebt hatte. Sie fragte mich, was mir fehle und ich erzählte ihr, dass ich die letzten Wochen vor dem Computer verbracht und meinen Roman beendet hatte.

Diese Massage war ein Geschenk des Himmels. Nach wenigen Minuten erzählte ich L.A., so ihr Name, dass ich gedachte, noch am selben Tag nach Victoria zurückzufahren, weil ich unmöglich eine weitere Nacht so zubringen konnte.

Bei mir zu Hause gibt es ein Sofa. Also falls Du noch eine Nacht auf der Insel bleiben möchtest?

Dieses Angebot war so nett, dass es mich vollkommen aus dem Konzept brachte. Darüber musste ich erst nachdenken und das dauerte sage und schreibe ein paar Stunden. Ich war verwirrt von so viel spontaner Herzlichkeit und wusste nicht, ob ich das annehmen konnte. Zudem hatte ich ja zu meinem eigenen Wohle entschieden, zurückzufahren. War es also nicht besser, diesem Plan zu folgen, den ich so schweren Herzens gefasst hatte?

Mein Gott, kann das eigene Denken bisweilen kompliziert und verquer sein.

Letztlich blieb ich.

Ich traf L.A. um sieben und folgte ihr in ihr abgeschiedenes Häuschen im Wald.

Als ich eintrat, verstand ich, weshalb es eine Stimme in mir gegeben hatte, die gezögert hatte.

Dieser Abend, so viel war mir umgehend klar, war ein weiterer Teil meines Roman-Abschlusses.

Alles in diesem bunten, von Schätzen übersäten Haus, schien mit meiner eigenen Geschichte verwoben.

Mit offenen Augen sah ich mich fassungslos um. Kein Wunder, dass es mir Angst gemacht hatte, hierher zu kommen! Dies war offenkundig ein weiterer Schritt Trauma-Bewältigung. Vielerlei Dinge erinnerten mich an meine Zeit in Guatemala. Bisweilen näherten sich die Zufälle der Grenze des Unglaubwürdigen.

Es waren L.A.s Offenherzigkeit und freigiebige Wärme, die mir die Angst schließlich nahmen.

Stundenlang saßen wir beisammen und erzählten einander unsere Lebensgeschichten. L.A. meinte, kaum je empfange sie Besuch bei sich zu Hause, aber als sie mich massiert habe, habe ihr eine intuitive Stimme geraten, mich einzuladen. Ich war mehr als dankbar, dass sie ihr gehorcht hatte. Der ganze Abend war eine mystisch-magische Begegnung, die wir beide in vollen Zügen genossen. Ein Geschenk und eine Erinnerung daran, dass es gut ist, Ja zu sagen, wenn wir wirklich leben wollen.

L.A., die eine der ersten Westler ist, die als Lehrerin in eine hawaiianische Heilungsmethode initiiert wurde, spielte für mich auf einer hawaiianischen Nasenflöte (!) – das klingt absurder als es sich anhört, die Flöte verbreitet einen weichen, warmen Klang – und auch auf einer kanadischen First-Nations-Flöte. Es war faszinierend zu beobachten, dass die Klänge dieser Flöten eindeutig fühlbar zwei unterschiedliche Stellen in meinem Körper ansprachen. Alles an diesem Abend jedoch fühlte sich nach Heilung an: warm und weich.

Spät in der Nacht legte ich mich schlafen. Ein bequemes Sofa!

Tags darauf gab L.A. mir morgens in ihrem Studio eine einstündige Massage- und Klangschalen-Therapie. Das war wundervoll.

Als ich letztlich aufstand, konnte ich nicht glauben, dass dies der Körper sein sollte, der mir tags zuvor solche Pein bereitet hatte.

Dies also war der zweite Bestandteil meiner Romanabschluss-Feier. Eine Begegnung auf einer anderen, spirituellen Ebene, die mit einem banalen Besäufnis schlichtweg nicht zu vergleichen ist. Viele Jahre war es her, dass ich einem Menschen auf dieser Ebene begegnete. Allein zu erfahren, dass dies noch immer möglich ist, beflügelt mich seither.

Heute also bereite ich mich auf meinen Heimflug vor. Noch einmal möchte ich hier durch die Wälder streifen, meine Glieder bewegen, bevor der lange Flug mich zum Stillstand zwingt. Damit werde ich Kanada dann hinter mir lassen.

Diese Reise, diese zwei Monate in der Ferne, waren ein Geschenk für mich, so viel steht fest – nicht zuletzt, dank all der wundervollen Menschen, die mich hier mit so großer Herzlichkeit und so viel Liebe willkommen hießen und begleiteten.

Nun aber heißt es in mein anderes Leben zurückkehren.

Ich hoffe, ich vermag einen Teil der Offenheit und des Abenteuergeistes in meinen Alltag hinüberzuretten!

 

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!           

glas I

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