Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (26. März 2013)

Dienstag, 26. März 2013

 

Gerade kehre ich aus dem Kino zurück und fühle mich danach, ein paar Zeilen zu schreiben. Ich habe mir mit meinen Schülern Nachtzug nach Lissabon angesehen.

Pascal Merciers Geschichte brachte mir wieder einmal zu Bewusstsein, weshalb ich mich schon seit so vielen Jahren zum Schriftsteller berufen fühle.

Natürlich habe ich das Buch bereits vor Jahren gelesen und zudem während meines letztjährigen Aufenthalts in Lisboa noch das Hörbuch gehört – und dennoch schafft diese Geschichte es jedes Mal aufs Neue, etwas in mir zum Klingen zu bringen. Sie rührt mich an, zupft jene Saiten tiefer Traurigkeit, mit denen ich meine eigene Persönlichkeit seit jeher aufs Engste verwoben sehe und für die ich unterdessen einen Namen gefunden habe, da ich das portugiesische Wort saudade kennen lernen durfte.

Saudade, jener Schmerz, der nicht vergeht, der allzeit mitschwingt und der es mir in meinem Leben so selten ermöglicht hat, reinen Herzens zu behaupten, es ginge mir gut.

Einerseits ist saudade jene Art von Sehnsucht, die unser menschliches Sein durchzieht, wie die nach der Erfüllung eines unerfüllbaren Wunsches – ich nehme mir heraus, diesen Aspekt als allgemeinmenschlichen Motor wahrzunehmen, halte ich ihn doch aufs Innigste mit dem unleugbaren Phänomen des Fortschritts verknüpft.

Andererseits empfinde ich dennoch einen Unterschied zwischen meiner persönlichen Wahrnehmung dieses Phänomens und der anderer Menschen. Dies kann mir schwerlich verborgen bleiben. Wenige Menschen nur kenne ich, die gleichermaßen unter diesem Schmerz leiden wie ich, gar viele aber, die ihn in die tröstliche Region des Phantomschmerzes zu bannen versucht wären.

Pascal Merciers Nachtzug nach Lissabon ist in der Tat eine der berührendsten Geschichten, die ich in meinem Leben gelesen habe.

Hinzu kommt, dass Lisboa, der Haupthandlungsort, mittlerweile mit meinem eigenen Leben in gleich mehrerlei Hinsicht verbunden ist. So habe ich mich im vergangenen bzw. vorvergangenen Jahr nicht nur in einen Portugiesen verliebt, sondern zugleich in eine Sprache und in eine Stadt, die – wer mag’s beurteilen – vielleicht nur zufällig die seinen sind.

So schlägt mein Herz denn heiß, während ich die vertrauten Gassen des Bairro Alto und der Alfama vorüberflimmern sehe, ja, es zieht sich regelrecht zusammen vor genüsslicher Gram. Somit wären wir wieder bei der Saudade angelangt, die gleichsam Menschen wie Orte zu umfassen vermag.

Natürlich reißt die Melancholie der Geschichte mich mit sich fort.

Was gäbe es Traurigeres als die Geschichte einer unglücklichen Liebe, sei es nun die eigene oder eine fremde? Wem von uns wäre dies nicht schon widerfahren? Wer von uns hätte nicht schon wider schändliche Mächte gewettert, wer nicht das eigene Schicksal beweint?

 

Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. Ich will zu leuchtenden Kirchenfenstern hinaufsehen und mich blenden lassen von den unirdischen Farben. Ich brauche ihren Glanz. Ich brauche ihn gegen die schmutzige Einheitsfarbe der Uniformen. Ich will mich einhüllen lassen von der herben Kühle der Kirchen. Ich brauche ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche es gegen das geistlose Gebrüll des Kasernenhofs und das geistreiche Geschwätz der Mitläufer.

(Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, München 2006)

 

Dies ist der Beginn der Abschlussrede des jungen Amadeu de Almeida Prado vor dem versammelten Kollegium des Liceu. Wenn ihr mich fragt, gehören diese Zeilen und die darauffolgenden Seiten zum Besten, was die Literatur in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht hat.

Ich jedenfalls möchte nicht in einer Welt ohne Geschichten leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. Ich will zu leuchtenden Bildern hinaufsehen und mich blenden lassen von ihren unirdischen Farben. Ich brauche ihren Glanz. Ich brauche ihn gegen die einlullende Gleichförmigkeit des Alltags.

Um selbst dergleichen Geschichten zu erschaffen, bin ich seit Jahren bereit, alles zu geben, was es erfordern mag. Ob es mir deshalb einst gelingen wird, bleibt abzuwarten.

Auf dem Weg dorthin jedoch gehört es dazu, mich anrühren zu lassen. Im Kino zu sitzen und mir, obschon die Schüler zu meiner Linken sitzen, kaum die Tränen verkneifen zu können. Mehr zu leiden, als die meisten Menschen es zu verstehen oder auch nur nachzuvollziehen vermögen. Dazu gehört es, hinabzusteigen in die Tiefen ungeschönter Empfindung. Einzutauchen, gerade wenn es weh tut.

Ja, womöglich ist mein Leben durch die Entscheidung, die ich mit meinen unwissenden siebzehn Jahren traf, schwerer geworden als das vieler anderer. Nicht bezüglich dessen, was ich zu erfahren und durchleiden haben, sondern bezüglich der Art, wie ich dies tue. Indem ich mich weigere wegzusehen oder gar zu fliehen, wenn es schmerzhaft zu werden droht.

Vor Jahren kannte ich einen jungen Mann, der vermochte wunderschön mit Worten umzugehen. Dennoch blieben mir seine Geschichten, seine Poesie fremd, gleichsam leer. Schöne Worte zu finden allein, reicht nicht aus. Es bedarf mehr denn leerer Hülsen.

Dieses Mehr aber ist die Befähigung zu tiefer Empfindung. Vermutlich hat diese Gabe jeder. Dass sie jeder in gleichem Maße nutzt, erlaube ich mir nach einem kurzen Blick ringsumher zu bezweifeln. Diejenigen, die es dennoch tun, scheinen oft gebrandmarkt.

Es ist Pascal Merciers Verdienst, mich stets aufs Neu daran zu erinnern, dass all dies der Mühe wert ist.

Wann immer ich seiner Erzählung begegne, führt sie mich auf den Grund jenes Gewässers, tief hinab, dahin, wo die Ursachen verborgen liegen.

Das ist schmerzlich, bisweilen anstrengend, ja.

Am Ende aber tauche ich auf und fühle mich erfrischt. Denn in einem solchen Augenblick weiß ich wieder, wofür es sich diesen Preis zu bezahlen lohnt.

 

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!                         glas I

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