Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias. (25. März 2013)

Montag, 25. März 2013

 

Meine letzte Woche vor meiner zweimonatigen Kanada-Reise bricht an und naturgemäß überschlagen sich die Ereignisse. Neben meiner latenten Gestresstheit allerdings habe ich ein wundervolles Wochenende hinter mir, das meine Erwartungen um ein Vielfaches übertroffen hat.

Freitag Nachmittag fuhr ich mit dem Zug in meine alte Heimat Nürnberg. Die Fahrkarten für dieses gemeinsame Wochenende waren das Geburtstagsgeschenk meiner besten Freundin C., die mich wegen einer wenige Wochen zurückliegenden Knie-OP nicht besuchen konnte.

Die meisten Menschen empfinden Zugfahrten als entspannend. Dummerweise kann ich mich nicht zum Kreis dieser Begünstigten rechnen. Vielmehr strengt mich das stundenlange Eingepfercht-Sein mit fremden Menschen auf engstem Raum an. Ich schaffe es außerdem nie, wirklich zu schlafen, was – so es mir gelänge –  eine gute Sache wäre, da zur Ruhe kommen nicht eben zu meinen größten Stärken zählt.

Nach einer vollgepackten Woche kam ich also Freitag Abend leidlich gestresst in Nürnberg an.

Hier, muss ich zugeben, wären ein, zwei Drinks tatsächlich eine große Hilfe gewesen, denn den Stress nach einer Reise durch ein wenig Alkohol in den Griff zu bekommen, gehörte bislang zu einem meiner festen Rituale. Allerdings bin ich mittlerweile in meiner Nüchternheit an einem Punkt angelangt, an dem ich verstanden habe, dass diese Verknüpfungen letztlich willkürlich sind und nirgends außer in meinem Kopf stattfinden. Insofern nahm ich mir vor, mir zunächst einen Tee zu kochen, wenn ich bei ihr ankäme.

Durchaus übernimmt der Tee die Wirkweise eines Glas Weins, wenn ich ihn denn lasse. Das funktioniert ähnlich wie beim Rauchen: es heißt einfach, sich die Erlaubnis zu geben, aus der ununterbrochen Funktionalitätsschleife auszubrechen, Pause zu machen oder sich zu entspannen. Eine der wenigen positiven Errungenschaften des Rauchverbotes an Arbeitsplätzen ist meines Erachtens dies: die Menschen sind gezwungen, beim Rauchen tatsächlich eine rituelle Pause zu vollziehen, da sie ihren Arbeitsplatz verlassen müssen.

Wir setzten uns also nach meiner Ankunft auf C.s psychotherapeutisch angeordnete Wohnzimmersessel, ich aß mein Sushi und trank besagten Tee.

Ab diesem Punkt entwickelte sich, völlig ungeplant, ein Wochenende, wie es für mich besser nicht hätte laufen können. Zunächst wanderte unser Gespräch, ganz so als wären wir bekifft, frei jeglicher Zwänge von einem Thema zum anderen. Irgendwann stellte ich in den Raum, wie wichtig es mir sei, im fünften Jahr meiner Arbeit daran, endlich mein Romanprojekt zu einem Abschluss zu bringen. Auch fiel mir auf, dass mein derzeitiges Lebens-Konzept, namentlich vier Monate zu arbeiten und mich danach zwei Monate meinem Roman zu widmen, mit gewissen Schwierigkeiten verknüpft ist und zwar dergestalt, dass diese monatelangen Unterbrechungen mich stets weit aus der Kosmologie meiner Romanfiguren und somit auch aus der mit der Arbeit an ihren Geschichten verknüpften Leidenschaft katapultieren.

Zudem halte ich es für meine persönliche Entwicklung (nicht nur) als Schriftsteller für bedeutsam, dieses Großprojekt nach so langer Zeit endlich erfolgreich zu einem Ende zu führen.

Für das, was sich aus dieser offenen Ausgangssituation entwickelte, finde ich keine anderen Worte als wir gingen in Klausur.

Den Großteil des verbleibenden Wochenendes verbrachten wir damit, Antworten auf die zahllosen offenen Fragen zu finden und all die losen Handlungsstränge zu verknüpfen. Dabei entwickelten sich eine wunderschöne Synergie und eine Produktivität, die uns selbst mitunter sprachlos machte.

In der Tat gelang es uns, alle Fragen zu klären, alle Stränge zu verweben und somit das komplette Ende des Romans zu konzipieren. Welch ein Geschenk dies ist, verstehen vermutlich nur Menschen, die sich selbst schon einmal mit einem derartigen Projekt beschäftigt haben.

Insbesondere, da ich bereits nächste Woche die Möglichkeit haben werde, mit der Umsetzung zu beginnen. Hinzu kommt, dass ich die Einarbeitung in die vielfältigen Thematiken nun bereits vor Anbruch meiner Reise geleistet habe. Allein dies wird mir eine große Hilfe sein.

Ich bin darauf gespannt, wie diese neue Struktur mein für gewöhnlich freies Arbeiten beeinflussen und verändern mag, glaube jedoch, dass es die Wahrscheinlichkeit, mein Romanprojekt noch in diesem Jahr abzuschließen, um eine Vielfaches erhöht. Bislang ging jede Menge Zeit dafür drauf, mich aus Momenten der Planlosigkeit – im wahrsten Wortessinne – herauszuarbeiten. Dies dürfte nach unserer gemeinsamen Vorarbeit nun wegfallen. Selbst im Falle, dass ich an einer Stelle hängenbleibe, kann ich zu einem anderen Kapitel springen und daran weiterschreiben.

Insofern war dieses Wochenende zwar nicht unbedingt erholsam, jedoch ausgesprochen ergiebig. Gewissermaßen war es aber zugleich erholsam, weil es mir die Last jeder Menge unbeantworteter Fragen von den Schultern genommen hat. Auf jeden Fall bin ich bester Laune, trotz all der Arbeit, die noch vor mir liegt. Diese Arbeit aber hat eine klare Struktur gewonnen. Die Bürde des Nebulösen ist verschwunden.

Wenig überraschend, dass mich die gestrige Zugfahrt ungleich weniger stresste, als die Hinfahrt.

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!           glas I

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