Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (24. Februar 2013)

Sonntag, 24. Februar 2013

 

Endlich ist es mal wieder an der Zeit, von einem positiven Wochenende zu berichten. Das freut mich, nachdem ich schon das Gefühl hatte, die schwierigen würden gar nicht mehr aufhören. Aber seit Längerem verbringe ich ein tatsächlich entspanntes Wochenende und habe nicht das Gefühl, irgendetwas oder jemanden zu vermissen. Erfreulich.

Freitag Abend war ich mit einem alten Freund im Kino und habe mir Hannah Arendt angesehen. Dieser Film hat mich nachdenklich gemacht. Er hat mich sogar im Traum begleitet.

Der Grund war folgender: Hannah Arendt berichtete damals in New York über den Eichmann-Prozess in Jerusalem und wurde im Nachhinein mit einem Shitstorm ungekannten Ausmaßes überzogen, um ein Wort der Jetzt-Zeit zu verwenden. Sie beharrte jedoch auf ihrer Darstellung und der Meinung, die sie vertrat, obschon selbst ihre besten Freunde sich einer nach dem anderen von ihr abwandten.

Eine mutige und sehr konsequente Einstellung, wie ich finde.

Mich beschäftigte das, weil ich mich auf Er nüchtert derzeit, in stark abgeschwächter Form, mit einem vergleichbaren Problem konfrontiert sehe: Menschen fühlen sich angesprochen, mitunter angegriffen, weil ich sie in meinen Aufzeichnungen erwähne oder sie sich erwähnt fühlen.

Bereits bevor ich den Film sah, veranlasste mich das, mir Gedanken zu diesem Thema zu machen. Die Notwendigkeit bestand zwar insofern nur eingeschränkt, da es mir gelang, besagte Missverständnisse aufzuklären und Verletztheiten so weit möglich aus dem Weg zu räumen, doch galt es, mir ein paar generelle Fragen zu stellen.

Ich erzähle in Er nüchtert aus meinem Leben, schreibe über meine Eindrücke und Wahrnehmungen. Zwangsläufig sind diese mit anderen Menschen verknüpft. Insofern tauchen diese Menschen hier auf, wenngleich ich bewusst auf die Nennung von Namen verzichte. Ich lebe und interagiere mit Menschen. Selbstverständlich beeinflussen diese mich und meine Gedankenwelt, inspirieren mich zum einen, bringen mich bisweilen dazu, mich zu hinterfragen oder auch abzugrenzen. Will ich meinem selbstauferlegten Gebot der Aufrichtigkeit gehorchen, gibt es keine Alternative als dies hier zu Gehör zu bringen.

Dennoch ist es diese Situation neu für mich. Ich habe für meine niedergeschriebenen Gedanken gerade zu stehen, insbesondere wenn Menschen sich von meinen Beschreibungen oder Kommentaren angegriffen oder beleidigt fühlen.

Ich fragte mich also, wie ich damit umzugehen gedächte. Selbstverständlich trage ich, zu diesem Schluss kam ich schnell, die Verantwortung für das, was ich schreibe. Weiter reicht diese Verantwortung allerdings nicht. Gewiss prüfe ich, wenn mir jemand das Gefühl vermittelt, ihm zu nahe getreten zu sein, ob ich zu dem Text stehen kann, den ich verfasst habe. Weiter jedoch ginge ich nicht. Es ist mir als Autor unmöglich zu beeinflussen, was in den Köpfen der Menschen mit Texten geschieht, die ich verfasse. Es liegt außerhalb meines Einflussbereichs. Wenn ich einen Text vollende, gebe ich ihn im selben Moment frei. Es obliegt dem Leser, mit einem Text auf die für ihn angemessene Art umzugehen.

Das war es wohl, was mich an Hannah Arendts Unbeugsamkeit so beeindruckt hat. Handelte es sich in meinem Falle um mindere Dispute, war es in ihrem ungleich schwerwiegender, ja, sie nahm sogar den Verlust enger Freunde in Kauf, war gezwungen das zu tun. Wollte sie ihre eigene Integrität wahren, blieb ihr keine andere Wahl. Die Härte dieses Schicksals war es, die mich den Film als ausgesprochen beklemmend empfinden ließ.

Die Kanonisierung von Hannah Arendts These von der Banalität des Bösen spricht indes dafür, dass sie mit ihrer Beobachtung Recht behalten sollte.

Mit welch unglaublicher Empfindsamkeit die Themen Israel und Antisemitismus noch fünfzig Jahre später belegt sind, bewies unlängst, nach der Veröffentlichung seines israelkritischen Gedichts Was gesagt werden muss, die Medienkampagne gegen Günter Grass. In tieftrauriger Weise bestätigte sie die These des Verfassers, dass in unserem Lande eben nicht alles ausgesprochen werden dürfe.

Doch, dürfe es, lautete der einhellige Tenor der Medienwelt – ging aber einher mit einer Rufmordkampagne ersten Ranges. Mit Schaudern denke ich an den Titel eines damals erschienen Spiegel-Online-Artikels zurück: Hoffentlich die letzte Tinte. Dieser nahm Bezug auf einen Satz im Grass-Gedicht, wo Grass schrieb, er vertrete seine Meinung erst jetzt „gealtert und mit letzter Tinte“. Am Wunsch des Online-Redakteurs ließ der Titel wenig Zweifel offen.

Hannah Arendt, selbst Jüdin und Exildeutsche, wagte also bereits fünfzig Jahre zuvor, sich gegen die herrschende Meinung und Empfindsamkeiten in Frage zu stellen. Sie beschrieb, was sie sah: Eichmann war für sie nichts weiter als ein Mensch, der sich weit hinter Befehle und Anweisungen zurückgezogen hatte, ein Bürokrat, der auf das verzichtet hatte, was ihn zum Menschen hätte machen können, namentlich seine Fähigkeit zu denken. Das Monster, das allenthalben aus ihm gemacht werden sollte, vermochte sie in ihm nicht zu sehen. Nichtsdestotrotz begrüßte Arendt, dass das Gericht die Todesstrafe gegen ihn aussprach – sie hielt Eichmann keineswegs für ein Opfer der Umstände oder sprach ihn von Verantwortung frei. Der aufbrausend emotionale Charakter der folgenden Rufmordkampagne ließ jedwede Rationalität jedoch außer Acht, weshalb ihre Thesen letzten Endes keinerlei Rolle spielten.

Für die Möglichkeit, mich mit derlei Konflikten, wenn auch nur in sehr viel kleinerem Rahmen,  selbst auseinandersetzen zu dürfen, bin ich dankbar, zeugt sie doch davon, dass ich bezüglich meines Schreiberdaseins einen Schritt weiter bin als noch vor wenigen Monaten: Menschen setzen sich mit meinen Texten auseinander.

Das war auch einer der Gründe, weshalb mich mein letzter Artikel zu Er nüchtert mich noch Tage beschäftigen sollte. Ich möchte mithin einige Worte nachschieben.

Das Thema, ihr werdet euch erinnern, war Tod und Abschied und ich schrieb, dass ich beide hasste. Tags darauf wurde ich den Eindruck nicht los, dass ich wie ein trotziges Kind argumentiert hatte und die Kommentare, die ich, nicht zuletzt hier, erhielt, bestätigten das mitunter. Zugleich hatte ich das Gefühl, einen Tabubruch begangen zu haben, indem ich einen sonst wohl gehüteten Schleier zerriss und dahinter blickte. Das gefiel mir.

Bei diesem Thema handelt es sich gewiss um ein in höchstem Maße subjektives. Dennoch kommt kein Mensch umhin, sich einst damit zu befassen, ist der Tod doch die Konstante, die uns alle in unserer menschgegebenen Einsamkeit eint, so paradox dies auch scheinen mag. Festzustellen, dass ich diese Bedingung hasse, ist nun indes keine Strategie, sondern vielmehr ein neuer Punkt für mich, der mir in seiner schonungslosen Offenheit als Ansatz geeignet scheint, über meine eigene Perspektive weiter nachzusinnen. Dieser Ansatz schließt jedoch keineswegs aus, dass ich mich mit dieser Bedingung eines Tages versöhnen und einen eigenen Umgang damit finden werde. – Aber es wird eben ein eigener Umgang sein müssen, jenseits der gesellschaftlich dargebotenen Floskeln. Mich auf dergleichen rezeptfreien Beruhigungsmitteln auszuruhen, lag mir ohnehin nie.

Zurück nun aber zu meinem entspannten Wochenende. Ich spüre, dass langsam das Bedürfnis in mir zurückkehrt auszugehen. Wenngleich ich ihm bislang nicht gehorcht habe, hoffe ich, dass es mir leichter fallen wird, nüchtern in der Partywelt unterwegs zu sein, sobald meine Lust, neue Menschen kennen zu lernen und zu tanzen, wiederkehrt. Ich vermute, das dürfte nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen.

Gestern fühlte ich zwar einen ersten Impuls, aber ich war nachmittags in der Sauna und abends sah ich mich völlig außer Stande, das Haus zu verlassen. Um genau zu sein, schlummerte ich ab neun Uhr friedlich bei einem Hörbuch vor mich hin.

Die Sauna tat mir gut. Ich empfinde dieses geplante Nichtstun als unglaublich befreiend. Hinzu kam, dass ich seit über zwei Jahren nicht in der Sauna war, was dem gestrigen Erlebnis einen noch stärkeren Charakter von mich verwöhnen verlieh.

Der ganze Ernüchterungs-Prozess der vergangenen Wochen ist eng damit verknüpft, jenseits meiner Rolle als Partyhengst (hört, hört!) eine neues Selbstbild zu finden.

Vor Kurzem wurde mir bewusst, wie viel Zeit ich im Augenblick kulturellen Veranstaltungen jeglicher Art widme – wie viel vor allem im Vergleich zum letzten Jahr.

Das gefällt mir, muss ich zugeben. Das Selbstbild, das ich mit dieser Art von Freizeitbetätigung erschaffe, liegt mir. Obschon ich das Image des Partyhengstes problemlos zu erfüllen vermochte, entspricht es meinem Wesen eigentlich mehr, mich mit Dingen auseinanderzusetzen, anstatt mich zwanghaft von der Konfrontation mit ihnen abzuhalten. Nichts anderes tat ich, indem ich mich Woche für Woche betrank.

Dennoch ist der Rollenfindungsprozess bei Weitem nicht abgeschlossen.

Zwei Seelen schlagen, ach, in meiner Brust. Wären es nur zwei!

Viele sind es – gar so viele. Rollenfindung ist nichts anderes, als all diesen Facetten den ihnen gebührenden Platz zuzuweisen. In meinem Falle bedeutet es gleichsam, eine übertrieben starke Seite in mir zurechtzustutzen und für einen gesünderen Ausgleich zu sorgen. Denn für gefährlich hielte ich es, diesem Teil in mir, meinem geselligen und gesellschaftsliebenden Ich, die Existenzberechtigung dauerhaft abzusprechen. Das führte nur zu neuerlicher Unausgewogenheit.

Gleichgewicht aber ist mein Ziel.

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!               glas I
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