Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (23. April 2013)

Dienstag, 23. April 2013

 

Eben habe ich den Film Smashed gesehen. Darin geht es um eine junge Frau, eine amerikanische Grundschullehrerin, die sich ihrem Alkoholproblem stellt, Hilfe bei den Anonymen Alkoholikern findet. Hauptthema aber sind die Auswirkungen, die das trocken werden auf ihr Leben hat.

Diesen Film kann ich jedem, der sich für die Problematik interessiert, nur wärmstens ans Herz legen.

Für mich war es spannend zu beobachten, wie sehr mich diese Thematik emotional berührt. In vielerlei Hinsicht bot mir dieser Film Identifikationsmöglichkeiten. Im selben Augenblick relativierte sich der Wunsch, nach einem gemütlichen Glas Wein abends auf der Terrasse, den ich noch wenige Stunden zuvor verspürt hatte.

Im Verlaufe des Filmes wird die Hauptfigur nüchtern – zugleich verändert sich ihr ganzes Leben. Dies keineswegs nur im positiven Sinne: sie verliert ihren Job, ihre Ehe geht an ihrer Nüchternheit zugrunde, rundweg alles, was bislang für sie von Bedeutung war, bricht um sie her zusammen.

Mein Freund Farid fragte mich in einem Kommentar zu meinem letzten Er nüchtert-Artikel, ob ich mich denn wahrlich als Alkoholiker betrachtet hätte. Offen gestanden weiß ich keine Antwort auf die Frage, ob ich einer war. Allerdings gab es zu Beginn des Films gleich mehrere Szenen, mit denen ich mich stark identifizieren konnte – nicht, weil ich haargenau das Gleiche erlebt hätte, aber doch eben Ähnliches.

Ich selbst habe mich niemals betrunken Fahrrad fahren sehen, dennoch konnte ich mich lebhaft in der filmischen Darstellung wiederfinden – allein der eigenen Empfindung beim Fahren nach. Schlimmer allerdings sind die Szenen, in denen es um Peinlichkeiten und Kontrollverlust geht. Diese Gefühle sind mir nur allzu vertraut und waren letztlich auch für mich der Auslöser, mein Verhalten zu hinterfragen – und mir eben auch die bewusste Frage zu stellen:

Bin ich Alkoholiker?

Durchaus nicht einfach, eine Antwort auf diese Frage zu finden.

Bis heute kann ich es weder mit Gewissheit bejahen noch verneinen.

Die Schwierigkeit, damit liegt Farid in seinem Kommentar vollkommen richtig, ist, dass es ja alle tun. Die allermeisten Menschen in meinem Umfeld trinken. Und damit meine ich nicht ein Bier am Abend. Nein, ich spreche von trinken.

Trinken, solange, bis der Pegel erreicht ist.

Trinken bis der Morgen graut. – Nicht jeden Tag, natürlich nicht, aber doch jedes Wochenende zumindest eine Nacht lang. Gewiss auch bei der einen oder anderen Gelegenheit unter der Woche, schließlich möchte ja niemand den Party-Pooper geben.

Letztlich tat ich nichts anderes.

Bleibt nur die Frage, ob es das besser macht.

Nicht zu vernachlässigen, ist für mich persönlich hierbei der Gesichtspunkt, dass die meisten der Menschen, mit denen ich Umgang pflege, deutlich jünger sind als ich. Insofern besteht ein Unterschied sowohl in der Alkoholtoleranz – was mir mitunter Respekt und Bewunderung eintrug, denn was ist man nicht für ein toller Hengst, wenn man bis in den nächsten Vormittag hinein trinken kann, ohne Anzeichen von Betrunkenheit zu zeigen und das alles noch dazu gänzlich „ohne Drogen“, da Alkohol als eine solche schließlich nicht gesehen wird – als auch in der simplen Beeinträchtigung der relevanten inneren Organe.

Während die Hauptfigur, Kate, im Film mit einem Trinker verheiratet ist, der ihr zwar zugesteht, nüchtern zu werden, denselben Weg aber keineswegs zu beschreiten gedenkt, und dies zwangsläufig über kurz oder lang zu Konflikten und dem Zusammenbruch ihres sozialen Umfelds führt, blieb mir selbiges erspart.

Allerdings konnte ich nach D.s Weggang ohnehin kein nennenswertes soziales Umfeld mein eigen nennen. Schon vor Beginn meines Nüchternheitsprojekts hatte Köln sich diesbezüglich als schwierig entpuppt, was mir in jenem Augenblick, nüchtern betrachtet (im doppelten Wortessinne) nur recht sein konnte. Somit hatte ich mit den Folgen dieses Verlustes nicht zusätzlich zu leben.

Als überraschend jedoch empfinde ich eine Entwicklung, wie sie im Film aufgezeigt wird, keineswegs, habe ich doch meinerseits bereits die Erfahrung machen dürfen, dass es als Ex-Kiffer erstaunlich schwierig war, mit einem Kiffer zusammen zu sein. Für Alkoholiker gilt gewiss dasselbe.

Ein Psychologe sagte einst zu mir: Sucht ist stärker als jede Beziehung. Ich fürchte, er mag damit Recht behalten.

Am Ende des Filmes steht eine ausdrucksstarke Szene, die mich tief berührt hat, weil ich mich auch hierin in so mancherlei Aspekt wiederfinden konnte: Kate erhält von den Anonymen Alkoholikern eine Auszeichnung zur einjährigen Nüchternheit. Daraufhin hält sie eine kurze Rede. Sie schildert, dass sie, als sie beschlossen habe, trocken zu werden, nicht die geringste Ahnung gehabt habe, dass damit die Probleme eigentlich erst begännen.

Nicht die Nüchternheit stellte sich für sie als das gravierendste Problem heraus, sondern all die damit einhergehenden Veränderungen in ihrem Leben. Nicht zuletzt fällt hierunter jene beständige Klarheit, die zu bisweilen erschreckenden Entscheidungen führt, die zuvor schier unmöglich erschienen.

Weiterhin spricht sie davon, dass ihr Leben vielerorts langweiliger sei, als zuvor; dass sie nicht sagen könne, dass es keinen Spaß gemacht habe zu trinken, denn das habe es – mitunter sogar sehr.

Das darzustellen empfand ich als ausgesprochen gelungen. In einem Alkoholismus-Drama nicht der Gefahr des pädagogisch erhobenen Zeigefingers auf den Leim zu gehen, ist schwierig – umso besser, dass Smashed es nicht tat. Damit wird ein solcher Film meiner Meinung nach erst glaubwürdig, verliert den moralinsauren Beigeschmack, der mir pädagogisch wertvolle Filme bisweilen verdächtig macht.

Zumindest meinem persönlichen Erleben widerspräche es, zu behaupten, die Zeiten des Trinkens seien nur schlechte gewesen. Das waren sie nicht. Sie waren geprägt von Spaß, Exzess, über die Stränge schlagen. Es ist schwer ein ähnlich breites emotionales Spektrum aufzubauen, seit ich mich dem Leben nüchtern stelle.

Dennoch weiß ich an dieser Stelle nicht, wie es wäre, wieder mit dem Trinken zu beginnen.

Die Frage wird sich früher oder später zwangsläufig stellen. Auch ein Jahr geht vorüber, manchmal schneller, als einem lieb ist.

Und dann?

Als Kate im Film einen Rückfall erleidet, stellt sie schnell fest, dass sie exakt am gleichen Punkt ist, an dem sie aufgehört hatte. Diese Gefahr sehe ich durchaus auch. Noch vermag ich diese Frage indes nicht zu beantworten.

Gibt es womöglich einen Weg zu jenem maßvollen Trinken, das sich die meisten wünschen – und so viele für sich proklamieren, obschon es keinerlei Realität entspricht?

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!           glas I

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4 Gedanken.

    • Sehr gern geschehen – ihr seid mir als meine treuen Freunde oder auch als fremde Leser und Wegbegleiter auf diesem Weg eine große Hilfe! Der 100. Kommentar geht somit auf Dein Konto, liebe Sylvie!! Merci beaucoup!

  1. Schade, das Du nichts vom Programm der Anonymen Alkoholiker kennst !
    Was Du da von Dir gibst ist eine typische Einstellung von Millionen Menschen.
    Unter Menschen, die diese Krankheit kennen, erntest Du nur ein wissendes Lächeln damit. Das mag sehr arrogant klingen… nein es ist arrogant aus der Sicht eines Alkolikers, der noch in der Probierphase ist. Jeder trockene Alkoholiker hat das durchgemacht, was Du erlebst und beschreibst. Es ist nichts besonderes.
    Vielleicht erlebst Du einmal etwas besonderes, umwerfendes, ja fast schon übernatürliches. Schade das Du dann Deine Zeilen verfluchst, denn diese sind wichtig auf Deinem Weg. Alles ist wichtig und gut… sogar jedes Glas Alkohol.
    Das Leben ist schön. Ich wünsche Dir Mut.

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