Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (21. Juni 2013 – Paria-Edition)

Freitag, 21. Juni 2013

 

„Kannst du keine normalen Worte verwenden?“

Parias? Was soll denn das eigentlich sein, ein Parias?“

„Über die Verwendung des Wortes Paria habe ich mich schon des Öfteren gewundert…“

„Du versteckst dich hinter einer pseudoliterarischen Scheinwelt. Mit dir will ich nichts zu tun haben. Paria!? Das musste ich ja erst mal im Wörterbuch suchen!“

Das sind nur einige Reaktionen, die mir zu dem Wort Paria im vergangenen halben Jahr entgegenschlugen.

Zunächst will ich all diejenigen beruhigen, die das Wort nicht kannten: die Benutzung des Wörterbuches hat bislang keine bleibenden Schäden hinterlassen, zumindest nicht soweit mir bekannt wäre.

Schlagt das verstaubte Ding auf dem Regal einfach mal auf. Es freut sich. Auch ist es nicht als persönliche Beleidigung zu verstehen, wenn du ein Wort nicht kennst.

Dennoch gibt es natürlich einen Grund dafür, weshalb ich ausgerechnet dieses Wort gewählt habe, um meinen Er nüchtert-Titel zu komplettieren.

 

Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias.

 

Weshalb also?

Zunächst war das Wort Paria, als ich beschloss den Versuch mit diesem Nüchternheits-Projekt zu starten, das erste Wort, das mir in den Sinn kam.

Ein Paria ist ein Unberührbarer. Ein Ausgestoßener.

Der Begriff stammt aus dem indischen Kastensystem und bezeichnet dort die niedrigste soziale Schicht. Ein Paria ist im Wortessinne ein Unberührbarer – ihn oder die Dinge, die er gebraucht hat, zu berühren, gilt als unrein. Es wäre beispielsweise undenkbar, dass der Angehörige einer höheren Kaste im Bus neben einem Paria säße.

Parias sind in Indien noch immer für die niedrigsten Arbeiten zuständig. Darunter fallen beispielsweise alle Arbeiten, bei denen Menschen mit Blut in Berührung zu kommen. Somit gehören sowohl Schlachter als auch Hebamme oftmals der Kaste der Ausgestoßenen an.

Wie komme ich dazu das Wort Paria zu verwenden?

Der Begriff stammt also aus Indien.

Wenn ich einen Schritt weiterdenke ist ein Paria jemand, der außerhalb der Gesellschaft steht. Das hat zweierlei Effekt – den oben beschriebenen, namentlich die Verachtung seitens der anderen Menschen, die gewissermaßen über dem Paria stehen, aber auch einen entgegengesetzten. Wer außerhalb der Gesellschaft steht, vermag Dinge wahrzunehmen, die Involvierten verborgen bleiben.

Dieser positive Paria-Begriff schreibt dem Paria eine Überlegenheit der Wahrnehmung zu, eben weil er außerhalb der Gesellschaft steht. Die Distanz, die er dadurch gewinnt, ist sein Reichtum.

Das Bild dieses bewussten Parias findet sich auch im Denken Hannah Arendts wieder. Sie charakterisiert damit den Revolutionär. Für mich beinhaltet es die Vorstellung von Unbestechlichkeit, womöglich gar Unbeugsamkeit, im positiven Sinne.

 

In meinem Leben habe ich oft genug das Gefühl des Außenstehens erfahren. Als nicht geouteter Schwuler in der Schule, der den anderen Jungs stets auf unerklärliche Weise suspekt blieb; als geouteter Schwuler, der sich nicht den Konformismus-Schemata der Szene unterwerfen wollte; als Schreiber, der sich weigerte, den gesellschaftlich vorgesehenen Weg einzuschlagen – ich könnte die Liste beliebig fortsetzen.

Letztlich traf ich die Entscheidung, das Wort Paria zu verwenden, spontan.

Mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich in einer Gesellschaft, in der der Genuss von Alkohol zum Standardritual gehört –  um nicht zu behaupten, das Trinken sei das einzig verbliebene Ritual –  zwangsläufig eine Verwandlung zum Paria vollziehen würde, so ich aufhörte zu trinken.

Mit allen Konsequenzen, positiven wie negativen.

Das sollte sich bewahrheiten.

 

Gerade dieser Tage, da der Sommer mit voller Macht hereingebrochen ist, bemerke ich mehr denn je, wie einsam einen die Entscheidung, auf Alkohol zu verzichten, bisweilen macht. Ich blicke mich im Park um und vermag keine Picknick-Decke zu entdecken, auf der die Flasche Wein oder der Sixpack Bier fehlen.

Zurzeit fällt es mir dementsprechend schwerer, nicht zu trinken. Das Gefühl von außen an mich herangetragener Entspannung geht mir bisweilen noch immer ab.

Die Distanz allerdings genieße ich zugleich.

Sie macht mich klar.

Sie bestätigt mich in meinem Selbstbewusstsein.

Menschen, die viel trinken, werden mich verstehen: der Alkohol macht es einem unglaublich schwer, sich selbst als Person noch greifen zu können. Die Eigenwahrnehmung verschwimmt. Allzu oft greift man ins Leere, wenn man versucht, sich selbst zu verstehen.

 

Letztlich ist der Paria natürlich ein Bild.

Ich bin ein Schreiber und habe mir erlaubt, dieses Projekt unter den Schirm einer Metapher zu stellen.

All diejenigen, die ich damit beleidigt habe, ersuche ich inständig, mir zu verzeihen.

 

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!           

glas I

http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/
 

2 Gedanken.

  1. Was ist denn so schlimm daran, das gute alte Wörterbuch zu bemühen? Oder Wikipedia? Weiterbilden hat noch keinem geschadet…

    • Sehe ich ganz ähnlich, daher auch der ironische Unterton, von dem ein alter Freund heute meinte, man bemerke den womöglich nur, wenn man mich kenne… Liebe Grüße aus Kölle!

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