Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (21. Januar 2013)

Samstag, 19. Januar 2013

 

Manchmal entfliehe ich meinen Träumen in die Realität. Seltsam, oder? Allerdings ein Zeichen dafür, dass ich, auch wenn ich nicht trinke, noch immer dazu neige, Dinge im Schlaf zu verarbeiten.
So heute Morgen. Dieses Gefühl, ein Kissen im Arm halten zu müssen, um mich vor der inneren Kälte zu schützen, trieb mich aus dem Bett. Mittlerweile habe ich nämlich verstanden, dass nichts bleibt, als in einem solchen Moment aufzustehen. Inwendiger Kälte ist anders nicht zu entkommen.
Ich habe nun seit beinahe drei Wochen nichts getrunken und beginne, klarer zu sehen. Eine der augenfälligsten Auswirkungen, die die Nüchternheit auf mich hat, ist, dass ich weniger labil bin. Damit habe ich offen gestanden nicht gerechnet. Alkohol und die folgenden Katertage scheinen, jenseits der euphorisierenden Spontanwirkung, eher als Depressivum zu fungieren denn als Anti-Depressivum.
Immer mehr empfinde ich die derzeitige Phase als Neusortierung.
Hat mich die Aussicht darauf, mein soziales Leben zu überdenken und neu zu gestalten, letztes Wochenende noch sehr beunruhigt, sehe ich dies jetzt etwas klarer.
Eines werde ich mir sicherlich nie vorzuwerfen haben, nämlich, dass ich das Partyleben nicht bis zur Neige in all seinen Facetten ausgekostet hätte.
Wohin aber hat es mich geführt?
Ich lebe seit knapp zwei Jahren in Köln. Wenn ich mich umsehe, habe ich außer Lehrer-Kollegen, Schülern und Mitbewohnern keine nennenswerten sozialen Kontakte. Und das, obschon ich Wochenende für Wochenende bis sechs Uhr morgens oder länger um die Häuser zog.
Entsprechend überschaubar ist realistisch betrachtet auch das Risiko, wenn ich mein Ausgehverhalten verändere. Wäre es der richtige Weg, allwöchentlich bis in die Puppen Party zu machen, um mir ein soziales Netz zu schaffen, hätte ich unterdes einen Freundeskreis.
Und das allgegenwärtige Thema Partnersuche?
Auch hier hilft womöglich ein gewisser Realismus. Finde ich die einschlägigen Orte bereits im betrunkenen Zustand schier unerträglich, mag es letzten Endes besser sein, weiterhin scharrenden Fußes vor Tiefkühltruhe, Bio-Gemüse-Regal oder Theaterkasse auszuharren, bis der Pfeil des Amor mich hinterrücks niedersinken lässt.
Soll nicht heißen, dass ich meine Wochenend-Abende, wenngleich verlockend, künftig bei REWE verbringen werde. Allerdings habe ich durchaus Interessen, die bislang blind dem Rausch geopfert wurden, seien dies Lesungen, Theater, Kino oder einfach gute Gespräche.

 

Montag, 21. Januar 2013

Schon liegt das dritte nüchterne Wochenende hinter mir. Gut. Langsam gewöhne ich mich an diese Erfahrung. Hilfreich ist es, dass ich, seit ich meine Antibiotika zu Ende genommen habe, auch mein zweites Monatsziel wieder verfolge und zweimal pro Woche schwimmen gehe. Fünfzig Bahnen und ich schlafe abends wie ein Neugeborener, schaffe es kaum noch, meine Äuglein bis zehn Uhr offen zu halten.
Am Samstag hatte ich eine Verabredung mit jemandem, den ich bis dato nur einmal und dies in volltrunkenem Zustand gesehen hatte. Oft ist es schwierig, solche Begegnungen dann auf die „Tee-Ebene“ zu ziehen, doch diesmal gelang das wunderbar. Wir verlebten eine anregende und schöne Zeit miteinander. Auch konnte ich mich entspannen – das ist ja in solchen Fällen oftmals die Frage. Um eine Antwort zu vermeiden, griff ich früher für gewöhnlich zum großen Entspanner. „Macht dann fünf fünfzig, bitte!“
Zum Glück hatte ich schon vor einigen Jahren darüber nachgedacht, dass Menschen, die ich nur im trunkenen Zustand ertrage – oder von denen ich mir das zumindest einrede – ohnehin nicht der richtige Umgang für mich seien.
Womöglich trifft diese Formulierung nicht den Kern der Sache. Ich empfand eigentlich nicht die anderen Menschen als unerträglich, wenn ich nüchtern war. Vielmehr wagte ich es nur betrunken, mich manchen Menschen gegenüber zu zeigen. Schließlich war ich dann locker, lustig und nie um einen passenden Spruch verlegen. Letzten Endes diente der Alkohol in solchen Augenblicken also dazu, meine eigene Unsicherheit zu überspielen.
Glücklicherweise wurde mir das schon vor geraumer Zeit bewusst. Damals gab es tatsächlich eine ganze Reihe von Menschen in meinem Umfeld, die ich nüchtern schlichtweg nicht kannte. Heute ist das nicht mehr so. Das kommt mir im Rahmen meines Er-nüchtert-Projekts ausgesprochen gelegen.
Nun beginnt also die nächste Woche und ich merke langsam, dass ich anfange, Stärke aus meinem Vorhaben zu ziehen. Schön.
Bleibt nur das Damokles-Schwert Karneval. Er dräut bereits am Horizont. Wenn die ganze Stadt sechs Tage im Dauerrausch ist, wird das noch mal eine ganz besondere Herausforderung! Soll ich Köln während der närrischen Tage fliehen? Oder werde ich mich den Jecken stellen?

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!  glas I
http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/

6 Gedanken.

  1. Na, das klingt doch schon viel besser! Und spannend! 🙂
    Ich verfolge die „Er nüchtert“-Entwicklungen sehr interessiert und bin gespannt, wofür du dich bzgl. Karneval entscheiden wirst… sicherlich eine besondere Herausforderung!
    Übrigens tut es mir auch gut, nur noch wenig Alkohol zu trinken. Ich mach‘ weiter so und hoffe, ich krieg‘ das auch zu Fastelovend hin. Bis die Tage!

  2. Nüscht is mit fliehen. Das wird fein säuberlich ausgestanden. Ich habe solche „Projektwochen“ wie du weisst auch schon ein paar Mal durch. 2 Dinge werden ganz klar: 1. Den andern geht es nicht anders. Viel Alkohol/Drogen hat ganz oft was mit viel innerer Unsicherheit zu tun. Nüchtern beobachtet kann sowas sehr befreiend sein. Wir sind weder allein, noch macht viel Alkohol sexy. Er hilft uns nur uns selbst zu akzeptieren und die „Peitsche im Kopf“ zu vergessen. 2. Mehr innere Freiheit, mehr Gelassenheit, mehr Selbstakzeptanz, Geduld und Liebe führt zu Spontanität, Spaß, Verrücktheit und Sexyness.

    Step by step. Ich bin stolz auf dich. Danke dass du uns teilhaben lässt, es tut gut.

    • Danke Dir für Deine Worte, Farid! Die sind mir eine große Unterstützung! Außerdem bringst auch Du die Dinge sehr gut auf den Punkt, wie Du mir das neulich in deiner E-Mail bescheinigt hast!
      Sei herzlich gegrüßt von
      Elyseo

  3. Hey mein lieber Freund,
    mir gefällt der Gedanke sehr gut, dass es meist weniger darum geht dir anderen besser ertragen zu können, als viel mehr darum sich selbst zu ertragen.
    Farid, danke für das Bild mit der „Peitsche im Kopf“! Sehr schön.

  4. „… Womöglich trifft diese Formulierung nicht den Kern der Sache. Ich empfand eigentlich nicht die anderen Menschen als unerträglich, wenn ich nüchtern war. Vielmehr wagte ich es nur betrunken, mich manchen Menschen gegenüber zu zeigen. Schließlich war ich dann locker, lustig und nie um einen passenden Spruch verlegen. Letzten Endes diente der Alkohol in solchen Augenblicken also dazu, meine eigene Unsicherheit zu überspielen. …“
    Da liegt er wohl, der Hase im Pfeffer, wie man so schön sagt. Der Griff nach dem Glas als Krücke. Je länger ich lebe (o Gott, nein ich bin noch unter 70! ^^), umso öfter habe ich das Gefühl, leicht leben tun nicht gerade diejenigen die ein gut funktionierendes Hirn mit sich herumtragen und es auch benutzen, sondern die, die einigermaßen „hohlbirnig“ durch die Welt gehen und selten mehr Gedanken als nötig ans Dasein, ihre Mitmenschen oder weiter gefasste Zusammenhänge verschwenden. Das ist jetzt nicht überheblich gemeint (um Himmels willen), aber meine Beobachtungen in den letzten paar Jahren legen für mich den Schluss nahe … Wer dann noch das Pech hat, außer mit Intelligenz auch noch mit Empathie und Sensibilität geschlagen zu sein, der braucht eigentlich eine Elefantenhaut, um nicht völlig kaputt zu gehen. Schade eigentlich, dass die Meisten dieser Sorte nicht als das erkannt werden was sie sind – eine Bereicherung, sondern oft genug nur ausgenutzt werden … oder das Gefühl entwickeln zur „Krücke“ greifen zu müssen, um zu „passen“. Meine leibliche Mutter war alkoholabhängig, hat auch während der Schwangerschaft zur Flasche gegriffen und wenn ich auch nicht bei ihr aufgewachsen bin, glaube ich, dass mich das doch dem Alkohol gegenüber schwach gemacht hat. (Mag auch Einbildung sein, keine Ahnung) Es gab durchaus eine Zeit in meinem Leben, wo ich dazu neigte, bei Problemen zur Flasche zu greifen. Zum Glück hat es mich nie in eine echte Abhängigkeit geführt, und auch Kater ist für mich immer ein Fremdwort geblieben, trotz gelegentlichen Filmrisses, aber die aufgedrehte Fröhlichkeit und anschließenden Totalabstürze ins „Loch“, die kenne ich auch zu Genüge.
    Was mich dazu bewogen hat, damit aufzuhören waren rein praktische Gründe: ich wurde schwanger. Und nie im Leben hätte ich das Leben und die Gesundheit meines ungeborenen Kindes gefährdet.
    Und ich bin mir bewusst, dass es eine reine „Symptombehandlung“ war. Ich könnte nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass es mir nicht wieder passiert, sollten sich meine Lebensumstände drastisch zum Schlechteren wenden. Ich war nie körperlich abhängig, aber „trocken“ bin ich ganz sicher nicht.

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