Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (18. März 2013)

Sonntag, 17. März 2013

Vier Uhr nachts. Ich komme gerade nach Hause und fühle mich steppenwölfisch. Nüchtern bin ich, klar. Das unterscheidet mich gewiss von Harry Haller.

Steppenwölfisch dennoch, weil ich seit acht Stunden nichts gesagt habe außer Club Mate und Ginger Ale. Und bitte, natürlich.

Steppenwölfisch, weil ich es vorzog allein in die Szene zu gehen – die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt – anstatt mit einer Kollegin auf eine Balkan-Party.

Steppenwölfisch in meiner Unsicherheit.

Steppenwölfisch im Gefühl der Unzugehörigkeit zu jener Welt.

Steppenwölfisch in den Selbstzweifeln.

Steppenwölfisch in der Furcht vor Zurückweisung und dem daraus folgenden Schweigen.

Wenn ich nüchtern bin, ist es in der Tat einfacher zu gehen, wenn es mir nicht mehr gefällt. Den Absprung schaffte ich heute trotzdem zu spät, so auch nicht erst um sieben Uhr morgens auf Bitten des Barpersonals hin. Irgendwie war meine Laune, als ich endlich ging, schon im Keller. Was nicht zuletzt an der schlaffen, weichgespülten Indie-Lala lag. So viel also zu meiner ersten Gayparty im abstinenten Leben – also mit Party meine ich Club, denn in einer Bar war ich ja neulich bereits.

Der Song, der es letztlich geschafft hat, mich zu vertreiben, war Lana del Reys Summertime Sadness. Ich mag das Lied, dennoch hatte es mir gerade noch gefehlt, da D. es mir seinerzeit vorgespielt hatte und der Text die vielsagende Zeile Kiss me hard before you go beinhaltet. Ich nahm’s denn auch als Zeichen und ging – Kuss hin oder her. Ein Melancholie-Film war das letzte, was ich noch brauchte.

Den Ohrwurm hatte ich auf dem Nachhauseweg natürlich trotzdem und Melancholie-Film gab’s gratis dazu. Vielen Dank.

 

Montag, 18. März 2013

Das Wochenende ist also überstanden. Trotz dieser eher unerfreulichen Partyerfahrung Samstag Nacht war ich alles in allem entspannter als vergangenes Wochenende. Das lag vermutlich daran, dass ich aktiver war. Hier beißt sich die Katze allerdings in den Schwanz: Aktivität ist nicht mein Problem, zur Ruhe kommen ist es.

Dennoch ist mir ein aktives Wochenende natürlich lieber als ein genervtes.

Unglaublich, in zwei Wochen mache ich mich auf den Weg nach Kanada! Wunderbar, eine Auszeit kann ich gut gebrauchen. Ich freue mich darauf, mich ausschließlich mir selbst und der Schreiberei widmen zu können, wenngleich ich weiß, dass das anstrengender ist als mein Lehrer-Job.

Dennoch: Abwechslung ist alles! Zudem bin ich gespannt, wie es sich auf meine Schaffenskraft auswirken wird, dass ich in den vor mir liegenden zwei Monaten nicht so viel Zeit darauf verwenden muss, mich zu regenerieren, wie das vergangenes Jahr in Lisboa der Fall war.

Kürzlich fiel mir auf, dass ich auf Er nüchtert bisweilen ein schuljungenhaftes Verhalten an den Tag lege. Das äußert folgendermaßen: in der Schule wurde mir von meinen Deutschlehrern beigebracht, dass es stets von allergrößter Wichtigkeit sei, den Bezug zum Thema nicht aus den Augen zu verlieren beziehungsweise ihn im Zweifelsfalle wiederherzustellen. Im Gespräch mit einem alten Freund (der sich jetzt darüber freuen wird, dass ich ihn schon wieder alt nenne) meinte dieser zu mir, dass ich mich im Moment noch sehr stark über die Abgrenzung zum Alkohol definiere. Ich dachte kurz darüber nach, weswegen er das wohl gesagt haben mochte. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Ich will mich erklären: natürlich gibt es Tage, an denen es mich beschäftigt, dass ich nicht trinke und ich mir dessen schmerzlich bewusst bin. Ihre Häufigkeit ist jedoch stark rückläufig. Da ich nun doch seit immerhin zehn Wochen keinen Tropfen Alkohol getrunken habe, erfahre ich mich ausschließlich als nüchterner Mensch. Das hat logischerweise Konsequenzen und zwar, dass ich mich selbst eben nicht mehr so stark mit dem Thema Alkohol beschäftige.

Dennoch hatte jener alte Freund natürlich Recht: auf Er nüchtert wirkt es so, als wäre ich ungebrochen in der gleichen Intensität mit diesem Thema beschäftigt. Als gut indoktrinierter Schuljunge habe ich hier beflissentlich einen Bezug zu meinem Rahmenthema hergestellt, in bester alter Aufsatzmanier.

Das ist in der Tat widersinnig, soll Er nüchtert doch einen wahrhaftigen Spiegel meiner Entwicklung darstellen. Insofern, und dies wollte ich hier thematisieren, werde ich mich aus besagter Schuljungenrolle lösen und ab sofort nur dann über Alkohol und sein Fehlen schreiben, wenn ich mich wirklich damit auseinandersetze (wie beispielsweise Samstag Nacht).

Denn, wenn Er nüchtert ein Ziel hat, dann Aufrichtigkeit. Dass der Alkohol keine derart prominente Rolle mehr in meinem Denken einnimmt, ist ja durchaus eine Aussage. Noch dazu eine positive. Die Abhängigkeit, die ich so lange verspürte, fand offenbar größtenteils in meinem Kopf statt.

Dennoch ist diese Nüchternheit bisweilen schwierig. So auch Samstag Abend. Ganz abgesehen davon, dass ich den Abend anstrengend fand, wurde ich mir erneut folgender Tatsache bewusst: allein in einen Club zu gehen, birgt das Risiko, sich allein zu fühlen. Der Unterschied allerdings, ob dies nüchtern geschieht oder ob ich mich dabei zuschütte, ist marginal. Der Ausgangspunkt ist nämlich der gleiche: Ich betrete den Club und muss mich zunächst locker machen.

In meinem Denken war dies stets damit verknüpft, mich zu betrinken. Das aber war eine Illusion. Denn auch an Abenden, an denen ich mich betrank, war die Spaß- bzw. Entspannungsquote nicht besser als jetzt.

Es ist immer schwierig, allein unterwegs zu sein. Wie oft höre ich von Menschen, dass sie das nie täten. Das kommt nicht von ungefähr. Es gilt, das ungute Gefühl zu überwinden, das sich beinahe zwangsläufig einstellt, wenn ich alleine mit Menschen, die ich nicht kenne, in einem mehr oder minder vollen Raum bin. Hinzu kommt die verbreitete Attitüde der Prestige-Politur: es ist nicht nur wichtig, zu sein, sondern auch cool, attraktiv, sexy zu sein.

Weshalb Unnahbarkeit als anziehend gilt, habe ich nie recht verstanden.

Mit dieser Problematik heißt es sich aber unweigerlich auseinanderzusetzen, wenn ich allein unterwegs bin. Letztlich wäre es ebenso gut möglich, dass Menschen, die allein unterwegs sind, sich zusammentäten. Das geschieht indes nicht.

Samstag fiel mir jedenfalls, nicht zum ersten Mal, auf, dass sich die anfängliche Verkrampfung in nichts von der Phase unterscheidet, die ich zu überstehen hatte, wenn ich mir als erstes einen Gin Tonic bestellte.

Entweder gelingt es mir dann irgendwann, mich locker zu machen oder eben nicht. Das hängt mehr von meiner Tagesform oder der Musik ab, als vom Getränk in meiner Hand.

Dies mag eine der eigentümlichsten Wirkungen sein, die Alkohol auf das Bewusstsein ausübt. Er erzeugt den Glauben, dass viele Dinge ohne ihn schlechterdings nicht möglich seien. Schlussendlich ist dies nichts als eine Illusion. Eine hartnäckige, gewiss, aber eine Illusion.

Es erfordert Mut, den Vorhang dieser Illusion zu zerreißen.

Wenn ich allerdings dahinter blicke, stelle ich fest, dass er ähnlich eindrucksvoll ist wie des Kaisers neue Kleider.

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!                         glas I

http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/

2 Gedanken.

  1. Wie immer freue ich mich sehr wieviel Gültigkeit ich in deinen Worten auch für mein Leben finde und wie ich dank „Er nüchtert“ viel über mich und andere Menschen lernen kann. Alleine in einen Club zu gehen z.B. finde ich sehr mutig und persönlich finde ich es toll wie du dich selbst annehmen kannst ohne immer „cool, attraktiv, sexy“ zu wirken. Das fand ich bei mir oft nicht leicht.
    Im Übrigen finde ich die Melodie von „Summertime Sadness“ zwar schön, Video und Text aber voll daneben. Es mag natürlich sein dass man sich MAL so fühlt, ein Vergleich mit Musik und Kultur und Südamerika zeigt mich aber DEUTLICH, wie hier in Europa (Deutschland, UK) und den USA die Menschen sich in schlechten Gefühlen suhlen als wäre es Honig. Menschen in der „dritten Welt“ zu erklären was „Sommer Traurigkeit“ ist hat schon Züge von surreal. Warum Menschen in kalten Ländern solche Lieder dann auf heavy rotation im Radio haben, im Sommer (der ja eh recht kurz und gottseidank nun auch traurig ist) und dann auch noch im Winter (!!), entzieht sich jedem gesunden Menschenverstand. Inzwischen muss ich bei solchen Lieder immer sehr lachen innerlich, so auch z.B. bei Bruno Mars‘ „I catch a grenade for you“ u.ä. WTF? Interessiert die Leute da einfach nicht was die Künstler in ihrer Kunst machen, oder fühlen sie sich dabei wohl?? Und wie ich dazu tanzen soll weiß ich auch nicht, mir fällt nur „selbstmitleidig/“, „traurig“ oder „voll am Lied vorbei“ ein. Voll komisch sowas.

    Sei umarmt! 🙂

    • Da kann ich Dir nur zustimmen, Farid, was diese Sentimentalität in einem Großteil der Popmusik angeht – allerdings bin ich selbst auch so sozialisiert und insofern kenne ich das von klein auf. Macht es allerdings nicht wirklich besser. Nur hatte das in diesem Kontext ja eher einen subjektiv-melancholischen Bezug!
      Auf jeden Fall schön, von Dir zu hören und vielen Dank für Deine Kommentare hier!
      Das musste ja mal gesagt werden!
      Elyseo

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