Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (18. Mai 2013)

Samstag, 18. Mai 2013

An all diejenigen, die sich seit Wochen fragen, weswegen es keinen neuen Bericht zu Er nüchtert gibt und womöglich wild spekuliert haben, ob ich mein Projekt sang- und klanglos eingestellt habe, weil ich in die alten Gebräuche des Alkoholismus zurückverfallen bin: die Antwort lautet NEIN.

Nein, ich habe nicht wieder getrunken, wenngleich es Tage gab, an denen es schwerer und Tage, an denen es leichter war. Gestern war einer der schwereren, weil ich Aggressionen mit mir herumtrug, die mit Alkohol zu bekämpfen so herrlich einfach gewesen wäre – gerade da ich schon so lange nüchtern bin, dass der Effekt sich vermutlich umgehend eingestellt hätte. Letztlich aber dachte ich mir, ich stehe diese Aggressionen auch durch, ohne zu trinken – ohnehin waren sie durch nichts begründet als Unzufriedenheit mit meinem eigenen Verhalten: komisches Facebook-Gestalke von Menschen, die ich besser nicht stalken sollte; Schreiben eines Dialoges, mit dem ich nicht recht zufrieden war und dergleichen. Nichts Wichtiges also.

Ich weiß nicht, ob es Dir ähnlich geht, aber ich selbst kann mich in solch aggressiven Zuständen nicht ausstehen. Es gibt kaum Unangenehmeres, als sich selbst nicht leiden zu können. Für gewöhnlich neigte ich dazu, das wegzutrinken. Die Glitzerwelt des Alkohols stimmte mich meist friedlich – anderen und mir selbst gegenüber.

Interessanterweise sind die seltenen Tage, an denen mir ansonsten der Sinn danach steht, etwas zu trinken, die, an denen ich Anlass zum Feiern habe. Das kam in den vergangenen Wochen mehrmals vor, beispielsweise, wenn ich einen weiteren Teilabschnitt meines Romans beendet hatte.

Es ist wohl ein gemeingesellschaftliches Belohnungsritual, sich mit Alkohol zu belohnen – das fiel mir in solchen Momenten besonders auf.

Lass uns darauf anstoßen ist gewissermaßen ein geflügeltes Wort, um einen Erfolg zu feiern und impliziert gewiss keine große Pfirsich-Schorle (igitt! Pfirsich-Schorle, schon beim Gedanken an die schleimige Konsistenz wird mir ganz blümerant). Was aber tun die Nicht-Trinker?

An Tagen also, an denen ich das Gefühl hatte, eine Belohnung zu verdienen, war ich zugegebenermaßen ratlos. Mein Belohnungszentrum flimmerte hektisch beim Gedanken an ein Glas Sekt oder dergleichen – Alternativen, muss ich zugeben, fielen mir keine ein. Auch bislang nicht. Die Konsequenz ist also, mich nicht zu belohnen. Das ist aber in der Tat dumm. Welches Ritual könnte also an die Stelle eines Glas Sekt (oder eines Vollrauschs) treten, ohne affig und artifiziell zu wirken? Es sollte über kurz oder lang eine ähnliche Wirkung auf mich ausüben, wie es das Trinken tat, also mir das Gefühl vermitteln, mich für etwas zu belohnen, was ich geschafft habe.

Diese schweren Tage waren aber in den vergangenen Wochen die Ausnahme.

Der Grund, weshalb ich so lange nichts auf diesem Blog gepostet habe, ist ein anderer. Auch er ist eng mit meiner Nüchternheit verknüpft.

In den sechs Wochen, die ich nun auf Vancouver Island bin, habe ich eine Produktivität erreicht, die wohl niemanden mehr als mich selbst überraschte. So schwer es mir bisweilen fiel, keine neuen Blogposts zu verfassen, hatte ich mir doch vorgenommen, all meine Energie auf den Roman zu fokussieren. Das hatte ungeahnte Folgen.

Noch vor drei Wochen hatte ich das Gefühl, dass ich den Roman hier unmöglich vollenden könnte. Dann rechnete ich, anfangs spaßeshalber, nach, wie hoch ich mein tägliches Pensum setzen müsste, um es womöglich zu schaffen. Das Resultat erstaunte mich: sechs Seiten täglich – das war viel, aber zugleich erschien es mir machbar. Also ließ ich es auf einen Versuch ankommen.

Mittlerweile bin ich beinahe überzeugt, dass ich mein Fünfjahres-Projekt hier in Kanada beenden werde. Mir fehlen noch zweieinhalb Kapitel plus Epilog. Ich bin noch zwölf Tage hier. Geschrieben habe ich bereits 150 Seiten.

Diese ungekannte Produktivität, die mir zugegebenermaßen eine eiserne Disziplin abverlangte, ist ebenfalls meiner Nüchternheit geschuldet. Mir war bereits zuvor klar, dass ich durch die schiere Anzahl der Katertage, die ich beispielsweise letztes Jahr in Lisboa verlebte, meine Schaffenskraft schmälerte. Dass es sich aber um einen derart großen Effekt handelte, überraschte mich selbst. Ich habe zwei Wochen vor Ende meines Aufenthaltes hier bereits doppelt so viele Seiten zu Papier gebracht wie in zwei Monaten Portugal letztes Jahr (entschuldige die altertümliche Ausdrucksweise – natürlich bringe selbst ich mittlerweile keine Seiten mehr zu Papier, sondern tippe sie in den Computer).

Dennoch ist es keineswegs so, dass ich hier nichts anderes täte, als zu arbeiten. Wenn ich in Victoria bin, schaffe ich es zumindest, täglich zwei Stunden am Pazifik spazieren zu gehen. Zudem aber war ich viel auf der Insel unterwegs – nur nahm ich mein Tagesziel schlicht mit, wohin ich auch reiste. Meine Priorität lag auf dem Schreiben, der Rest war Zusatzprogramm. Das war eine kluge Entscheidung, denn so waren meine Wochen hier geprägt von hoher Produktivität, aber auch von vielseitigen Naturerlebnissen und Abenteuern.

Eine solche Phase ausschließlicher Konzentration auf ein Projekt habe ich in meinem Leben bislang noch nicht erfahren. So anstrengend das bisweilen war, freue ich mich doch darüber, diese Erfahrung hier zu machen.

Zurück zu meiner Selbstwahrnehmung als Nicht-Trinker. Was mir die Abstinenz hier zusätzlich erleichterte, war, dass die allermeisten Menschen mich auf Vancouver Island nicht als Trinker kannten. Da ich auch zu Trinkerzeiten nie Bier getrunken hatte, war ich Kommentare wie Du bist Deutscher und trinkst kein Bier? gepaart mit einer Mischung von Fassungslosigkeit und Entsetzen im Blick bereits aus gewohnt.

Ansonsten aber war ich für die Menschen, die mich neu kennen lernten, eben der Typ, der Cranberry-Soda oder Wasser trank – nicht der Mensch, der keinen Gin-Tonic oder keinen Wein mehr trank, wie das in Deutschland der Fall ist. Das mochten sie seltsam finden, aber wenn ich es nicht thematisierte, blieb es unausgesprochen. Angenehm. Wenngleich ich mir sicher war, dass mich die Leute, bei denen ich es nicht thematisierte, für einen trockenen Alkoholiker hielten. Sei’s drum.

Mehrmals war ich in Victoria in Pubs oder Clubs unterwegs. Dabei fiel mir auf, dass sich ein weiterer Umstand verändert hatte: Ich hatte einige Male wirklich viel Spaß, als ich unterwegs war, habe jede Menge gelacht und es fiel mir kaum auf, dass die Menschen um mich her alle Bier tranken, während ich nüchtern blieb. Die Phase meiner Nüchternheit ist unterdessen so lange, dass ich mich immer weniger als ehemaliger Trinker wahrnehme. Insofern entspanne ich mich und schaffe es sogar, meine Ausgehabende zu genießen.

Legendär war eine Nacht, die ich mit ein paar Deutschen verbrachte – die ich, ganz dem deutsch-nationalen Herdentrieb im Ausland folgend, auf der Straße angesprochen hatte, weil sie Deutsch sprachen. Wir landeten letzten Endes zu dritt im einzigen Gay-Club der Stadt, der ausschließlich von Freaks frequentiert wird. Dementsprechend, so dachten wir, konnten wir uns auch zum Affen machen – und das taten wir dann auch, spakten herum, tanzten absolut verrückt (Ententanz inklusive) und gaben einfach nichts drauf, was der Rest dachte. Das war schlicht großartig. Ich hatte ewig nicht solchen Spaß. Schweißnass und glücklich verließen wir um zwei den Club. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt einen ganzen Abend so viel gelacht hatte.

Heute fahre ich nach Vancouver, um dort eine weitere Freundin vom Camino de Santiago zu besuchen. Daher auch die morgendliche Zeit für einen Blogpost, anstatt des Romanschreibens.

In weniger als zwei Wochen geht es dann bereits zurück nach Deutschland. Das empfinde ich als schade, da mein hiesiges Leben die perfekte Mischung aus Abenteuer und Schaffen darstellt. Es tut mir in der Seele weh, dies durchbrechen zu müssen. Aber so ist es eben einstweilen.

Wer weiß, was die Vollendung des Romans über kurz oder lang nach sich zieht.

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!           

glas I

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4 Gedanken.

  1. hi elyseo, ich denke, man kann sich auch mit einem guten tee, einer schönen badewanne, einem kleinen liedchen oder sowas belohnen. alkohol muss keine belohnung sein, sollte sie auch nicht sein…. ich finde es klasse, was du in den letzten wochen zustande gebracht hast und wieviel disziplin du da doch in dir hast… da bin ich noch meilen davon entfernt…
    ist die belohnung nicht auch dieses gute gefühl, so viel geschafft zu haben, und dabei nicht den kontakt zur realität und zur restwelt verloren zu haben? 🙂 hey, ich finde es einfach klasse, dass ich wieder mehr von dir mitbekomme!
    ganz liebe grüße!
    kela

    • Hallo Kela!
      Ja, darüber freue ich mich auch, dich nach zehn langen Jahren wieder in meinem Umkreis zu wissen!! Und Du hast Recht, das Gefühl, etwas geschafft zu haben, ist schon eine Belohnung, allerdings eine sehr rationale Art davon, deswegen irgendwie anders…
      Liebe Grüße aus Vancouver! Elyseo

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