Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (18. Februar 2013)

Sonntag, 17. Februar 2013

 

„Dein Chef wird diese Einstellung lieben!“ war der Kommentar meiner Schwester, als ich meinte, dass die Wochenendtage für mich derzeit die schlimmsten seien.

Langsam gewöhne ich mich zwar daran, am Wochenende ohne Kater und morgens aufzuwachen – nicht das Schlechteste ist, wie ich zugeben muss – dennoch habe ich das Gefühl, völlig erschlagen zu sein. Meine Wochen sind zu vollgepackt.

Nichtsdestoweniger war mir bereits Freitag Abend klar, dass ich am Samstag ein enormes Pensum zu bewältigen hatte, was ich nur schaffen konnte, indem ich früh aufstand. Da ich schon unter der Woche das Gefühl hatte, praktisch keine Zeit für mich zu haben – dieses Gefühl stellt sich bei mir stets dann ein, wenn ich einen überladenen Terminkalender habe – stresste mich der Gedanke, dass dies auch am Wochenende so weiterginge. Sobald ich Zeit als Freizeit oder Entspannungszeiten definiere, dann aber trotzdem viel zu tun habe, gibt es einen Teil in mir, der aufbegehrt und das ungerecht findet. Wenig hilfreich, da mich das zugleich noch mehr unter Stress setzt.

Gestern kam dann noch hinzu, dass ich zurzeit Probleme mit meinem Rechner habe, auf den ich allerdings angewiesen bin, nicht zuletzt, um meinen diversen Schreibvorhaben nachzugehen. Als absoluter Computer- Laie ist das ein Thema, das mir schnell die Stimmung verhagelt. Mich nervt die Abhängigkeit von der Technologie. Vor allem aber nervt mich das Gefühl, als Nichtschwimmer mit unheilbarer Wasserallergie hilflos in einem Meer von Wissen herumzutreiben.

Was sich bislang noch nicht verändert hat, ist mein Impuls, ein solches Stress-Gefühl mit Alkohol bekämpfen zu wollen.

Mithin hatte ich gestern den ganzen Tag das dringende Bedürfnis, mich zuzuschütten. Ich habe es allerdings nicht getan, was schwer war.

Eigentlich vermittle ich mir selbst noch immer, dass ich mir die wohlverdiente Entspannung vorenthalte, in dem ich nicht trinke. Ich hoffe, dass sich diese Verknüpfung über kurz oder lang löst. Denn auch gestern Abend entspannte ich mich letztlich – und das bei Kräutertee und einem heißen Bad.

 

Montag, 18. Februar 2013

Eben habe ich einen wundervollen Film von Doris Dörrie angeschaut: „Kirschblüten – Hanami“, eine Geschichte vom Leben und Sterben, wenn ich es ganz knapp zusammenfassen darf.

Da war es also wieder, das alte Thema: der Tod.

Ich habe das Gefühl, meine letzten Jahre sind sehr stark von diesem Thema geprägt. Tod.

Tod und Abschied, meine Grundkonstanten seit zweieinhalb Jahren. Bisweilen frage ich mich, wie das ist, wenn ich älter werde. Werden diese Bitterkeit, diese Trauer in mir, die jeden meiner Schritte latent begleiten, mit der Zeit einfach aufgrund quantitativ zunehmender Erfahrungen immer stärker? Nehmen sie immer mehr Raum ein, bis nichts übrig bleibt als ein verbitterter alter Mann? Oder lerne ich irgendwann, besser damit umzugehen?

Viele sinnreiche und tröstende Worte sind über das Thema Tod und Abschied gesagt worden. Wenn ihr mich fragt, ist das alles der blanke Unsinn.

(Wer jetzt schon das Gefühl hat, dass ich ihm mit den folgenden Zeilen zu nahe treten könnte, der möge hier aufhören zu lesen.)

Also zumindest emotional betrachtet, blanker Unsinn.

Bislang vermag ich es für mich auf eine ganz einfache Formel zu bringen:

ICH HASSE ABSCHIED. ICH HASSE DEN TOD.

Dazu brauche ich auch nichts darüber zu hören, welcherlei Gewinn ich aus den verbleibenden Erinnerungen ziehen kann, inwiefern ich Menschen niemals verlieren werde und so weiter und so fort.

Wenn Menschen sich mit dieserlei Gedanken zu trösten vermögen, gönne ich ihnen das von Herzen.

Meine Erfahrung aber zeigt mir, dass sie mir nichts helfen. Also brauche ich mir auch nicht einzureden, sie täten es.

Womöglich liegen meine Erfahrungen mit dem Thema auch noch nicht weit genug zurück. Zeit, die Allheilmeisterin wird dereinst einen sanften Schleier über das Geschehene breiten – darauf vertraue ich. Nur schmeckt auch das schal.

Was gäbe ich darum, euch an dieser Stelle ein positives Ja, aber was mir hilft, ist… entgegenzusetzen! Dergleichen Heilmittel ist mir bislang dummerweise nicht begegnet.

Dem Schnitter frech ins Gesicht lachen und rufen Du schreckst mich nicht, Freundchen! Ja, das wäre es vielleicht. Nur wäre es zugleich gelogen.

Mag sein, dass sich meine Einstellung ändern wird. Bis heute ist es nicht geschehen, egal wie viele wohltönende Worte ich aus wie vielen wohlgeformten Mündern dazu vernehmen durfte.

Ich hasse den Tod. Ich hasse Abschied.

Sie tun mir weh. Sie lassen mich traurig zurück.

Ich fühle mich machtlos, hilflos.

Ich weiß nicht, ob ich darüber nachdenken oder es bleiben lassen soll. Keines von beiden hat mir den Umgang damit bisher erleichtert.

Andere Kulturen können es doch auch, denke ich mitunter, nehmen den Verlust geliebter Menschen nicht so schwer, wie wir das in unserer westlichen Welt tun, in der der Tod schön aus dem Sichtfeld verbannt wird. Womöglich hat es damit zu tun. Wir wollen den Tod einfach nicht wahrhaben, schieben ihn so weit als irgend möglich von uns weg. Dann bricht er eines Tages über uns herein und erwischt uns völlig arg- und ahnungslos.

Das kommt jetzt aber überraschend! Ungelegen!

In anderen Kulturen hätte ich nicht Mitte dreißig werden müssen, ehe ich mit dem Tod konfrontierte worden wäre. Hier schon.

Aber es geht nicht um den Tod allein. Abschied. Der Verlust geliebter Menschen, in welcher Form auch immer. Die Unwiederbringlichkeit, sei es auch nur die gefühlte, ist es, womit ich nicht umgehen kann.

Ein hervorragender Anlass, um zu trinken, übrigens. Was sage ich hervorragend: grandios gar!

Nur, und das ist die Krux, das Trinken bringt nichts von allem wieder, was ich einst verloren.

Dämpft den Schmerz? Ja. Beschneidet seine Spitzen? Eine Weile. Lässt mich vergessen? Vorübergehend.

Aber es bringt nichts zurück. Selbst beim schlimmsten Kater ist das Wissen um den Verlust stets präsent, und sei es nur unterschwellig.

Wenn ich an solchen Tagen erwachte, fühlte ich mich oft, als sei ich die Titanic und hätte gerade das Rendezvous mit dem Eisberg hinter mir. Nichts schlimmer als dieses Gefühl von inwendiger Eisesbrunst.

Hier will ich enden. Antworten vermag ich nicht zu geben, nur aufzuzeichnen.

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!  glas I
http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/

8 Gedanken.

  1. Lieber Elyseo,
    ich habe irgendwie auch noch nicht gelernt, mit Tod und Abschied umzugehen und bezweifle auch, es jemals zu können. Ich glaube, dass es die notwendige Akzeptanz ist, die man nicht zu akzeptieren vermag. Dennoch legt die Zeit tatsächlich einen mildernden Schleier über den Schmerz, wodurch er zumindest immer seltener zu Tage tritt.
    Dies sind nun zwar auch keine tröstenden Worte, aber Anteilnahme soll ja angeblich auch hilfreich sein. 😉
    Das Gefühl, dir die wohlverdiente Entspannung vorzuenthalten, indem du nicht trinkst, kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber hattest du nach einem durchzechten Wochenende wirklich das Gefühl, etwas für dich selbst getan zu haben? Hast du dich montags wirklich entspannt gefühlt?
    Sei umarmt! Schön, dass du selbst in den betrüblichsten Momenten durchhälst!

    • Danke, liebe Marion! Heute kam ich mir ein wenig wie ein trotziges kleines Kind vor, als ich auf den Text zurückschaute, den ich gestern Nacht verfasst habe. Aber andererseits hatte ich auch das Gefühl, zumindest nichts zu beschönigen – und das ist leider viel zu oft der Effekt der wohlmeinenden Worte und Ratschläge. Womöglich ist dies trotz allem aufgrund seiner schonungslosen Naivität und Ehrlichkeit ein Punkt, auf dem man aufbauen kann.
      Und, Nein – auf Deine Frage, ob ich mich wirklich nach einem durchzechten Wochenende entspannt gefühlt habe. Im Moment des Betrunkenseins allerdings schon… Ich umarme Dich! Elyseo

  2. ich kann dazu nur sagen, dass er im laufe der zeit verblasst und man ihn nicht mehr so vordergründig wahrnimmt. den schmerz über den tod eines geliebten menschen. nicht mehr so wahrnimmt wie angefressene kilos, die man ein leben lang nie wieder verlieren wird. jedoch sieht man sie dennoch messerscharf, wenn man sich ehrlich genug im spiegel betrachtet. und man fühlt sie sehr schonungslos, wenn man hin und wieder seine lieblingshose aus vergangenen tagen anprobiert, sie allerdings kaum über die knie ziehen kann. und bei der ausübung bestimmter bewegungen wird einem immer wieder blitzartig bewusst wie bewegungs- und atemlos man geworden ist.
    küsse, diana

    • Hallo Diana, das habe ich vermutet, dass Dich dieses Thema natürlich auch ansprechen wird. Ich hoffe und wünsche Dir, dass die bewegungs- und atemlose Zeit nicht für immer anhalten wird. Wie gesagt, es ist noch so wenig Zeit vergangen. Hier geht es um andere Dimensionen fürchte ich. Ich umarme Dich aus der Ferne, Elyseo

  3. Ich kann emotional nachvollziehen was du sagst. Gleichzeitig sehe ich dass ich es als unkluge Strategie empfinde den Tod zu hassen und zu fürchten. Ich gehe davon aus, dass wir uns auszusuchen wie wir auf die Dinge des Lebens reagieren – ob aus Reflex, aus Erziehung oder aus absichtlicher Entscheidung. Angst oder sogar Hass mögen smarte Strategien sein, wenn sie mir gute Handlungsmöglichkeiten ermöglichen. Da ich vor dem Tod weder wegrennen noch ihn töten kann ist jede Energie die ich in Angst oder Hass investiere verlorene Zeit, verlorene Energie und das bezahlt mit Schmerz. Schlechte Wahl in meinen Augen.

    • Das ist eigentlich gar keine Strategie, Farid, das ist zunächst mal eine Bestandsaufnahme. Dabei finde ich wird viel zu oft um den heißen Brei geredet und ich hatte vor, mit den Beschönigungen Schluss zu machen. Wo das hinführt, weiß ich nicht. Aber es macht mich eben frei, mich dieser simplen Wahrheit zu stellen. Das es kein „Entrinnen“, keine Alternative etc. gibt, versteht sich ja von selbst.
      Trotz allem finde ich, so einfach diese Wahrheit ist – ich hasse den Tod – ist es sinnvoll sie auszusprechen, ehe ich einen anderen Umgang damit zu finden im Stande sein werde.

      • Der Begriff Strategie ist vielleicht ungewöhnlich, ich habe ihn im Laufe meiner Beschäftigung mit Psychologie kennenglernt.. er meint in meinen Augen das selbe wie Umgehensweise.. und ich finde es richtig, gesund und wertvoll, der Wahrheit in die Augen zu schauen und zu sagen: so sehe ich das. Und das wir uns genau das, eben das „so sehen“ und das „damit umgehen“ aussuchen, und auch ändern können, das ist ein wichtiger Aspekt des Gedankens, in meiner Welt. Daher plädiere ich absolut nicht für Beschönigungen, aber für das Bewusstsein der Freiheit, in Bezug auf eigene Gedankenmodelle und Interpretationen – wenn wir eigentlich GARnichts wissen.

        Im Übrigen möchte ich allerherzlichst das Buch und (noch mehr) die Audioproduktion „Tuesdays with Morrie“ empfehlen, an alle die die Themen Sterben und Tod berührt. Wenn ihr euch das holt und zu Gute führt, werden bestimmt eine Menge neue, wohltuende Gedanken und Gefühle in euer Leben kommen.

        Hug, Farid

  4. hallo brüderlein,

    ich glaube, den tod zu hassen, bringt gar nix. der tod gehört einfach zum kreislauf des lebens dazu und ist, sobald ein lebewesen geboren ist, unvermeidbar. es ist also etwas völlig natürliches, ebenso wie schlafen, essen usw.
    der tod selbst ist, glaube ich, für den der stirbt, gar nicht schlimm. schlimm ist er v.a. für die hinterbliebenen, die mit dem verlust konfrontiert werden. aber sind das nicht egoistische motive? mir fehlt die oma, weil sie mir immer zugehört hat, für mich da war, für uns gekocht hat, uns verwöhnte… aber ist es für die oma im grunde nicht so viel besser? vielleicht ist in unserer welt einfach der egoismus so übermächtig geworden, dass wir damit nicht mehr umgehen können.
    erschwerend kommt sicherlich hinzu, dass in unserem kulturkreis hinter verschlossenen türen gestorben wird, nicht wie früher als die gesamte familie über 3-4 generationen noch in einem raum gewohnt hat. da war der tod etwas normales. wir haben den tod aus dem alltag verbannt: im krankenhaus gibt es die palliativ-station mit direktem geheim-zugang zum leichenschauhaus, bei einem unfall, wird sofort die leiche zugedeckt, im altersheim sind die alten eh allein…
    m.e. haben wir durch den medizinischen fortschritt und den hypokratischen eid verlernt mit dem tod zu leben. es geht nur noch um lebenserhaltung um jeden preis. aber ist manchmal der preis nicht viel zu hoch? wäre der tod nicht oft die bessere wahl als das qualvolle dahinsiechen, nur um einem eid gerecht zu werden, dessen berechtigung in zeiten so rasanter fortschritte zumindest einmal überdacht werden sollte. sollten wir nicht nur ein recht zu leben, sondern vielmehr auch ein recht zu sterben haben?
    du siehst brüderlein, auch wenn mich der gedanke an den tod mit furcht erfüllt (wie ich heute beim klettern mal wieder gemerkt habe;)), so erkenne ich ihn dennoch als lebensnotwendig an. wichtig ist, dass wir ihn eben nicht tod schweigen, sondern in unser leben integrieren. offenheit und ehrlichkeit ist hier das einzige, das abhilfe leisten kann.

    sei weiter tapfer;)
    die schwester

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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