Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (18. April 2013)

Donnerstag, 18. April 2013

 

Letzten Freitag hatte ich ein Alkoholiker-Erlebnis wie aus dem Bilderbuch:

Ich war allein in einem Club in Victoria unterwegs. Gleich zu Anfang sprach mich eine Kanadierin mittleren Alters an. Sie war ausgesprochen kommunikativ, was mir sehr gelegen kam, da ich ansonsten niemanden kannte. Nach einer Weile fragte sie mich, ob sie mir einen Drink ausgeben dürfe. Natürlich nahm ich an und bat sie, mir einen Cranberry-Soda mitzubringen (bei uns hieße das vermutlich Cranberry-Schorle).

Ich hatte bereits zuvor einen solchen getrunken, weshalb ich verwundert war, als die Kanadierin mit einem Glas zurückkam, das nur halb so groß war, wie mein vorheriges. Sie hatte mich noch dazu zuvor gefragt, ob ich Lime hinein wolle und ich hatte ja gesagt. Limetten, nicht wahr?

Ich bedankte mich artig und nahm einen ersten Schluck.

Nun schmeckte das Ganze auch anders als das erste Getränk. Mit einem Schlag war ich verunsichert.

War Alkohol darin?

Wie sollte ich reagieren, falls ja?

Es heißt ja so schön, einem geschenkten Gaul, schaue man nicht ins Maul.

Ich aber wollte diesem Drink geradezu das Zäpfchen kitzeln.

Natürlich hätte ich es einfach darauf ankommen lassen und trinken können.

Ich bin keineswegs der Ansicht, dass die berühmt berüchtigte Anonyme-Alkoholiker-Strategie, für den Rest des Lebens nie wieder einen Tropfen Alkohol trinken zu dürfen, sinnvoll ist. Auf diese Weise evoziere ich im Falle eines einmaligen Schwachwerdens umgehend ein Gefühl des totalen Scheiterns. Kontraproduktiv, wie ich finde.

Zudem komme ich mit meinem Erleben aus einer ganz anderen Richtung. Ich sehe mich, gerade weil es mir verhältnismäßig leicht fiel, mit dem Trinken von einem Tag auf den anderen komplett aufzuhören, nun weniger als Alkoholiker denn in den Monaten zuvor. Außerdem gibt es niemanden, der mir diesbezüglich Vorgaben macht, außer mir selbst.

Nichtsdestoweniger hatte ich keinerlei Lust, aus Höflichkeit mein Er nüchtert-Projekt zu unterbrechen. Ein Ehrgeizding, keine Frage.

Und in jenem Augenblick eine klassische Zwickmühle.

Sollte ich den Drink einfach stehen lassen?

Nein, das ging nicht, wäre zu auffällig – und somit unhöflich oder, schlimmer gar, undankbar.

Ihn unauffällig in die Toilette kippen und mir einen Neuen holen, von dem ich wusste, was drin war?

Das kam mir irgendwie affig vor – und wie eine Überreaktion. Außerdem, was geschähe, wenn ich dabei beobachtet würde? Das wäre extrem peinlich.

Nach einer Weile beschloss ich, auf die Gefahr hin, mir den Ruf eines trockenen Alkoholikers einzuhandeln, die Kanadierin einfach zu fragen. Sie antwortete mir, sie glaube, es sei kein Alk darin, war sich aber, nachdem sie probiert hatte, ebenso wenig sicher wie ich selbst. Nett und hilfsbereit wie sie war, ging sie also zum Barkeeper und fragte ihn danach. Da kaum etwas los war, konnte er sich problemlos erinnern und versicherte ihr, dass kein Alkohol im Spiel sei.

Vermutlich war der Drink statt mit Soda mit Tonic Water gemischt oder etwas dergleichen. Stranges Erlebnis trotz allem.

Mit einem Mal konnte ich mir besser denn je vorstellen, in welch knifflige Situationen Menschen geraten können, wenn sie dieser fragwürdigen AA-Strategie folgen. Sollte von einer solchen Vorgabe der Erfolg des persönlichen Entzugs abhängen, könnte ein solches Missverständnis mitunter fatale Folgen haben. Fraglich, ob der in Frage stehende Drink dann tatsächlich Alkohol enthalten muss oder ob nicht sogar eine Art negativer Placebo-Effekt genügte.

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!           glas I

http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/

2 Gedanken.

  1. Agreed. Den Rest des Lebens als „Süchtiger“ zu verbringen stelle ich mir auch SEHR schwer vor. Nichts gegen AAs, vielen Menschen hilft es sicher. Verantwortungsvolles, „gesundes“ Konsumverhalten ist -so denn möglich- tausendmal angenehmer. Erst recht in der Unterscheidung „ich muss“ vs. „ich hab keinen Bock mehr auf“ !!
    In Übrigen ist es sehr interessant dass du dir die Alkoholiker-Frage gestellt hast, wobei du wohl hauptsächlich 2 Mal die Woche +x auf sozialen Ereignissen getrunken hast.. wie 90% aller Leute die am Wochenende weggehen und in freien Tagen mal was unternehmen. Wer ist schon locker und frei „wie auf Alkohol“, ohne Alkohol?!

    • Damit hast Du natürlich Recht, Farid. Allerdings gaben mir Umfang und Häufigkeit der Gelage doch zu denken – und vor allem auch das Gefühl, praktisch niemals einen Endpunkt wählen zu können, wenn ich erstmal begonnen hatte. Zudem fühlte sich das Ganze doch sehr stark nach Kontrollverlust an – und diese Ohnmacht meinem eigenen Leben gegenüber war es wohl, die mich mir selbst diese Frage stellen ließ.

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