Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (13. Januar 2013)

Sonntag, 06. Januar 2013

 

Mein erstes nüchternes Wochenende liegt hinter mir.
Es ist Sonntag Abend. Ich sitze an meinem Schreibtisch und verdaue die Wellen von Trauer, die mich seit Stunden überspülen.
Ich fühle mich krank, meine Glieder schmerzen. Ich frage mich, ob dies körperliche oder seelische Schmerzen sind, die gerade durch meinen Körper ziehen.
Beides ist möglich. Ich habe Wochen orgiastischer Gelage hinter mir, war kaum je vor sechs, sieben, acht Uhr zu Hause – der Grund dafür war wohl, dass ich mich davor fürchtete, mich meiner Angst zu stellen. Der Angst davor, dass D. ginge und mich hier zurück ließe.
Nur langsam beginne ich zu realisieren, dass er weg ist.
Der Abschied, vor dem ich mich so sehr gefürchtet habe, liegt hinter mir. Macht Platz für Neues, was auch immer dies sein mag.
Zunächst war das Ende des nicht enden wollenden Abschieds schlechterdings eine Erleichterung. Was gibt es kräftezehrenderes als auf ein unaufhaltsames Geschehnis zu warten, von dem ich zugleich wünschte, es möge niemals eintreten?
Kein Wunder also, dass nun eine neue Stufe der Verarbeitung einsetzt. Zumal ich mir den Rückzug in die vorgeblich schmerzlindernde Welt des Rausches verwehre.
Den Entschluss, mich diesem Schmerz zu stellen, habe ich bereits gefasst, nun heißt es, mit den Folgen zu leben. Aller Logik nach dürfte er nüchtern schneller abklingen, als ich es gewohnt bin, da ich die Auseinandersetzung mit ihm nicht von mir schieben kann.

 

Freitag, 11. Januar 2013

Gut anderthalb Wochen vollkommener Nüchternheit liegen hinter mir. Trocken – wie mein Mitbewohner gestern so schön formulierte. Hm.
Bislang fiel es mir relativ leicht, nichts zu trinken. Die Entscheidung trägt mich im Augenblick noch. Auch bin ich es gewohnt, unter der Woche nicht zu trinken. Interessanterweise träume ich jedoch von Alkohol. Gin Tonic und Wein. Eigentümliches Phänomen!
Ein weiterer begünstigender Faktor ist meine Stirnhöhlenentzündung. Sie vergällt es mir, das Haus zu verlassen, wenn ich nicht unterrichten muss. Ich liege in meinem Bett und lese Bücher oder sitze an meinem Computer und schreibe. Dennoch habe ich mitunter das Gefühl, mich von jeglichem sozialen Leben abgeschnitten zu haben. Ich spreche niemanden außer Mitbewohnern und Kollegen.
Im Augenblick kann ich das ganz gut akzeptieren. Was sollte ich auch anderes wollen? D. ist weg. Wenn ich eines nach beinahe zwei Jahren wirklich brauche, ist es Zeit zu trauern und diese Geschichte zu verdauen. Alles andere wäre eine Lüge.
Der Alkohol half mir natürlich dabei, mir selbst Lügen zu erzählen. Reihenweise. Die Lüge von blendender Laune. Die Lüge von Unbeschwertheit. Die Lüge vom Eingebundensein. Die Lüge von der Abwesenheit des Schmerzes.
Wie lange aber wird diese Zurückgezogenheit funktionieren?
Das hängt wahrscheinlich davon ab, inwieweit ich ernsthaft vorhabe, meine Lebensgewohnheiten zu verändern. Eine Frage, auf die ich womöglich noch keine Antwort kenne.
Zumindest ist dies eine produktive Phase. Zum Steppenwolf tauge ich allerdings, trotz andersartiger Unterstellungen, nicht. Auch nicht zum armen Poeten im Spitzweg’schen Sinne. Da sollte ich mir besser nichts vormachen.
Mit großer Spannung erwarte ich den Tandem-Stammtisch am heutigen Abend. In einer Gruppe von normalerweise um die 60 Menschen als einer der Einzigen nüchtern zu bleiben, ist eine Herausforderung, der ich mich bislang noch nicht zu stellen hatte. Auch die Einnahme von Antibiotika schützt mich da kaum, kenne ich mich doch gut genug, um zu wissen, dass Medikamente mich noch nie davon abgehalten haben zu saufen.

 

Sonntag, 12. Januar 2013

Es war nicht schlimm, nüchtern auf dem Stammtisch. Nein, schlimm war es nicht. Nichtsdestotrotz sorgte dieser Exkurs in die zu erwartende Welt der kommenden Wochen und Monate dafür, dass ich gestern extrem schlechte Laune hatte. Warum eigentlich?
Vermutlich gibt es dafür verschiedene Gründe.
Zunächst ist es natürlich so, dass die gewohnte Entspannung, wenn ich am Wochenende weggehe, vom Trinken herrührt. Spätestens nach einer Stunde stellt sich eine gewisse Gleichmut ein und der Druck lässt nach. Das ist die Ursache dafür, weshalb ich so viel weggehe. Weggehen ist wie ein Urlaub von der Realität, die ich bisweilen als schwer zu ertragen empfinde.
Am Freitag war dies also anders. Weder Coke Zero, Kiba noch Virgin Mary vermochten mich zu entspannen – trotz Selleriestange in letzterer. Ich bin einfach kein Sellerie-Fan. Dementsprechend blieb ich einfach den ganzen Abend gefangen in meinem nüchternen Selbst, ohne plötzlich zum Party-Macher zu mutieren. Das ist zuallererst ungewohnt.
Nein, schlimm war es nicht. Aber eben auch nicht lustig. Ich empfand den Abend eher als Kampf, was auch dazu führte, dass ich es gestern vorzog, zu Hause zu bleiben. Wenn der Abend draußen zum Kampf wird, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob ich nicht lieber zu Hause bleibe.
Was mich gleichfalls schreckt, ist die Aufgabe, der ich mich im Rahmen dieses Projekts offenbar zu stellen habe.
Ich bin wirklich ein Freund guter Gespräche – allerdings trifft dies nicht auf mein Party-Ich zu, zumindest nicht für gewöhnlich. Große Runden liegen mir nicht. Gehe ich zu zweit aus, mag dies anders sein, dann sind aber auch die Voraussetzungen andere: ich suche Gespräche, wobei mir zudem die zungenlösende und vertrauensfördernde Wirkung des Alkohols zupass kommt. Bei Großgruppenveranstaltungen, wie beispielsweise unserem Stammtisch, sieht ein solcher Abend gemeinhin anders aus. Die kommunikative Ebene beschränkt sich normalerweise darauf, dass ich mal diesem mal jenem den Arm um die Schulter lege, ein paar aufmunternde Worte in den Raum streue, wild lächle, anstoße, einen Kurzen mittrinke und everybodypartyyeahyeahyeah.
Dieses Level erreiche ich nüchtern nicht. Yeahyeahyeah empfinde ich als unbefriedigend und nichtssagend. Zugleich aber bin ich es nicht mehr gewöhnt, an einem solchen Abend Gespräche zu suchen.
Das scheint im ersten Moment wenig überraschend, andererseits überraschte es mich dennoch, eben weil ich gepflegte Unterhaltung eigentlich durchaus schätze. Nur eben nicht in diesem Rahmen.
Auch plagten mich ungekannte Beschwerden: ich wurde müde, was mir sonst vor den Morgenstunden nie passiert, mein Rücken schmerzte, ich vertrug den Zigarettenrauch nicht und hatte, obwohl ich deutlich weniger rauchte, als ich dies für gewöhnlich zu tun pflege, am Ende des Abends beinahe keine Stimme mehr.
Die Rechnung dafür, dass ich all diese Dinge nie wahrnahm, wurde mir bislang in Form eines niederschmetternden Katers am Folgetag präsentiert. Aber die war ich zu zahlen bereit, hatte ich mich ja sozusagen als Ausgleich dazu einen ganzen Abend lang entspannt. Weniger gefiel es mir, diese Konsequenzen zu tragen, wenn ich am Ende einer durchzechten Nacht bereits einen jener depressiven Abstürze durchlitten hatte. Dann schien mir das Verhältnis nicht mehr zu stimmen.

Was erschreckte mich gestern, also am Tag nach dem Stammtisch, dann eigentlich so? Hatte ich nicht damit gerechnet, dass es mir schwerfallen würde, jahrelang antrainierte Rituale zu durchbrechen?
Doch, vermutlich hatte ich das. Bislang aber war ich von einer Anfangseuphorie getragen worden, die mir vorgaukelte, dass es das Schwierigste gewesen sei, diese Entscheidung zu treffen und mir die Umsetzung leicht fiele. Der vorgestrige Abend kurierte mich von dieser Illusion.
Hinzu kommt, dass ich letztlich zu realisieren beginne, was es bedeutet, dass D. weg ist. Ich verstehe, glücklicherweise nur häppchenweise, was es heißt, hier keinen Vertrauten mehr zu haben, obschon ich seit beinahe zwei Jahren hier lebe. Was es heißt, allein zu sein. Mich allein zu fühlen, obschon eine Million Menschen in Greifweite leben.
Anonymität der Großstadt. Anonymität im Freundes- und Bekanntenkreis.
Außerdem, was es bedeutet, dass ich mir durch mein Projekt Nüchternheit, die Exit-Tür verschlossen habe, die ich für gewöhnlich in diesem Falle zu wählen geneigt wäre: nämlich mich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken, solange, bis der Schmerz vergeht, oder zumindest annehmbar wird.
Gut, es auf eine neue Art zu versuchen.
Aber diese neue Art, und das hat sich mir in der Reflexion über meinen ersten nüchternen Stammtisch offenbart, erfordert deutlich mehr als mir bewusst war. Sie ist mit einer kompletten Neubesetzung meiner sozialen Verhaltensweisen verknüpft, meiner Verhaltensweisen als Ausgeh-Mensch, um konkret zu sein. Sie bringt mich sogar dazu, darüber zu reflektieren, ob ich als ausgehender Mensch in der mir bekannten Form weiterhin existieren kann, will oder sollte.
Vermutlich ist es nicht unmöglich, ohne Alkohol Spaß zu haben.
Sicherlich ist es aber unmöglich, wenn man, wie ich, gewohnt ist, immer zu trinken, sobald man sich im Nachtleben bewegt.
Jedenfalls ist es nicht denkbar, ohne sich einem langen Umgewöhnungsprozess zu stellen. Denn mit einem Gefühl von „Okay, ich habe es über- oder durchgestanden“ nach Hause zu gehen, kann zweifelsohne nicht das Ziel eines Abends sein, der doch eigentlich einen Ausgleich zu den Belastungen des Alltags darstellen sollte.

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!  glas I
http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/

3 Gedanken.

  1. Geh Deinen Weg, auch wenn es grad nicht leicht ist! Es kommt die Zeit, wo Deine Gedanken nicht mehr ständig um Alkohol kreisen und Dir damit das Lustigsein schwer machen. Nüchtern ist dann ganz normal und man kann trotzdem Spaß haben!

      • Das endlich einmal zu durchbrechen, ist ja exakt das Grundkonzept dieses Vorhabens Nüchternheit, Mario. Das ist eine ist schließlich nicht zwangsläufig eine Konsequenz aus dem anderen, wenngleich einem das oft so vorkommen mag!
        Elyseo

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