Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (11. April 2013)

Donnerstag, 11. April 2013

 

Es sollte mich nicht überraschen, dass mir die Nüchternheit in der Fremde schwerer fällt, als in meinem geregelten Kölner Alltag. Dort bin ich es immerhin gewohnt, unter der Woche früh aufzustehen und schon aus diesem Grunde nichts zu trinken. Außerdem hat der Unterrichtsalltag den Vorteil, dass ich abschalten kann, sobald ich die Schule verlasse. Mein Soll habe ich in diesem Augenblick sozusagen erfüllt, der Rest ist Zusatzwerk.

 

Schwieriger ist es da schon mit dem selbstauferlegten Soll des Schreiberlings. Wann genau ist beim Schreiben der Punkt erreicht, an dem ich für einen Tag genug getan habe – schließlich ginge immer mehr.

Meine Schwierigkeiten habe ich bereits bei der Legitimation von Denkprozessen (man führe sich diese Absurdität im Leben eines Schreibers getrost und unvoreingenommen zu Gemüte!).

Ist Denken schon Produktivität?

Gewiss, es fühlt sich gut an, meinen Gedanken nachzuhängen – an manchen Tagen wünschte ich mir nichts mehr, als meine komplette Zeit dem Denken und vor allem dem Zu-Ende-Denken all jener Ideen widmen zu können, die mir so im Kopfe herumschwirren. Ich liebe es, dass die Welt so voller Geschehnisse und Verknüpfungen ist, die es zu ergründen und zueinander in Verbindung zu setzen gilt. Das eines das andere ergibt, ein Gedanke dem nächsten gewissermaßen die Hand reicht – das ist für mich ein zugegebenermaßen faszinierender Prozess.

Allerdings erreiche ich diesen Denkmodus am besten in einem Zustand völliger Entspannung, beispielsweise in der traumschönen Welt des Halbschlafs – nicht ganz im Diesseits, nicht ganz im Jenseits verwurzelt – oder, wenn ich ohne den Vorsatz, etwas schaffen zu müssen, in der Sonne sitze und meine Gedanken schweifen lasse. Vermutlich ist die Attraktivität eben dieses Zustandes einer der Hauptgründe dafür, weshalb Menschen so gerne kiffen. Marihuana ist gewissermaßen der Türöffner zu dieser Welt – ein Türöffner noch dazu, der ohne die eigene Mithilfe auskommt, der einen sozusagen zwangsentspannt.

Der Widerspruch bleibt indes unaufgelöst: selbst wenn ich es einerseits für ergiebig und wohltuend halte, in meine Gedankenwelt abzutauchen, ist der Erfolg eines solchen Denkprozesses doch allenfalls mittelbar sichtbar. Am Ende stehe ich zunächst mit leeren Händen da, gefangen in der Produktivitätsfalle kapitalistischer Indoktrination.

Was habe ich schon erreicht? Wer bin ich überhaupt, mir diese unerhörte Freiheit herauszunehmen, darauf zu vertrauen, dass solche nicht zielgerichteten Denkprozesse am Ende doch einen (messbaren) Effekt zeitigen?

Dies sind die Momente, in denen ich mir wünschte, zu einer anderen Zeit geboren zu sein, als das Denken um seiner selbst willen noch ein angesehenes, geschätztes Gut war. Als Universitäten noch nicht zu reinen Ausbildungscamps verkommen, sondern Stätten schöngeistiger Bildung waren.

Wie entspannt und zugleich spannend muss das Leben wohl gewesen sein, als der Wert des Denkens nicht an jener unsäglichen Produktivitätslatte abgelesen wurde wie Pegelstände bei Hochwasser?

Für unsereinen dieser Tage unvorstellbar.

So bleibt mir denn auch nichts als das eigene Staunen über die Mannigfaltigkeit jener Welt, die wir in uns tragen, das mir Recht gibt und mich ab und an verführt, eben doch diesen Prozessen zu frönen.

Nicht ohne zugleich jedoch jenes schlechte Gewissen unzureichender Produktivität mit mir herumzutragen – und somit ganz Kind meiner Generation. Sich die Indoktrination zu vergegenwärtigen, befreit einen bedauerlicherweise noch nicht von ihr.

Womöglich allerdings nicht ganz Kind meiner Generation: Ich erinnere mich an die beinahe vorwurfsvolle Frage eines Freundes vor nicht allzu langer Zeit, weswegen ich denn stets alles zueinander und zu mir in Beziehung setzen müsse.

Eine, wenn auch verspätete Antwort nun also hier, mein Freund: Man nennt dies Phänomen Denken.

 

Während ich also in meiner Heimat aufgrund ihrer klaren Umrissenheit leichtes Spiel bezüglich der Erfüllung der mir auferlegten Pflichten habe und mir das zusätzliche Schreiben von Blogposts, Geschichten und dergleichen eine weitergehende Befriedigung verschafft, ist das Erreichen eines solchen Punktes der Zufriedenheit mit der eigenen Schaffenskraft im selbstgewählten Schreiberexil ungleich schwerer.

Vermutlich ist meine erhöhte Trinkfreudigkeit im Ausland ursächlich mit diesem Umstand verbunden.

Wer trinkt, arbeitet nicht.

Klar umrissen.

Daher wohl auch der Ritus des zutreffenderweise als solchen bezeichneten Feierabendbiers.

Womöglich ist die Suche nach solchen fest umrissenen Strukturen eine grundmenschliche Eigenschaft. Womöglich nur meine persönliche.

Wäre interessant, zu erfahren, was du darüber denkst.

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!           glas I

http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/

2 Gedanken.

  1. Hi Denker,

    Denken ist wie ein Werkzeug, wie ein Computer, dass rechnen kann. Am Rathenplatz steht doch dieser toller Spruch: „Denken heißt vergleichen.“ Ja und genau so ist es. Beim Denken gibt es wie bei einem Computer nur die 0 und die 1. Am Grunde jedes Denkprozesses steht das JA oder NEIN. Denken heißt Impulse in lineare Richtung zu erzeugen, in Worte, die sich hintereinander reihen. Wenn man die ganze Zeit nur denkt und das tuen die meisten, dann tut man den ganzen Tag eigentlich nur ein Computerspiel spielen. Wie schwer ist es für uns ohne Gedanken zu sein? Wir müssen das regelrecht trainieren. Wir spielen ein Computerspiel und vergessen, dass wir nur am Spielen sind, wir glauben, dass die Welt nur aus Gedanken besteht. Nette Gedanken, böse Gedanken, glückliche, traurige… Aber stimmt das?

    Vielleicht sind wir darum nicht mehr so begeistert vom Denken, weil wir es in unserer Zeit noch viel mehr betreiben als früher. Durch die Geschwindichkeit, in der wir leben, stehen wir selten am Straßenrand und bewundern eine Blume – so ohne Ziel, oder „Hintergedanken“. Wir greifen doch zu Drogen um das Denken zu dämmen, oder nicht? 🙂

    • Hallo Silvia!

      Vielen Dank für Deinen Beitrag! Ich glaube, dass unsere Positionen gar nicht so weit auseinander liegen, wie das zunächst vielleicht scheinen mag.

      Mir geht es eben nicht um jene lineare Vorstellung vom Denken, auf die Du Dich in Deinem Kommentar beziehst, sondern vielmehr um das freie, assoziative Denken, jenes Denken, das bisweilen wild, ungehörig, gar verwegen erscheint.
      Daher halte ich das menschliche Denken für keineswegs mit der Arbeitsweise eines Computers vergleichbar. Das menschliche Denken ist nicht ausschließlich linear – es schlägt Bögen, zieht unvorhersehbare Verknüpfungen – Dinge, die die strenge 0-1-Schematik des Computers nicht zuließe.

      Dennoch denke ich, wir liegen nicht weit auseinander: denn Du hast in der Tat Recht, das Denken so verstanden, wie Du schilderst, kommt in unserem Alltag viel zu häufig zum Einsatz. Davon ein Abschalten zu finden, indem wir uns die Zeit nehmen, eine Blume zu betrachten, ist wichtig und richtig. Das Gefühl, das eine derartige Betrachtung auslöst, ist jedoch durchaus mit demjenigen vergleichbar, das ich bei jener freien Art zu denken empfinde. Wichtig scheint mir hierbei die fehlende Zielgerichtetheit, das Tun um seiner selbst willen.

      Was das Thema Drogen angeht: ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, hier alle Rauschmittel in einen Topf zu werfen. Sicherlich gibt es Drogen, die dich dämpfen. Doch gerade bei Gras ist das freie Umherschweifen der Gedanken doch einer der gewünschten Effekte, von Psychedelica ganz zu schweigen. Allerdings handelt es sich bei den Effekten eben nicht um ein Denken der Form, wie Du es laut Deinem Kommentar hier verstehst.

      Danke jedenfalls nochmal für Deinen bereichernden Beitrag. Er hat mich dazu gebracht, meine Position noch einmal zu überdenken. Daher sehe ich jetzt klarer.

      Sei gegrüßt von

      Elyseo

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