Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (08.März 2013 – Shitstorm-Edition)

Freitag, 08. März 2013

Ob nun eine erboste Frau den Raum verließ und schwor, sie werde, obschon sie seit drei Jahren hier lese, nie wiederkehren, weil sie sich an diesem Ort nicht mehr aufgehoben fühle, ob mir meine Befähigung zum Menschsein im Allgemeinen oder nur meine Qualität als Mensch im Speziellen abgesprochen wurde – bei der Literatur um Acht im Kölner Café Duddel ging es gestern hoch her.

Grund für die Aufregung war der Vortrag meiner Geschichte Mäuschen und sie.

Während ein Großteil der an der folgenden Diskussion Beteiligten an mir ihr Mütchen zu kühlen ein offensichtliches Bedürfnis verspürte, spülten beinahe alle Zuhörer ihre zittrige Erregung mit ungezählten Gläsern Wein oder Bier hinab, während ich meinesteils schweigend an meinem Tee nippte. (Tulsikraut-Ingwer-Orange, empfehlenswerte Sorte, übrigens).

Dieses Faktum machte es mir nicht eben einfacher, meine Ruhe zu bewahren. Trotz allem sollte es mir über weite Strecken gelingen.

Offen gestanden kann ich mir als Autor kaum etwas mehr wünschen, als dass einer meiner Texte bei meinen Zuhörern derartige Emotionen weckt, dass sie sich im Streit über ein Für und Wider der Erzählung beinahe zu duellieren bereit wären.

Diese Bereitschaft hing gestern jedenfalls als drohende Wolke im Raum: zornerfüllte Blicke, pulsierende Adern auf puterroten Stirnen, zitternde Gliedmaßen.

Die Frage, an der sich die Gemüter schieden, war denn auch primär der Text (und nicht meine persönliche Eignung zum Weltenbürger, wenngleich diese mitunter skeptisch beäugt wurde).

Und was wurde der Text nicht alles geschimpft:

 

Pornographisch. Manipulativ. Belanglos. Ironisch. Nicht ironisch genug. Gewaltverherrlichend. Gewaltverharmlosend. Vergewaltigungsverherrlichend. Sexistisch. Der Schwere des Themas unangemessen. Respektlos gegenüber Opfern. Unerlaubtes Spiel. Keine Literatur. Nicht wahrhaftig. Sprachlich nicht zugespitzt. Überarbeitungsbedürftig.

Um nur einige zu nennen.

Dass ich, der ich nun bereits seit über einem Jahr häufiger an der Literatur um Acht teilnehme, wie sich nun herausstellte, nichts weiter als ein sexistisches Schwein sei, traf die Zuhörerschaft so hart, dass sie in ihrer Argumentation die Textrealität bisweilen vollkommen außer Acht ließ.

So geht es in diesem Text keineswegs um eine Vergewaltigung, geschweige denn um deren Verherrlichung, und dies aus folgendem Grunde: die Protagonistin Sybille entscheidet sich an einer Stelle im Text, bewusst und gänzlich ohne Zwang, dafür zu bleiben.

Als ich, wider die heftige Erregung meines Gegenübers ankämpfend, dies zu äußern vermocht hatte, wurde mir entgegengehalten, dass vorher ja bereits Alkohol im Spiel gewesen und dieser Sybille zudem eingeflößt worden sei, sodass sie keine Entscheidung zu treffen mehr im Stande gewesen sei. (In diesem Augenblick fühlte ich mich, als hätte ich mich ob eines Straftatbestandes vor Gericht zu verantworten.)

Nun, wenn dem so wäre, gäbe es wohl täglich landesweit Abertausende von Vergewaltigungsdelikten zu beklagen, gibt es doch der Menschen nicht zu knapp, die sich ihre potentiellen Sexualpartner der Wahl solange schön trinken, bis sie tags darauf erwachen und irritierten Blickes den Fremden in ihrem Bett bemerken.

Gilt eine solche Situation jedoch als Vergewaltigung?

Ich erspare uns allen eine Antwort.

Wieder einmal ist es indes der Alkohol, der Menschen, je nach Kontext, entweder entmündigt oder aber von der Verantwortlichkeit für ihre Handeln entbindet.

Interessant, dass seine Legitimität als gesellschaftlicher Präferenzdroge hierbei nie in Zweifel gezogen wird. Zweifelsohne lässt sich eine gewisse Bequemlichkeit in dieser Frage nicht von der Hand weisen.

Eine Diskussion wäre jedoch nicht entstanden, hätte es nicht zugleich eine Gegenfraktion gegeben, von deren Seite mir großes Lob zuteilwurde: grandios, humorvoll, pointiert, spannend und genial geschrieben.

Während die Wider-Seite bedauerlicherweise mit „Der Text ist…“-Urteilen nur so um sich warf, war die Für-Seite um mehr Differenzierung bemüht, leitete ihre Kommentare gemeinhin mit einem undogmatischeren „Meiner Meinung nach…“ oder „Ich persönlich finde…“ ein und hob auf die überaus berechtigten Fragen von Meinungsfreiheit und Zensur ab.

Interessanterweise setzten die Parteigänger, die meinen Text und mich gleichermaßen als nichtswürdig titulierten, die Verwendung von differenzierenden Ausdrücken damit gleich, dass der moralischen Beliebigkeit Vorschub geleistet werde.

Welch eigenwillige Vorstellung, in der Tat!

Was blieb, waren namentlich Aussagen wie: „Das ist keine Literatur.“ oder „Der Text ist belanglos.“ oder „Das ist Pornografie und Sexismus.

Erschreckend fand ich vor allem das Beharren auf der Notwendigkeit von Zensur. Es wurde schlichtweg geleugnet, dass die Anwesenden für sich selbst zu urteilen im Stande sein, deswegen auch der wiederkehrende Manipulationsvorwurf.

Ich hatte gehofft, wir wären zu Beginn des 21. Jahrhunderts in diesem Lande einen Schritt weiter.

Nichtsdestoweniger sah ich mich gezwungen, in den wenigen Worten, die ich zur Verteidigung meines Textes vorzubringen gewillt war, auf Hannah Arendt hinzuweisen, mit deren Erlebnissen nach der Veröffentlichung ihres Textes zum Eichmann-Prozess ich mich erst kürzlich auseinandergesetzt hatte (siehe: Er nüchtert – 24. Februar 2013). Selbstredend wurde dies mit einem vernichtenden Kopfschütteln quittiert.

Zu einem Vorwurf möchte ich hier abschließend Stellung beziehen (es ist nicht die mir unterstellte mangelnde Wahrhaftigkeit; darauf zu reagieren überlasse ich meinen Lesern)

Zunächst, so wurde mir vorgehalten, sei der Text (auf schamlose Weise) manipulativ.

Auf meine Nachfrage, was dies denn heißen sollte, folgte die Erwiderung, dass er in eine bestimmte Richtung ziele und der Leser darauf vorbereitet werde, eine abstoßende und widerwärtige Vergewaltigungsszene als schön zu empfinden oder sich gar daran aufzugeilen.

Dazu möchte ich anmerken, dass der Text selbstverständlich daraufhin arbeitet, den Leser in seinen Bann zu schlagen. Auch soll der Leser der Handlung natürlich gedanklich folgen.

Meine Frage ist nun aber: Ist dies nicht Ziel eines jeden Textes?

Ein Gedankengebäude respektive eine Bilderwelt aufzubauen, ist doch Grundvoraussetzung für die Erschaffung jedweder Literatur, ganz gleich, welchen Inhalts. Den Leser an der Hand zu nehmen und durch dieses Gebäude zu führen, ist schlechterdings meine Aufgabe als Schreiber.

Worin also der Vorwurf diesbezüglich begründet lag, hat sich mir bislang nicht erschlossen. Ja, das Thema von Mäuschen und sie ist offenbar ein streitbares. Welcher Art manipulative Intention mir dabei jedoch unterstellt wird, kann ich bislang nicht nachvollziehen.

Wohingehend (und diese Frage kann ich mir selbst nicht beantworten) sollte ich den Leser denn manipulieren wollen? Vergewaltigungen ästhetisch oder minder schwerwiegend zu finden?

Bewusst vermied ich es, hier die Homosexuellen-Karte auszuspielen, wenngleich sie vermutlich einen Perspektivwechsel bewirkt hätte.

Der Grund, weshalb es mir gelang, beinahe während der kompletten Diskussion ruhig zu bleiben und die Beleidigungen, die sowohl gegen meinen Text als auch gegen meine Person gerichtet waren, hinzunehmen, war, dass ich mich auf eine Art über das Geschehen freute.

Nicht darüber beleidigt zu werden, versteht sich, aber darüber, dass es einer meiner Texte vermocht hatte, eine Gruppe einander fremder Menschen dazu zu veranlassen, in einer Diskussion derartiger Intensität miteinander um ein Thema zu ringen.

Ein ums andere Mal wurde mir seitens der Textgegner im Verlaufe des Streits zwar versichert, dass dies nichts, aber rein gar nichts mit der Qualität meines Textes zu tun habe (oder wie sie meinten: hat), ich indes erlaube mir, diesbezüglich anderer Meinung zu sein.

Als Leser respektive Zuhörer mag man Mäuschen und sie mögen oder ablehnen. Dass ein literarischer Text (und die Freiheit ihn als solchen zu bezeichnen behalte ich mir vor) es allerdings schafft, solche Reaktionen zu zeitigen, ist mehr, als ich bislang im Rahmen meines Schreibens erfahren durfte.

Sicherlich lag mir nichts ferner, als traumatisierten (und nicht traumatisierten) Menschen mit meinem Text zu nahe zu treten.

Ein Grenzgang, bitte schön, darf Literatur aber bisweilen sein.

Erneut vertrete ich den Standpunkt, dass es mir keineswegs obliegt, die Verantwortung dafür zu übernehmen, was der Leser/ Zuhörer in seinem Kopf mit meinem Text veranstaltet. Mehr, als den Text aus meiner Warte nach bestem Wissen und Gewissen zu prüfen, ist mir weder möglich noch meinerseits gewünscht.

Wünschenswert indes wäre die hinreichende Reflektionsbefähigung der Diskutanten, um in einem solchen Streitgespräch zumindest zwischen Autor und Text unterscheiden zu können. Um abschließend die wiederholt im Raum schwebende Frage zu beantworten: Nein, ich bin nicht Sybille!

Was auch immer Leser sich einbilden, aufgrund eines Textes über einen Autor aussagen zu können, gehört ebenso ins Reich der Fiktion wie der Text, aufgrund dessen sie sich solche Aussagen zu treffen anmaßen.

 

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!                       glas I

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3 Gedanken.

  1. Mir hat deine Geschichte gefallen!
    Erfreulich ist es in der Tat, welche lebhaften Pro- und Kontra-Reaktionen der Text ausgelöst hat.
    Ist aber erschreckend, wie viele „Spiesser“ (so möchte ich die Gegner einmal – vielleicht etwas pauschal – bezeichnen) in unserer Gesellschaft leben.
    Ich würde das Ergebnis dieser Lesung als Erfolg werten! Auf jeden Fall besser als Nichtbeachtung!
    Liebe Grüße

  2. moin elyseo,
    ich weis nicht,soll ich mich freuen,oder schämen,ich hatte 2 wochen durchgehalten,ohne alkohol,ich hab mich gut gefühlt,in dieser zeit.
    nun hab ich wieder etwas getrunken,aber ich merke,das trinken bringt nichts,
    ist echt eine komische erfahrung,
    ohne alk kann man seine probleme behandeln,
    mit alk nur schön trinken.
    in 2 wochen flieg ich für eine woche nach afrika,da wo ich eine woche bin ist alkohol eh nicht vorhanden,zum glück.
    mal schauen.

    • Hallo!
      Freut mich, von Dir zu hören – habe öfter mal an Dich gedacht in letzter Zeit! Naja, zwei Wochen ist doch schon mal ein guter Anfang! Jetzt heißt es nur: dran bleiben! Immerhin siehst Du ja, dass es zumindest vorübergehend funktioniert. Und tatsächlich gewöhnst Du Dich mit der Zeit an die Nüchternheit – darfst eben nur nicht erwarten, dass es über Nacht und ohne gewisse Anfangsschwierigkeit vonstatten geht. Ich habe Dich jedenfalls nicht vergessen und bin stolz darauf, dass Du zumindest den ersten Schritt schon mal geschafft hast. Der nächste klappt bestimmt auch und irgendwann wird es einfacher!

      Herzliche Grüße,

      Elyseo

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