Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (08. Juni 2013)

Freitag, 07. Juni 2013

Der Krake Alltag hat mich in seiner Umarmung willkommen geheißen, dabei bin ich noch nicht einmal eine Woche wieder in Köln. War mein Lebensgefühl in Kanada trotz all der Arbeit an meinem Roman geprägt von Leichtigkeit und Unbeschwertheit, so habe ich hier den Eindruck, jede Menge Altlasten aufarbeiten und mich neuen Problemen stellen zu müssen.

Ich weiß nicht, ob die Menge an Aggression und Unaufgearbeitetem, die mir momentan entgegenschlägt, mir nur im Verhältnis zu meiner Selbstwahrnehmung in der Ferne extrem vorkommt oder ob sie schlicht extrem ist.

Heute jedenfalls heißt es den Tag mit einem unangenehmen Gespräch zu beginnen – in meinem Kurs befindet sich derzeit ein Schüler, der durch Negativität und respektloses Verhalten den Mitschülern und mir gegenüber das Klima vergiftet. Nachdem gestern eine Schülerin an mich herantrat und sich beklagte, dass besagter Schüler sie in der Pause vor versammelter Mannschaft angeschrien habe, besteht Handlungsbedarf. Gemeinhin scheue ich mich nicht davor, schwierige Themen anzusprechen, in diesem Falle halte ich das jedoch für aussichtslos. Besagter Schüler wirkt so verbittert, dass es schier unmöglich sein dürfte, seine Schutzmauer zu durchdringen.

Nichts, was ich mir für meine erste Arbeitswoche gewünscht hätte, so viel steht fest.

Ich trinke seit über fünf Monaten nicht. In Kanada vermittelte mir meine Zufriedenheit den Eindruck, das Leben werde unterdessen leichter. Hier bin ich keineswegs davon überzeugt. Fast fürchte ich, es habe sich nur um eine Verschnaufpause gehandelt. Letztlich kann ich das gutheißen – ich bin zu lange vor meinen persönlichen Konflikten geflüchtet. Inzwischen beängstigen sie mich nicht mehr in der gleichen Weise, wie sie es taten, als ich allwöchentlich mindestens einen Vollrausch hatte. Die Unverhältnismäßigkeit meiner Empfindungen im Rausch ist in weitere Ferne gerückt. Brachten mich damals Kleinigkeiten vollkommen aus dem Konzept und stürzten mich in eine Art metaphysischer Verzweiflung, so blicke ich meinen Problemen heute mit größerer Gelassenheit entgegen.

Ich kann nur wiederholen: nicht zu trinken gibt mir jene Grundstabilität zurück, die mir der Alkohol im Laufe der Zeit unmerklich geraubt hatte. Ich bin mutig genug, um mich zu stellen. Sehr lange war ich das nicht. Zu glauben, dass mithin all das, was ich über Jahre sacken ließ, ohne es zu bearbeiten, sich in Luft aufgelöst habe, muss sich als Illusion erweisen.

Vermutlich bin ich nach einem knappen halben Jahr aber bereit zu beginnen.

Daher werde ich konfrontiert.

Eines meiner großen Themen scheint Vertrauen zu sein. Der ein oder andere mag sich erinnern, dass das Thema Offenheit an dieser Stelle bereits diskutiert wurde – die Offenheit, mit der ich meine Gedanken hier ausbreite.

Im ersten Moment könnte man glauben, dass diese Offenheit im Umgang mit meinen Gedanken ein Zeichen für großes Vertrauen meinerseits sei – Vertrauen in die Welt.

Weit gefehlt.

 

Samstag, 08. Juni 2013

Der Grund für meine Offenheit ist ein anderer: ich bin der festen Überzeugung, dass diese Offenheit eines begünstigt, und zwar die Möglichkeit anderer Menschen, sich zu identifizieren. Unabhängig davon, ob ihre Erlebniswelten den meinen ähnlich sind, gleichen oder nicht. Die Identifikation verläuft meines Erachtens ohnehin auf einer Ebene grundmenschlicher Gemeinsamkeit. Im Tiefsten sind wir alle Menschen. Das verbindet unsere Erfahrungswelten, so verschieden wir auch sein mögen. Es geht mehr um eine emotionale Vergleichbarkeit als um eine Vergleichbarkeit akuter Erlebnisse. Daran glaube zumindest ich.

Diese Offenheit ist jedoch getrennt von zwischenmenschlichem Vertrauen zu betrachten. Ich investiere vermittels meiner Offenheit keinerlei Vertrauen in jemanden, sondern biete die Möglichkeit an, sich in dem Einblick, den ich gewähre, zu spiegeln, so dies gewollt ist. Manche Menschen nehmen dieses Angebot wahr, andere prallen erschreckt zurück.

Erst vor zwei Tagen habe ich eine Online-Hasstirade über mich ergehen lassen dürfen. Ein Fremder ergoss sie über mich, meinte, mich für meinen Blog als arroganten, weltfremden Pseudo-Intellektuellen diffamieren zu müssen, der sich hinter einer literarischen Scheinwelt versteckt. Dies sei ihm frei gestellt.

Das Vertrauen, das ich investiere, ist Folgendes: dass ich als Autor, der ich mich im öffentlichen Raum als Mensch exponiere, in der Lage bin, solche Angriffe emotional zu verkraften. Letzten Endes also ein Vertrauen in mich selbst.

Mein Vertrauensproblem bezieht sich indes eher auf das Vertrauen in andere Menschen.

Dieses Problem ist mir relativ neu, deshalb muss ich erst lernen, damit umzugehen. Es hat seinen Ursprung im desaströsen Ende meiner Beziehung zu M. vor knapp drei Jahren. Für ihn hätte ich bei allen Problemen, mit denen wir uns konfrontiert sahen, stets die Hand ins Feuer gelegt. Nicht dafür, dass wir für immer ein Paar wären, aber doch dafür, dass wir für immer in Liebe verbunden blieben, uns gegenseitig achten und unterstützen würden. Für unsere gegenseitige Loyalität gewissermaßen.

Ewig währende partnerschaftliche Liebe, so viel war mir klar, konnte ich nicht versprechen, Loyalität hingegen glaubte ich, versprechen zu können.

Dass ich mich derart täuschen konnte, hat mich misstrauisch werden lassen. Keine Erfahrung habe ich als schmerzlicher erfahren, als die Weigerung seinerseits, seit unserer Trennung mit mir ein Wort zu sprechen. Was verletzt mehr, als die eigene Existenz dadurch in Abrede gestellt zu sehen, dass mir die Wahrnehmung verweigert wird? M. hat mir nach den vier Jahren unseres Zusammenseins das Gefühl vermittelt, es habe mich nie gegeben. Das wird mir auf immer unverständlich bleiben. Noch immer bin ich damit beschäftigt, die Tiefe dieser Verletzung auszuloten.

Die widersprüchlichen und schmerzlichen Erfahrungen mit D., dem einzigen Menschen danach, dem ich mein Vertrauen zu schenken bereit war, verschlimmerten mein Misstrauen noch.

Selbst wenn es womöglich konsequenter wäre, meiner eigenen Urteilskraft zu misstrauen, vermag ich diesen Schritt nicht zu vollziehen, sondern richte mein Misstrauen gegen Mitmenschen, die sich meines Vertrauens in meinen Augen bislang nicht als würdig erwiesen oder es verspielt haben.

Dies führt zu einem für Außenstehenden vermutlich mitunter paradoxem Verhalten meinerseits: einerseits öffne ich mich, insofern ich von meinen Erfahrungen und Erlebnissen erzähle, andererseits bin ich nicht bereit, Menschen zu vertrauen, es sei denn, sie beweisen mir, dass dieses Vertrauen gerechtfertigt ist.

Es gab Zeiten in meinem Leben, da bekamen Menschen einen Vertrauensvorschuss. Das hat sich verändert. Es dauert derzeit lange, mein Herz und mein Vertrauen zu gewinnen. Dennoch würde ich gern lernen, mich wieder stärker zu öffnen. Die Konsequenz der Verschlossenheit ist das Gefühl von Einsamkeit.

Die andere Seite der Medaille ist, dass ich in den vergangenen Monaten endlich gelernt habe, meine eigenen Prioritäten zu setzen, sie wahrzunehmen und ihre Bedeutung für mein Gefühl eigener Stärke zu erkennen. Dies konnte nur geschehen, da ich bereit war, der Steppenwolf zu sein, ohne mich davon über die Maßen anfechten zu lassen.

Inzwischen bin ich mir darüber im Klaren, dass es Dinge in meinem Leben gibt, die mir zu wichtig sind, um sie für jemanden aufzugeben. Diese Grundpfeiler meiner eigenen Existenz sind unabhängig von anderen Menschen. Sie zu bewahren, obliegt allein mir.

Diese Lektion musste ich lernen, darüber bin ich mir im Klaren.

Nun ist es womöglich an der Zeit, mich neuen zwischenmenschlichen Erfahrungen zu öffnen.

Letztlich bin ich dankbar, dass ich erstmals die Kraft aufgebracht habe, diesen Weg für mich zu beschreiten, mir über meine Prioritäten klar zu werden und sie nicht zugunsten anderer Menschen zu opfern. Einen Großteil dieses Vermögens schulde ich der Nüchternheit.

 

 

←Er nüchtert (30. Mai 2013)                         Er nüchtert, 21. Juni (Paria-Edition)→

 

Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!           

glas I

http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/
 

3 Gedanken.

  1. Hi Du,
    hab Dich gelesen….
    Ich denke, das wichtigste ist tatsächlich, sich im Klaren zu werden, was man wirklich will, wer man wirklich ist und wo sein ungefährer Weg hinführen soll… Nur wenn man sich dessen bewußt ist, lernt man wohl, nicht von anderen Menschen abhängig zu sein, sich nicht in anderen Menschen zu verlieren und letztendlich so gefestigt zu sein, dass man anderen Vertrauen kann, ohne dass seine eigene Existenz dabei in Gefahr ist.
    Leider läuft man doch so einigen Menschen in seinem Leben über den Weg, die einen verletzen, die einen in seinem innersten erschüttern. Aber ich wünsche Dir, dass Du nie den Glauben daran aufgibst, dass es da draußen auch andere Menschen gibt, die nicht so sind….
    Ich schätze Deine Offenheit – auch damals, als wir uns in ziemlich schwerer Stunde kennengelernt haben. Du magst Recht haben, dass es ein „Sich wiederfinden“ ist im Gegenüber, ich denke aber, dass es auch etwas Ergänzendes hat… Im Sinne von: wenn sich „verwandte Seelen“ treffen, dann kann da etwas sehr wertvolles, gegenseitiges entstehen, was das Leben unglaublich bereichern kann, was -für mich- letztendlich den „Sinn des Lebens“ ergibt….
    Ganz liebe Grüße, ich freue mich schon darauf, Dich im August wiederzulesen…
    Kela

    • Liebe Kela,

      solche Menschen gibt es mit Sicherheit – gerade ihretwegen ist es so wichtig, sich seiner Selbst bewusster und über die eigenen Prioritäten klarer zu werden. Zumeist führt es zu Problemen, wenn man dies erst innerhalb einer solchen Beziehung auszufechten hat. Besser also Vorarbeit leisten, Herr im eigenen Haus werden und dann bereit sein für die Geschenke dieses Lebens!

      Alles Liebe Dir, bis im August!

      Elyseo

  2. hallo elyseo,
    ich habe deine berichte,deine erfahrungen in den letzten monaten,bzw täglich verfolgt.
    ich freue mich für dich,dass du den ehrgeiz,nein die kraft hast,dem teufel alkohol zu wiederstehen.
    bei mir sieht es leider anders aus,ich halte mal 2…mal 3 wochen durch und dann kommt das alte spiel wieder……………abends alkohol,am nächsten morgen benzos ,solll ja keiner merken das ich zittere . ich nehm es mir jeden tag aufs neue vor,….heute trink ich nichts mehr ,oder gar nichts.
    leider schaffe ich das in den letzen tagen immer seltener.
    vor 2 wochen hatte einen bösen jagdunfall,ich bin in einen zinken von einem landw.gerät gefallen,
    in den 30 min ,bis ich gefunden wurde hatte ich nur meinen sohn,meine frau und mein bisheriges leben im kopf,kaum geht es besser ist das alte spiel wieder da.
    ich wuerde gern eine theraphie machen ,aber meine priv.krankenkasse zahlt leider nur die entgiftungen,mittlerweile 4 stück seit 2007,es wäre doch besser einmal das volle programm ,als immernur entgiften und weg.

    ich geb die hoffnung nicht auf,
    irgendwann schaffe ich es abstinent zu werden und zu bleiben ,
    liebe grüsse

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
Hello. Add your message here.