Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (06. März 2013 – Geburtstags-Edition)

Mittwoch, 06. März 2013

 

Das Grausame an unerwiderter Liebe ist, dass einem keine geringere Aufgabe obliegt, als sich selbst das Herz zu brechen.

Ich habe immer das Gefühl, dass es Menschen gibt, die sich mit dieser Herausforderung wesentlich leichter tun als ich. Dennoch versuche ich nun endlich, mich aus der zu lange währenden Abhängigkeit zu lösen und wieder mein eigener Herr zu werden. Leicht ist das nicht. Dass diese Entscheidung gerade auf die Tage direkt vor meinem Geburtstag fiel, machte es nicht eben leichter.

Dieser Geburtstag war ohnehin ein spezieller Tag. Da ich wusste, dass ich nichts trinken, ja nicht einmal anstoßen wollte, sparte ich es mir, mir Gedanken über eine Party oder dergleichen zu machen. Der Tag würde außergewöhnlich, so viel stand fest, denn seit ich ein Teenie war, gab es gewiss keinen Geburtstag gegeben, an dem ich nüchtern geblieben wäre. Das trifft vermutlich auf die allermeisten Menschen zu.

Meine ruhmreiche Geburtstagsrausch-Geschichte begann wohl an meinem 18. im heimischen Partykeller – einem Relikt aus den achtziger Jahren (womöglich auch älter, nur kann ich mich eben daran erinnern, dass meine Eltern bisweilen mit den Vermietern dort unten bunte Feste feierten, während wir Kinder oben schliefen und das war in den Achtzigern) – als meine Freunde mir eine aufblasbare Gummipuppe schenkten. Dass ich schwul war, wovon sie nichts ahnten, machte dieses Geschenk noch unpassender, als es ohnehin gewesen wäre. Der Abend jedenfalls endete nach einem wilden Saufgelage damit, dass besagte Freunde mir Salzwasser einflößten, um mich zum Kotzen zu bringen, was, nebenbei bemerkt, funktionierte.

Seit damals habe ich wohl keinen nüchternen Geburtstag verlebt – bis vorgestern.

Auch war es glaube ich das erste Mal, dass ich arbeiten musste. Das hatte ich bislang an meinem Geburtstag stets vermieden. Letztlich sollte dies eine weise Entscheidung bleiben, war es doch die einzige Zeit an diesem Tag, die ich tatsächlich in Gesellschaft verbrachte.

Geburtstage fördern eine eigentümlich verstärkte Empfindsamkeit und Schwermut in mir zu Tage. Nicht, dass mir die nicht ohnehin zu eigen wäre. Grund für die Verstärkung mag die an diesem Tage ausgeprägtere Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit sein.

Die Sonne, ein beinahe vergessener Gesell, weckte mich an jenem Morgen und ich hatte gute Laune, als ich zur Arbeit fuhr. Einfach wurde es dort allerdings nicht, da meine Kollegen bis zum Ende des Unterrichts vergessen hatten, dass ich Geburtstag hatte. Das löste ein seltsames Gefühl in mir aus, gewissermaßen eine Gespaltenheit: einerseits die wiederkehrende Selbstbeschwichtigung, dass dies doch auch ein Tag wie jeder andere sei und es folglich nichts bedeute, wenn mir niemand gratulierte, andererseits Traurigkeit und ein wachsendes Gefühl von Einsamkeit.

Nur, fand ich, sei es jedoch ebenso unmöglich, herumzulaufen und zu sagen Hey, willst Du mir denn gar nicht zum Geburtstag gratulieren?

Eine eigenwillige Zwickmühle, in die ich da geriet.

Als nach Unterrichtsschluss dann doch noch jemand daran dachte – und somit alle, die zu diesem Zeitpunkt noch da waren, war es mir beinahe unangenehm. Dennoch hatte ich zuvor keinen Ausweg aus diesem Zwiespalt zu finden vermocht. Nun aber tat es mir leid, zu sehen, dass all die Kolleginnen ein schlechtes Gewissen hatten, denn das verursachte ein eben solches bei mir, schließlich hätte ich ja selbst etwas sagen können. Eigenwillige Spirale…

Den Rest des Tages verbrachte ich allein, was eine noch größere Herausforderung darstellte.

Nichts zu trinken, war hierbei das geringste Problem. Ich habe den Eindruck, dass die Verquickung zwischen mir und meinem Alkoholiker-Ich zu bröseln beginnt. Die Identifizierung nimmt ab. Ich habe mich in den vergangenen beiden Monaten nur klar und nüchtern erlebt. Unterdes beginnt dies Früchte zu tragen.

Ob es mir nun gefällt oder nicht, der eigene Geburtstag bleibt ein spezieller Tag für mich. Reflektion mag ein willkommener Teil davon sein, dass sie allerdings den ganzen Tag ausfüllte, war schwierig.

Da ich keinerlei Pläne hatte, ging ich im Sonnenschein spazieren. Ich lief hinauf zum kleinen Steinkreis am Aachener Weiher, an dem ich im Sommer abends Stund‘ um Stund‘ gesessen hatte, um meine Schwermut zu besänftigen. Dort hoffte ich, Erleichterung für meine Melancholie zu finden.

Nach einer Weile fand ich sie, indem ich versuchte anzunehmen, dass es ein guter Spiegel für meine derzeitige Situation sei, meinen Geburtstag allein zu verbringen. Letztlich bekam ich es auch hin, an normalen Tagen nicht in eine Abwärtsspirale gesogen zu werden. Weshalb also sollte mir dies an meinem Geburtstag nicht ebenso gelingen?

Die Sonne schien, der Himmel erstrahlte in seinem schönsten Gewand.

Ich versuchte mich, auf die schönen Dinge zu konzentrieren – den leckeren Kuchen, den meine Mitbewohnerin mir gebacken hatte, die leuchtend gelben Tulpen auf dem Küchentisch, das Wissen, dass ich, selbst wenn in diesem Augenblick allein, doch im ureigentlichen Sinne gar nicht allein sei. Dass Alleinsein nichts mit An- oder Abwesenheit zu tun habe. Eine Gratwanderung, zugegebenermaßen.

Der Spaziergang besänftigte mein Emotionen indes ein wenig und ich begann, ruhiger zu werden. Zudem entwickelte ich einen gewissen Stolz. Für gewöhnlich wäre ich einer solchen Stimmung mit einem Vollrausch begegnet, hätte mich allein an den Tresen irgendeiner Schwulenkaschemme gesetzt und mit Wildfremden, die mich tags darauf aus ihrer Erinnerung getilgt hätten, so getan, als sei das Leben ein Fest.

Mein diesjähriger Geburtstag kam mir ehrlicher vor. Ich widerstand der Versuchung zu entfliehen. Ich widerstand der Versuchung zu trinken. Ich widerstand der Versuchung, so zu tun, als wäre an diesem einen Tag alles anders, besser, schöner.

So ehrlich wie in den letzten beiden Monaten war ich in meinem Leben selten zu mir. Falls je. Irgendwann wird sich das auszahlen. Dass ich vorher auch schwierige Tage zu durchleben habe, kann ich hinnehmen.

Das Schöne ist, dass ich mittlerweile an meine eigene Stärke zu glauben beginne. So ein einsamer Geburtstag bringt mich nicht um, ja, bringt mich noch nicht einmal sonderlich weit aus dem Konzept.

Zu behaupten, ich sei nicht froh darüber, dass dieser Tag nun vorbei ist, wäre dennoch gelogen.

 

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!                   glas I
http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/

1 Gedanke.

  1. Herzlichen Glückwunsch nachträglich! Gesundheit, Glück, Weisheit, und ein tolles Leben, wünsche ich dir und allen die du liebst.

    Wilde Gedanken, „Brücken“ fallen mir nicht ein:

    Ich finde es toll dass du deine Trennung aushältst und wieder leben lernst, auch als Single. Für mich war das auch sehr sehr schwer. Auch wenn du Bedürfnisse nach Liebe und Geborgenheit hast, hast du auch ganz viel Stärke und Selbstständigkeit, auf die du dich verlassen kannst. Und es kommen sicher auch wieder Tage von Liebe und Geborgenheit. Ein schweres Thema aber für mich, dass muss ich zugeben.
    Ich glaube inzwischen mehr und mehr, der Trugschluss ist nicht, dass „dieser jemand“ jemand besonderes war, sondern eben dass die anderen Menschen es nicht seien.
    Es wäre jedenfalls Unsinn wenn ich behaupten würde, ich würde allen Menschen die Chance geben, ihnen ehrliches, tiefes Interesse, Zeit und Energie widmen. Sehr oft verschließe ich mich vor Menschen, ignoriere sie, weil es einfach „zuviele“ gibt und manchmal weiche ich ihnen aus, gerade weil ich mich zu ihnen hingezogen fühle und Angst bekomme die Kontrolle zu verlieren oder verletzt zu werden (bzw mein Ego verletzt zu bekommen). Ich bin sicher wenn ich all diesen vielen innerlichen „Neins“ die ich verteile hinter mir lassen kann, werde ich Stück für Stück weiter in einer Welt leben, in der ich immer mehr Menschen begegne mit denen ich Intimität, Geborgenheit, Liebe, Sex, Nähe und das hier-auf-der-Welt-sein gemeinsam erleben und genießen kann. Vielleicht gibt es bei dir Parallelen, ich weiß es nicht.

    Und noch einmal zu unserer Unterhaltung zum Thema Tod.. Ich hatte das Gefühl, dass meine Worte im Nachhinein hart klangen, besserwisserisch vielleicht sogar. Dabei habe ich dich sofort verstanden und mit dir gefühlt. Gerade WEIL eben der Tod, wenn ich ihn nicht annehmen, respektieren und sogar lieben lerne, so schrecklich erscheint.
    Für mich gab es da noch eine oder zwei Überlegungen, eine fällt mir auch gerade ein. Eine Sache die mir gut gefällt, ist die Tatsache, dass in dem gleichen Moment in dem ich sterben werde, auch ganz viele andere Menschen (und Tiere, etc) sterben und ich nicht allein dabei bin. Eine andere Sache ist die, dass ich dann dahin gehen werde, wo vor mir alle meine Vorfahren gegangen sind, alle Vorfahren all meiner Freunde, und wohin später auch alle meine Kinder und Kindeskinder und meine Freunde gehen werden. ALLES, seit Anbeginn der Zeit geht dorthin. Ich glaube nicht, dass derjenige (oder „das“, wie auch immer man sagen möchte, mein Kopf und meine Worte sind zu klein dafür) der das Leben erschaffen hat, ans „Ende“ etwas schreckliches setzt.
    Und, woher kam ich, komme ich, hierher? Nicht aus dem Tod? Wenn aus dem Tod Leben kommen kann, kann es doch auch nicht so „end“-lich sein, dorthin zu gehen, oder?
    Der Tod ist in meinen Augen soetwas wie der Horizont, er ist das Ende davon, was wir sehen können. Und auch worauf wir Einfluss haben. Wenn ich mir die Natur anschaue, und auch das menschliche Leben, die vielen Tausende Naturgesetze, die Zillionstel an Gedanken und Wünschen und was nicht allem, die Unmenge an freiem Willen etc.. dann kann ich nicht umhin zu staunen.

    Und dieses Staunen setze ich ganz oft all meinen Ängsten entgegen, wenn sie versuchen mir zu sagen, sie wüßten irgendwas. „Achja?“ frage ich sie dann. Und dann schaue ich wieder lieber und staune.

    Mit herzlichen Grüßen,

    Farid

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