Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (06. April 2013)

Samstag, 06. April 2013

 

Während es mir auf dem Flug nach Kanada leicht fiel, nichts zu trinken, weil dies meinen Erfahrungen in den diversen Clubs und Kneipen in Köln durchaus ähnlich war, bemerke ich gerade eine andersgeartete Alkohol-Verknüpfung in meinem Kopf, auch diese nicht gänzlich neu, in dieser Form indes unerwartet: ich habe das Gefühl, den Rausch zu brauchen, um mich zu verankern.

Dass dies keine vollkommen neue Erkenntnis ist, liegt daran, dass es mir bezüglich meiner Aufenthalte in Bars und Clubs durchaus bewusst war. Kalt erwischt hat es mich dieser Tage jedoch insofern, dass ich nicht damit gerechnet hatte, dass sich dieses fehlende Gefühl von Verankerung auf meine Auslandsaufenthalte auswirken könnte.

Um mich verständlich zu machen, sollte ich womöglich zunächst meine Situation hier schildern: ich kam unter anderen Voraussetzungen nach Kanada, als ich vergangenes Jahr nach Lisboa fuhr. Dort, so war mir klar, kannte ich niemanden und wäre dementsprechend viel auf mich selbst gestellt. Hier aber, so erwartete ich, wäre dies anders, da ich ja John kenne und noch dazu mit ihm zusammen wohne.

Damit habe ich mich etwas verschätzt, da John leider ein viel beschäftigter Mensch ist, was ich ihm weder verübeln kann noch will. Mir war das zwar vorher bewusst, nicht allerdings in welchem Ausmaße. Er arbeitet als Paramedic, was wohl eine Art Rettungssanitäter ist, und 24 oder gar 38 Stundenschichten sind bei ihm an der Tagesordnung. Zudem ist er auch ansonsten stark eingebunden. Jetzt wäre das Ganze wahrscheinlich nicht so problematisch, hätte ich mich nicht auf anderes eingestellt. Bisweilen bin ich zugegebenermaßen ziemlich unflexibel, wenn meine Erwartungen nicht erfüllt werden.

Hinzu kommt, dass unsere gemeinsame Wohnung voller Kisten steht und ich dort bislang keinen Platz habe, an dem ich arbeiten kann. Das schmälert den Wohlfühlfaktor nicht unerheblich, noch dazu, da ich kein wirkliches Ende abzusehen vermag.

Auf diese unerwartete Situation heißt es nun also in irgendeiner Form zu reagieren. Hier schließt sich dann der Kreis: meine standardisierte Reaktion, um mich mit Orten vertraut zu machen, an denen ich mich unsicher fühle, war, mich dort zu betrinken.

Feiern gehen, abstürzen und verkatert aufwachen.

Der Kater hatte nebenbei schließlich stets den Effekt, meinen inneren ProduktivitätsKontrolleur außer Gefecht zu setzen, da ich mir an Katertagen sozusagen frei gab, also nicht den üblichen selbst auferlegten Ansprüchen zu gehorchen hatte.

Selbst wenn dies im ersten Moment eigentümlich klingen mag, ist dem ein oder anderen das Phänomen vermutlich in leicht abgewandelter Form vertraut: ganz ähnlich funktionieren Menschen nämlich oftmals, so sie sich in neue Gruppen integrieren möchten. Wer kennt das nicht: die neuen Kollegen waren alle eigentlich ganz nett, aber ein richtiger Draht zueinander entstand erst, als man abends gemeinsam einen drauf machte.

Mit einem mir fremden Ort läuft das ungefähr genauso ab. Wenn ich einmal betrunken meinen Weg nach Hause gestolpert bin, fühlt sich dieses Zuhause tatsächlich mehr wie ein solches an.

Dies, gepaart mit der überraschenden Häufigkeit meines Alleinseins, brachte mich vermutlich so nahe an die Überlegung, einfach drauf zu scheißen und zu trinken, wie nichts, seit ich dem Alk abgeschworen habe.

Auch bin ich das Alleinsein zwar gewöhnt, aber anders, da ich in Köln ja den festen Rahmen meiner WG und meiner Arbeit habe.

Nichtsdestotrotz war es ein wichtiger Schritt mir dieser Umstände zunächst bewusst zu werden.

Es ist in der Tat kein Problem, wenn ich hier allein bin – ich hatte es eben nur nicht erwartet und muss mich nun darauf einstellen. Das ist mir heute bereits recht gut gelungen, da ich morgens (ich wache Jetlag-bedingt noch immer um sieben Uhr auf) erst mal joggen ging und danach den morgendlichen Sonnenschein ausnutzte und einen mehrstündigen Spaziergang am Ozean machte (kluge Entscheidung, nicht auf dem Schreiben zu beharren, da es seit einer Stunde in Strömen gießt und ein Spaziergang jetzt kein Spaß mehr wäre). Dabei gelang es mir, die Situation zu reflektieren und das ist bei mir stets der erste Schritt, um sie in den Griff zu bekommen.

Wichtig ist hauptsächlich, aus dieser gefühlten Abhängigkeit von John herauszukommen, denn weshalb sollte ich denn von ihm abhängig sein?

Nun heißt es also, mir neue Wege zu überlegen, um mich an einem fremden Ort zu verankern. Ich bin gespannt, was mir diesbezüglich einfällt.

Falls ich nicht zu müde bin, werde ich heute Abend einfach trotz allem ausgehen. Bislang scheint es mir nicht so schwierig, mit Kanadiern in Kontakt zu kommen – denn, anders als in Deutschland, ist es hier geradezu üblich, sich auf der Straße anzulächeln oder gar einige Worte miteinander zu wechseln.

Das ist doch eine gute Ausgangssituation.

 

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!           glas I

http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/

2 Gedanken.

  1. Brilliant, insbesondere der Verweis auf das Ausschalten des Produktiväts-Kontrolleurs. Danke für den Rat mit der Bewegung und der Reflektion. Ansonsten sei mal couchsurfing in den Raum geworfen, in Bezug auf neue, interessante, gastfreundliche Menschen weltweit. Herzliche Grüße Nach Kanada!

    • Danke für die Blumen, amigo! Ich bin ja eigentlich gar nicht so scharf drauf, hier groß herumzukommen, sondern will mich lieber häuslich einrichten und schreiben. Das ist schließlich das generelle Konzept dieser Auszeiten, aber ich kriege das hin, denke ich. Sei ebenfalls herzlich gegrüßt!

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