Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (03. Februar 2013)

Freitag, 01. Februar 2013

 

Ein Monat ohne Alkohol, alles war so einfach, doch heute habe ich zum ersten Mal wirklich das Gefühl, ich könnte ein Schlückchen vertragen. Der handelsübliche Euphemismus, den schon Hermann Hesse im Steppenwolf so treffend portraitiert, wenn er schreibt, Harry Haller ginge das (…) trinken, was trinkende Männer nach einer alten Konvention „ein Gläschen Wein“ nennen.

Dabei könnte ich noch nicht einmal benennen, was heute anders ist als gestern, wo doch alles kein Problem war.

Womöglich ist es der Beginn des Wochenendes.

Ich hatte eine stressige Woche, weil ich es, wie so häufig, nicht gut vermochte, meine eigenen Grenzen zu erkennen. Schattenseite der Produktivität. Offenbar ist Stressabbau in meinem Kopf noch immer aufs Engste mit dem Gedanken an Alkohol und Rausch verknüpft. Einfach mal Fünfe gerade sein lassen, wie es so schön heißt – und das am besten durch den Verlust der Besinnungsfähigkeit und das Wegfallen des Produktivitätsanspruches an mich.

Hinzu kommt wohl, dass ich gerade einen Roman lese, in dem der Protagonist zumindest nahe an der Grenze zum Alkoholismus entlang schrammt, sodass er die ganze Zeit von prall gefüllten Rotweingläsern, süffigen Mojitos und dergleichen schwadroniert – nicht gerade dazu angetan, mein momentanes Verlangen zu mindern.

Egal. Es ist gut, dass ich mir bereits zu Beginn des Er nüchtert-Projekts versprochen habe, schwere Momente zu bezwingen, indem ich darüber schreibe, und mich diesem destruktiven Impuls zu stellen, statt ihn einfach wegzuleugnen.

Eigentlich darf ich als Schreiber beinahe froh sein, dass ich endlich ein negatives oder schwieriges Gefühl durchleben muss. Somit fange ich wenigstens nicht an, meinen Lesern mit ungebrochenem Daueroptimismus die Stimmung zu verhageln.

Selbst über fake-Erlebnisse habe ich als Autor in derartigen Situationen nachgedacht –absurd, oder? Sollte ich ein wenig Leid hinzudichten, um das Projekt theatralischer erscheinen zu lassen? Die gequälte Künstlerseele am Abgrund der Nüchternheit?

Jedoch habe ich mich Offenheit und Ehrlichkeit verschrieben und dabei möchte ich es belassen.

Insofern ist Er nüchtert, wenn ich gut drauf bin, eben ein Gute-Laune-Projekt. Ich will nicht von Schwierigkeiten berichten, die nicht existieren. Im Gegenzug möchte ich aber auch nicht über die Momente hinweggehen, die sich tatsächlich schwierig gestalten. Dass diese sich nicht an Terminabsprachen hielten, war ebenso zu erwarten. Gestern alles easy und heute das Bedürfnis nach Suff? – Ja, so ist das nun mal im Leben.

Womöglich sollte ich versuchen, etwas mehr auf meine Belastungsgrenzen zu achten. Das ist ein Thema, mit dem ich seit Jahren hadere. Ich erkenne meine Grenzen stets erst, wenn ich sie bereits überschritten habe und reagiere dann überfordert und gereizt. Die Frage ist nur, woran merke ich, dass ich eine solche Grenze erreiche, bevor ich sie erreiche?

Jetzt fühle ich mich zwar nicht besser, aber zumindest habe ich mir den Frust von der Seele geschrieben und bin dem Gedanken meines Projekts treu geblieben: teilhaben lassen, egal, wie es sich anfühlt.

 

Sonntag, 03. Februar 2013

Emotional schwieriges Wochenende. Ich fühle mich unausgeglichen und haltlos. Es ist vollkommen ungewohnt, einer solchen Empfindung nicht mit Flucht in den Rausch zu begegnen.

Ob es daran liegt, dass heute D.s Geburtstag ist, den er 2000 Kilometer entfernt verbringt? Vergangenes Jahr haben wir zu diesem Zeitpunkt noch zusammen gewohnt.

Es sollte mich also nicht allzu sehr überraschen, dass ich schon schönere Tage hatte.

Dabei habe ich übers Wochenende Besuch und könnte mich insofern ablenken, wenn es mir denn gelänge.

Das Gegenteil ist der Fall. Nähe zuzulassen fällt mir im nüchternen Zustand schwer. Vor allem, wenn es sich nicht um den billigen One-Night-Sex handelt. Zwar versuche ich es, doch es beängstigt mich. Vor allem, wenn ich nicht der Geber bin, sondern mich entspannen darf – oder soll. Einfach zu empfangen – das weckt Erinnerungen an die lange vergangene Zeit mit M..

Mitunter erstehen Bilder aus der Vergangenheit. Womöglich ist Bild der falsche Begriff. Eher sind es emotionale Schlaglichter.

Wie es war, gehalten zu werden, ohne mich erklären zu müssen. Tränen und Schmerz gehen zu lassen, ohne mich zu rechtfertigen. Wenngleich ich auch damals häufig betrunken war, verstand M. es meisterlich, mich aufzufangen, egal was da kommen mochte. Diese seine Gabe ist es wohl, die ich am meisten vermisse.

Wenn ich in den vergangenen zweieinhalb Jahren trank, stieß ich durchaus auch auf den Grund dieses Teichs der Traurigkeit, allerdings nur, weil ich mein Bewusstsein soweit ausgehebelt hatte, dass mir dieser Tauchgang nicht mehr allzu riskant vorkam. Am nächsten Morgen blieb kaum mehr als ein vages Gefühl von Abgründigkeit, Scham und Tränen. Das allermeiste hatte sich über Nacht ins Reich des Vergessens verflüchtigt.

Gestern dann gab es einen Moment, da mir bewusst ward, wie viel bedrohlicher es mir erscheint, mich diesen Abgründen zu nähern, wenn nicht der Alkohol die missgünstigen Spitzen beschneidet.

Ein zwiespältiges Gefühl.

Einerseits ist es befreiend, den Versuch zu wagen, die Anspannung für Momente gehen zu lassen, andererseits fürchte ich mich davor, was sich hinter jener schwarzen Tür verbergen mag, die so gut verriegelt ist.

Diese innere Zerrissenheit, ein klassischer Nähe-Distanz-Konflikt, führt dazu, dass ich mich selbst als schwierigen, gespaltenen und zutiefst unzugänglichen, wenn nicht gar unzulänglichen Menschen wahrnehme.

Wie sollte ich zugleich locker sein?

Wo ist der auf den ersten Blick stets so offene und umgängliche Elyseo, sobald es ans Eingemachte geht – und sei dieses Eingemachte nur, dem Glauben an die permanente Notwendigkeit eigener Produktivität zu entrinnen und sich mal ohne die lärmenden Hintergrundgedanken zu entspannen, die mich nötigen wollen, etwas zu schaffen?

Produktivität als Vermittler von Selbstwertgefühl.

Die gereizte Verbissenheit, die aus dem aussichtslosen Kampf um Entspannung hervorgeht, und andererseits der ergebnislose Versuch, vermittels Selbstreflexion dagegen anzukommen, zwängen mich in eine Abwärtsspirale.

Sich krampfhaft entspannen zu wollen, funktioniert nicht. Überraschung!

Einmal niedergeschrieben ist die satzimmanente Logik so überwältigend, dass ich mich frage, wie ich überhaupt auf diesen widersinnigen Gedanken verfallen konnte.

Den Zusammenhang zwischen Trinken und gegen mich selbst gerichtete Ansprüche habe ich bislang noch nicht beleuchtet. Gegen mich – allein das eine interessante Wortwahl. Warum nicht an?

Dem Daueranspruch, etwas erschaffen zu müssen, entging ich in der Vergangenheit zum einen durch Abende des Vollrausches, an denen Schaffen schlechterdings nicht im Bereich des Möglichen lag, zum anderen aber an den darauffolgenden Katertagen.

Ich erinnere mich daran, wie sehr ich, gerade während meiner Monate in Lisboa, diese Katertage oftmals genoss, eben weil sie mich davon entbanden, die Leistung zu erbringen, die ich mir sonst auferlegte.

Katertage machten mich langsam und Langsamkeit ist etwas, was mir gemeinhin fehlt.

Wie ich es liebte, ziel- und planlos durch die Gassen der Mouraria, des Bairro Alto oder der Alfama zu schlendern, nichts weiter im Sinn, als irgendwann etwas zu essen und ansonsten sinnbefreit die Schönheit der Stadt in mich aufzusaugen!

Wenig verwunderlich, dass mir diese Erinnerung gerade zu den Monaten in den Sinn kommt, wo ich als freier Schreiber meinen kompletten Alltag selbst zu strukturieren hatte. Hier in Köln ist mir durch das Unterrichten zumindest eine Teilstruktur vorgegeben und alles, was darüber hinausgeht, fällt zwar auch unter einen Anspruch, den zu erfüllen ich mir selbst zu eigen mache, aber eben als zusätzliche Leistung, nachdem ich meinen eigentlichen Auftrag, nämlich Geld für meine nächste Auszeit zu verdienen, bereits erfüllt habe.

Die Gewichtung hat sich durch meine Nüchternheit jedoch verschoben. Ich habe plötzlich mehr Zeit, also kann ich meine Ansprüche hochschrauben.

Womöglich wäre es gut, hier die Regenerationszeit, die meine Alkoholexzesse beanspruchten, als Bezugspunkt nicht aus den Augen zu verlieren. Selbst wenn es sich um mir durch körperliches Unwohlsein aufgezwungene Regenerationsphasen handelte, waren es doch Zeiten, die ich mir selbst einräumte, ohne der eigenen Produktivitätskontrolle zum Opfer zu fallen. Dieser Kontrollmechanismus schaltet sich bei mir glücklicherweise ab, sobald mein Körper mir signalisiert, dass es ihm schlecht geht – ich kenne genügend Menschen, die noch nicht einmal diese Schranke in sich tragen.

Eines jedenfalls sollte ich mir bewusst machen: nicht zu trinken muss und sollte nicht zur Konsequenz haben, dass ich mir selbst eine 24/7-Produktivität auferlege. Das wäre widersinnig.

Dieses Wochenende war bislang zweifelsohne das Schwierigste, seit ich aufgehört habe zu trinken. Umso stolzer bin ich, dass ich der Versuchung widerstanden habe.

Zudem gibt es für gewöhnlich dort am meisten zu lernen, wo es weh tut.

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!  glas I
http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/

4 Gedanken.

  1. Mal wieder großartig, was und wie du schreibst, mein Freund.

    Ich frage mich wievielen (wievielen!?!) Menschen es genau so geht.

    Es ist sehr vertraut was du schreibst. Dankeschön.

    • Danke, Farid, es tut mir immer gut zu wissen, dass Du irgendwo an einem anderen Ort dabei bist! Ich kann Dir noch nicht einmal sagen, warum – ist aber so! Elyseo

  2. Hey Elyseo — Ich finde die Erklärung deiner internen Welt hier super, sowohl das was ich aus meiner eigenen Erfahrung erkenne als auch die Sachen die ich nicht so erlebt habe: die Feststellung „Nähe zuzulassen fällt mir im nüchternen Zustand schwer“ ist eine traurige (aber dafür auch oft zutreffende) Beschreibung der heutigen Welt. Ich glaube du könntest dich hierfür interessieren – http://www.washingtoncitypaper.com/articles/5605/me–my-monkey

    • Hey Dan, danke für den Tipp, der Text ist auf jeden Fall interessant, erfordert aber einen Moment der Ruhe, d.h. den Rest werde ich mir bei Gelegenheit durchlesen! Einen herzlichen Gruß!

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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