Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (02.März 2013)

Freitag, 01. März 2013

 

Ich bin aggressiv und wütend. Schlechte Kombination. Ich fürchte, dass wird bezüglich Nüchternheit mal wieder ein hartes Wochenende.

Dabei ist meine Wut letztlich vermutlich nichts anderes als verkappte Trauer. Nur finde ich keinen Kanal, diese zuzulassen. Wie soll ich mich dem Verlust in noch stärkerem Maße stellen, als ihn hinzunehmen. Ihn nicht zu ignorieren, indem ich mich ums Bewusstsein trinke. Dennoch wird es nicht besser, kommen Wut und Traurigkeit scheibchenweise.

Schon das dringende Bedürfnis, Porzellan zu zerschlagen, verbinde ich mit D.. Er ist der einzige, der mich je dazu brachte, dies tatsächlich zu tun und hinterher im wahrsten Wortessinne auch noch die Scherben aufkehrte. Ich selbst habe wohl zu viel Mitleid mit dem Geschirr, obschon wir in unseren WG-Küchenschränken nicht eben Meißener Porzellan stapeln. Das ein oder andere grottenhässliche Stück ließe sich da zweifelsohne finden.

Ich bin maßlos enttäuscht.

Eben sprach ich mit meiner Mitbewohnerin, die mir wieder einmal darzulegen versuchte, dass es eben nicht das gleich für D. sei, er mich wahrscheinlich schon mehr oder minder vergessen habe, er mit seiner Freundin glücklich sei, die Entscheidung getroffen habe, in Portugal zu leben und mithin alles, was hier wichtig war, hinter sich gelassen habe.

Dazu zähle, und das macht mir die Art unseres Kontakt respektive Nichtkontakts klar, offenbar auch ich. Ich unterdrücke das permanente Bedürfnis zu kotzen.

Es gibt einen Teil in mir, der sich weiterhin weigert, das zu glauben, der darauf beharrt, dass er ein solcher Mensch nicht sei, ja, nicht sein könne.

Womöglich aber halte ich verzweifelt an einer Illusion fest.

Mich dem Prozess des Loslassens zu stellen, fällt mir schwer. Was kommt danach? Bin ich überhaupt stark genug dafür?

Die derzeitige Situation, die vornehmlich darin besteht, dass ich darunter leide, dass er meine Nachrichten tagelang ignoriert, ehe er mir in nichtssagenden Zweizeilern antwortet, und dass wir in den vergangenen beiden Monaten sage und schreibe zwei Gespräche miteinander geführt haben, scheint wie dafür gemacht, mich endlich zu lösen.

Was gewinne ich denn noch?

Zuvor teilten wir wenigstens Gedanken und Leben. Das entschädigte mich dafür, dass es so schwierig war.

Dennoch hadre ich und zweifle.

Bisweilen wünsche ich mir sehnlichst einen Rausch. Heute zum Beispiel. Locker sein, lachen, die Wut und Verletztheit vergessen. Wenn auch nur für einige Stunden. Mal nicht hinschauen und vor allem hinfühlen müssen.

Fuck off, Welt, echt.

 

Samstag, 02. März 2013

 

Zwei Monate ohne Alkohol. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ich das schaffe. Und doch liegen sie bereits hinter mir.

Bevor ich davon erzähle, dass ich gestern endlich den Schritt hinaus in die schwule Welt wagte, muss ich darüber schreiben, was mich gerade akut beschäftigt.

Ich bin heute tatsächlich einen Schritt weitergegangen und habe beschlossen, dass ich diese Art negativen Einflusses, wie die Beziehung zu D. sie derzeit auf mich ausübt, in meinem Leben nicht länger dulden werde. Nach beinahe zwei Jahren habe ich endlich die Konsequenz gezogen und ihm geschrieben, dass ich keinerlei Interesse daran habe, eine für mich derart belastende Situation auf zweitausend Kilometer Entfernung weiter fortzuführen.

Dementsprechend fühle ich mich: zum einen geht das gleiche Spiel insofern von vorne los, dass er die Nachricht bislang nicht gelesen hat. Zum anderen weiß ich nicht, ob ich einem Gespräch standhielte. Würde ich trotz all meiner Vorsätze nicht doch am Ende ein weiteres Mal einknicken?

In mir jedenfalls herrscht das totale Chaos.

Aggression, Wut, Verletztheit und Traurigkeit reichen sich die Hand in einem bunten Reigen. Aber ich habe diesmal nicht vor, dieses Gefühl niederzutrinken. Ich werde hindurchgehen.

Klar könnte es mir eigentlich egal sein, ob diese Botschaft bei ihm ankommt – habe ich doch letztlich für mich selbst entschieden. Aber andererseits verspüre ich das Bedürfnis, dass der Entschluss, den zu fassen ich beinahe zwei Jahre gebraucht habe, auch bei ihm ankommt.

Letztlich werde ich mich endlich unabhängig machen müssen und mein Leben ohne ihn und den Gedanken an die Möglichkeit von ihm weiterleben müssen.

Davor flüchte ich schon so lange.

Was schlummert eigentlich darunter?

Die Akzeptanz dessen, dass ich niemanden brauche, dass ich mir in all den Jahren meines Single-Daseins längst hinlänglich bewiesen habe, dass ich allein klar komme. Just als ich das letzte Mal an einem solchen Punkt angelangt war, trat M. in mein Leben. Das war fantastisch, aber die Folge war, dass ich nicht die Gelegenheit hatte, mich in diesem Verständnis einzurichten.

Trotzdem schmerzt das alles im Augenblick.

Allem voran wohl, dass ich das Gefühl habe, auch ihn damit zu verletzen. Selbst wenn dies, wenn ich der gestrigen These meiner Mitbewohnerin Glauben schenken will, womöglich nichts als ein hartnäckiges Hirngespinst meinerseits ist.

Nun aber Schluss damit.

 

Ich will vom gestrigen Freitag Abend erzählen.

Ich habe die wohltuende Erfahrung gemacht, dass ich von meiner nachmittäglichen Aggression auch ohne Alkohol wieder runterkam.

Ziemlich geladener Stimmung machte ich mich abends auf dem Weg zum Facetten-Festival in der Lichtung. Vor allem an den ersten Act, einen Bassisten, dessen Programm Strictly Bass hieß, hatte ich keine besonders hohen Erwartungen, da ich mich nicht eben als Freund der Instrumental-Musik bezeichnen würde. Umso überraschender, dass er es schaffte, mich in eine ziemlich meditative Stimmung zu versetzen, die mich auf eine gar nicht unangenehme Weise auf mich selbst zurückwarf. Auch den Rest des Abends empfand ich als musikalisch inspirierend und rundum gelungen.

Da das Festival bereits um Mitternacht endete, entschloss ich mich danach dazu, den mutigen Schritt zu wagen und in die Szene zu gehen, die ich schon im betrunkenen Zustand oftmals ausgesprochen schwer erträglich fand. Auch hier galt allerdings, dass niedrige Erwartungen leicht zu übertreffen sind.

Insofern fand ich mich in die ungewohnte Situation ein und bemerkte erneut – wie schon an Karneval – dass ich an Orten, wo ich tanzen kann, überraschend gut zurechtkomme.

Allerdings machte ich zum ersten Mal die Erfahrung, wie unangenehm Volltrunkene sein können. Ich tanzte neben einem Typen, der weit jenseits von Gut und Böse war, kaum aufrecht stehen konnte, dabei aber sein Umfeld im Umkreis von circa fünf Metern in Mitleidenschaft zog. Ständig war ich damit beschäftigt, seinem schwappenden Becher auszuweichen, ihn ab- oder aufzufangen oder seiner brennenden Zigarette aus dem Weg zu gehen. Anstrengend. Mitleid empfand ich indes für seine Begleiterin, ein Mädchen von vielleicht 1,50 Meter, die mit ihm leidlich überfordert schien.

Unwillkürlich musste ich an meine eigenen Begleiter/innen an solchen Abenden denken und empfand ein gewisses, nicht ganz schamfreies Mitgefühl.

Dennoch war der Abend dort alles in allem nicht schlecht. Anders eben.

Ich bekam viel mehr mit, als ich dies gewohnt war, wenn ich betrunken um die Häuser zog: Blicke, Situationen, Komik. Auch konnte ich klar denken und probierte das gleich mal aus, indem ich einen Typen ansprach, der mir sympathisch war, nicht zuletzt, weil er wirkte, als kotze ihn das ganze Geschehen ringsumher an: Ein Gefühl, was ich in diesen Locations nur allzu gut nachvollziehen kann. Deshalb fragte ich ihn, ob er zum ersten Mal hier oder schlicht ein unverbesserlicher Optimist sei.

Zwar entwickelte sich nichts weiter aus diesem Gespräch, aber immerhin unterhielten wir uns eine Stunde lang miteinander. Außerdem war ich stolz darauf, dass ich mich aus der Deckung gewagt hatte. Damit habe ich für gewöhnlich die allergrößten Probleme, vor allem, sobald ich Menschen wirklich interessant finde.

Wäre ich betrunken gewesen, hätte es mich vermutlich völlig am Boden zerstört, dass er mir um vier Uhr nachts letztlich mit den Worten, ich sei ja nett, aber nicht sein Typ, einen Korb gab.

So fand ich es respektabel, dass er in der Lage war, dies auszusprechen, anstatt zu kneifen. Was blieb war das Gefühl, über meinen Schatten gesprungen zu sein.

 

Die nächste Hürde wird mein Geburtstag sein. Seit es mir erlaubt ist zu trinken, ist dies gewiss der erste nüchterne Geburtstag. Deshalb habe ich auch noch keinen blassen Schimmer, wie ich diesen Tag begehen soll.

Aber ich erzähle auch dann in ein paar Tagen mehr davon…

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!                     glas I
http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/

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