Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (02. Juli 2013 – Halbjahres-Edition)

Dienstag, 02. Juli 2013

Als ich vor einem halben Jahr aus einem Bauchgefühl heraus entschied, von einem Tag auf den anderen mit dem Trinken aufzuhören, lag der heutige Tag in weiter Ferne.

Sechs Monate ohne Alkohol? Das erschien mir undenkbar.

Viel hat sich verändert seither.

Immer wieder hatte ich inzwischen geglaubt, ich sei mit der Thematik Alkohol durch. Die vergangene Woche allerdings bewies mir neuerdings, dass dies wohl eine Illusion war. Vermutlich ähnlich der einlullenden Sicherheit, die ein ehemaliger Raucher nach einigen Monaten ohne Zigaretten empfindet.

Letzte Woche jedenfalls war für mich, seit ich dieses Projekt begonnen habe, eine der schwersten.

Warum, fragte ich mich. Ich hatte doch bereits etliche Wochen hinter mich gebracht, in denen es mir schlicht egal gewesen war!

Vergangene Woche aber hatte ich das Bedürfnis nach einem Knockout. Dies wird wohl für immer der Punkt bleiben, an dem die Versuchung zu trinken ansetzt.

Nichtsdestotrotz habe ich widerstanden und mich durch die grautrübe Woche geschleppt. Noch immer bleibt indes die Sehnsucht nach dem Rausch. Der Rausch, der mich auf seinen freundlichen Schwingen in die Alles-ist-gut-Welt hinfort trägt.

Auch habe ich den Eindruck, dass die Konfrontation mit dem Trinken im Sommer größer ist als im Winter. Zumindest ist sie auffallender.

Kein Straßenrand, an dem nicht die Wein- und Kölsch-Trinker auf Terrassen aufgereiht säßen, kein Park, der nicht von selbigen übersät wäre, kaum eine Gruppe von Freunden, die einem nicht mit Bierflaschen in der Hand entgegenkäme. Das verstärkt das Paria-Empfinden, keine Frage.

Dennoch hat sich mein Leben im vergangenen halben Jahr verändert.

Der Oberbegriff, den ich für diese Veränderungen wählen würde, ist Erwachsen-Werden. Als Angehöriger einer Generation von Berufsjugendlichen, wenn ich mir hierfür Michael Weins Formulierung ausborgen darf, ist dies eine erstaunliche Beobachtung. Allerdings macht sie mir unterdessen keine Angst mehr.

Damit einher geht die sukzessive Auflösung einer Verknüpfung in meinem Geist:

Ich habe in den vergangenen Monaten den Trinker hinter mir gelassen. Glaubte ich zuvor, ich sei der Trinker, ist mir nun klar, dass der Trinker nur eine Facette von mir ist – oder derzeit, um präzise zu sein, war. Diese Entkoppelung ist die Grundlage jeglicher Veränderung.

Deshalb erschien es mir Anfang des Jahres auch undenkbar, dass ich dieses Projekt durchziehen könnte. Es kam mir schlechterdings vor, als habe ich vor, darauf zu verzichten, ich selbst zu sein.

Diese Nüchternheit als Neuland zu betrachten (seit Angela Merkels Aussage sehe ich mich außer Stande, dieses Wort ohne Augenzwinkern zu benutzen) trägt einen entscheidenden Teil dazu bei, dass es mir gelingt, auch in den Momenten dem Trinken zu widerstehen, in denen es mir schwer fällt. Es ist nichts weiter als eine realistische Beobachtung, dass es für mich nach all den Jahren des Trinkens in den Gefilden des Alkoholrausches nichts mehr zu entdecken gibt. So schwierig die Nüchternheit bisweilen sein mag, bietet sie mir doch neue Erfahrungen. Insofern gibt sie meinem Leben Impulse, die mir der Rausch verweigerte.

Man kann auch ohne Alkohol Spaß haben.

Vor einem halben Jahr hielt ich diesen Satz für eine leere Floskel, in die Welt gesetzt von spießigen Spaßbremsen.

Spaß ohne Alkohol?

Natürlich! Das ist ja zu beobachten, wenn eine Gruppe von Wassertrinkern sich gegenseitig angähnt!

Ich wurde eines Besseren belehrt. Womöglich belehrte ich mich selbst eines Besseren. Es braucht Beharrlichkeit, um zu diesem Punkt zu gelangen.

Spätestens in Kanada allerdings – wo ich mit einem Mal aufhörte der Typ zu sein, der nichts mehr trinkt, sondern einfach nur der Typ war, der nicht trinkt – stellte ich fest, dass dies durchaus möglich ist.

Dass ich mit dem Trinken nicht zugleich die Facette meiner Persönlichkeit aufgeben musste, die für Spaß zuständig ist, dass ich trotzdem in Kneipen und Clubs sitzen oder tanzen, mich unbeschwert unterhalten oder gar hemmungslos albern sein konnte, festigte den Glauben an mein Er-nüchtert-Projekt.

Um den Preis des Spaßes willen trocken zu bleiben, wäre mir zumindest fragwürdig erschienen. Womöglich wäre er mir auf Dauer zu hoch gewesen.

Mit Alkohol seinen Ängsten begegnen.

Ich glaube unterdessen, dass Alkohol Ängste befördert, anstatt sie zu unterdrücken. Dies wurde mir im Verlaufe des vergangenen halben Jahres zunehmend klarer.

Hatte ich zu Beginn meiner Nüchternheit riesige Angst vor all der Aufarbeitungsarbeit, die ich nach all den Jahren, in denen ich meine Emotionen durch das Saufen deckelte, zu leisten hatte, so erkannte ich schnell, dass mir im nüchternen Zustand nichts so beängstigend erschien wie im trunkenen. Meist geht die Welt gar nicht unter, auch wenn mich die alkoholisierten Apokalypse-Visionen in meinem Kopf, dies glauben machen wollten. Weder versinkt sie wegen all der Belanglosigkeiten, die im Rausch die Gestalt von Monstern annehmen, die unter Kinderbetten hausen, noch versinkt sie wegen der Probleme, deretwegen ich trinken zu müssen glaubte.

Ich habe keineswegs das Gefühl, ich sei nach sechs Monaten mit dieser Aufarbeitungsarbeit am Ziel angelangt. Vielerlei, so scheint es mir, bleibt noch zu besehen. Bisweilen habe ich gar den Eindruck, ich stünde ganz am Anfang.

Aber ich habe eine Zuversicht gewonnen, die ich als Trinker nicht kannte. Niemand drängt mich, meine Probleme über Nacht zu lösen. Aber ich selbst habe wieder den Eindruck, sie aus eigener Kraft angehen zu können.

Zuvor benötigte ich all meine Energie, um mich von meinen Alkohol-Exzessen zu erholen. Wie hätte es da möglich sein sollen, mich in noch anderer Hinsicht um mich selbst zu kümmern?

Vor einiger Zeit traf ich einen Bekannten in einer Bar. Er saß mir gegenüber und klagte mir sein Leid. Er fürchtete sich. Fürchtete sich davor, mit dem Trinken aufzuhören, weil er Angst habe, dann niemand mehr zu sein. Denn, so seine Begründung, zuvor, als er im Internat gewesen sei (im Alter von elf bis achtzehn), sei er ein erbärmliches Würstchen gewesen. Erst durch das Trinken habe sich das verändert, sei er zu einem Menschen geworden, den die Leute schätzten, über den sich lachen konnten, der überhaupt wahrgenommen wurde.

Im selben Gespräch erzählte er mir davon, in wie vielen Ländern er bereits wegen Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert worden sei. Mehrmals hätten die Ärzte ihn nach Atemstillständen wiederbeleben müssen.

Er saß dort vor mir, auf seinem Barhocker, ein schlotterndes Häufchen Elend. Nein, er schaffe das keinesfalls, behauptete er, obschon er bisweilen stundenlang heule und seine eigenen Besäufnisse ihn unterdessen anwiderten.

Die Angst davor, niemand mehr zu sein aber, schien ihm zu groß, der Preis der Nüchternheit zu hoch.

Bedauerlicherweise gelang es mir nicht, ihm diese Angst zu nehmen oder sie auch nur zu lindern.

Als ich ihn vor Kurzem wiedertraf, war er guter Dinge. Natürlich war er betrunken. Während der ersten paar Stunden ist dann alles gut. Ich kenne das. Dann kehrt die Angst zurück.

Vermutlich umreißt sein Werdegang ein Hauptproblem unserer Trinkergesellschaft. Der Beginn des Alkoholkonsums fällt zeitlich mit der Ausbildung der Persönlichkeit zusammen.

Wer, glaube er, nehme sich in der Pubertät denn nicht als Totalversager wahr? Es gelang mir nicht, ihm eine Antwort darauf zu entlocken.

Dabei ist dieses Selbstverständnis nun mal das klassische Empfinden, das Pubertierende zu durchlaufen haben.

In seinem Fall war die Gefahr offensichtlich, die dieses zeitliche Zusammentreffen der beiden Phänomene Erwachsenwerden und beginnender Alkoholkonsum darstellt.

Er konnte sich schlichtweg nicht vorstellen, dass er mit über 30 nicht mehr jener verschüchterte 14-Jährige sei, dessen permanentes Scheitern an der Welt er in seinem Gedächtnis als Ich abgespeichert hatte. Die Weiterentwicklung versteht er als einzig dem Alkohol zu verdanken.

Diese traurige Beobachtung einer geistigen Verknüpfung zwischen Alkohol und Selbstwert ist, fürchte ich, beileibe kein Einzelfall. Wenn ich ehrlich bin, gelangte ich bei mir selbst bei genauer Betrachtung wohl zu ähnlichen Schlüssen.

Womöglich hätte ich nicht die gleichen Worte gewählt, das Prinzip aber bleibt dasselbe.

Für den elementaren Schritt des Erwachsenwerdens verbleibt in unserer Gesellschaft nur ein einziges Ritual: die Aufnahme in den Kreis der Trinker.

Dies wäre übrigens ein interessanterer Ansatzpunkt, um das Problem des Komasaufens unter Jugendlichen in den Griff zu bekommen, als die Eltern der Betroffenen mit Geldstrafen zu belegen:

Wir sollten uns über neue Rituale Gedanken machen.

Die Gesellschaft hat ihre tradierten Rituale über Bord geworfen, so man nicht einer der staatlich subventionierten Sekten angehört.

Rituale aber bergen Sinn und vermitteln Halt.

Ein solch einschneidender Schritt wie das Ende der Kindheit verdient es, mit einem Ritual begangen zu werden.

Es wäre indes schön, wenn dieses Ritual aus etwas mehr bestünde als einer mit der Verwandtschaft geteilten Flasche Selbstgebranntem.

 

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!           

glas I

http://www.flickr.com/photos/fz/5252308639/sizes/l/in/photostream/
 

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