Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (01. April 2013 – Vierteljahres-Edition)

Montag, 01. April 2013

 

Der Vorabend meiner Abreise nach Kanada. Es ist halb elf Uhr abends, eigentlich bin ich bereits müde, aber es ist wohl besser, wenn ich nicht zu früh ins Bett gehe, sonst kann ich morgen im Flugzeug mit Gewissheit nicht schlafen. Ohnehin wird es mir schwerfallen, da ich einen sehr leichten Schlaf habe. Alle Kinder, die ich nicht in die Welt setzen werde, können sich glücklich schätzen, dass sie sich als Pubertierende nicht nachts an meinem Schlafzimmer vorbeischleichen müssen, wenn sie viel zu spät von irgendeiner Party zurückkehren – sie hätten keine Chance.

Ein Viertel Jahr ohne Alkohol liegt hinter mir und ich will die Gelegenheit nutzen, um kurz Rückschau zu halten und mir ein paar der Veränderungen ins Gedächtnis zurückzurufen, die mir in dieser Zeit widerfahren sind.

Alles in allem muss ich sagen, dass es mir wesentlich leichter fiel, von einem Tag auf den anderen den Pfad der Nüchternen einzuschlagen, als ich dies je für möglich gehalten hätte. Das Schwierigste daran war für mich tatsächlich, die Entscheidung zu treffen aufzuhören. Der Rest war jetzt nicht eben ein Kinderspiel, aber relativ einfach umzusetzen.

Mir fällt es generell nicht besonders schwer, mich an Regeln zu halten, die ich mir selbst aufstelle, das dürfte der Grund dafür sein. Wäre ich zu dieser Entscheidung gezwungen worden, hätte das ganz anders ausgesehen – auch damit habe ich bereits einschlägige Erfahrungen gemacht, obschon es eine Weile zurückliegt. Erst der Moment, in dem ich diese Entscheidung damals zu meiner eigenen zu machen vermochte, bildete schließlich den Wendepunkt.

Was also hat sich verändert, seit ich Anfang des Jahres aufgehört habe zu trinken?

Zu allererst muss ich mir eingestehen, dass ich stabiler bin. Womöglich ist auch das Wort ausgeglichener hier nicht abwegig.

Zwar bemerke ich bislang eine insgesamt stärkere Nivellierung meiner Gefühlswelt – die Ausschläge halten sich ohne die permanente Unterfütterung mit dem akuten Glücklichmacher Alkohol auch nach oben in Grenzen – da aber zugleich die depressiven Katertage und die allgemeine Erschöpfung wegfallen, nehme ich das in Kauf. Zumal gehe ich davon aus, dass die Amplituden nach einer gänzlich vollzogenen Entwöhnung – von einer solchen möchte ich nach gerade mal drei Monaten noch nicht sprechen – sich wieder vergrößern werden.

Zwar habe ich, ohne zu trinken, noch immer ein Entspannungsproblem, andererseits jedoch bringt mich die Nüchternheit dazu, meine Grenzen besser wahrnehmen zu können. Dies in jeglicher Hinsicht.

Es verwundert also kaum, dass ich endlich vermochte, nach so langer Zeit die Zügel in die Hand zu nehmen und aus der – von ihm als einseitig bezeichneten – Liebesbeziehung zu D. auszusteigen. Nicht, dass mir dies nur Hochgefühle bescherte, gewiss nicht, zumindest aber bestärkt die Entscheidung meine Selbstachtung. Um zu einem gesunden Umgang mit mir selbst und meiner verhängnisvollen Neigung, mich unglücklich zu verlieben, zu finden, ist dies ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, wenn auch nicht das Ziel.

Unfassbar finde ich es, wenn ich betrachte, wie sich meine Schaffenskraft in den vergangenen drei Monaten verändert hat: ich habe das Gefühl, so produktiv zu sein wie nie zuvor. Das hat zwar nur bedingt mit dem Verzicht auf Alkohol zu tun, aber eben doch auch.

Hinzu kommt natürlich Elyseos Welt. Der Blog bietet mir eine Plattform, die ich zuvor schlechterdings nicht hatte. Bezüglich der bevorstehenden Wochen in Kanada macht mich das ausgesprochen neugierig. Letztes Jahr verbrachte ich insgesamt vier Monate in Portugal, um an meinem Roman zu arbeiten, allerdings war ich einen nicht unbeträchtlichen Teil der Zeit damit beschäftigt, mich von meinen Alkoholexzessen zu regenerieren. Dies fällt nun weg – mal sehen, welche Auswirkungen dies auf mein Arbeitsverhalten haben wird.

In gerade mal drei Monaten ohne Alkohol ist mein Leben alles in allem viel realistischer geworden.

Ob ich das gut oder schlecht finde, kann ich noch nicht abschätzen. Aber zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, mich wirklich zu stellen und nicht davon zu laufen, ja, nicht davon laufen zu können.

Das ist ein Fortschritt, will ich meinen. Auch wenn mich neulich eine Freundin regelrecht irritiert begutachtete, als ich meinte, ich würde vielleicht endlich erwachsen. Andererseits bin ich es leid, weiterhin als Berufsjugendlicher durch die Welt zu laufen, wie Michael Weins das in seinem Roman so schön bezeichnete und wie man es treffender über meine Generation kaum sagen könnte.

Mich schreckte an diesem Begriff – erwachsen – doch ohnehin nur die Endgültigkeit, die darin anklingt. Als abgeschlossenen Prozess vermag ich das Erwachsen-Sein noch heute nicht zu betrachten. Aber zugleich bin ich es leid, diese sinnfreie und doch so populäre Fluchtbewegung zu vollziehen, wie sie in unserer Jugendwahn-gedrillten Welt zum Alltag gehört. Ich kann mich nicht ewig jung trinken. Gut, dass ich aufgehört habe, es zu versuchen.

So weit also zu meinem kurzen Zwischenbericht.

Voller Freude erwarte ich meinen Auf- respektive Ausbruch morgen und die nun bevorstehenden zwei Monate. Ich spüre schon beinahe, wie anders das Leben jenseits des Atlantiks pulst und bin begierig, all die neuen Erfahrungen zu kosten, die dort auf mich warten.

Davon will ich euch natürlich berichten, sobald es etwas zu berichten gibt – sowohl hier auf Er nüchtert als auch unter den Reisegedanken.

Zuvor steige ich morgen allerdings in diesen Flieger…

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!           glas I

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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