Er nüchtert – Aufzeichnungen aus dem Leben eines Parias (11. März 2013)

Montag, 11. März 2013

 

Ein weiteres nüchternes Wochenende liegt hinter mir. Zu den einfachen gehörte es nicht. Am Freitag Abend stand zum zweiten Mal in meiner Abstinenzphase unser Tandem-Stammtisch auf dem Programm. Der erste hatte stattgefunden, als meine Nüchternheit gerade mal anderthalb Wochen währte. Meine schlechte Laune tags darauf hatte ich auf meine mangelnde Erfahrung mit der Situation geschoben, ohne Alkohol unterwegs zu sein.

Seltsamerweise erging es mir diesmal aber ganz ähnlich, dabei war ich unterdessen mehrmals im Nachtleben unterwegs, ohne zu trinken. Wie beim ersten Stammtisch, war es auch diesmal dort lustig. Woher die schlechte Laune tags darauf kam, vermochte ich mir auf diese Weise also nicht zu erklären.

Dennoch hatte ich am Samstag einen echten Durchhänger. Ich verbrachte den ganzen Tag vollkommen sinnlos vor dem Computer, sinnlos insofern, dass ich die meiste Zeit damit verbrachte, auf einem Gay-Portal zu surfen, was mir – ich hätte es vorher wissen können – nichts als Langeweile und ein Gefühl von Nutzlosigkeit bescherte.

Obwohl mir das bereits im Augenblick des Surfens bewusst war, übt diese Website einen unwiderstehlichen Sog aus, der vermutlich durch das schwer zu bekämpfende, wenngleich an dieser Stelle völlig unangebrachte, ja beinahe schon absurde Gefühl von Hoffnung gespeist wird. Hoffnung darauf, dass heute der Tag sei.

Der Tag wofür? Eine gute Frage. Womöglich, den Einen, Richtigen kennen zu lernen, sei es zunächst auch virtuell. Der Tag, an dem alles eine Wendung nähme. An dem die Einsamkeit durch die Geburt einer neuen Zweisamkeit gelindert würde.

Anstatt sich mit der Realität auseinanderzusetzen, vergeudete ich meine Stunden also mit vagen Hoffnungen, die, und das ist das Problem, auf diesem Portal ohnehin nie erfüllt werden. Vermutlich ist dies eine der Auswirkungen unserer Alles-wird-gut-Gesellschaft. Der Online-Supermarkt zur Partnersuche wird es richten, irgendwann.

Ich sollte es besser wissen.

Genau das ist der Grund, weshalb mir solche Tage derart unerträglich werden: Ich handle wider besseres Wissen, wider die Erfahrung, die mich selbiges Profil oft genug hat löschen lassen. Wider die Erkenntnis, dass mich allzu ausgiebiges Profile-Klicken mental stumpf und brunftig wie einen Hirsch im Wald macht.

Obschon mir all dies bereits währenddessen bewusst ist, hat die Hoffnung eine Pattex-Wirkung. Ich sehe zu, wie ich Stund‘ um Stund‘ die Toilette hinunterspüle und habe zudem das Gefühl, als sei ich vollkommen machtlos dagegen.

Dabei stört es mich überhaupt nicht, einen ganzen Tag lang nichts zu tun.

Im Gegenteil, ich würde es sogar begrüßen, wenn ich mich dabei entspannen könnte. Die vergangene Woche war hart für mich: zuerst das Wochenende mit dem Kontaktabbruch zu D., dann mein Geburtstag und schließlich die emotional aufwühlende Konfrontation bei der Literatur um Acht. Das alles war viel für mich, keine Frage.

Weshalb aber in diese Welt virtueller Sinnfreiheit flüchten?

Hinzu kam, dass ich Samstag Abend sogar die Option gehabt hätte, mit einigen Kolleginnen auf eine 90-er Party zu gehen – als aber der Abend kam, war ich bereits so genervt von meinem eigenen Verhalten, dass ich darauf keinerlei Lust mehr verspürte. Ich wusste, dass es nahezu unmöglich gewesen wäre, diesen Tag noch zu drehen. Also versuchte ich es erst gar nicht.

Außerdem wäre es mir in dieser Stimmung ausgesprochen schwer gefallen, der Versuchung, mich zu betrinken, zu widerstehen. Alkohol ist eine phantastische Möglichkeit, unerträglichen Gefühlszuständen zu begegnen.

Glücklicherweise erwache ich am Morgen nach solchen Tagen meist voller neuem Optimismus.

Womöglich war meine samstägliche Laune ein wenig der Verlorenheit geschuldet, die ich auf dem Stammtisch empfand, wenngleich ich mir nicht so recht zu erklären vermag, woher diese Empfindung eigentlich rührte. Gruppendynamiken lagen mir allerdings noch nie. Es fällt mir ausgesprochen schwer, mich in einer großen Gruppe zugehörig zu fühlen. Zumeist fühle ich mich umhergetrieben, finde keinen Anknüpfungspunkt, springe von einem zum anderen, was anfangs okay ist, mit der Zeit aber zunehmend anstrengend wird. Als Organisator trage ich noch dazu das Gewand der Verantwortung, was abzustreifen mir nüchtern noch unmöglicher vorkommt als betrunken.

Gestern leitete ich meinen Entspannungsbedarf jedenfalls in wohlgefälligere Bahnen. Nachdem ich morgens in Hannah Arendts Aufzeichnungen zum Eichmann-Prozess geschmökert hatte, verbrachte ich den Nachmittag in Schwimmbad und Sauna. Dort erholte ich mich tatsächlich und meine Aggressionen vom Vortag schwamm ich mir von der Seele.

Vergangene Woche schrieb ich auf Er nüchtert, dass das Schwere an unerwiderter Liebe sei, sich das eigene Herz brechen zu müssen, um heraus zu kommen.

Was bedeutet dies eigentlich?

Nun, für mich, der ich große Stücke auf meine Intuition halte und seit Jahr und Tag stets aufs Neue darin bestätigt werde, indem ich beispielsweise Geschehnisse im Vorhinein erahne oder auch im Nachhinein meine Interpretation von Gefühlen zwischenmenschlicher Natur bestätigt bekomme, selbst wenn sie seinerzeit seitens des Beteiligten bestritten wurden, bedeutet es Folgendes:

Meine Intuition versichert mir, dass eine besondere, amouröse Bindung zwischen mir und einem Menschen besteht, wie beispielsweise zwischen mir und D. in den vergangenen beiden Jahren. Obgleich D. dies stets leugnete, sprach sein Handeln für mich eine andere Sprache.

Diese mangelnde Passgenauigkeit zwischen einer äußeren Realität und meinem Gefühl zu ihr zu ignorieren, ist mir seit jeher unmöglich – dies gänzlich unabhängig davon, was mein Umfeld mir zu versichern oder wovon es mich zu überzeugen versucht. In meiner Gewissheit nehme ich es in Kauf, dass meine Mitmenschen mich für realitätsfremd halten und mir raten, mich aus einer derartigen Situation zu lösen. Solange ich mir meines Gefühls und der zugehörigen Intuition sicher bin, tastet mich dies kaum an.

D.s Verhalten, mag er mich auch – zumeist sogar konsequent – vordergründig zurückgewiesen haben, passte für mich ins Bild, das meine Intuition heraufbeschwor, selbst wenn dies bedeutet, seine Flucht letzten Endes als Zustimmung zu meiner Wahrnehmung zu deuten.

Nun will ich diese Angelegenheit gar nicht weiter ausführen, sondern vielmehr erklären, was es bedeutet, mein eigenes Herz zu brechen.

Bezüglich einer solchen Situation, wie der hier kurz beschriebenen, bin ich also voll unerschütterlicher Sicherheit und Hoffnung. Ich vertraue, basierend auf ein ums andere Mal gewonnener Erfahrung, auf die Wahrhaftigkeit meiner Wahrnehmung. Daran hat sich auch nach beinahe zwei Jahren nichts geändert.

Um aus dieser Lage nun herauszukommen, muss ich diese Stimme – die zuverlässige und für mich unhinterfragbare Triebfeder meines Seins – abtöten, wenn auch nur für eben diese eine Situation (ironisch mutet es an, dass mein i-tunes-Zufallsgenerator gerade Eternal Flame spielt).

Ich muss mir selbst versichern, es gebe keine Hoffnung, obschon ich vom Gegenteil überzeugt bin. Nichts werde je so sein, wie ich es mir erträume, heißt es jener hartnäckigen Stimme klar zu machen.

Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, weil ich mir selbst keinen Glauben schenke.

Zugleich aber weiß ich, dass ich diesen Kampf gewinnen muss, will ich endlich aus dieser Spirale des Leids und der Traurigkeit ausbrechen.

Mir selbst zu beweisen – oder zumindest solange beharrlich zu versichern, bis meine Intuition aufhört, dagegen aufzubegehren –, dass keinerlei Hoffnung besteht, dass einzig, alle Träume für ein Wir zu begraben, die Lösung sein kann – das bedeutet, mir selbst das Herz zu brechen.

Zumindest verschafft mir die anhaltende Nüchternheit die Erkenntnis, dass dies wohl der Weg ist. Mit den notwendigen Zusatztalenten wie sich selbst tragendem Glück und menschenunabhängiger Gelassenheit hat sie mich bislang leider noch nicht ausgerüstet. Womöglich kommt das noch!

 

 

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Foto: Franco Rabazzo. Herzlichen Dank!                    glas I

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