Von Edelmut und einem überfälligen Versuch von Selbstbespiegelung

Ich sende Euch nach drei Wochen mal ein paar herzliche Grüße aus Lisboa.
Portugal ist fantastisch, nun, eigentlich kann ich das gar nicht allgemein beurteilen, da ich die Hauptstadt praktisch noch nicht verlassen habe – aber ich muss sagen, ich bin rundum begeistert. Die Stadt, die Menschen – unglaublich schön. Nach so vielen Jahren, die ich beinahe nur in Spanien verbrachte, bin ich regelrecht angetan von der portugiesischen Mentalität, dieser Edelmut, dieser Ernsthaftigkeit und des womöglich bisweilen ein wenig überkommen anmutenden Ehr- und Moralverständnisses. Ein guter Ort für mich derzeit.
Beinahe anderthalb Jahre nach meiner Trennung von Manu wage ich es wohl zum ersten Mal zur Ruhe und zu mir zu kommen, was nicht immer ganz einfach ist und dennoch umso bedeutsamer. Vieles, was ich bei der Betrachtung meiner selbst vorfinde, will mir nicht recht gefallen und anstatt wie bislang einfach darüber hinwegzugehen, bemühe ich mich, mich zu stellen, auch wenn es unangenehm ist und Antworten zu finden auf Fragen, von denen ich bislang oftmals nicht einmal wusste, dass sie für mich existieren.
Diese Fragen sind ganz unterschiedlicher Natur, drehen sich um Süchte (Zigaretten, Alkohol, Nähe), um grundsätzliche Moral-Vorstellungen in meinem eigenen Leben (manchmal frage ich mich, ob ich dergleichen gerade überhaupt besitze) und einfach um eine komplette Neu-Orientierung. Viel zu lange habe ich nur auf äußere Einflüsse reagiert, habe die Verantwortung für mich selbst abgegeben und mich hinter meine diversen Niederlagen versteckt – allen voran natürlich hinter meiner gescheiterten Beziehung.
Ich habe derzeit den Eindruck, dass ich all das das erste Mal mit einer gewissen Distanz betrachten kann und das ich auch endlich mal meinen Teil der Verantwortung für dieses Scheitern zu übernehmen vermag. Gewiss war die Trauer um Manu wichtig, aber noch viel wichtiger ist es wohl, endlich meine Lehren aus all dem zu ziehen.
Die erste Konsequenz scheint relativ einfach. Wenn ich mir einer Sache deutlicher denn je bewusst bin, dann wohl der, dass sich mein persönliches Wertesystem stark in Richtung Loyalität bewegt hat. Nichts scheint mir momentan wichtiger als eben dies: Loyalität.
Diese Erkenntnis beeinflusst mein Denken in vielerlei Richtungen – denn es macht mir auch klar, mit welcher Leichtfertigkeit ich meine Beziehung zum Teil aufs Spiel gesetzt habe, weil ich selbst womöglich zumindest aus Manus Perspektive nicht loyal genug war. Ich wünsche mir sehr, dass ich diese Lektion so weit verinnerlicht habe, dass ich in Zukunft anders zu handeln im Stande bin.
Wenn man, so wie ich im Augenblick, nach so langer Zeit endlich mal wieder den Mut findet, sich den Problemen im eigenen Leben und in der eigenen Persönlichkeit (letzteres ist noch viel schwieriger, erfordert es doch ein noch höheres Maß an Aufrichtigkeit) zu stellen, sinkt einem bisweilen schon der Mut. So viele Baustellen, an denen es zu arbeiten gilt, so viele Verhaltensweisen, die des Überdenkens bedürfen, so viele Ansatzpunkte auf einmal. Ist es überhaupt möglich, all dies zu verändern? Eine rechte Antwort vermag ich mir darauf bislang noch nicht zu geben, aber ich bin zumindest an dem Punkt angelangt, dass ich gedenke, es zu versuchen.
Ansonsten verbringe ich meine Zeit hier damit, diese wunderbare Sprache zu lernen – unterdes kann ich gar nicht mehr verstehen, wie ich das Portugiesische früher nicht mögen konnte, empfinde ich den Klang und die Melodie mittlerweile doch als so liebenswert, dass mein Herz aufgeht, wenn jemand einfach nur in dieser Sprache erzählt. Dennoch ist das Erlernen der Aussprache für mich mit deutlich mehr Schwierigkeiten verbunden als bei jeder anderen Sprache zuvor – all diese Nasale, die ungewohnten sch-Laute, die Verkürzungen – manchmal fürchte ich, ich werde mich für immer wie ein „deficiente mental“ – ein „geistig Minderbemittelter“ – anhören, wie Diogo das so liebevoll zu formulieren verstand. Dann allerdings höre ich meine spanische Mitbewohnerin und denke, ich unternehme wenigstens den Versuch, an meiner Aussprache zu arbeiten, wohingegen sie noch nicht einmal bemerkt zu haben scheint, dass es Unterschiede zwischen den beiden Sprachen gibt (verzeiht meinen Sarkasmus, aber übertrieben ist diese Beobachtung nicht).
Meine Tage verbringe ich zum größten Teil damit, durch die verschiedenen Stadtteile Lisboas zu streifen, mich in den verwinkelten Straßen zu verlieren und irgendwann wieder an einem Ort aufzutauchen, den ich erkenne. Überall gibt es wundervolle kleine Details zu entdecken, Häuser, Graffitis, Statuen, Aussichtspunkte etc.
Auch das Nachtleben hier kann sich natürlich sehen lassen, am Wochenende quellen die Straßen des Bairro Alto über vor Menschen, die draußen stehen, trinken, rauchen und sich unterhalten. Das Wetter hier ist unterdes ohnehin sommerlich, sodass keine Gefahr besteht, zu erfrieren.
Unterdessen bin ich schon zweimal von wildfremden älteren Männern zu einem Glas Wein eingeladen worden – das erste Mal direkt am Tag nach meiner Ankunft, als ich allein in einem Restaurant saß und ein Portugiese meinte, ich bräuchte mittags um zwei unbedingt noch ein zweites Glas Rotwein (nun, ich war nicht sicher, ob das stimmte, trank es aber dann doch und war leidlich angeheitert infolge) und das zweite Mal vorgestern Abend, als ich mit meiner derzeitigen Mitbewohnerin, die witzigerweise auch aus Köln stammt, auf der Straße nach dem Weg zu einem Fado-Lokal fragte, ein älteres Ehepaar uns dann mit dem Auto mitnahm und der Mann darauf bestand, dass er uns unbedingt den Pavilhão chinês, eine ziemlich edle Bar, zeigen müsse und uns dort dann einen Drink spendierte. Abgefahren. Ich habe immer das Gefühl, dass so etwas in Deutschland nicht passieren würde…
So, jetzt werde ich mich mal an die Arbeit an meinem Roman machen. Es ist gar nicht so einfach nach einer solch langen Auszeit wieder hineinzufinden, gerade wo mir auch so viele andere Gedanken durch den Kopf schwirren. Aber ich gebe mir Mühe und komme langsam aber stetig voran – gut Ding will eben Weile haben.
Ich umarme Euch innig und würde mich freuen, wenn Ihr mich wissen lasst, wie es Euch geht, da das viele Alleinsein hier bisweilen durchaus eine Herausforderung darstellt. Insofern ist es schon von meinen Lieben zu hören.

Abraços,

Elyseo

Lisboa, 26. März 2012

1 Gedanke.

  1. Hallo Elyseo, bin begeisert deine offenen, aufrichtig ehrlichen Gedanken und Eindrücke zu lesen und auf mich wirken zu lassen… Selten so viel Tiefgründigkeit in unserer (Rother/Ulich)Ursprungsfamilie gefunden!!!
    Habe heute deinen Dad seit 15 Jahren das erste mal wiedergetroffen, ausgefragt und beschlossen den Kontakt zu dir zu suchen!
    Würde dich gerne persönlich treffen und mich mit dir über deine Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen.
    Arbeite inzwischen seit einigen Jahren neben meiner Op-Schwesterntätigkeit als Parapsychologin( was immer die Leute darunter verstehen;)RÜckführungs-und Clearingstherapeutin .. Und versuch seit einigen Jahren mein ich hinter der Fassade zu entblößen ..??
    Würd mich sehr freuen mehr über dich und dein Erlebtes zu erfahren!!!
    Freu mich auf mehr von dir
    Liebevolle Grüße Andrea

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