Die hohe Kunst des Datens

Bisweilen werde ich gefragt, ob ich    viel date .

Ehrlich gesagt, weiß ich nie so recht, was ich auf diese Frage antworten soll – vom Offensichtlichen, nämlich, dass ich mich ohnehin kaum mit jemandem in romantischer Absicht treffe, mal ganz abgesehen.

Daten? Was ist mit diesem Wort eigentlich gemeint?

Deutsch ist eine sehr integrative Sprache, gewiss, insofern habe ich es längst aufgegeben, mich gegen die Bildung neuer, dem Englischen entlehnter Verben zu wehren. Googlen, skypen, chatten – alles kein Problem. Surfen, flirten, downloaden – alter Hut. Aber daten? Selbst wenn ich neuen Wörtern offen gegenüberstehe, hilft es mir doch, zu verstehen, was mit ihnen gemeint ist.

Was also bedeutet daten?

Glücklicherweise hatte ich Gelegenheit, mich während meines zweimonatigen Kanada-Aufenthaltes mit dem Konzept dating vertraut zu machen. Hatte ich allerdings die Erwartung gehegt, dies ließe mich bezüglich der Verwendung des Wortes im Deutschen klarer sehen, weit gefehlt. Das Wort in seiner amerikanischen Bedeutung zu gebrauchen, mutet in unserer Gesellschaft schlechterdings absurd an.

Offen gestanden schockierte es mich, welcher Natur der kanadische Umgang mit dem sogenannten Dating ist.

Ist es hierzulande vollkommen üblich, dass Menschen zu zweit ausgehen – handle es sich um Mann und Frau, Frau und Frau, Mann und Mann – erscheint ein solches Verhalten den Kanadiern im höchsten Maße verdächtig.

Sehe ich zwei Menschen miteinander an einem Tisch sitzen, verschwende ich im heimatlichen Umfeld keinen weiteren Gedanken daran. In Kanada jedoch ließe ein solches Zweier-Treffen die Alarmglocken der Menschen ringsumher aufschrillen: Sind die beiden ein Paar? Wenn nicht, dann aber doch wohl auf dem besten Wege dahin, oder?

Freunde, so wurde mir erzählt, hakten, wenn sie solche Zweiergruppierungen bemerkten, unerbittlich nach, ob die beiden sich denn dateten?

Daten ist im amerikanischen Gebrauch verbindlich romantisch. Zweiertreffen sind ebenso verbindlich Dates.

Eine kanadische Freundin gestand mir, sie scheue davor zurück, sich mit ihrem ehemaligen Mitbewohner und jahrelangem Freund allein zu treffen, weil dies gewiss zu Gerüchten führe.

Überraschenderweise gibt es sogar einen anerkannten Fahrplan, was in welcher Stufe einer Bekanntschaft angebracht oder unangebracht sei. Eingeweihte vermögen also an der Art eines Treffens mit hoher Genauigkeit abzulesen, wie weit die Annäherung des potentiellen Paares bereits gediehen ist.

Gemeinsamer Cafébesuch von maximal einer Stunde Dauer: offenbar gerade erst kennen gelernt.

Abendlicher Restaurantbesuch von mehrstündiger Dauer: da ist was im Busch!

Einladung zum Essen in der Wohnung eines Beteiligten: uiuiui, jetzt wird es aber zu privat! Diese Absichten sind eindeutig.

Die traurige Konsequenz aus einem solch starren Konzept ist, dass es in Kanada praktisch ausgeschlossen ist, dass sich zwei Menschen aus reinem Vergnügen oder dem Bedürfnis nach gegenseitigem Austausch treffen. Ein solches Treffen würde allseits mit großem Argwohn betrachtet, es sei denn, einer der Beteiligten wäre homosexuell, der andere indes nicht. Selbst wenn beide beteuerten, dass keinerlei romantisches Interesse am anderen bestünde, würden Mitglieder des Freundeskreis solange bohren und bohren, bis diese Treffen sich entweder in echte Dates verwandelten oder beide Beteiligten sie entnervt einstellten.

Selbst mein argloses Abendessen mit einer Freundin in Victoria, so wurde mir versichert, ließe den Außenstehenden eindeutige Schlüsse ziehen. In meiner unbeschwert deutschen Naivität muss ich mit meinen zahllosen Dates den wohlwollend beobachtenden Kanadier in tiefste Bedrängnis gestürzt haben. Derartige Promiskuitivität geht entschieden zu weit.

Ganz zu schweigen von der unwiderruflichen Schädigung, die ich dem Ruf meines armen Freundes J. zufügte. Kaum dass er selbst in seiner neuen Wohnung eingezogen war, zog ein anderer Kerl zu ihm! Den Ruf als Schwuler dürfte er sein Lebtag nicht mehr loswerden.

Die Folge solch starrer Denkschemata: die Kanadier bewegen sich abends gemeinhin in größeren Gruppen. Zumeist allerdings gehen solche Gruppentreffen zu Lasten der Kommunikation. Tiefe Gespräche in größeren Gruppen zu führen, ist beinahe unmöglich. Das bedeutet, die Konversation wandelt über die schmale Klippe des Smalltalks und kommt kaum darüber hinaus.

Zugleich hat die kanadische Variante des Wortes daten noch eine zweite Bedeutung. Unabhängig vom romantischen Candle-Light-Dinner ist nämlich die Formulierung A is dating B gleichbedeutend damit, dass A und B eine Beziehung miteinander führen. Wer diese Formulierung benutzt, lässt keine Zweifel offen.

Wie lobe ich mir da die deutsche Offenheit bezüglich Zweisamkeit .

Hierzulande ist es gänzlich unverdächtig, wenn zwei Menschen sich treffen, egal, ob zu Hause oder im Lichte der Öffentlichkeit. Niemand wird ihnen zwangsläufig romantische Absichten unterstellen, geschweige denn perverse, kein Freund sähe sich bemüßigt, auf eben solche hinzuwirken. Unser Umgang mit diesem Thema ist ungleich freier.

Darüber bin ich ausgesprochen froh, fiele es mir doch schwer, auf den vertrauten Austausch unter vier Augen verzichten oder mich stets rechtfertigen zu müssen, wenn ich mich nicht im Kreise vieler Menschen bewegte.

Was aber bedeutet die Frage Datest du viel?, wenn sie hierzulande jemand an mich richtet? Was genau möchte betreffender Fragesteller in Erfahrung bringen? Interessieren ihn meine romantischen Candle-Light-Dinner? Die Partnerschaften in meinem bisherigen Leben? Mein Sex-Leben?

So ich dies nur wüsste!

Regelmäßig fühle ich mit der Beantwortung dieser Frage überfordert. Ich verstehe sie einfach nicht.

Natürlich ist Sprache ein lebendiges Konstrukt. Sie verändert sich beständig, nimmt neue Wörter auf, deutet alte um. Daran gibt es nichts zu rütteln. Nichtsdestoweniger frage ich mich im Falle des neudeutschen Verbes daten, ob die Menschen, die es benutzen, sich eigentlich darüber im Klaren sind, was es damit auf sich hat. Wollen sie unser Verhalten tatsächlich dem amerikanisch-wohlgefälligen Klang eines Wortes zuliebe in jene starren Muster pressen?

Wollt ihr also wissen, wie viele Beziehungen ich in meinem Leben geführt habe, so fragt mich eben dies. Wollt ihr wissen, wie häufig ich mich zu Candle-Light-Dinnern oder romantischen Treffen im Autokino verabrede – ich werde euch die Antwort nicht vorenthalten. Und was mein Sexleben angeht – nun, ein Gentleman schweigt und genießt, nicht wahr?!

 

Foto: Justin Lowery . Herzlichen Dank!           Candlelight Dinner

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2 Gedanken.

  1. Ich musste doch schmunzeln, als ich Deinen Artikel gelesen habe 🙂 Wobei ich schon denke, dass „daten“ den Sinn eines „Treffens“ hat. So wie ich zum Beispiel ein Date mit meiner Badewanne habe…. Es überrascht mich, dass die Kanadier da so eingefahren sind….

    • Das hat mich allerdings auch überrascht! Ich habe mich über Wochen immer mal wieder mit dem Thema befasst und verschiedene Menschen dazu befragt – ich empfand es gelinde gesagt als schockierend!

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