David Mitchell – Number 9 Dream. Ein Nachklang

number 9 dreamDavid Mitchells Number 9 Dream ist ein Buch wie ein Drogenrausch: Verrückt und unberechenbar.

Permanent pendelt es an der Grenze zwischen Realität und Wahn. Dabei bleibt eines unangetastet: Der Brite Mitchell ist der wohl raffinierteste Erzähler unserer Zeit.

Number 9 Dream erzählt die Geschichte des 20-jährigen Eiji Miyake, der von einer abgeschiedenen japanischen Insel ins Tokio der Jahrtausendwende kommt, um seinen Vater zu suchen. Dieser ließ Eijis Mutter fallen, als Eiji und seine Zwillingsschwester kaum auf der Welt waren. Es schickt sich nicht für eine Konkubine, Kinder zu bekommen. Allein gelassen flüchtete die Mutter sich in den Alkohol und schob ihre Kinder zu deren Großmutter ab.

Tokio erweist sich als gefräßiger Hai und droht Eiji mit Haut und Haaren zu verschlingen – wären da nicht Buntaro, der Eiji eine Wohn-Kapsel vermietet und ihm mehr und mehr zum Freund wird, und die Kellnerin mit „dem schönsten Hals der Welt“, die aus Eijis Fantasien in sein reales Leben tritt.

Es sind andere, die sich Eijis Suche in den Weg stellen: die verschlagene Anwältin Akiko Kato, die neue Familie von Eijis Vater und nicht zuletzt ein Bandenkrieg zweier Tokioter Yakuza-Gangs.

Dies ist die vordergründige Geschichte von Number 9 Dream. Wie immer bietet auch dieser Roman Mitchells jedoch viel mehr. Um Dir nur einen kleinen Eindruck zu vermitteln:

Da gibt es die Vorstellungen in Eijis Kopf, die die Realität ständig zu unterminieren drohen; es gibt Fabeln um eine Figur namens Goatwriter, die an Alice im Wunderland erinnern; John Lennon, auf dessen gleichnamiges Lied der Romantitel anspielt, taucht auf; ein japanischer Donnergott verliert seinen Kopf; eine Gruppe heroischer Kämpfer zu Ende des 2. Weltkrieges sucht den Untergang des japanischen Kaiserreichs zu verhindern und vieles mehr.

Schließlich ist Number 9 Dream natürlich auch eine Geschichte von Träumen.

Denn Träume, so versichert eine steinalte Dame Eiji im Zug, Träume sind Küsten, an denen der Ozean des Geistes auf das Land der Materie trifft. Strände, wo die Noch-nicht-Gewesenen, die Einst-Gewesenen und die Niemals-Sein-Werdenden inmitten der Noch-Seienden spazieren gehen können.

Mitchell entführt uns in Number 9 Dream auf einen solchen Spaziergang, der die Grenzen verwischt. Seine Literatur ist der Versuch, auch heute noch ohne festen Rahmen auszukommen, an dem der Stringenz-süchtige Leser sich festhalten könnte. In ihrer Rohheit erinnern Mitchells Romane an ungeschliffene Diamanten. Es ist der Leser selbst, der in die Bergwerke seiner Fantasie hinabsteigen muss, um diese Geschichten für sich zu entschlüsseln.

Insofern sind Mitchells Bücher nichts für zwischendurch. Sie fordern den Leser. Das könnte anstrengend sein. Ist es bisweilen auch, weil Mitchells Romane nie einfach zu lesen sind. Andererseits zeichnet eben das David Mitchells Meisterschaft aus: Selbst Geschichten, die oberflächlich betrachtet rein gar nichts mit der Handlung zu tun haben, verflicht er so gekonnt mit der Haupthandlung, dass letzten Endes ein Gewebe daraus entsteht, dessen einzelne Fäden sich gegenseitig stärken. So abseitig die Handlung im Moment, in dem der Autor sie ins Geschehen wirft, auch sein mag, genügen Mitchell doch wenige Seiten, um den Leser auf neuen in den Bann seiner Geschichten zu ziehen.

Was entsteht, ist ein Kompendium verschiedenster Erzählungen, die im Falle von Number 9 Dream letztlich mehr, so viel mehr sind, als die Geschichte eines japanischen Jungen, der seinen Vater sucht und diesen Roman damit weit über die Durchschnittsliteratur hinausheben.

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