David Hockney – A Bigger Picture. Ein Nachklang

Wenn ich eins auf der David-Hockney-Ausstellung „A Bigger Picture“ im Kölner Museum Ludwig erneut feststellen durfte, dann, wie wenig Fotos von Kunstwerken doch mit den Werken selbst gemein haben. Schon aufgrund der Fotos, die ich zuvor gesehen hatte, bekam ich Lust, die Ausstellung zu besuchen, als ich am Samstag dort war, übertraf sie jedoch all meine Erwartungen bei Weitem.

Oft habe ich das Gefühl, dass es mir schwerfällt, Zugang zu den Werken zeitgenössischer Künstler zu finden – ganz anders indes bei den Bildern des Briten David Hockney (* 09. Juli 1937, Bradford, Yorkshire). Ich betrat den ersten Saal der Sonderausstellung und sogleich zog mich die Farbgewalt des Hockneyschen Schaffens in ihren Bann.
In „A Bigger Picture“ werden vornehmlich Werke gezeigt, die in den vergangenen zehn Jahren entstanden sind und mit den weithin bekannten Swimmingpool-Bildern wenig gemein haben. Die Grundmotivik eines Großteils der Bilder ist Hockneys Heimat Yorkshire.
Kritische Stimmen ließen verlauten, dass in der Ausstellung nichts als Bäume, Baumstämme und Landschaftsbilder gezeigt würden. Dies ist nicht zu leugnen und greift dennoch zu kurz. Gewiss, David Hockney widmete sich in den vergangenen Jahren der Landschaftsmalerei, doch auf eine Weise, die wenig mit dem abbildenden Aspekt der Fotografie zu tun hat. Die Motivwahl mag eng begrenzt sein, die entstandenen Bilder jedoch sind mannigfaltig.
Eines der Anliegen David Hockneys ist es, einen Landschaftsausschnitt ein ums andere Mal zu malen und auf diese Weise aufzuzeigen, inwiefern er den Veränderungen im Wechsel der Jahreszeiten unterworfen ist.


Mir gefällt diese Herangehensweise, vor allem, da Hockney eben nicht daran gelegen ist, naturidentische Abbildungen zu erschaffen. Eher stellt er, häufig vermittels leuchtender Pink-, Violett-, Grün- und Türkis-Töne, die Szenerien auf sehr subjektiv empfundene Weise dar. Die sich wiederholenden Motive verleihen diesen Zyklen den Charakter von Projektstudien. Maler wie Betrachter vermögen dieserart den dargestellten Gegenstand tiefer zu erfassen.
Besonders augenfällig erschien mir dies in einem Zyklus, der durch das Motiv gewissermaßen aus dem Rahmen der restlichen Ausstellung fällt: Hockney variiert ein Gemälde des Franzosen Claude Lorraine aus dem Jahre 1656, das eine Szene der Bergpredigt aus dem Matthäusevangelium zum Thema hat. Hockneys Interpretationen nun umspielen dieses Original, nähern sich an, entfernen sich. Seine Fassungen beleuchten die Szene aus unterschiedlichen Perspektiven – mutet die eine kubistisch an und lässt gedanklich Picassos Meninas-Variationen aufblitzen, scheint die nächste mit dem aufgezeichneten Motto „L O V E“ eher dem Flower-Power-Gedanken verpflichtet, eine weitere abstrahiert Christus und die Jünger gänzlich und rückt die beobachtenden Hirten in den Vordergrund (interessante Sichtweise, drängte sich mir doch umgehend die Frage auf, ob nicht die Verbreitenden in diesem Falle tatsächlich bedeutsamer gewesen sein mögen, als die verbreitete Lehre) und schließlich findet sich der Ausstellungsbesucher vor einer gewaltigen aus 30 Leinwänden bestehenden Darstellung der Szene wieder, die ihn durch ihre schlichte Größe überwältigt.
David Hockneys Fähigkeit, ein Thema restlos zu durchdringen, beeindruckte mich und hat für mich persönlich Vorbildcharakter.

Malerei ist jedoch nicht die einzige Ausdrucksform, die der Tausendsassa Hockney in der vergangenen Dekade wählte. Er entdeckte zudem die iPad-Malerei für sich und führte sie innerhalb von wenigen Jahren zur Perfektion. Wirken manche Werke aus dem Yosemite-Nationalpark noch grob und etwas ungelenk, überrascht der Saal, der dem Zyklus „The Arrival of Spring in Woldgate“ gewidmet ist, mit iPad-Gemälden, die kaum mehr als bloße Computerspielerei geschmäht werden können.
Ohnehin ist dieser Saal wohl der beste der gesamten Ausstellung. Das überbordende, fantasiesprühende Ölgemälde auf 32 (!) Leinwänden und die rund 50 iPad-Gemälde ringsumher sind wunderbar präsentiert und bekommen den angemessenen Raum, was ansonsten das einzige, wenngleich unumgängliche Manko einer Ausstellung dieser Größenordnung ist: Hockneys monumentale Werke bräuchten bisweilen mehr Platz, dem Betrachter fehlt mitunter die Möglichkeit, genügend Distanz zu den Bildern einzunehmen.
Dies ist bedauerlicherweise auch das Problem bei einer weiteren ausgestellten Technik Hockneys: den Multifokusfilmen. Mithilfe von neun verschiedenen Kameras zeichnet Hockney Landschaftsaufnahmen aus subtil unterschiedlicher Perspektive und mit variierender Geschwindigkeit auf, die er später auf neun quadratisch angeordneten Monitoren zeitgleich ablaufen lässt. Der Betrachter ist zunächst überrascht, da es sich bei all den Bildschirmen ja um die gleiche Landschaft zu handeln scheint und erst auf den zweiten Blick klar wird, dass es sich um eine Art Video-Collage handelt.


Diese Technik der Variation desselben Motivs innerhalb eines Gesamtwerkes verwendet David Hockney mehrmals, so auch beim Bilder-Zyklus „Woldgate Woods“ im Raum zuvor. Einzelbilder ergeben zusammen ein Ganzes, werden jedoch so gerahmt, dass ein Raster sichtbar und die Übergänge unscharf bleiben. Je weiter sich der Betrachter vom Bild entfernt, desto größer ist die Tiefenwirkung, die das Gemälde zu entfalten vermag.

Hockneys Kunst der vergangenen Dekade erinnert mich in ihrer Verspieltheit, in ihrer Farbwahl und teils auch in ihrer Malweise an die Impressionisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Es ist eine Freude, durch die Ausstellung „A Bigger Picture“ zu streifen und sich von David Hockneys Weltsicht inspirieren zu lassen.
Vor allem, da dem naiven Betrachter wie mir auch bei zeitgenössischer Kunst noch immer daran gelegen ist, diese schön und bewegend zu finden.
Keine Frage, bei der Betrachtung der leuchtenden, vor Leben sprühenden Gemälde Hockneys stellte sich dieses Gefühl von Faszination und Bewunderung von selbst ein. Insofern verließ ich das Museum Ludwig rundum zufrieden und mit der Gewissheit, dass es doch lohnt, sich auch mit den aktuellen Bewegungen im Kunstgeschäft auseinanderzusetzen, selbst wenn es womöglich dem ein oder anderem Künstler nicht gelingt, jenes Gefühl von Ergriffenheit in mir zu erwecken, wie es ein David Hockney vermag.

Elyseo da Silva,

Köln, 29. Januar 2013

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