Das wenig aufschlussreiche Kopfschütteln der Lehmännin

Da stand ich also, mit nichts weiter als einer Seppelhose bekleidet, und starrte den beiden hinterher. Sollte das ihr Ernst sein? Wollten sie mich hier einfach im Stich lassen? Ich konnte es nicht glauben. Die verblassenden Rücklichter des Volvo ließen mir indes wenig Wahl. Ein eisiger Wind fuhr mir durch das Haar und ließ meine Brustwarzen hart werden.

Düster betrachtete ich den Ammersee und die schneebedeckten Berge im Hintergrund. Idyllisch. Ich könnte kotzen.

Wohin sollte ich mich in diesem Aufzug wenden? Noch nicht einmal die Schuhe hatten sie mir gelassen. Glücklicherweise war um diese Zeit nicht mehr viel los, sodass kaum zu befürchten stand, dass ich mich erklären musste oder mal wieder als Perverser abgestempelt wurde. Die Dorfseele zeigte sich empfindlich, was Perversion anging. Das war seit jeher so gewesen, wie ich zu meinem eigenen Leidwesen hatte erfahren dürfen. Dabei war die Geschichte mit Ruth damals wahrlich nicht einseitig gewesen. Wie hätte ich ahnen sollen, dass ausgerechnet die alte Lehmännin an jenem Abend durch die Fenster des Holzschobers spähen würde. Nein, diesbezüglich hatte ich mir wenig vorzuwerfen. Dennoch war ich den Riederauern seither verdächtig geblieben. Nun, das konnte ich nicht ändern und in diesem Augenblick hatte ich tatsächlich dringlichere Sorgen.

Widerstrebend setzte ich mich in Bewegung. Der eisige Asphalt biss in meine verweichlichten Fußsohlen. Nein, ein Bauernbursche war ich nicht, nie gewesen. Sonst steckte ich wohl auch nicht in dieser vermaledeiten Lage. Außerdem hätte ich dann Hornhaut an den Füßen. So aber biss ich bei jedem Schritt die Zähne zusammen. Womit hatte ich das nur verdient?

Hätten sie mir doch wenigstens mein verfluchtes Handy gelassen. Bis Riederau waren es mehr als drei Kilometer. Vermutlich würde ich erfrieren. Morgen fände mich dann irgendein beschissener Tourist, der in Hochstimmung aus seinem Wagen steigen würde, um ein Foto von der gottverdammt idyllischen Landschaft zu schießen. Hoffentlich wäre mein bemitleidenswerter Anblick nicht zu viel für seinen Touristendünndarm.

Dergleichen Gedanken begleiteten mich auf meinem Weg die Landstraße entlang.

Ich war noch keine fünfhundert Meter gelaufen, da hörte ich das Motorengeräusch.

Hatten sie es sich anders überlegt?

Nicht ohne meine zornigste Miene aufzusetzen, drehte ich mich um. Sie brauchten sich nicht einzubilden, dass ich so einfach zu Kreuze kriechen würde. Schon aus der Entfernung allerdings sah ich, dass es sich keineswegs um den Volvo handelte.

Was sollte ich jetzt machen? Meine Lust, in der Idylle zu erfrieren, hielt sich gelinde gesagt in Grenzen. Aber wie wollte ich meinen Aufzug erklären? Die gelben Scheinwerferaugen wurden rasch größer. Noch hatte ich die Chance, mich ins Gebüsch zu schlagen. Das Licht hatte mich bislang nicht erfasst. Und selbst wenn, könnte ich womöglich als aufgeschrecktes Reh durchgehen, wäre ich nur schnell genug. Schließlich hatten die meisten den Infobrief vor wenigen Tagen gelesen und noch immer die verstörenden Bilder mutterloser Rehkitze und hingemetzelter Bambimütter vor Augen.

Ein spitzer Stein bohrte sich in meine Fußsohle. Nein, ich war einfach nicht für nächtliche Barfußwanderungen gemacht! Entschlossen trat ich in die Mitte der Landstraße und winkte. Hoffentlich würde ich nicht enden wie die bedauernswerten Bambimütter.

Doch der Wagen bremste.

Geblendet vom Scheinwerferlicht vermochte ich zunächst nichts zu erkennen. Ich ging zur Fahrerseite hinüber, wo ich hörte, wie die Scheibe heruntergekurbelt wurde.

Ich beugte mich hinab und blickte in das Gesicht einer Eule. Riesige Brillengläser und verzerrte Augen, die mich prüfend ansahen. Das Herz rutschte mir in die Seppelhose.

„Eine Wette“, erklärte ich lächelnd. Die Eule verzog keine Miene. „Könnten Sie mich nach Riederau mitnehmen?“

Es musste sich – aller Unwahrscheinlichkeit zum Trotz – tatsächlich um eine Eule handeln. Ihre Augen zwinkerten nicht. Selten in meinem Leben hatte ich mich so erniedrigt gefühlt. Noch nicht einmal als die alte Lehmännin die kleine Geschichte zwischen Ruth und mir im ganzen Dorf breitgetreten hatte. Nach einer Weile hatte ich selbst das hämische Kläffen überhört, wenn ich an den Leuten vorbeiging.

Wuff war mir als Spitzname trotzdem geblieben. Wieder einmal ein Beweis dafür, dass meine Theorien allzu oft ins Leere liefen. Ich war felsenfest davon überzeugt gewesen, dass die Riederauer ihren Spaß an dem Namen verlören, wenn ich ihn nur beharrlich genug ignorierte.

„Steig schon ein“, erklang da die rauchige Stimme der Eule. Ein Schauer rieselte mir den Rücken hinab. Eine Mischung aus Kälte und Wollust. Erstere Empfindung schrieb ich den Außentem­peraturen, zweitere der Erinnerung an die Geschichte mit Ruth zu.

Fügsam umrundete ich das Gefährt, einen klapprigen Fiat, der mir aus der Zeit vor dem Krieg zu stammen schien. Ich war indes nicht sicher, vor welchem Krieg. Als ich versuchte, die Beifahrertür zu öffnen, rührte sich zunächst nichts. Ich rüttelte heftig am Griff.

„Du musst mit dem Fuß dorthin treten, wo das Scharnier ist“, troff mir die rauchige Stimme der Eule ins Ohr.

Ich gehorchte. Dummerweise hatte ich vergessen, dass ich keine Schuhe trug.

„Verdammt“, fluchte ich, als ich meinen großen Zeh betrachtete, der schnell anschwoll.

Immerhin war die Tür jetzt offen.

Ächzend ließ ich mich auf den Beifahrersitz sinken.

Mit meinem linken Fuß schob ich einige leere Cola-Becher zur Seite und versuchte mir keine Gedanken darüber zu machen, welche Flüssigkeit mir da wohl gerade über den Fußrücken rann. Vielmehr bemühte ich mich, mir die Verbesserung meiner Lage vor Augen zu führen. Genüsslich inhalierte ich die überheizte Autoluft. Den Zigarettenrauch.

„Können wir?“

Ich nickte. Mit quietschenden Reifen fuhr die Eule an.

Die Eule mochte um die fünfzig sein. Ihre Haut wirkte ledrig, das fahlblonde Haar fiel ihr freudlos in den Nacken.

„Sie sind nicht aus der Gegend“, stellte ich fest. Die Eule nickte kurz angebunden und bedachte mich mit einem abschätzigen Blick, ganz so, als hätte ich mir in meiner Seppelhose das Recht verwirkt, unpassende Fragen zu stellen. Sie drückte auf den Zigarettenanzünder und fingerte eine Kippe aus einem Softpack. Sie war zerbrochen. Wortlos warf die Eule die Zigarette auf den Müllberg neben meinen Füßen und angelte nach einer zweiten.

„Für die Götter.“

Mit einem Klicken schnappte der Zigarettenanzünder hinaus.

Rauchschwaden erfüllten den Innenraum. Ich griff zur Kurbel, um das Fenster einen Spalt zu öffnen.

„Lass das.“ Ihre Stimme duldete keine Widerrede.

„Es ist kalt draußen!“ Als ob ich das nicht gewusst hätte.

Ich blickte schweigend durch die Windschutzscheibe. Vor uns tauchte Riederau auf. Auf der Straße klebten die Überreste eines zermatschten Rehs. Kurz musste ich an Ruth denken. Ich atmete tief durch. Das war ein Fehler. Ein Hustenanfall schüttelte mich.

Vor der Kirche St. Petrus Canisius ließ mich die Eule aussteigen. Ich bedankte mich mehrfach, doch sie brummte nur etwas Unverständliches und fuhr mit quietschenden Reifen von dannen.

Wahrscheinlich wäre es klug gewesen, in diesem Moment nach Hause zu gehen. Es sprach auch tatsächlich einiges dafür: die Kälte, meine aufgerissenen Füße, mein Outfit im Allgemeinen. Aber Klugheit hatte noch nie zu meinen größten Stärken gezählt. Also entschied ich mich dafür, zunächst nachzusehen, ob die beiden ihre Drohung wahr gemacht hatten.

Um nicht zum Gespött des ganzen Dorfes zu werden, hielt ich mich im Schatten der Bäume und huschte geschwind wie ein Reh von einer Deckung zur nächsten. Mehrere Kaninchen stoben verwirrt beiseite. Ohne paranoid wirken zu wollen, hatte ich doch das Gefühl, dass sie mich dabei missbilligend begafften. Zumindest waren sie aufgebracht.

Ich unterdrückte ein aufkeimendes Schuldgefühl. Bisweilen war ich einfach zu empfindsam. Womöglich war das die Ursache meiner Probleme.

Das Haus meiner Eltern lag im Dunkeln. Nicht einmal die Verandabeleuchtung brannte. Ich schlich zum hinteren Gartentürchen. Es war verschlossen, also setzte ich mit einem Sprung darüber. Vielmehr versuchte ich es, blieb aber mit meinem rechten Fuß hängen und geriet ins Straucheln. Flink rappelte ich mich wieder auf und strich den Schlamm von meiner Seppelhose. Nicht mein Tag.

Die Hecke schützte mich vor den neugierigen Blicken ungebetener Beobachter. Gänsehaut überzog meinen ganzen Körper. Mein großer Zeh pochte, als ich die Holztreppe zur Veranda hinaufstieg. Mein Atem ließ die Scheibe der Verandatür beschlagen. Ich wischte mir ein Guckloch frei. Doch auch das machte es nicht besser.

Leer.

Kein einziges Möbelstück hatten sie zurückgelassen. Die Wände erstrahlten selbst in der Finsternis in ungewohntem Weiß.

Ich ging durch den Garten zur Vordertür, griff unter den Begonientopf. Weg. Der Ersatzschlüssel hatte sein Zuhause ebenso verlassen wie meine Eltern.

Sie hatten es wirklich getan.

Zögerlich trat ich den Nachhauseweg an. Bei dem Glück, dass mir an diesem Tag beschieden war, überraschte es mich nicht weiter, dass ich der Lehmännin auf ihrem Abendspaziergang begegnete. Just als ich, diesmal behutsamer, über das Gartentürchen kletterte, schlurfte sie mit ihrem Rollator am Grundstück meiner Eltern vorbei. Ich bemühte mich, ihr Kopfschütteln nicht allzu persönlich zu nehmen. Immerhin hatte sie Parkinson und konnte sich manchmal nicht recht kontrollieren.

Sonst begegnete ich niemandem außer den Kaninchen. Diesmal gelang es mir, meine Selbstachtung zu bewahren.

Als ich zu Hause die Tür öffnete, wartete Ruth schon sehnsüchtig auf mich. Aufgeregt stürmte sie herbei, sprang an mir hoch und legte mir ihre Beine auf meine Schultern. Ich spürte ihren warmen Atem in meinem Ohr. Auch hinterließen ihre Krallen Striemen auf meinem nackten Oberkörper. Es war mir egal.

Zärtlich nahm ich sie in die Arme und kraulte das weiche Fell hinter ihren Ohren.

„Ja, mein Mädchen, ist ja gut. Alles ist gut.“

Elyseo da Silva, Köln, 28. November 2012  SONY DSC

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