Dankgebet

Lieber Gott, vielen Dank.

Danke, dass Du dafür sorgst, dass Deine Stellvertreter hier auf Erden Dich so würdig vertreten.
Danke, dass ich bereits als achtjähriger Junge erfahren durfte, wie verdorben und verrottet ich bin und vor allem dafür, dass ich die Möglichkeit geschenkt bekam, all meine Schlechtigkeit schon in so frühem Alter im heiligen Sakrament der Beichte bekennen und durch Einsicht überwinden zu dürfen.
Danke dafür, dass mein Pfarrer meinen Blick für die eigene Schuldhaftigkeit geschärft hat, auch wenn ich mich gar nicht so besonders schuldig fühlte. Das war dumm von mir, entschuldige.
Zum Glück wurde meiner kindlichen Unwissenheit dergestalt ein Ende gesetzt. Durch die eingehende Erforschung meines Gewissens durfte ich gewahren, dass es doch hinlänglich Verbrechen gab, die ich auf meine Beichtliste setzen konnte.
Danke auch für meine besondere Begabung im Religionsunterricht. Nur durch sie ward mir die Ehre zuteil, als einziger in meiner Klasse vom allseits geschätzten Pfarrer D. jenes Büchlein über das asketische Leben der heiligen Anna geschenkt zu bekommen, welches meine Gewissenhaftigkeit bei der weiteren Suche nach der eigenen Schuld lange im positiven Sinne beeinflussen sollte.
Danke auch dafür, Herr, dass mein geliebter Pfarrer D. die Askese als Weg schon so früh hinter sich lassen durfte. Ihm war es vergönnt war, sich hin und wieder mal einen zu genehmigen.
Danke, lieber Gott, dass ich von Dir nicht zum Ministranten erwählt wurde – wie sonst hätte ich die mir von Dir geschenkte Homosexualität so frei und ungezwungen selbst bemerken können?
Danke sei Dir, Heiliger Vater, auch dafür, dass Du mich von der schändlichen Schmach des Onanierens abgehalten hast – wer weiß, welches Ende es mit mir genommen hätte, wäre ich dieser liderlichen Untugend anheim gefallen!
Gedankt, Herr, sei Dir auch dafür, dass Deine Stellvertreter auf Erden dafür sorgen, dass die verkommenen Schwarzen in Afrika Sex nur zu seinem ureigentlichen Zwecke, namentlich der Fortpflanzung, ausüben und nicht etwa durch den Gebrauch von Kondomen einer ungezügelten Lust frönen.
Danke, oh Großer Gott, ebenfalls dafür, dass Du Aids auf uns hernieder gesandt hast, um Deinem Willen nach Keuschheit Ausdruck zu verleihen. Selbstverständlich lebe ich selbst als Homosexueller asexuell, um meiner eigenen Verderbtheit keinen weiteren Vorschub zu leisten.
Ich muss Dir gleichsam dafür danken, dass die von Dir auserkorenen Stellvertreter sich nicht in das politische Weltgeschehen einmischen. Wer weiß, welch fürchterliches Unheil angerichtet worden wäre, hätte der Papst sich damals gegen die Ermordung von zigtausend Juden ausgesprochen?
Unvorstellbar, Herr.
Dank sei Dir dafür, dass Du den Führern Deiner Herde Weisheit, Güte und Einsicht schenkst. Die sind von Nöten, um über derartige Dinge hinwegzublicken und an das wahrhaft wichtige Wohl der gläubigen Christenheit zu denken.
Danke, Vater, dass über viele Jahrhunderte hinweg sich Deine treuen und auserwählten Diener bereit fanden, Deine Gebote und Deinen Willen unter den unwissenden Völkern dieser Erde zu verbreiten und die gänzlich Unbelehrbaren zu Deinem höheren Ruhme von ihren Qualen so gnädig zu erlösen. Spätestens im irdischen Feuer vermochte gewiss so manch Verbohrter das Licht Deiner göttlichen Gnade zu erkennen. Der rechte Weg liegt nur in Dir, oh Herr.
Zum Glück, lieber Gott, hast Du zudem dafür gesorgt, dass die Diener des Heiligen Offiziums mit dem niederträchtigen und volksgefährdenden Aberglauben der Hexen in unseren eigenen Völkern aufgeräumt und sie Deiner höheren Gerechtigkeit anheim gestellt haben. Denn, Herr, Du und ich, wir wissen, der Satan, in jedweder Gestalt, mag überall lauern. Es ist gut, die eigene Rechtgläubigkeit stets zu überprüfen.
Lieber Gott, in der Exegese Deiner Heiligen Schriften und eingedenk Deiner heilbringenden Weisheit haben Deine allerwürdigsten Stellvertreter es schon im Mittelalter erkannt: Dein Wille war es, die Ungläubigen auf den rechten und einzig wahren Pfad zurückzuführen, und so möge er geschehen. Daher ein besonderer Dank für die Kreuzzüge.
Dank sei Dir gleichsam, Herr, für das Bewusstsein der Unergründlichkeit Deiner Wege. Die Anfechtungen aufkeimenden Zweifels an den Werken Deiner heiligen katholischen Kirche können schlechterdings nichts weiter denn eine letztes Aufbäumen des Höllenfürsten sein. Verzweifelt bemüht er sich, meine nichtswürdige Seele hinabzureißen in die ewige Verdammnis.
Danke, dass Du mir die Stärke gibst, dieser Versuchung zu widerstehen. Gerade in diesen Jahren, wo Du uns Deutschen freundlich lächelnd zunickst und uns zu verstehen gibst, dass auch unsereiner wieder zu Deinem Wohle höchsten Ortes auf Erden zu wirken vermag.
Doch nun lieber Gott, soll des Dankes ein Ende sein, wenngleich ich voll des Lobpreises und des Jubels, der Hoffnung und der Zuversicht bin.
Amen.

Elyseo, 18.12.2008

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
Hello. Add your message here.