Castilla y León (Camino de Santiago II)

Schon als ich nach vier Tassen Kaffee und gemeinsamem Frühstück mit Pablo und José Luis am Morgen in Tosantos aufbrach – nicht ohne mir José Luis Telefon­nummer in meinem Pilgerführer notiert zu haben, sollte ich ihn bei Gelegenheit einige Tage als Hospitalero unterstützen wollen – war mir klar, dass es nach drei derart schönen Tagen voller Herzlichkeit und emotionaler Wärme erst mal bergab gehen musste. Ich glaube nicht, dass diese Haltung einem unangebrachten Pessimis­mus geschuldet war, sondern vielmehr dem nüchternen Blick in den Pilgerführer, der verhieß, dass sich in annehmbarer Reichweite keine ähnliche Herberge im Geiste Grañóns befand. Außerdem: wer wüsste das Gefühl echten Glücks noch zu schätzen, wäre jeder Tag auf diesem Camino von gleichbleibender Freude erfüllt?

Ich machte mich also auf und begann diesen Vormittag – es war bereits weit nach neun – mit der Aussicht auf bittere Kälte, grauen Himmel und eine endlose Strecke über die Hochebene der Montes de Oca, ohne ein einziges Dorf, wo ich hätte rasten können. Ehe ich die Berge erreichte, musste ich allerdings erst einmal die acht Kilometer bis Villafranca, Montes de Oca, zurücklegen, die mir wider Erwarten erstaunlich leicht fielen. Die vergangenen Tage hatten meine Seele erfrischt und das wirkte sich auch auf meine körperliche Kondition aus. Ursprünglich wollte ich in Villafranca eine Pause einlegen, doch als ich mich dort noch immer sehr fit fühlte und feststellte, dass die letzte Möglichkeit im Dorf noch einen Kaffee zu trinken, ohne mehrere Hundert Meter zurück zu laufen, ein Vier-Sterne-Hotel gewesen wäre – nicht meine Preisklasse – entschied ich den Weg nach San Juan de Ortega, also die zwölf Kilometer lange Strecke über das Hochplateau der Montes de Oca, ohne vorhe­rige Pause in Angriff zu nehmen.

Ein klassischer Fehler. Nicht, dass ich das nicht vorher hätte wissen können – aber gut.

Nach einem steilen Aufstieg gelangte ich oben an eine Bergquelle, die mit der Aufschrift Kein Trinkwasser versehen war. Ein weiser Kommentator hatte mit Edding Politik der Panikmache – KAUF Wasser! Konsumiere! darunter geschrieben – Grund genug für mich meinen Wassersack erst recht dort aufzufüllen – immerhin wusste ich aus eigener Erfahrung, dass dieses Bergquellwasser, vor dem derzeit überall als nicht trinkbar gewarnt wurde, vor zehn Jahren durchaus trinkbar war und dass das Qualitätsurteil nicht trinkbar nichts weiter bedeutete, als dass dem Wasser nicht Unmengen von Chlor beigesetzt wurden. Insofern: PROST!

Der Marsch über die Hochebene wurde spätestens nach zwei Stunden zur Tortur. Ein beißender Wind fegte über die Bergrücken, die komplette Strecke war eine einzige Matschpiste und ich befand mich unausgesetzt in Habachtstellung, um einem unfreiwilligen Matschvollbad inklusive Rucksack zu entgehen. Neben dem Weg bemerkte ich ungläubig den Schnee vom Vortag und die Wolkenmassen am Himmel boten selbst eingefleischten Optimisten keinerlei Anlass zur Hoffnung.

Die Kälte bedeutete zugleich, dass mir selbst eine nur fünfminütige Pause bis auf Weiteres verwehrt bliebe und die paar hastig im Laufen herunter geschlungenen Cashews, die ich noch in meinem Gepäck gefunden hatte, sich damit abzufinden hatten, dass ihnen bis San Juan nichts oder niemand in meinem rebellierenden Magen Gesellschaft leisten würden.

Was blieb mir anderes übrig – ich machte gelangweilte Miene zum eisigen Spiel und trottete brav weiter. Schließlich half es nichts, sich zu beklagen und bei wem hätte ich mich auch beklagen sollen? Keiner der Mitpilger bot sich für diese Rolle an. Der Weg indes schien kein Ende nehmen zu wollen und irgendwann folgte dem Gefühl des Hungers ein beharrliches Gefühl von Kälte.

Vor die Wahl gestellt, ob ich vor Wut und Frustration in diesem Moment singen oder weinen wollte, entschied ich mich fürs Singen und packte die alten Hippie-Klassiker wie Amazing Grace, Kumbaya oder We shall overcome aus – und natürlich Leonard Cohens Hallelujah – Manus und mein Lied, das ich durch ganz Spanien trug und das am Ende der Reise wohl so ziemlich jeder, der auf dem Weg eine Weile mit mir zu tun hatte, mitsingen konnte. Als ich dann mal wieder bei Let it be angelangt war und gerade die Textzeile And when the night is cloudy, there is still a light that shines on me schmetterte, brach tatsächlich die Sonne durch die Wolkendecke und wärmte zumindest für fünf Minuten meine eingefrorenen Gelenke. Das war einer der Augenblicke, in denen ich mich, nur für den Fall, dass es doch einen Gott geben sollte, vorsorglich bedankte.

Viele der Pilger hatten noch in der Woche zuvor über die Hitze gestöhnt, mir selbst machte die Kälte weitaus mehr zu schaffen, denn sie raubte meinem Körper sehr viel mehr Energie. Noch dazu war ich den Camino im Jahr 2000 im August gelaufen, das heißt, an Hitze beim Pilgern war ich wahrlich gewöhnt und auf Hitze war ich eingestellt – auf Schnee und Frost jedoch keineswegs. Schließlich pilgerte ich ja nicht zum Polarkreis, selbst wenn man das derzeit hätte glauben mögen.

Als ich endlich in San Juan de Ortega ankam – ich vermute, ich war nicht der einzige, der sich zwischenzeitlich gefragt hatte, ob dieses Dorf womöglich einer unerwarteten Entführung durch Außerirdische zum Opfer gefallen war – wollte der Wirt in der einzigen Bar des Ortes mir nicht erlauben, mich an einen der Tische im leeren Speisesaal zu setzen, wenn ich nichts essen wollte. Das Problem dabei war jedoch, dass es ansonsten keine freien Tische in der Kneipe gab und ich wenig Lust verspürte, bei der Eiseskälte den Versuch zu starten, mich im Freien aufzuwärmen. Nach all der Herzlichkeit, die mir in den Tagen zuvor widerfahren war, nahm ich dem Wirt dieses geldgierige Gebaren übel. Das Glück jedoch war mir hold und es erschien mir in Gestalt von Verena, die in diesem Moment die Bar betrat. Sie nämlich wollte etwas essen – ich ja durchaus auch, aber kein Hauptgericht zu einem Preis, der in meinem knappen Budget einfach nicht drin gewesen wäre. Großzügigerweise wurde mir erlaubt, als Begleiter mit an ihrem Tisch Platz zu nehmen.

Verena war ähnlich genervt und erschöpft von der bisherigen Tagesetappe wie ich, dennoch beschlossen wir, gemeinsam noch einige Kilometer weiter bis mach Atapuerca zu laufen – hatte sich San Juan de Ortega doch bereits in den wenigen Minuten unseres Aufenthalts dort als ausgesprochen ungastlich erwiesen.

Trotz unserer Müdigkeit stellten wir beide fest, dass die letzten Kilometer des Tages im Gespräch wie im Fluge vergingen. Selbst als wir letztlich in Atapuerca von einer maulfaulen bis grenzwertig unfreundlichen Frau empfangen und über Nacht in einer unbeheizten Scheune untergebracht wurden, nahmen wir das klaglos hin. Auch Verena hatte wohl nicht erwartet, dass uns noch ein weiterer Ort wie Tosantos bevorstünde. Die gänzlich unausgerüstete Küche der Albergue und mein übermäch­tiger Hunger veranlassten mich schließlich doch noch, in einer Bar zu Abend zu essen, und nicht wie üblich zu kochen.

Als ich die Bar betrat, stieß ich auf Roland, einen 60-jährigen südafrikanischen IT-Unternehmer, den ich in den Tagen zuvor bereits mehrmals auf dem Camino getroffen hatte und dessen Angebot, uns eine Flasche Rotwein zu bestellen, ich natürlich nicht ausschlagen konnte. Nichts Besseres hätte meiner angekratzten Laune an diesem Abend passieren können! Roland, der die Reise allein unternahm und wenige Tage zuvor bereits auf dem Camino seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert hatte, erzählte mir allerlei mitreißende Geschichten – angefangen mit der miss­glückten Hauttransplantation beim Entfernen eines krebsbefallenen Fleckens auf seiner Wange und der kompletten Leidensgeschichte der nachfolgenden Operationen (seine rechte Gesichtshälfte wirkte noch immer entstellt, sein Auge hing herab und tränte beständig), über sein Leben als Unternehmer, das ihm nicht genügend Herausforderungen bot, weswegen er erst kürzlich eine der afrikanischen Klicksprachen erlernt hatte, bis hin zum darauf folgenden mehrwöchigem Aufenthalt in einem Dorf afrikanischer Ureinwohner, mit denen er und sein dreizehnjähriger Sohn Lehmhütte, Essen und Leben geteilt hatten. Das Ganze bebildert durch Fotos auf dem i-phone – dieser Mann verstand es mich zu unterhalten. Nach zwei Flaschen Wein und bei bester Laune wankte ich mehrere Stunden später zurück ins Refugio – es war kurz vor zehn, Pilgersperrstunde. Pilgerschaft bedeutet nämlich gleichzeitig, die Hoheit über die eigenen Schlafenszei­ten abzugeben – sprich: um zehn Uhr werden die Lichter gelöscht, komme, was da wolle (in manchen, extrem progressiven Herbergen erst um halb elf oder gar um elf) und dann wird geschlafen. So ist das.

Nicht ganz so fit wie gewohnt machte ich mich am nächsten Morgen auf den Weg, um die letzte Etappe nach Burgos zurückzulegen. Burgos – das bedeutete mehrerlei: Erstens war Burgos nach Pamplona und Logroño die dritte größere Stadt, die ich auf dem Camino erreichte, zweitens begann nach Burgos die berüchtigte Meseta, die gut 150 Kilometer lange Hochebene Kastiliens, vor deren monotoner Landschaft sich zahlreiche Pilger drückten, indem sie in der Stadt einen Bus oder Zug nach León bestiegen, und drittens wusste ich noch von meiner ersten Pilgerreise, dass es kaum eine Nerven und Fuß schädigendere Wegstrecke gab, als das Durchwandern des beinahe zehn Kilometer langen Industriegebiets, durch das uns der Camino bis an den Stadtrand führen sollte. Bei dieser Aussicht bereute ich den Rotwein des Vorabends beinahe ein wenig – vor allem, da ich das Gefühl hatte, dass ich bereits beim steilen Anstieg direkt nach Atapuerca schneller aus der Puste kam als gewöhnlich. Zum Glück war ich noch immer Nichtraucher! Das machte mir die gesamte Pilgerei doch wesentlich leichter – so kamen zu den zwei Flaschen Wein, deren giftige Hinterlassenschaften ich an diesem Tag auszuschwitzen hatte, zumindest nicht auch noch das Nikotin von zwanzig Zigaretten. Und Teer sollte mich an diesem Tag ohnehin noch genug erwarten (siehe Industriegebiet).

Oben auf dem Berg angekommen, lag ein kleines Hochplateau vor Verena und mir, von dem aus sich uns ein herrlicher Blick über das Tal und auf die noch einige Stunden Fußmarsch entfernte Stadt Burgos bot. Wir hielten einen Augenblick inne, um die Aussicht zu genießen, dann machten wir uns auf den Weg hinab, hinein in die graue Pilgervorhölle des Industriegebiets, die, so wussten wir, auf uns wartete – sollten wir nicht die geheimnisvolle Alternativroute entdecken, die im Pilgerführer beschrieben war.

Beim Abstieg unterhielt ich mich mit Verena und sie erzählte mir von ihrem Leben, sprach über ihre Zeit am Konservatorium in Wien und eine längst vergangene Liebschaft mit ihrem damaligen Geigenlehrer, wobei ihr eine gewisse Wehmut anzumerken war. Kein Wunder, dachte ich bei mir, denn seit dieser verflossenen Liebe waren in ihrem Leben zwanzig Jahre ohne Beziehung vergangen. Wen würde das wohl nicht traurig stimmen?

Ich musste an mein eigenes zehnjähriges Single-Dasein denken und als welch nicht enden wollender Zeitraum mir dies erschienen war. Zugleich durchflutete mich ein warmes Gefühl. Gedanken an Manuel stiegen in mir auf und ich spürte wieder einmal, wie sehr ich ihn vermisste und wie froh ich darüber war, um jemanden zu wissen, der in der Ferne auf mich wartete, nicht im konkreten Sinne – strickend vor dem Fenster sitzend und in die Trübnis starrend – sondern einfach nur zu wissen, dass es diesen Jemand gab.

Begegnungen

Noch bevor das Industriegebiet begann, machte ich einen Wanderpartnertausch – Verena hatte mir von einem Gespräch erzählt, das sie am Vorabend mit einer jungen Frau geführt hatte, die ich selbst nur ganz flüchtig kennen gelernt hatte, hatte ich doch meinen Abend mit dem Südafrikaner Roland im Weinrausch verbracht. Ihr Name war Beatriz. Von dem Moment an, als wir uns einander vorstellten, war sie mir ungemein sympathisch, da sie mich an eine liebe Freundin aus Nürnberg erinnerte. Nun berichtete Verena mir also, dass Beatriz bereits in Guatemala gewesen sei und dass sie in der schottischen Kommune Findhorn lebe – zwei Dinge, die mich hellhörig machten, denn sowohl Findhorn als natürlich auch Guatemala kamen in meinem Roman vor. Als wir Beatriz vor einer Bar trafen, gerade im Aufbruch begriffen, meinte Verena, ich solle doch mit ihr weitergehen – sie selbst käme dann nach. Ich zögerte einen Augenblick, tat dann jedoch, wie mir geheißen.

Beatriz war 31, stammte ursprünglich von den Kanaren, um genau zu sein aus Teneriffa, lebte aber bereits seit vier Jahren in Findhorn. Eigentlich war sie nur für drei Tage nach Schottland geflogen, um sich die Kommune anzusehen, dann aber spontan dort geblieben.

Schon unser erstes Gespräch war außergewöhnlich, denn ich merkte, dass ich mit Beatriz eine Gesprächspartnerin vor mir hatte, die zuhörte und auf seltsam treff­sichere Art nachfragte, um mehr über meine Geschichten, mein Leben, ja, alles, was mich betraf, zu erfahren. Zunächst empfand ich dies als ungewohnt, es brachte mich indes dazu, mich selbst auf eine andere Art zu hinterfragen, als ich das in den Gesprächen zuvor auf dem Camino hatte tun müssen.

Wir wanderten also gemeinsam durch Kälte und Nieselregen in Richtung Burgos – und verpassten, obwohl wir beide danach Ausschau hielten, die wundersame Ab­kürzung, die uns das vermaledeite Industriegebiet erspart hätte. Also hieß es der Asphaltwüste trotzen.

Nichtsdestotrotz kam nach einigen Stunden der Punkt, an dem wir plötzlich den Stadtrand erreicht hatten. Wir konnten es beide kaum fassen – ich selbst, weil ich mich an die Tortur, die diese Strecke vor zehn Jahren für mich war, nur allzu gut erinnern konnte und Bea, weil genug Übles vom Einmarsch nach Burgos erzählt wurde. An diesem Tag aber hatten wir die durchwanderte Ödnis kaum bemerkt – versunken in ein Gespräch, das die Grundlage für so manch weiteres werden sollte.

Zur Belohnung gönnten wir uns in der ersten Bar am Stadtrand ein paar Tapas. Wir hatten Glück: die Auswahl war gigantisch und keiner von uns konnte sich so recht entscheiden, welcher dieser Köstlichkeiten er den Vorzug geben sollte. Hinzu kam, dass wir in Burgos waren und das hieß, eine Tapa kostete nicht wie in Barcelona fünf Euro, sondern gerade mal einen Euro fünfzig. Ein Schlemmerparadies für ausgehungerte Pilger also – eine Vereinigung, zu der man mich stets getrost und ungefragt hinzurechnen durfte.

Die Nacht verbrachten wir in einer luxuriös eingerichteten, neuen kirchlichen Pilgerherberge namens Casa Emaus, die von einem französischen Ehepaar betrieben wurde. Zwar war das Ganze nicht ganz billig – es hieß eigentlich, die Bezahlung erfolge auf Spendenbasis, aber zugleich wurde uns gesagt, jene Spende dürfe einen bestimmten Betrag nicht unterschreiten, ein Konzept, das mich etwas verärgerte – aber dafür tischten uns die Franzosen abends ein mehrgängiges Menü auf, das meinen Magen mit so mancher Widrigkeit zu versöhnen imstande war.

Noch vor dem Abendessen besuchten wir die Pilgermesse in der angrenzenden Kirche und in einer kleinen Andacht nach dem Essen erfuhr ich schließlich auch noch, dass Emmaus wohl der Ort war, an dem zwei Apostel dem auferstandenen Jesus begegneten, ohne ihn zunächst jedoch zu erkennen (der Pfarrer in Carrión de los Condes sollte die beiden später mit dem Ausdruck die Trottel von Emmaus belegen und amüsierte sich dabei priesterlich) bis er abends das Brot mit ihnen brach.

Alles in allem hinterließ der Aufenthalt in der Albergue letztlich wider Erwarten ein wohliges Gefühl – auch wenn die Betreiber bislang die einzigen waren, die mich seit meiner Rückkehr per E-Mail um eine Spende angehauen haben. Fragen sei ihnen gestattet.

Am nächsten Morgen setzten Beatriz und ich unseren Weg gemeinsam fort. Ich hatte bei einigen Pilgern in der Casa Emaus Werbung für ein kleines Refugio inmitten von Nirgendwo gemacht, das ich noch von meiner ersten Pilgerreise in bester Erinnerung hatte: Es handele sich um einen Ort namens San Bol, inmitten der Getreidefelder der Meseta gelegen, fernab jeglicher Zivilisation. Zum nächsten Dorf waren es von der Albergue San Bol aus an die fünf Kilometer zu Fuß.

Das Wetter war noch immer mies – unterdessen waren wir es jedoch gewohnt, all unsere Klamotten ständig am Leib zu tragen und auch der Geruch ungewaschener Pilgerkleidung vermochte uns nicht mehr wirklich zu erschrecken. Wie hätten wir auch waschen sollen, wo sich doch seit Tagen keine Sonne hatte blicken lassen, die unsere frisch gewaschene Wäsche hätte trocknen können? Die Alternative war einfach und zwangsläufig: stinken bis die Sonne schien.

Aber wir saßen da ja alle im gleichen Kot… (Entschuldigung, aber den konnte ich mir einfach nicht verkneifen – mea maxima culpa.)

Der stahlgraue Himmel vermochte Beas und meine gute Laune allerdings nicht zu vertreiben –wir setzten einfach unser Gespräch vom Vortag fort und erzählten uns stundenlang Geschichten aus unserer beider Leben. Um ihre Neugier zu befriedigen, beschrieb ich Bea auch die Handlung meines Romans und sie war begeistert.

Am frühen Nachmittag begann sich die Etappe für uns zu verändern. Wir hatten die Meseta erreicht und Beatriz, die schon am Vortag über Knieschmerzen geklagt hatte, konnte irgendwann kaum noch laufen. Nun gibt es auf dem Camino die altherge­brachte Pilgerweisheit, dass jeder seinem eigenen Rhythmus folgen müsse und so meinte Bea, ich solle weitergehen – ich hatte unser gemeinsames Wandern in den

Stunden, die wir miteinander geteilt hatten, aber schon derart schätzen gelernt, dass ich ihr diese Bitte abschlug und erwiderte, ich ließe sie bestimmt nicht gerade dann allein, wenn es ihr schlecht ginge.

Also schleppten wir uns gemeinsam, Hand in Hand, Beatriz mit der freien Hand auf meinen Pilgerstock gestützt, im Schneckentempo voran. Das sorgte für einen radikalen Perspektivwechsel, denn Langsamkeit bedeutet stets, einen Blickwinkel einzunehmen, der in unserer Gesellschaft gänzlich unüblich ist.

Erst nach mehreren Stunden erreichten wir das nächste Dorf, Hornillos del Camino, mussten dort jedoch feststellen, dass das Refugio bereits voll war. Zwar hätte die Möglichkeit bestanden, in einer Turnhalle auf dem Boden zu schlafen, aber weder Bea noch mir erschien diese Aussicht im Mindesten verlockend, sodass wir uns entschieden, trotz Schmerzen an diesem Tag die dreißig Kilometer voll zu machen und nach San Bol weiter zu laufen.

Auch ich hatte bereits am Morgen leichte Schmerzen im Schienbein verspürt – das langsame Laufen hatte dies keineswegs verbessert, ganz im Gegenteil, als wir in Hornillos aufbrachen, hatte ich abwechselnd Schmerzen im Schienbein und im Sprunggelenk. Nichtsdestotrotz war Hornillos für uns beide ein Ort der uns nur eine Botschaft übermittelte: weiter!

Dort, in Hornillos del Camino, nahm ich zum ersten Mal eine Gabe an Bea wahr, die mir auf vielen späteren Etappen des Caminos, als innerer Leitstern diente. Es handelte sich um eine ganz besondere Art, mit Menschen umzugehen, vor allem auch mit Menschen, deren unfreundliches Verhalten mich hin und wieder beinahe dazu brachte, pampig und aggressiv zu reagieren.

Nicht so jedoch Beatriz. Sie war die Gelassenheit selbst und blieb in ihrer Herzlich­keit den Menschen gegenüber solange konstant, bis noch die übellaunigste Bissgurke ihr mit Freundlichkeit begegnete. Das faszinierte mich und wann immer Beatriz ab diesem Zeitpunkt auf dem Camino nicht bei mir sein sollte, versuchte ich ihrem Vorbild in dieser Hinsicht nachzueifern. Mit Fug und Recht kann ich behaupten, dass Bea es schaffte, Licht auch noch in die düsterste Seele auf dem Camino zu bringen, und so empfand ich es sehr schnell als Geschenk, sie an meiner Seite zu wissen, denn auch in mir brachte sie einen Teil zum Leuchten, dessen Strahlen ich ohne sie womöglich nicht wiedergefunden hätte.

Nachdem wir also in Hornillos ein Bocadillo gegessen hatten, schlichen wir fuß- und knielahm weiter in Richtung San Bol – am Horizont dräuten schwarze Gewitterwol­ken, doch nicht zum ersten Mal musste ich an die Geschichte denken, die Sunta mir bei ihrem Besuch im vergangenen Herbst erzählt hatte: Michael Endes Fabel von der Schildkröte Tranquilla Trampeltreu, deren Lebensmotto lautete Ich werde schon rechtzeitig ankommen. Wie oft ich mir diesen Satz vor Augen geführt habe, wenn ich mal wieder versucht war, anderer Pilger Stress zu meinem eigenen zu machen – und wie vielen Freunden ich diese Geschichte auf dem Camino erzählt habe!

Letztlich erreichten wir San Bol, bevor der Wolkenbruch hernieder ging – und doch hätte ich in diesem Moment in Tränen ausbrechen mögen. Es gab keine Betten mehr für uns – die letzten beiden waren zehn Minuten zuvor vergeben worden.

Da waren sie also nun alle: die Pilger, denen ich am Tag zuvor von diesem Ort erzählt hatte, die meinem Rat gefolgt waren und nun in einem soliden Bett lagen, während wir nicht wussten, ob wir bleiben konnte. Die Hospitalero Judith, eine Ungarin, war gerade nicht da und so beschlossen wir, abzuwarten und darauf zu vertrauen, dass es irgendeine Lösung geben würde. Denn zwei Dinge waren uns beiden klar: weder würden wir akzeptieren, dass man uns irgendwo hin führe, noch sah sich einer von uns dazu imstande weiterzulaufen.

Dennoch hielt die Albergue in San Bol bereits im ersten Moment auch eine freudige Überraschung für mich bereit: ich traf John und Erin wieder – ein kanadisches Pärchen, das ich bereits bei der Pilgermesse am ersten Abend in Roncesvalles gesehen hatte. Ich hatte keine Ahnung, weshalb ich mich so freute, die beiden zu sehen, denn ich hatte bis dato nur mit John beim Wäsche waschen in Pamplona ein paar Worte gewechselt – Freude allerdings blieb Freude und ich nahm sie genau so an wie meine Verzweiflung wenige Augenblicke zuvor. Außerdem hatte ich die beiden sofort wiedererkannt, schließlich war John der einzige Peregrino, der mit einer Gitarre auf dem Rücken nach Santiago wanderte. Ich freute mich also gänzlich ohne Grund einfach riesig.

(Vielleicht doch nicht so ganz ohne Grund. Nur so viel sei verraten: Die Gitarre steht mittlerweile hier in meinem Wohnzimmer.)

Letztlich waren es John und Erin, die es uns ermöglichten, dass wir in San Bol bleiben konnten – die beiden hatten nämlich eine Isomatte mit und während Bea auf einer Massagebank nächtigte, verbrachte ich die eisige Nacht auf einer Isomatte unter der Kuppel im Speisezimmer von San Bol.

Der Abend war wundervoll: Judith bereitete eine riesige Paella für uns alle zu, wir aßen gemeinsam an einem runden Tisch die knoblauchhaltigste Paella meines Lebens und nach dem Essen durfte jeder ein Lied in seiner Landessprache zum Besten geben – wobei mir mal wieder auffiel, wie arm die deutsche Kultur an heute noch allgemein bekanntem Liedgut ist. (Nein, ich betrachte Hoch auf dem gelben Wagen nicht als deutsches Liedgut. Diesen Einwand habe ich mittlerweile zu oft vernommen!) Eine weitere Spätfolge des Dritten Reichs. Zum Glück waren zwei ältere Schwäbinnen dort, die das Singen eines mir unbekannten Liedes übernahmen. Beeindruckend war auch das Lied der Hospitalera Judith. Mit einer weit mächtigeren Stimme als erwartet und einem riesigen Lächeln auf den Lippen trug sie eine traurige ungarische Weise vor, die tief in meinem Inneren eine Saite zum Klingen brachte. Schön.

Nachdem es in dieser Nacht auf Null Grad abkühlte und ich auf Johns Isomatte trotz Schlafsack und Decke bitterlich fror, verwunderte es mich nicht, als ich am nächsten Morgen mit Husten aufwachte – ein Begleiter, der für die folgenden anderthalb Wochen mein treuester Gefährte sein sollte. Zumindest aber bot sich mir so die Gelegenheit, es den Schnarchern in den Herbergen mit ihren eigenen Waffen heimzuzahlen. Seit 5.45 Uhr wird zurückge– so, jetzt aber Schluss mit den Drittes- Reich-Plattitüden!

Ohne zuvor darüber gesprochen zu haben, trennten sich Beas und meine Weg am nächsten Morgen. Ich begann den Camino in Richtung Hontanas und Castrojeriz mit John und Erin, dem kanadischen Pärchen. Bereits am Abend zuvor waren John und ich in eine profunde Diskussion über Glaubensfragen eingestiegen, was vor allem daran lag, dass die beiden in der ersten Pilgermesse in Roncesvalles neben mir saßen/ standen/ knieten, wie das in der katholischen Liturgie eben so üblich ist (meines Erachtens übrigens ein Überbleibsel aus dem Mittelalter, als die Messen noch auf Latein stattfanden und die Notwendigkeit bestand, die Menschen vom Einschlafen abzuhalten – auf und nieder immer wieder). Schon dort hatte ich bemerkt, dass die beiden den katholischen Glauben offenbar sehr ernst nahmen. Für Europäer ihres Alters (die beiden sind 24) wäre das schlichtweg ungewöhnlich, weshalb ich das Bedürfnis verspürte, diese Fragen zu thematisieren. Zudem wollte ich vermeiden, dass eine Mauer zwischen uns entstand, was zweifelsohne geschehen wäre, hätte ich diese für mich unbegreifliche Frömmigkeit nicht angesprochen.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Liebe deine Feinde.

Eigenartig, was die christlichen Kirchen, die katholische natürlich im Besonderen, im Laufe ihrer Geschichte aus dieser großartigen Lehre für verheerenden Schlüsse gezo­gen haben.

Beinahe noch seltsamer erscheint es mir, dass ich aufgrund meines Wissens um die Kirchengeschichte, Menschen, die sich zu einer dieser Kirchen bekennen, zunächst mit Argwohn betrachte. Gehören sie zu den Erdenbürgern, die die Verantwortung für ihr eigenes Leben lieber abgeben und sich fanatisch an unhinterfragte und unhinterfragbare Regeln halten?

Sehr schnell hatte ich im Gespräch mit John bereits am Vorabend gemerkt, dass mir seine Gründe Katholik zu sein gefielen, wenngleich das selbstverständlich nichts an meiner eigenen Einstellung gegenüber der katholischen Kirche änderte. Er jedoch erklärte mir, dass sein Lebenskonzept auf der Idee der Liebe fußte und dass er nirgends so viele Menschen gefunden hatte, die dieses Konzept mit solcher Hingabe verfochten, wie in den Jugendgruppen der katholischen Kirche auf Vancouver Island (seiner Heimatinsel).

Als ich dann das unvermeidliche Thema Homosexualität zur Sprache brachte, erzählte mir Erin, dass sie in ihrer katholischen Jugendgruppe einen schwulen Freund gehabt hatte, der, als ein neuer Pfarrer die Gruppe übernahm, der Homosexualität als Todsünde betrachtete, die Kirche verlassen hatte. Nun hatte Erin in jenem Moment überlegt, ihm aus Solidarität zu folgen, war dann allerdings nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss gekommen, dass es wohl besser sei, in der Gruppe zu bleiben, denn nur so hätte sie weiterhin Gelegenheit, ihre Meinung zu diesem Thema beizusteuern (sie findet Homosexualität völlig okay), wohingegen niemand als Korrektiv in der Gruppe verblieben wäre, um derart bornierte Meinun­gen auszugleichen, wäre sie mit ihm gegangen. Diese Argumentation erschien mir durchaus nachvollziehbar.

Unser Gespräch hatte sich noch eine ganze Weile hingezogen, es war unterdessen dunkel geworden in der Herberge, da San Bol nicht über elektrischen Strom verfügte, der Wein ging ebenfalls zur Neige, als Erin, die sich, während John und ich noch diskutierten, bereits bettfertig gemacht hatte, zu uns trat und mit schnippischem Ton meinte: Also, Jungs, von mir aus können wir alle morgen auf den Schwingen der Liebe weitersegeln, aber ich gehe jetzt ins Bett. Kommst du, John?

Herrlich. Sie hatte es auf den Punkt gebracht und sollte im Laufe vieler weiterer Diskussionen zwischen John und mir oftmals diejenige sein, die uns Welt­philosophen die nötige Erdung verlieh.

Es ergab sich also, dass die beiden Philosophen und Erdenbürgerin Erin am folgen­den Morgen gemeinsam auf den Schwingen der Liebe weiterwandelten und ich Bea erst mal aus den Augen verlor. Die Stunden unserer immerhin 26 Kilometer (oder twenty-six k [sprich: kej]) langen Tagesetappe vergingen wie im Fluge und selbst die lächerliche Anhöhe nach Castrojeriz, die manch einer womöglich als Berg bezeichnet hätte, hatten wir im Nu überwunden. Als stets aufs Neue schockierend erwiesen sich allerdings auch auf dieser Etappe die vielen Gedenksteine, die für verstorbene Pilger am Wegesrand aufgestellt werden. Ich persönlich glaube zwar, dass so viele Peregrinos auf dem Weg sterben, weil es zahlreiche Menschen gibt, die den Camino noch in hohem Alter gehen oder sich bereits schwer krank einen letzten Traum erfüllen wollen – dennoch saß mir der obligatorisch Kloß im Hals, wenn ich vor einem solchen Stein innehielt und die Inschrift las. Wobei: auf dem Camino zu sterben, ist vermutlich nicht die schlechteste Art abzutreten – schlimmer ist es wohl für die Pilger, die diesen Abgang miterleben. So kursierte beispielsweise auch in unserer Gruppe von Pilgern die Geschichte, dass sich ein schottischer Pilger bei einer Rast neben einer jungen Dänin an die Brust gefasst, dann von einem Moment auf den anderen in sich zusammengesackt und in ihren Armen gestorben sei.

Doch genug der Gruselgeschichten.

Als wir am Nachmittag in Itero de la Vega ankamen, fanden wir nach einem wohlverdienten Nickerchen einen winzigen Lebensmittelladen, in dem wir einkauf­ten, um abends gemeinsam zu kochen. War ich seit jeher recht gut im Improvisieren von Gerichten, hatte ich mich in den über zwei Wochen auf dem Camino zum Experten gemausert und so kreierten wir ein buntes Gemüse-Nudel-Gericht, das wir mit Käse überbuken. Dazu gab es noch einen farbenfrohen Salat und John und Erin, die jede einzelne ihrer Mahlzeiten auf dem Camino fotografierten, bekamen ein sehenswertes Foto.

Die Küche allerdings – ach du meine Güte, darüber sollte ich lieber nicht sprechen. Vielleicht nur so viel – ich glaube, ich habe nie zuvor in meinem Leben in einem derart widerlich klebrigen Loch eine Speise zubereitet. Schön zu wissen, dass dies die Küche war, die gleichzeitig dazu diente, Pilger, die sich Mahlzeiten im zugehörigen Restaurant bestellten, zu bekochen. Neben den hohen Preisen ein weiterer Grund für Selbstversorgung!

Okay, jetzt sind wir doch wieder bei Gruselgeschichten gelandet, allerdings der anderen Art.

Die Augustiner-Nonnen von Carrión de los Condes

Ich sollte noch anderthalb weitere Tage mit den Kanadiern durch die frostiggraue Meseta ziehen, geplagt von Husten und Sehnenscheidenentzündung, ehe die beiden sich von mir verabschiedeten, um nach einer sixteen kej-Etappe noch weitere siebzehn Kilometer anzuhängen – ein schier endloses Wegstück durch die Meseta, auf dem sich kein einziges Dorf befand. Mir war klar, so sehr ich die Gesellschaft der beiden in den vergangenen Tagen genossen hatte, meine angeschlagene Gesundheit wäre hiervon überfordert. Also stieg ich im Refugio der Augustiner-Nonnen in Carrión de los Condes ab – eine Entscheidung, die sich trotz des großen und bereits am Nachmittag stark beschnarchten Schlafsaals als sehr glücklich erweisen sollte.

Bei der Auswahl meines Nachtquartiers gab ich unterdessen stets Herbergen den Vorzug, die in irgendeiner Form kirchlich oder spirituell orientiert schienen, fand ich doch dort meist ähnlich gesinnte Menschen, die den Camino eher als Pfad zur Selbsterkenntnis betrachteten denn als rein sportliche Aufgabe. So kam es, dass mich die Augustinerinnen in ihren Fängen hatten, noch bevor ich überhaupt dort angekommen war – in meinem Pilgerführer war nämlich von spirituellem Programm die Rede gewesen: ein Versprechen, dass die bezaubernden Schwestern voll und ganz einlösten.

Um halb sieben begann im Refugio ein freiwilliges Pilgerzusammensein, an dem ich teilnahm, nachdem ich zuvor eine Weile durch die hübsche Kleinstadt Carrión gezogen war und dabei in der Kirche ein beeindruckendes Krippenspiel entdeckt hatte. In Spanien sind Krippenspiele Tradition und der Pfarrer bemerkte später, er habe das hiesige für die Pilger im heiligen Jahr stehen lassen – zurecht, wie ich fand, denn dergleichen hatte ich noch nicht gesehen: eine riesige, detailverliebte Land­schaft, mit unglaublicher Präzision ausgearbeitet, in der so mancher Bäcker ein Brot in den Ofen schob, so mancher Hufschmied einen Pferdehuf beschlug und obendrein natürlich die Heilige Familie das Jesuskind empfing – all das mit sich wandelnder Beleuchtung, gestaltet als kompletter Tagesablauf. Ich war begeistert.

Als ich zurück in die Herberge kam, saß dort eine freiwillige deutsche Hospitalera mit Gitarre in der Hand, verteilte Liederblätter und wir sangen zunächst einmal La Canción de la Alegría, was, wie sich alsbald herausstellte, die spanische Version der Ode an die Freude war. Schnell hatte ich Feuer gefangen und in der kleinen Gruppe sangen wir verschiedene spanische Lieder. Selbst als sich die Gruppe aufzulösen begann, blieb ich mit einigen anderen zurück und wir sangen fröhlich weiter, bis die Pilgermesse begann. Zu meiner allergrößten Freude durfte ich dann auch noch das Liederblatt mitnehmen! (Ich hüte es noch heute wie einen Schatz.)

Nun ist es nicht so, dass diese Pilgermessen auf dem Camino de Santiago Pflichtprogramm gewesen wären – dennoch fand ich mich auf dieser Reise wesentlich öfter in Messen wieder, als dies bei meiner ersten Pilgerreise der Fall gewesen war.

Weshalb das geschah, weiß ich nicht so genau, aber eines war mir klar – ich begann sanfter zu werden, betrachtete die Messen nicht ausschließlich mit Argwohn und Abneigung, sondern bemühte mich um Verständnis und darum, mich für die Bestandteile zu öffnen, die den Gläubigen beim Gottesdienst Gewinn bringen mochten. Es dauerte eine Weile, bis ich für mich herausfand, was das war, und ich vermute, es ist zunächst ein Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit, weiterhin womöglich ein Halt, den einem feste Rituale bieten, und letztlich, und diese Erkenntnis empfand ich persönlich als überraschend, die Möglichkeit, die wiederkehrenden Rituale des Gottesdienstes als Begleitmusik für die eigene Innenschau oder, um einen in unserer modernen Kultur gängigeren Begriff zu verwenden, Meditation zu benutzen. So jedenfalls erging es mir auf dem Camino: ich gebrauchte die Stunde der Messe als Phase der Ruhe und Einkehr – als meinen ganz privaten Moment an diesen menschenreichen Tagen auf dem Weg.

Interessanter Nebeneffekt war, dass ich am Ende des Caminos einen Großteil der spanischen Liturgie mitsprechen konnte. Tomad y comed todos de el

In der Messe in Carrión traf ich überraschen Beatriz wieder – wir hatten uns seit San Bol nicht gesehen – und so konnten wir beide es kaum erwarten, uns zu umarmen und miteinander zu sprechen. Bea war in einer anderen Albergue abgestiegen, da das Refugio der Augustinerinnen bereits voll belegt war, als sie ankam. Nach der Pilgersegnung blieb uns allerdings kaum Zeit, uns auszutauschen, da in meiner Herberge das gemeinsame Abendessen bevorstand und mir, wie immer, der Magen auf halb acht hing. Also fragte ich sie, ob sie vielleicht Lust hätte, dieses siebzehn Kilometer lange Wegstück bis zum nächsten Dorf tags darauf mit mir gemeinsam zurückzulegen – oder ob sie die Einsamkeit der Meseta lieber in vollen Zügen auskosten wolle. Das Strahlen in ihren Augen beantwortete meine Frage noch bevor sie ja sagen konnte. So verabredeten wir uns am folgenden Morgen zum Frühstück in einer kleinen Cafeteria.

Das Abendessen, das die Nonnen, die zum Großteil aus Lateinamerika stammten, uns zubereitet hatten, hätte reichhaltiger nicht sein können und so saßen wir beisammen, schlemmten und tranken Wein, bis eine der Schwestern meinte, wir sollten uns alle im Vorraum versammeln, weil sie uns gerne noch ein paar Worte mit auf unseren weiteren Weg geben wollten. Wir taten, wie uns geheißen, und Schwester María Juana wünschte uns einen Weg voller Licht und Stärke und meinte, dass ihre Mitschwestern im Konvent jedem von uns einen bemalten Papierstern gemacht hätten, den sie uns, zusammen mit einem Segen, auf den Weg mitgeben wollten. Da er aus Papier sei, wiege er schließlich nichts, sodass er unser Gepäck nicht zusätzlich belasten würde.

Dann begann die Segnung: Eine der peruanischen Nonnen fing mit engelsgleicher Stimme zu singen an, während die deutsche Hospitalera sie auf der Gitarre begleitete. Eine zweite Schwester ging herum und verteilte die Sterne und die letzte Schwester trat zu jedem einzelnen hin, zeichnete ihm ein Kreuz auf die Stirn und sprach einige persönliche Segensworte.

Es fällt mir schwer, die Stimmung in diesem Moment zu beschreiben – der ganze Raum vibrierte vor Liebe und Herzlichkeit, ein Gefühl, das sich mehr und mehr verdichtete. Ich spürte, wie heiße Tränen in mir aufstiegen. Im Moment, da die Schwester dann an mich herantrat und mir das Kreuzzeichen auf die Stirn malte, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten – alles in mir drängte nach außen und als ich mich im Raum umsah, erkannte ich, dass ich nicht der einzige war, dem diese Segnung nahe ging. Alle schienen berührt und auf einigen Gesichtern glänzten feuchte Spuren.

Danach hieß es abwaschen und im Anschluss Lichter löschen. In der Küche sah mich eine der peruanischen Schwestern an, ergriff meine Hand und fragte mich, ob alles in Ordnung sei, doch ich brachte nichts weiter zustande als ein klägliches Nicken – jedes Wort hätte den Kloß in meinem Hals erneut zum Zerfließen gebracht.

Ich weiß nicht, was an diesem Ort geschah – allerdings weiß ich, dass er für mich einer der reinsten Orte auf dieser Reise war und dass allein die Erinnerung an die Liebe, die jedem einzelnen von uns dort entgegengebracht wurde, genügte, um mich beim Verfassen dieser Zeilen erneut zum Weinen zu bringen.

Was mehr könnte ich dazu sagen als Danke?

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